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Labyrinth

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Labyrinth (Begriffsklärung) aufgeführt.
Fingerlabyrinth an der Pfarrkirche von Beyenburg

Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht. Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung und Maislabyrinth, als Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Auch in gedruckter Form existieren Abbildungen labyrinthischer Muster. Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als unüberschaubar oder schwierig zu kennzeichnen.

Wortherkunft

Die Herkunft des Wortes Labyrinth (griechisch: λαβύρινθος labyrinthos) ist ungeklärt. Nach einer Theorie ist es ein Lehnwort aus der Sprache der Minoer auf Kreta. MacGillivray will es auf den Pränomen Labaris des ägyptischen Pharaos Amenemhet III. zurückführen[1].

Arten von Labyrinthen

Kretisches („klassisches“) Labyrinth
Römisches Labyrinth
Christliches Labyrinth

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. An Hand der Linienführung (des Wegemusters) lassen sich zwei Arten unterscheiden:

  • Labyrinth im ursprünglichen Sinn: Ein verschlungener, kreuzungsfreier Weg, dessen Linienführung unter regelmäßigem Richtungswechsel zwangsläufig zum Ziel, dem Mittelpunkt gelangt.
  • Labyrinth im weiteren Sinn: Ein System mit Kreuzungen, das Sackgassen oder geschlossene Schleifen enthalten kann, wird auch Irrgarten genannt. Dort ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.

Das Gebäude, das Daidalos' für den kretischen König Minos in Knossos als Gefängnis für den Minotauros errichtete, besaß ein verzweigtes Gangsystem, wie der zur Orientierung verwendete Ariadnefaden nahelegt. Archäologisch ist ein solches Labyrinth nicht nachgewiesen. Ornamentale Darstellungen von Labyrinthen wurden möglicherweise lediglich im kretischen Stierkult verwendet.

Labyrinthische Muster mit Verzweigungen sind in Europa vereinzelt ab dem 15. Jahrhundert belegt. Echte Irrgärten entstehen im 16. Jahrhundert. Die ersten mit hohen Hecken ausgestatteten Anlagen, in denen man sich verirrren konnte, kommen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf (Verona, um 1570). Von diesem Zeitpunkt ab nimmt die Entwicklung der Labyrinthe im weiteren Sinn (der „echten“ Irrgärten) eine eigenständige Entwicklung, die bis heute zu immer komplizierteren Mustern und Wegenetzen geführt hat.

Aus dem kretischen Muster kann durch vierfache Wiederholung das römische, durch Ineinanderfügen zweier verkleinerter römischer das christliche Muster entwickelt werden. Dass sich die Muster wirklich auf diese Weise gebildet haben, ist nicht belegbar. Überlegungen, durch Aufschneiden einer Spirale oder konzentrischer Kreise und Verbinden der dabei entstehenden offenen Wegestücke sei die Grundform der labyrinthischen Figur entstanden, sind Spekulationen des späten 19. Jahrhunderts und entbehren jeder Grundlage.

Aus diesen Grundformen entwickelten sich differenziertere Muster. Die Gangsysteme des römischen Labyrinths wurden in dreierlei Weise abgewandelt: so kamen Muster mit Serpentinen, Spiralen und einfachen oder komplexen Mäandern zustande.

Geschichte

Vorgeschichte

Die Datierung von Labyrinthen in Felsritzungen ist strittig. Ein Labyrinth ist in die Wand des Felsengrabes von Luzzanas auf Sardinien, lokal "Tomba del Labirinto" genannt, eingeritzt.

Altertum

Kretisches Labyrinth auf der Tafel von Pylos, Rückseite, 7 × 5,7 cm, gebrannter Lehm, Archäologisches Museum Athen
Römisches Mosaik: Darstellung eines Labyrinths mit dem Minotaurus im portugiesischen Conímbriga
Kretische Silbermünze mit dem „klassischen“ Muster, 400 v. Chr.

Griechenland und Kreta

Eine Tontafel mit einem Text in Linear-B-Schrift trägt auf der Rückseite ein Labyrinth. Diese älteste sicher datierbare Abbildung stammt aus dem Palast des Nestor im griechischen Pylos und entstand um 1200 v. Chr.

