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Elieser Gordon

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Elieser Gordon

Elieser Gordon (auch Laizer Telzer, Raw Lazer und ähnliche Namensformen; geb. 1841 im Dorf Chernian nahe Wilna; gest. 1910 auf einer Reise in London) war Rabbiner und vor allem langjähriger Rosch Jeschiwa der Telscher Jeschiwa in Litauen, die unter seiner Leitung florierte und zur grössten und bedeutendsten Jeschiwa des Landes anwuchs.

Leben

Jugend

Elieser Gordon wurde nahe Wilna geboren. Sein Vater Avrohom Schmuel Gordon war ein Schüler von Chaim Volozhin und verdiente seinen Lebensunterhalt mit einer Weinkellerei, da er nichts durch die Torah verdienen wollte, obwohl er ein grosser Talmid Chacham war und jeweils die ganze Nacht wachblieb, um Torah zu lernen.

Auf dem Weg zu Eliesers Brit soll ein Wunder geschehen sein. Da es in Chernian keinen Mohel gab, sollte der Brit im nächstgrösseren Dorf Sevire stattfinden. Am Abend vorher reiste die Familie auf einem Schlitten dorthin und unterwegs fiel das Neugeborene aus dem Schlitten, was man erst bei der Ankunft in Sevire bemerkt haben will. Als die Eltern besorgt zurückkehrten, fanden sie das Baby, sicher und gesund, behütet von einem Wolf!

Als junger Mann studierte Elieser Gordon in der Zaretza-Jeschiwa in Wilna. Von dort wechselte er zur Jeschiwa Israel Salanters in Kowno, wo über 150 junge Männer studierten und sich unter den herausragendsten Schülern jener Zeit u. a. Yitzchak Blazer, Simcha Zissel Ziv, Naftali Amsterdam, Jerucham Perlman und Jacob Joseph befanden.

Raw Salanter realisierte schnell Elieser Gordons Potential und ernannte den Fünfzehnjährigen trotz seiner jungen Jahre zum Maggid Schiur.

Kowno und Kelm

Später wurde er für nur wenige Monate zum Rabbiner von Kowno ernannt, ab 1874 dann zum Oberrabbiner von Kelm, wo er neun Jahre blieb und eine Jeschiwa gründete. In seiner Zeit in Kowno noch hatte Elieser Gordon die Tochter von Raw Awraham Jizchak Nevietzky geheiratet, des Dajan in Kowno, der das Paar trotz grosser Geldknappheit finanziell lange unterstützte, so dass sein Schwiegersohn, auf den er grosse Stücke hielt, ungestört weiterlernen konnte. Unter Raw Eliesers angesehenen Talmidim in Kelm war Raw Josef Jehuda Leib Bloch, der später sein Schwiegersohn und Nachfolger in Telsche wurde. Während seiner Zeit in Kelm erneuerte Raw Lazer sein nahes Verhältnis mit seinem lebenslangen Freund Raw Simcha Zissel Ziv, dem Alten von Kelm. Jeden Schabbat nach Schacharit besuchte Raw Simcha Zissel Raw Lazer und sie sprachen einige Stunden über das Lernen zusammen. Während er in Kelm wohnte, starb Raw Lazers erste Frau in sehr jungem Alter. Danach heiratete er die Tochter seines Schwagers, des Philanthropen Reb Baruch Brody, der für seine Unterstützung der Jeschiwot in Litauen bekannt war. Als nächste Station übernahm Elieser Gordon, allerdings nur für kurze Zeit, die Leitung der Slabodka-Jeschiwa.

