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Leser Bollag

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Reb Leser Bollag (rechts), neben ihm Rabbiner Samuel Brom

Reb Leser Bollag (geb. 1894 in Baden AG; gest. 1972 in der Schweiz) war ein frommer Schweizer Jude, dem vom Satmarer Raw der Chowertitel verliehen wurde.

Leben

Leser Bollag wurde 1894 in Baden als ältester Sohn von Jisroel (Isidor) und Berta Bollag-Guggenheim geboren.

Weil damals in der Schweiz noch keine Jeschiwes existierten und das organisierte Tora-Lernen nicht leicht möglich war, wurde Leser Bollag von seinem Vater – nicht zuletzt angespornt und unterstützt von Dr. Ehrmann, der damals Rabbiner in Baden war – in die Satmarer Jeschiwa in Ungarn gebracht, die unter der Führung von Rabbi Jehuda Grünwald stand. Leser gewöhnte sich bald an das chassidische Milieu, liess Bart und Pejes wachsen und stand in aller Frühe zur Awodat Haschem auf. Alle Brüder Lesers wurden auch in auswärtigen Jeschiwot platziert.

Das alltägliche Tauchen in der Mikwe, im Sommer, aber auch im Winter im eiskalten Fluss, war für Leser ein Muss. Einmal besuchte er als 20-jähriger Bachur den Munkatscher Rebben, den "Minchas Elasar". Es war ein tiefer und kalter Winter mit Minustemperaturen. Der Rebbe fragte ihn: "Nu, Leser, bist du heint schoin in der Mikwe gewejn?" Er gab zur Antwort: "Der Rebbe weiss doch, heint ken men sich im Fluss nischt toiweln, denn der Fluss ist mit Eis bedeckt!" Der Rebbe machte mit dem Fuss eine stampfende Bewegung und sagte: "A jinger Mann brecht oif dem Eis und geht unter dem Eis!" Und "as der Rebbe hot geheissen, hot men getin ... !" Seit damals begab er sich tagtäglich bei jedem Wetter in den Fluss. Und nach der Rückkehr in die Schweiz vollzog er das Ritual jeweils in der Limmat.

Als er zwanzig Jahre alt war, wurde ein Schidduch für ihn organisiert, und er heiratete Rachel Lea aus dem Hause Klein in Goidosch, einem kleinen Dorf in der unmittelbaren Nähe von Seredne und Ungwar (heute Ukraine). Sein Schwiegervater Moische Esriel Klein war ein frommer, hochbegabter und hochgelehrter Mann, dessen Qualitäten aber nur im Verborgenen leuchteten, ein "Zaddik nistor". Nach seiner Hochzeit wohnte Leser Bollag noch einige Jahre in Goidosch (die Kinder wurden alle dort geboren), bis die Familie dann nach Baden zog.

Leser Bollag lebte ein wahrhaft frommes Leben. Jeder Tag, ohne Ausnahme, begann um 3.00 Uhr früh. Er sagte Tehillim, lernte Gemore und schrieb seine Chidusche Toire. Über 100 Hefte (alle unveröffentlicht) füllte er mit seinen Chiduschim, sie sind gefüllt mit Gematrie und originellen Chiduschim über Tehilim, Chumisch und Hagodo schel Pessach. Auffallend ist die gestochene Schrift (er hat Sofres gelernt und war in beschränktem Mass als Soifer tätig). Mit seinem scharfen Kopf rechnete er die unzähligen und zum Teil sehr komplizierten "Gematries" ohne Rechenmaschine und Computer aus. Auffallend ist auch, dass er sich nie verschrieben hat, es gibt in den Heften also keine "Flickereien" und Ausbesserungen oder Übermalungen.

Um 5.00 Uhr morgens bestieg Leser Bollag sein Fahrrad, ein uraltes schwarzes Modell, und fuhr zur Limmat. Dort toiwelte er sich jeden Morgen, Sommer wie Winter. Schnee, Eis, Regen und Sturm konnten ihn nicht davon abhalten, und dabei konnte er nicht einmal schwimmen.

Einmal kam es vor, dass eine Frau aus dem Fenster schaute und beobachtete, wie er im Wasser stand, seine Hände gegen den Himmel streckte und schrie: "Rache, Rache!" Die Frau fragte eine jüdische Nachbarin "Was esch au los met dem Herr Bollag, er fochtlet med de Händ ond schwört Rache?" Die Lösung dieses Rätsels war aber einfach: Er streckte seine beiden Arme zum Himmel und bat G'tt: "Rachamim, Rachamim!"

Leser Bollag hielt ständig intime Zwiesprache mit G'tt, das konnte dann beispielsweise so klingen: "Hakodeschborchu besch doch en liebe, tosch üs ned betrüebe, tuesch Geulo Schelemo nömme verschiebe, schoin, schoin ..." Im Weiteren hat Leser Bollag jederzeit, Tag für Tag, intensiv auf Moschiach gehofft. Alle Mizwes hat er mit Hingabe erfüllt, seine Begeisterung für die Mizwes färbte auf die ganze Umgebung ab und spornte andere an, es ihm gleich zu tun.

Am Telefon wurden in der Sefirozeit alle zunächst mit einem besonderen Gesang zur Zählung mitsamt Horachamon frischfröhlich begrüsst, auch Nichtjuden; überhaupt wurden alle Broches jeweils mit lautem Schwung gesagt und Reb Leser musste mehrfach an die Existenz der Nachbarn und das Senken der Lautstärke erinnert werden.

Da es in Baden später keinen täglichen Minjan mehr gab, fuhr er jeden Tag mit der Bahn zweimal nach Zürich und war ein belieber Minjanmann in der Anwand- oder in der Erikastrasse. Sein Haus war für Gäste immer offen, an seinem Schabbestisch hatte er jeweils statt zwei Chales deren zwölf vor sich. Er hatte die Gabe, alle Gäste mit seinen Diwre Toiro zu begeistern. An den Jomim Toiwim bzw. den Zwischenfeiertagen wurde Leser Bollag immer wieder von zahlreichen polnisch-chassidischen Familien aus Zürich besucht. Die Eltern wollten den Kindern das "klassische Muster eines gehämmerten, echten JID vor Augen führen".

Hinweis

Der Artikeltext beruht in weiten Teilen auf einer Würdigung anlässlich Reb Bollags 40. Jahrzeit in der Jüdischen Zeitung, Zürich, 13. Juli 2012, Seite 16-17 (Autor: Ruben Erlanger).


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