Die Ruinen des Palastes von Knossos werden häufig als „Labyrinth von Knossos“ bezeichnet. Eine Struktur, die Ähnlichkeit mit einem labyrinthischen Muster aufweist, wurde dort bis heute nicht aufgefunden. Eine Tontafel mit (mykenischer Linear-B-Schrift) aus der Zeit um 1200 v. Chr. aus Knossos beschreibt Opfergaben und meint möglicherweise ein Labyrinth oder den Palast als Ganzes. Die Bezeichnung da-pu-ri-to-jo, was soviel wie „Struktur in Stein“ bedeutet, ist vielleicht die Benennung der labyrinthischen Architektur.

Labyrinthe mit sieben Umgängen waren von 431 bis 67 v. Chr. auf kretischen Münzen abgebildet. Es handelt sich sowohl um runde als auch viereckige Labyrinthe, die in figürlich einer Swastika, einem Rutenbündel, oder Mäander ähneln. Gelegentlich ist der Schriftzug Knossos hinzugefügt.

Ägypten

Strabon berichtet über den im Fayyum-Becken gelegenen Totentempel bei der Pyramide des Amenemhet III. (1844–1797 v. Chr.) in Hawara, den er als Labyrinth bezeichnet. In hieroglyphischer Schreibweise hieß er l-p-r-n-t, was als lo-pe-ro-hunt („Palast am See“) vokalisiert wird.

Etrusker und Römer

Ein Zusammenhang mit Troja wird das erste Mal durch die aus einem etruskischen Grab stammende Oinochoë von Tragliatella (660–620 v. Chr.) in Form eines kretischen Labyrinths und eines Schriftzugs hergestellt. An einer Säule des Peristyls im Haus des Marcus Lucretius' (Via Stabiniana) in Pompeji befindet sich eine einfache Zeichnung zusammen mit der Inschrift Labyrinthus hic habitat Minotaurus („Labyrinth, hier wohnt der Minotauros“), der aus der Zeit der Katastrophe (79 n. Chr.) stammen dürfte.

Labyrinte sind auch auf römischen Fußbodenmosaiken abgebildet. Etwa sechzig dieser Labyrinthe sind erhalten. Sie finden sich im gesamten Römischen Reich. Die Ornamente sind zu klein, um begangen zu werden. Sie entstanden zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. Einige zeigen Minotauros oder der Kampf des Theseus' mit dem Ungeheuer im Zentrum (Minotauromachie). Gut erhalten ist das Labyrinth in der Villa des Theseus in Nea Paphos (Cypern). Andere Labyrinthe der römischen Zeit sind mit Mauer- und Stadttor-Abbildungen umgeben. Das Mosaik von Loig bei Salzburg (275–300 n. Chr.) hat dreizehn Umgänge und im Zentrum eine Minotauromachie.

Das früheste bekannte Labyrinth in einer christlichen Kirche befindet sich in Reparatus in El Asnam (Wilaya de Chlef, Algerien), ein Spiralmuster mit elf Umgängen. Die Darstellung stammt von 324 n. Chr. In der Mitte des labyrinthischen Quadrats befindet sich ein Anagramm mit dem Schriftzug Sancta Ecclesia.

Mittelalter

Kathedrale von Amiens, Fußboden-Labyrinth, ca. 12 × 5 m, 1894–97 nach dem zerstörten Vorbild von 1288 wiederhergestellt
Labyrinth der Kathedrale von Chartres
Zeichnung von Villard de Honnecourt
Kathedrale von Lucca, Fingerlabyrinth, Durchmesser 50 cm, 13. Jahrhundert

In vielen mittelalterlichen Kathedralen gibt es Fußbodenlabyrinthe. Sie dienten wohl zu Bußübungen, bei denen der Penitent auf Knieen dem Muster folgte und an bestimmten Stationen Gebete sprach[2]. Beispiele finden sich in der Basilika Saint-Quentin (Nordfrankreich, achteckig), in der Kathedrale von Amiens (Frankreich) und im Dom von Siena (Italien). Es handelt sich um die Form des christlichen Labyrinths, das nach dem Muster in der Kathedrale von Chartres als „Chartres-Typ“ bezeichnet wird. Dieses wohl bekannteste Fußbodenlabyrinth geht auf eine Zeichnung von Villard de Honnecourt zurück (1200/1210). Es hat einen Durchmesser von 12,8 m und elf Umgänge. Es ist in blauem und weißem Stein ausgeführt, ein Kranz von 112 regelmäßig angeordneten Zacken bildet die Außenkante. Das runde Zentrum entspricht mit einem Durchmesser von 3,1 Meter dem inneren Teil des Fensters in der Hauptfassade.