Telsch

1884 (nach anderen Quellen 1885) ging er schliesslich nach Telsch, um dort als Rabbiner zu amtieren. 1875 hatten an jenem Ort die Rabbiner Meir Atlas, Zvi Yaakov Oppenheim und Shlomo Zalman Abel die Telsche Jeschiwa gegründet (zunächst als kleinen Kibbuz/Studiengruppe, unter Raw Lazers Leitung wurde sie zu einer der grössten und berühmtesten Jeschiwot der Welt mit annähernd 400 Schülern). Als Rabbiner der Stadt war Elieser Gordon zugleich der oberste Leiter der noch jungen Institution, der er wesentliche neue Impulse und Richtlinien gab, die mittlerweile zu Standards vergleichbarer Organisationen geworden sind – z. B. die Aufteilung der gesamten Studentenschaft in Klassen nach Altersjahrgängen und den jeweils verschiedenen intellektuellen Anforderungen. Elieser Gordon installierte eine andere Art der Annäherung an den Lernstoff, indem er logisches Denken und das Verständnis des Talmuds in den Mittelpunkt rückte. Während andere Jeschiwot sich auf das Studium der Acharonim konzentrierten, förderte er den Rückgriff auf die Rischonim (Ramban, Rashba, Ritva und andere). Als Salanter-Schüler förderte Elieser Gordon in der Jeschiwa auch das Mussar-Studium, wenn auch nicht verpflichtend für alle. Weiterhin ernannte er spezielle Lehrer für die ethischen Fächer. Der erste Maschgiach ruchani war Rabbi Ben Zion Kranitz, ein Schüler von Rabbi Simcha Zissel Ziv von Kelm. Kranitz hatte einen milden Charakter und übte keinerlei Druck aus – im Gegensatz zu seinem Nachfolger als Maschgiach ruchani, dem 1897 ernannten, ungestümen Leib Chasman, der ein sehr striktes Mussar-Regime installierte, das den Widerspruch einer grossen Zahl von Studenten hervorrief, der so stark wurde, dass Leib Chasman letzten Endes die Jeschiwa verliess. Zuvor war es zu Stipendienkürzungen gegenüber der Anti-Mussar-Gruppe seitens der Jeschiwa-Leitung gekommen, so dass die Studenten zwar gut lernten, aber Hunger litten. Als Raw Lazer davon erfuhr, war er schockiert und gab trotz seines Schmerzes eine grössere Geldsumme, um den Hunger unter den Anti-Mussar-Studenten zu beenden. Andere Mussar-Persönlichkeiten, die als Maschgichim in der Jeschiwa tätig waren, waren u. a. Raw Jakow Katz, Raw Nesanel Josef Graz und Raw Schmuel Foundiler. Obwohl die Kritik an der Mussar-Methode auch viele Jahre nach Raw Gordons Tod nicht verstummte, wurde das Mussar-Studium schliesslich als wesentlicher Bestandteil in litauischen Jeschiwot akzeptiert.

Rabbi Gordon sah es ebenso als erfolgsentscheidend an, den Versuch zu unternehmen, die besten Lehrer an die Jeschiwa zu verpflichten, die man haben konnte. Unter Gordons Leitung engagierte die Jeschiwa u. a. die Rabbanim Shimon Shkop, Yosef Leib Bloch und Chaim Rabinowitz. Erfolglos versuchte Gordon, Rabbi Yitzchok Yaakov Rabinowitz ("Reb Itzele Ponovezher") für die Jeschiwa zu gewinnen; auch Baruch Ber Leibowitz konnte nicht gewonnen werden. Rabbi Gordon selbst erteilte Schiurim auf dem höchsten Niveau (nach der damaligen Einteilung den Schiur auf Stufe fünf). Sein Schiur glich einem Schlachtfeld. Es begann damit, dass Raw Lazer eine Sewarah sagte. Ein Schüler stellte eine Frage, ein zweiter schlug eine Antwort vor, während ein dritter leidenschaftlich dagegen argumentierte. Raw Lazer diskutierte mit, brachte brillante Chidduschim zur Stelle, um die scheinbaren Schwierigkeiten im Schiur zu beantworten. Manchmal stieg er mitten im Schiur von seinem Podium herunter und mischte sich unter seine Schüler. Es wird erzählt, dass einmal die Schüler beschlossen, Raw Lazer nicht herauszufordern in der Mitte seines Schiur, sondern dem ganzen zuzuhören. Raw Lazer war sichtlich aufgeregt über diesen Mangel an Leidenschaft und beendete den Schiur abrupt, indem er verkündete: "Ich bin es nicht gewohnt, einen Schiur im Bet Hakwarot zu geben".

Wenn er vor einer schwierigen Frage stand, war Raw Lazer betrübt, und er konnte weder essen noch schlafen, bevor er sie gelöst hatte. Sobald er aber endlich eine Schwierigkeit gelöst hatte, strahlte er vor Vergnügen. Ein Schüler aus jenen Tagen erzählte: "Wir hingen an unserem Rebbi mit Herz und Seele. Wir liebten ihn, seine Worte und Pilpulim. Es wurde als grosse Tragödie angesehen, auch nur einen einzigen Schiur zu verpassen.

Für seine Jeschiwa tat Raw Lazer alles. Seine eifrigsten Schüler betrachtete und behandelte er jeweils einzeln als seinen "einzigen Sohn". Wenn das Geld knapp wurde, zählten andere Rücksichten für ihn nicht mehr. Einmal hatte er von seinem Schwiegervater in einer solchen Situation eine Summe Geldes für die Mitgift seiner sechs Töchter erhalten. Er nahm dieses Geld ohne zu zögern und verwendete es für die Bachurim, obwohl es in jenen Tagen unmöglich war, dass Mädchen ohne Mitgift heirateten. In Raw Lazers eigenem Haus war die Armut gross. Als Raw Baruch Ber daran dachte, eine Stelle in Telsche anzunehmen, kam er auf Schabbat zu Raw Lazer und war schockiert über die Umstände, in denen Raw Lazer und seine Familie wohnten. Er war noch mehr schockiert, als Raw Lazers junge Tochter (die später Raw Zalman Sorotzkin von Slutzk heiratete) ihm sagte: "Rebbe, Ihr solltet öfter kommen, damit wir gutes Essen geniessen können, das wir besonders zu Euren Ehren vorbereitet haben."

