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Leon Weliczker Wells

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Leon Weliczker Wells (* 10. März 1925 in Stoyaniv bei Radziechów im Oblast Lwiw, seinerzeit Polen, heute Ukraine) ist ein amerikanischer Ingenieur. Zwischen 1942 und 1944 war er im Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska inhaftiert. In einem Sonderkommando 1005 musste er die Leichen von NS-Opfern verbrennen; durch Flucht überlebte er den Holocaust.

Leben

Weliczkers Vater war Holzhändler in Stoyanow, einem Ort an der Grenze Polens zur Sowjetunion und zog 1936 mit seiner Familie in die Provinzhauptstadt Lemberg. Nach der deutschen Eroberung Polens wurde Galizien im Herbst 1939 aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes von der Sowjetunion besetzt, und der Vater wurde als Kapitalist enteignet. Im Juni 1941 bewarben sich Weliczker und seine Schwester für ein Studium an der Universität Moskau,[1] aber zu Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges wurde Lemberg von den Deutschen besetzt und es begann dort die Judenvernichtung. Weliczkers Familie wurde ghettoisiert und zur Zwangsarbeit gezwungen. Leon wurde im Lemberger Zwangsarbeitslager Janowska-Straße gefangen gehalten und entkam, als er entkräftet und krank war, im Juni 1942 nur knapp einer Erschießungsaktion. Er konnte fliehen und hielt sich bis Dezember 1942 in Stoljanow und Radziechów auf. Danach kehrte er nach Lemberg zurück und arbeitete im nun von Hauptsturmführer Grzymek zum Judenlager umbenannten Ghetto, dessen Bewohnerzahl tagtäglich durch Deportationen dezimiert wurde.

Im Juni 1943 wurde Weliczker als Insasse des Lagers Janowska-Straße dem neu aufgestellten Lemberger Enterdungskommando zugeteilt, das, um die Spuren zu beseitigen, die Opfer von Massenerschießungen wieder ausgraben und verbrennen und deren Knochenreste aussieben und zermahlen sollte. Das Lemberger Enterdungskommando wurde auch in den umliegenden Ortschaften Bibrka, Brzuchowice, Pustomyty (Dornfeld) und Jaworiw und bis in die Gegend von Stanisławów[2] eingesetzt, wobei die Leichen auch mit Lastwagen zu der zentralen Verbrennungsstätte transportiert wurden.[3] Während der Haft gelang es Weliczker ein Tagebuch zu führen, das erhalten blieb. Der Großteil der Häftlinge unternahm am 19. November 1943 einen Ausbruch, wobei das Gros der Flüchtlinge umkam. Weliczker wurde von einem polnischen Bauern in einem Kellerraum unter einem Viehstall vier Monate lang zusammen mit 16 weiteren Juden versteckt gehalten. Weliczkers sechs Geschwister und seine Eltern wurden Opfer des Mordens der Deutschen. Sein Onkel wurde am 16. November 1942 in Stojanow vom Kreishauptmann Joachim Freiherr von der Leyen ermordet.[4] Von den 76 Mitgliedern seiner Großfamilie war er der einzige Überlebende.

Nach der Befreiung Lembergs durch die Rote Armee im April 1944 arbeitete Weliczker im Materialwesen der Ukrainischen Eisenbahnverwaltung in Lemberg und unternahm Beschaffungsfahrten nach Kiew und Moskau. Mit dem sowjetischen Historiker Wladimir Pawlowitsch Beljajew (1909–1990) diskutierte er einen Beitrag zu einer Publikation über das Massaker an den polnischen Universitätsprofessoren im Lemberg,[5] deren Leichen ebenfalls von dem Sonderkommando enterdet und verbrannt worden waren.[6] Wells gibt an, dass die 38 Personen noch identifiziert wurden, bevor ihre Leichen verbrannt wurden, und nennt von diesen einige Namen: Kazimierz Bartel, Tadeusz Ostrowski, Włodzimierz Stożek und Tadeusz Boy-Żeleński.