Rasenlabyrinth in der Burgruine Reichenfels

Das Labyrinth in der Kathedrale von Bayeux besteht aus roten und schwarzen Ziegel, hat zehn Umgänge, Durchmesser 3,75 m, um 1200). Das Layrith in der Kathedrale von Reims (quadratisch mit Eckbastionen, elf Umgänge) aus dem frühen 13. Jahrhundert wurde 1779 zerstört.

Ein rundes Fingerlabyrinth ist in die Wand am Westeingang der Kathedrale von Lucca (Norditalien) senkrecht eingemeißelt; so kann es mit dem Finger nachgefahren werden. Eine Sandsteinplatte mit Labyrinth stammt aus der Klosterkirche San Pietro de Conflentu in Pontremoli (bei La Spezia, Italien).

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In skandinavischen Kirchen in Dänemark und dem Süden von Schweden, Norwegen und Finnland finden sich lediglich einfache Kalkmalereien. Sie stellen fast ausschließlich den kretischen Typ dar. Die kleinflächigen Wandmalereien, waren meist einfarbig auf weißem Grund ausgeführt. Sie waren unter Wandanstrichen verborgen und wurden bei Restaurierungsarbeiten Ende des 20. Jahrhunderts entdeckt und freigelegt. In Dänemark befinden sich unter anderem in der alten Kirche von Skive (Jütland, kretisch, rot, 15 Umgänge, 125 cm), in den Kirchen von Hesselager (Fünen, kretisch, rot, 11 Umgänge, 0,4 m, von 1481) und von Roerslev (Fünen, kretisch, rot und dunkelgrau, 15 Umgänge, 125 × 110 cm, 15. Jh.), von Gevninge (Seeland, kretisch, rotbraun, 11 Umgänge, 0,5 m, 14. Jh.) Labyrinthe. In Schweden können die Kirchen von Grinstad (Dalsland, rot, christlicher Typ mit Zeichenfehlern, 11 Umgänge, 100 cm, zur Hälfte erhalten) und von Hablingbo (Gotland, kretisch, 18 Umgänge, 100 cm) angeführt werden; in Norwegen die Kirche von Seljord (Telemark, kretisch mit Abwandlungen, rotbraun, 11 Umgänge, 0,8 m, möglicherweise 12. Jh.).

Neuzeit

Bartolomeo Veneto, Bildnis eines jungen Mannes, um 1510, Öl auf Holz
Kretisches Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt-Bornheim

Im nur in unvollständigen Abschriften erhaltenen Architekturtraktat des Antonio Averlino (genannt Filarete) aus dem 15. Jahrhundert finden sich drei Zeichnungen von Labyrinthen, die offenbar als Entwürfe für Verteidigungsanlagen waren. In Sebastiano Serlios Sette libri dell'architettura („Sieben Bücher über die Architektur“) werden im vierten Buch (1537) zwei quadratische Labyrinthe dargestellt, eines mit fünf, das andere mit sieben Umgängen. Sie dürften als ornamentaler Schmuck oder als Pflanzschema für Blumen oder Kräuter gedacht sein und treten in der Folgezeit an zahlreichen anderen Stellen auf.

Im Palazzo ducale in Mantua befindet sich ein beschädigtes Wandfresko eines unbekannten Meisters, das zwischen 1521–23 entstanden sein dürfte und den Olymp inmitten eines Wasserlabyrinths zeigt. Im Palazzo del Te in Mantua sind zahlreiche Darstellungen von Labyrinthen und mit Bezug zum Minotauros-Mythos, meist als Impresen vorhanden.