Anti-Haskala-Aktivitäten

Raw Lazer glaubte fest daran, dass es notwendig war, eine zentrale Organisation zu gründen, die möglichst viele führende Rabbanim und Gedolim einschloss, um die Haskala zu bekämpfen, die als schädlich, insbesondere für die Jugend, angesehen wurde. Er gründete Knesset Jisrael, aus der später Agudat Jisrael wurde. Im Jahr 1909 nahm er an der historischen Konferenz in Bad Homburg teil, einem Kurbad in der Nähe von Frankfurt. An dieser ersten Sitzung wurde die Idee besprochen, alle Sektoren der Orthodoxie international zu vereinigen. Unter den Anwesenden waren Raw Chaim Brisker, Raw Chaim Ozer Grodzensky, der Gerrer Rebbe, der Rebbe von Lubawitsch, Raw Schlomo Breuer, und der Vorsitzende war Raw Isaac Halevy. Die Maskilim erkannten Raw Gordon als gefährlichen Gegner und taten alles, um ihm sein Leben schwer zu machen. Häufig verrieten sie ihn den Behörden. Da die Jeschiwa illegal war wie alle Jeschiwot in Russland, die sich nicht an das durch die Behörden vorgegebene Programm hielten, musste Raw Gordon ständig auf der Hut sein, von den Behörden nicht beim Gesetzesbruch erwischt zu werden.

Feuersbrunst, Auslandsreise, Tod und Beerdigung

Im Jahr 1908 hatte eine Feuersbrunst einen Grossteil der Telscher Häuser einschliesslich der Jeschiwa zerstört. 1910 unternahm Raw Gordon, beinahe 70 Jahre alt, gemeinsam mit seiner Frau und seinem jüngeren Freund, Rabbi Aharon Walkin (dem "Teshuvos Zekan Aharon von Pinsk"), eine Reise nach Berlin und London, um Gelder für den Wiederaufbau zu sammeln. Es war Winter, Gordons Ärzte hatten ihn gewarnt, das Wetter in England könne seine Gesundheit schwer beschädigen, insbesondere nach einem Herzinfarkt, den er einige Jahre zuvor erlitten hatte – aber er liess sich davon nicht abschrecken. In London erlitt Raw Gordon einen weiteren, diesmal tödlichen Herzinfarkt. Dieser erfolgte in der Nacht, nachdem er tagsüber eine bewegende Rede in London gehalten hatte, um die Leute zu veranlassen, der Jeschiwa zu helfen. Umso enttäuschter war er, als er spürte, wie gleichgültig die dortige Zuhörerschaft reagierte. Während er versucht hatte, die Ernsthaftigkeit der Situation zu beschreiben, war er von seinen Gefühlen und vom Kummer überwältigt worden.

Der plötzliche Tod dieses grossen Gaon schockierte die Torah-Welt und besonders die Jehudim in London. Die Beerdigung geriet zu einer der grössten, die London bis dahin gesehen hatte: 50 000 Menschen wohnten ihr bei. Führende europäische Rabbiner hielten Traueransprachen, darunter in jiddischer Sprache Shmuel Yitzchok Hillman aus Glasgow, Moshe Mordechai Epstein von Slabodka, Yaakov Dovid Wilovsky (der "Ridvaz" von Slutzk), Eliyahu David Rabinowitz-Teomim (der "Aderet"), sowie in Englisch von Dajan Moses Hyamson (vom Londoner Bet Din) und von Moses Gaster, dem Chacham der spanisch-portugiesischen Gemeinschaft. Rabbi Gordon wurde auf dem Friedhof der Edmonton Federation begraben. Sein Grabstein steht heute noch. Jedes Jahr kommen Tausende von Jehudim, um an seinem Kewer zu beten, besonders an seiner Jahrzeit, dem vierten Adar.

Zitat

"Wenn es zum Lernen mit meinen Schülern kommt, bin ich wie ein von Wein Betrunkener", Raw Lazer Gordon

Hinweis

Der Artikeltext beruht in Teilen auf einem Nachruf in der Jüdischen Zeitung, Zürich, Ausgabe vom 8. Februar 2013, Seite 15-17 (Autor: Rabbi G. Hellman).

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