Da Galizien nun erneut an die sowjetische Ukraine fiel, wurde die polnische Bevölkerung umgesiedelt, und Weliczker zog in das nun von Polen verwaltete Schlesien. Dort begann er ein Ingenieursstudium an der Technischen Hochschule im nunmehr polnischen Gleiwitz. Der polnische Historiker Filip Friedman bekam Weliczkers Aufzeichnungen zu lesen und ließ 1946 den Teil „Todesbrigade. Sonderkommando 1005“ auszugsweise drucken: Brygada śmierci, Łódź 1946.[7] Eine englischsprachige Version erschien 1963.

Angesichts der Nachkriegspogrome in Krakau und Kielce zog Weliczker weiter in ein DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und setzte sein Studium an der wiedereröffneten Technischen Hochschule München fort. In München sorgten im Juni 1947 er und seine Mithäftlinge Max Hoenig und David Manucewitz für die Verhaftung des Hauptscharführers Johann Rauch, der gemäß der Moskauer Deklaration von der amerikanischen Besatzungsmacht zur Strafverfolgung an die Volksrepublik Polen überstellt wurde.[8] Rauchs Familie versuchte Weliczker zu einer günstigen Zeugenaussage beim Prozess in Krakau zu bewegen; Rauch wurde am 24. Juni 1949 zum Tode verurteilt. Weliczker wurde auch bei den Ermittlungen zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher befragt, seine Aussage steht allerdings nicht in den offiziellen Akten. Er war Ende August 1946 Zuschauer einiger Sitzungen des Nürnberger Militärgerichts. Beim Einsatzgruppen-Prozess wurde der Führer des Sonderkommandos 1005 Paul Blobel verurteilt und 1951 hingerichtet.

Weliczker promovierte 1949 in Ingenieurwissenschaften in München und wanderte danach in die Vereinigten Staaten aus. An der New York University war er bis 1953 Assistent und arbeitete seither als Ingenieur in der Privatwirtschaft.[9] Er nahm nun den Namen Leon Weliczker Wells an.

Am 1. und 2. Mai 1961 wurde er beim Eichmann-Prozess in Jerusalem als Zeuge vernommen. Zu dem Zeitpunkt war er verheiratet und hatte zwei Kinder.

Schriften

  • Leon Weliczker: Brygada śmierci, Łódź 1946.
  • Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, Übers. aus d. Engl. von H. Th. Asbeck. München : C. Hanser 1963.
  • Leon Weliczker Wells: Der Register der Gemeinden : Enzyklopädie der jüdischen Gemeinden in Polen, Zweiter Band, Ost-Galizien.
  • Leon Weliczker Wells: Und sie machten Politik : die amerikanischen Zionisten und der Holocaust, München : Knesebeck & Schuler, 1989.
  • Leon Weliczker Wells: The Janowska road, New York : Holocaust Libr., 1999 ISBN 0-89604-159-X.
  • Leon Weliczker Wells: Shattered faith : a Holocaust legacy, Lexington, Ky. : University Press of Kentucky, 1995.
  • Leon W. Wells: Hophni : sein Leben und seine Abenteuer, bis er in Pimlico zu Hause war (mit: Traut Felgentreff; Frieda Wiegand ), Ebenhausen bei München: Langewiesche-Brandt 1967.
  • Leon Weliczker: Mathematische Vorschule für Ingenieure und Naturforscher : eine Anleitung zum selbständigen mathematischen Denken und zur Handhabung der mathematischen Lösungsmethoden, München : R. Oldenbourg, 1950.
  • Leon Weliczker: Der Querstoss auf einen frei aufliegenden Balken, München, Techn. H., Diss. v. 13. Aug. 1949 (Nicht f. d. Austausch).

Literatur

  • Jens Hoffmann: „Das kann man nicht erzählen“. „Aktion 1005“ - wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten. KVV Konkret, Hamburg 2008, ISBN 978-3-930786-53-4 (Konkret - Texte 46/47 Ermittlung).
  • Eintrag bei American men & women of science / A biographical directory of today's leaders in physical, biological and related sciences, Detroit, Mich. : Gale , 1989.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 31.
  2. Eichmann-Prozess Sitzung 23/4 im Nizkor Project
  3. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 216.
  4. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 128f.
  5. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 284.
  6. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 216.
  7. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 311.
  8. Leon W. Wells: Ein Sohn Hiobs, München : C. Hanser 1963, S. 325ff.
  9. Eichmann-Prozess Sitzung 22/2 im Nizkor Project
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Leon Weliczker Wells aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.