In der späten Renaissance treten Muster auf, die sich durch zahlreiche Verzweigungen und Sackgassen von den Wegesystemen der bis dahin bekannten Labyrinthe deutlich unterscheiden. Diese Irrgärten sind eine eigenständige Entwicklung. Die ersten begehbaren Irrgärten finden sich in norditalienischen Gärten, Anlagen mit kopfhohen Wänden entstehen im italienischen Manierismus. Die frühen Irrgärten sind meist aus Spalierhecken gebildet, beschnittene Hecken treten verstärkt erst im Barock auf. Im Gegensatz zum unverzweigten Labyrinth zeichnen sich Irrgärten durch ein komplexes Wegenetz mit zahlreichen Abzweigungen, Kreuzungen und Sackgassen aus. Irrgärten vermitteln die Gefahr des Irrgangs, das Vergnügen der Zielsuche und das Spiel des Versteckens. Viele Irrgärten des Barock wurden in den Lustgärten von Residenzschlössern zum Zeitvertreib der höfischen Gesellschaft angelegt, sie finden sich aber auch als Attraktion für jedermann in den Gasthausgärten in den Niederlanden des beginnenden 17. Jahrhunderts.

Das Entstehen der Irrgärten stellt eine Parallelentwicklung dar, die weder das Labyrinth als Schmuck noch als Symbol verdrängt.

In den Emblembüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts werden Labyrinthdarstellungen als Warnungen vor der Verwicklung des Menschen in die „sündige Welt“ verwendet. In der Tafelbildmalerei finden sich zwei Gartenlabyrinthe bei Lucas van Valckenborch von 1584 und 1587. Bartolomeo Veneto malte um 1510 einen jungen Mann mit einem runden Labyrinth auf der Brust und einem mit Salomonsknoten geschmückten Mantel.

Labyrinthe entstehen auch in den folgenden Jahrhunderten. Ein Fußbodenlabyrinth schmückt einen Saal im Rathaus von Gent (helle und dunkle Fliesen, 13 × 11 m, von 1533), es bildet das zerstörte Fußbodenmosaik der Klosterkirche von St. Bertin in St. Omer nach. In der Kathedrale von Ely (Cambridgeshire) wurde 1870 ein Fußbodenlabyrinth neu geschaffen (schwarze und weiße Fliesen, 6 × 6 m). Ein Beispiel für ein Pflasterlabyrinth findet sich im Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen Neuen Rathaus in München. Es liegt im linken Innenhof und stellt ein auf neun Umgänge verkleinertes Muster vom Chartres-Typ dar (17,5 × 18,5 m). Im Thorvaldsen-Museum (Kopenhagen) befindet sich ein Fußbodenlabyrinth (römischer Typ, rote und weiße Fliesen, etwa 5 × 5 m, 1839–48).

Schwer datierbar sind die Trojaburgen, in der Mehrzahl Steinlabyrinthe, aber auch einige Rasenlabyrinthe. Die Kanten der Routen bestehen aus Steinen, die zur Hälfte in der Erde vergraben sind. Das Labyrinth enthält keine Sackgassen, sondern einen einzigen Weg, der in die Mitte endet.

Troy Town Maze auf St. Agnes, Scilly-Inseln, ein Steinlabyrinth, wurde 1729 von einem Leuchtturmwärter angelegt.

Die Häufung der Steinsetzungen an den Küsten Skandinaviens ist auffällig. Meist handelt es sich um Anlagen vom kretischen Typ. Die Datierung ist schwierig (Lichenometrie), nur wenige scheinen aus dem späten Mittelalter zu stammen, die meisten Bauwerke fallen in das 18. und 19. Jahrhundert. Beispiele: Blå Jungfrun (Gotland, erstmals 1741 beschrieben), Steinvåg bei Gamvik (Finnmark) und zwölf Steinlabyrinthe auf den Solowezki-Inseln (Weißes Meer).

Gegenwart

Labyrinth vor St. Lambertus
Pflasterlabyrinth im Erholungspark Marzahn (Berlin)

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen verschiedene Künstler das Labyrinthmotiv wieder auf, so der Bildhauer und Schriftsteller Michael Ayrton, der sich dem antiken Mythos von Dädalus und Ikarus widmete, die Künstlerin Alice Aycock, eine Vertreterin der Konzeptkunst, und, seit den 1980er Jahren, der Designer Adrian Fisher, der Pflasterlabyrinthe mit Darstellungen des Minotauros' schuf. Eine Neu-Interpretation eines Kirchenlabyrinthes wurde 1981 in Grey's Court bei Reading durch Robert Runcie, den Erzbischof von Canterbury eröffnet[3].

Ein begehbares Pflasterlabyrinth wurde 2007 im Erholungspark Marzahn in Berlin eröffnet. Es stellt eine vergrößerte Nachbildung des Chartres-Labyrinths dar. Der Durchmesser der Anlage, die an den Vorplatz eines Hecken-Irrgartens angrenzt, beträgt 20,8 Meter. Der Entwurf stammt von dem Landschaftsarchitekten Thomas Michael Bauermeister. Im Schlosspark Schönbrunn in Wien wurde in Nachbarschaft zu einem 1999 wiederhergestellten Hecken-Irrgarten ein Labyrinth mit einem Feng-Shui-Stein errichtet. "Feministische Labyrinthe" finden sich auf dem Zeughausplatz in Zürich und in Frankfurt (Frauengedenklabyrinth). Die religiöse Sinngebung des Labyrinths soll mit seinen Heilpflanzen und Weidenfiguren das im Jahre 2007 eingeweihte "Lebendige Labyrinth" der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) auf dem Gelände des Klosters Helfta neu erfahrbar machen. Auch in Literatur und Film spielen Labyrinthe eine Rolle, so bei Jorge Luis Borges und im Roman Der Name der Rose von Umberto Eco.

Der Reiz des Geheimnisvollen und unbekannte Ursprung des Labyrinths ließen es vor allem für esoterische, christliche und feministische Gruppen zur Projektionsfläche ihrer Vorstellungen werden. Zahlreiche neue Labyrinthe wurden angelegt, gepflegt und für Veranstaltungen genutzt. Es gibt sowohl im anglo-amerikanischen als auch im deutschen Sprachraum eine Labyrinth-Bewegung, die sich mit der Bedeutung des Labyrinths beschäftigt. Das Abschreiten eines begehbaren Labyrinths, das als Symbol des verschlungenen Lebensweges verstanden wird, dient der Meditation und fordert zum Überdenken des eigenen Lebens auf – ein Anknüpfen an den rituellen Weg der Kirchenlabyrinthe in moderner Form.

Herkunft und Funktion der Labyrinthe

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Archäologische Funde mit Labyrinthen aus antiker und vorantiker Zeit sind spärlich. Außerhalb des Mittelmeerraumes gibt es Fundstellen unter anderem in Syrien, Indien und Afghanistan, aber auch im präkolumbianischen Nord- und Südamerika wie z. B. in Nasca in Peru (ca. 700 v. Chr. bis 600 n. Chr.) lassen sich Labyrinthe und labyrinthische Muster nachweisen. Zwei Theorien über die Herkunft der Labyrinthform konkurrieren. Die erste Annahme geht von einem mediterranen Ursprung aus, dem sich eine Verbreitung in mehrere Richtungen anschloss, Bedeutungs- und Funktionswandel erfolgten regional. Die zweite Theorie unterstellt eine Entstehung an verschiedenen Orten der Nord- und Südhalbkugel zufällig und unabhängig voneinander. In diesem Fall sind unterschiedliche Bedeutungen und Gebräuche von Beginn an naheliegend, auch die Vermischung oder Verwechslung mit ähnlichen Motiven (etwa Eingeweide-Abbildungen) sind dann denkbar.

Felsritzung im Rocky Valley bei Tintagel (Großbritannien), Schieferfelsen

Noch vielfältiger sind die Mutmaßungen über die Funktion von Labyrinthen. Es lassen sich drei Gruppen von Deutungen voneinander abgrenzen.

Die erste beinhaltet alle Funktionen in einem architektonischen Sinn, ausgehend von der Idee des Gefängnissen (ursprünglich des Minotauros' der Sage), woraus sich fortifikatorische Anlagen genauso wie komplexe städtische Strukturen herleiten lassen. Viele Labyrinthmosaike bilden Stadtmauern und Tore als äußere Umgrenzung ab, auch der Bezug zum Gründungsmythos der Stadt Rom (Romulus und Remus) ist eindeutig (die vier Quartiere der Stadt Rom entsprechen der Kreuzform im Labyrinth des römischen Typs).

Die zweite Gruppe umfasst alle Deutungen, die sich auf Bewegungsabläufe beziehen. Das Abschreiten einer wie auch immer gearteten labyrinthischen Figur erzeugt eine Bewegungslinie, die als spielerische Figur (lusus Troiae, „Spiele von Troja“), als Tanz („Jungfrauentanz“ in Trojaburgen) oder rituelle Handlung (Labyrinthtanz zum Ostersonntag von Geistlichen in den mittelalterlichen Kathedralen) verstanden werden kann.

Die dritte Gruppe hat alle magischen Funktionen zum Gegenstand. Die labyrinthische Figur, meist zu klein zum Abschreiten der Gänge oder als Wandmalerei, dient dem Schutz des Privathauses (Fußbodenmosaike in Nähe der Eingangstüren römischer Villen) vor bösen Mächten oder dem Teufel (Kirchenlabyrinth). Der Träger eines Labyrinths erhofft sich dadurch Schutz (wie beim jungen Mann auf dem Tafelbild von Bartolomeo Veneto), ebenso ist das Zeichnen von Labyrinthen im Sand (Indien) zu verstehen. Die modische Vorstellung unserer Zeit, das Abgehen eines Labyrinths diene der Kontemplation und Meditation knüpft lediglich vermeintlich an alte Traditionen an.

Das Zeichen des Labyrinths erfüllte im Laufe seiner langen Geschichte immer neue Funktionen, von denen viele heute nicht mehr erklärbar sind oder missgedeutet werden. Ein Verlust des ursprünglichen Wissens über Labyrinthe bereits in der frühen Antike ist wahrscheinlich, neue Bedeutungszuweisungen setzten möglicherweise bereits mit den Schilderungen der griechischen Sagen ein, deren Erzählkerne in der Zeit der Mythenbildung der Bronzezeit entstanden sein dürften. Das Fehlen labyrinthischer Zeichen in der Höhlenmalerei ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert; die Neigung, jeden nicht datierbaren Labyrinthfund als „sehr alt“ zu bezeichnen ist leichtfertig (etwa die Felsritzungen in Tintagel, Cornwall, oder in Pansaimol, Goa, Indien).

Forschungsgeschichte

Eine intensivere Beschäftigung mit Labyrinthen begann mit dem wachsenden Interesse an der Antike Anfang des 18. Jahrhunderts. So besuchte 1700 im Rahmen einer Expedition Joseph Pitton de Tournefort die Höhle bei Gortyn auf Kreta, wo man das antike kretische Labyrinth vermutete. Noch im 19. Jahrhundert entstanden stark spekulative Theorien, die sich weitgehend an den Schilderungen antiker Autoren orientierten. Bei Grabungen von Archäologen und von Privatgelehrten wurden Funde mit labyrinthischem Bezug gemacht. Das römische Labyrinthmosaik von Loig bei Salzburg wurde 1815 entdeckt, die Weinkanne von Tragliatella 1877 geborgen. Arthur Evans legte 1922 die Ruinen des Palastes von Knossos frei, in denen fortan – ohne nachvollziehbare Begründung – das Labyrinth des Daidalos gesehen wurde. Die Pylos-Tafel wurde 1957 bei Ausgrabungen gefunden.

William Henry Matthews (1882–1948) gelang 1922 mit seinem Buch Mazes and labyrinths („Irrgärten und Labyrinthe“) eine erste systematische Darstellung. 1967 folgte mit Il libro dei labirinti („Das Buch der Labyrinthe“) von Paolo Santarcangeli (1909–1995) eine weitere ausführliche Darstellung der labyrinthischen Thematik. Die auf Ausstellungen in Mailand und München (Haus der Kunst, 1982) zurückgehende, umfangreiche Veröffentlichung von Hermann Kern dokumentierte erstmals katalogartig die mannigfaltigen Labyrinthformen ausführlich. In der Folgezeit wurde das Werk Bezugspunkt und Quelle weiterer Forschungen. Mit seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten international bekannt wurde der Brite Jeff Saward, der 1983 die kleine Zeitschrift Caerdroia zum Thema gründete.

Literatur und Quellen

Allgemeinverständliche Darstellungen in deutscher Sprache

  • Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte. Pattloch, München 2008, ISBN 978-3-629-02160-1.
  • Frithjof Hallman: Das Rätsel der Labyrinthe. Woher kommen sie? Wie alt sind sie? Wo liegen sie? Damböck, Ardagger, NÖ 1994, ISBN 3-900589-15-1.
  • Jürgen Hohmuth: Labyrinthe & Irrgärten. Frederking & Thaler, München 2003, ISBN 3-89405-618-5.
  • Hermann Kern: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. 4., unveränderte Auflage. Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2096-3 / ISBN 3-7913-0614-6 (Erstausgabe 1982).
  • Ulrich Koch: Das große Buch der Labyrinthe. Irrwege, Wirrgärten, Suchbilder, 80 Labyrinthe / The Book of Mazes [Mit einer Daidaleia von Hans-Peter Niebuhr und einem Ariadnefaden für Verirrte], Anaconda, Köln 2010, ISBN 978-3-86647-450-5 (deutsch und englisch).
  • John Kraft: Die Göttin im Labyrinth. Spiele und Tänze im Zeichen eines matriarchalen Symbols. Edition Amalia, Bern 1997, ISBN 3-905581-00-0.
  • Jeff Saward: Das große Buch der Labyrinthe und Irrgärten. AT, Aarau / München 2003, ISBN 3-85502-921-0.
  • Ilse M. Seifried (Hrsg.): Das Labyrinth oder die Kunst zu wandeln. Haymon, Innsbruck 2002, ISBN 3-85218-400-2.

Wissenschaftliche Literatur

  • Labyrinthus. In: Zedlers Universal-Lexicon, Band 16, Leipzig 1737, Spalte 35–37.
  • William Henry Matthews: Mazes and labyrinths. A general account of their history and developments. London 1922. (englisch)
  • Helmut Birkhan: Labyrinth. In: Engelbert Kirschbaum (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 3: Allgemeine Ikonographie. Rom 1971, Sp. 2–4.
  • Maria Cristina Fanelli: Labirinti. Storia, geografia e interpretazione du un simbolo millenario. Cerchio Iniziative, Rimini 1997, ISBN 88-86583-30-3. (italienisch)
  • Jørgen Thordrup: Alle tiders labyrinter. KunstCentret, Silkeborg 2002, ISBN 87-87643-97-9. (dänisch)
  • Paolo Santarcangeli: Il libro dei labirinti. Storia di un mito e di un simbolo. Sperling & Kupfer, Mailand 2000, ISBN 88-200-2960-X. (italienisch)
  • Labyrinthes. Du mythe au virtuel. Paris-Musées, Paris 2003, ISBN 2-87900-776-3. (französisch)
  • Fabio Collonese: Il labirinto e l'architetto. Kappa, Rom 2006, ISBN 88-7890-740-5. (italienisch)
  • Bruno Hervé: Avatars du labyrinthe de la protohistoire à la postmodernité. In: Bruno Hervé: Le jardin comme labyrinthe du monde. PUPS, Paris 2008, ISBN 978-2-84050-602-7, S. 17–66. (französisch)

Einzelnachweise

  1. Alexander MacGillivray 2004, The astral labyrinth at Knossos. British School at Athens Studies 12 (KNOSSOS: PALACE, CITY, STATE), 330
  2. Anon 1853, The Cathedral of Chartres, in France. Illustrated Magazine of Art 2/7, 1853, 10
  3. Mary Keen 1989, The Glory of the English Garden. Boston, Litte, Brown and Co., 17

Weblinks

 Commons: Labyrinth – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Labyrinth – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen


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