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Kurt Schlesinger

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Kurt Schlesinger (geb. 17. Dezember 1902 in Schmalkalden; gest. 1964 in den Vereinigten Staaten) war ein deutscher Mechaniker jüdischer Abstammung und NS-Kollaborateur.

Leben

Kurt Schlesinger wohnte bis 1939 in seiner Geburtsstadt Schmalkalden, wo er zwei Jahre vorher Thea Francis Klein (* 1913) aus Nürnberg[1] geheiratet hat. Kurt und Thea Schlesinger flohen am 12. Januar 1939 nach Amsterdam, wo sie bis Ende des Jahres unter Quarantäne gestellt waren. Am 6. März 1940 wurde das deutsch-jüdische Ehepaar im Durchgangslager Westerbork interniert, wo er am Anfang zum Außendienst als Bergmann verpflichtet wurde.

Schlesinger wurde in Februar 1942 zum Oberdienstleiter des Jüdischen Ordnungsdienstes befördert. Sein Stellvertreter war Heinz Todtmann, der Leiter des Dienstbereichs I (Kommandantur). Die Hauptaufgabe von Schlesinger war die Verwaltung der Häftlingskartei und die Herstellung der Deportationslisten für die Transporte der Juden und Sinti-Roma Westerborks zum KZ Auschwitz, in das Vernichtungslager Sobibor und das Ghetto Theresienstadt. Da die ersten Insassen Westerborks überwiegend deutsche Juden waren und deswegen der größte Teil des Ordnungsdienstes auch, nützte Schlesinger seine Führungsposition aus, um seine deutsch-jüdischen Häftlingsmitarbeiter vor der Deportation zu schützen und die niederländisch-jüdischen Insassen vorrangig auf den Deportationslisten zu stellen.

Schlesinger bekleidete sich wie ein „Überpreuße“[2] in Reithose, Stiefeln, Ledermantel und Offiziersmütze. Er nahm regelmäßig Geld, Wertsachen und sexuelle Gefälligkeiten im Austausch gegen Schutz vor der Deportation oder für ein „besseres“ Deportationsziel wie zum Beispiel Theresienstadt statt Auschwitz. Er führte den Schwarzhandel im Lager und befahl die Deportationen von konkurrierenden Häftlingen. Etty Hillesum, Zeitzeugin und Auschwitz-Opfer, beschrieb Schlesinger als „die rechte Hand“ vom Lagerkommandanten SS-Obersturmführer Albert Gemmeker.[3] An den Tagen der Deportationen erschien er mit den SS-Wächtern am Bahnsteig, um die Transporte zu beaufsichtigen. Adolf Eichmann erklärte über die niederländische Deportationen bei seinem Prozess im Jahr 1961: „Die Züge fuhren wie ein Traum.“[4]

Am 11. April 1945 übertrug Lagerkommandant Albert Gammeker die Lagerleitung dem Oberdienstleiter Schlesinger. Das Durchgangslager Westerbork wurde am nächsten Tag von Truppen der kanadischen Armee befreit. Die SS hatte in den Tagen vorher die Deportationslisten vernichtet, aber Schlesinger versteckte eine Kopie davon und überreicht sie den Alliierten. 1946 wurde ein Verfahren gegen Schlesinger und andere Funktionshäftlinge begonnen, aber eingestellt. In dem Prozess von Albert Gemmeker 1949 vor dem Sondergericht Leeuwarden sagte der Zeuge der Verteidigung Schlesinger für ihn aus.

Schlesinger und seine Frau Thea emigrierte am 19. Januar 1951 per Schiff von Rotterdam nach New York, Vereinigten Staaten. Schlesinger wurde erst 1973 von den Ermittlern im zweiten Prozess gegen Gemmeker ausfindig gemacht. Nach Angaben seiner Frau Thea sei Schlesinger schon 1964 gestorben. Darüber hinaus lehnte Thea Schlesinger es ab, eine Aussage gegen Gemmeker im deutschen Konsulat zu machen. Sie starb im Jahr 2002 in Jacksonville, Florida.

Als Oberdienstleiter des korrupten deutsch-jüdischen Ordnungsdienstes vom Durchgangslager Westerbork war Kurt Schlesinger aktiv Beteiligter an der Deportation und Ermordung von 100.000 Juden. Er wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

Literatur

  • Terror im Westen: Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940-1945, Wolfgang Benz, Barbara Distel, Metropol, Berlin, 2004
  • Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung: Niederländische und deutsche Augenzeugenberichte des Holocaust von Sandra Ziegler, Königshausen & Neumann, 2006
  • Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen: Tagesbuchbrief aus Amsterdan, Westerbork und Bergen-Belsen, von Mirjam Bolle, übersetzt aus dem Niederändischem von Stefan Häring und Verena Kiefer, Eichhorn, Berlin, 2006
  • Ashes in the wind: the destruction of Dutch Jewry, Jacob Presser, Souvenir Press, 2010 (auf Englisch)
  • Boulevard des Miseres, The Story of Transit Camp Westerbork, von Jacob Boas, Hamden, Conn.: Archon Books, 1985 (auf Englisch)
  • A History of the Holocaust, von Saul S. Friedman, Vallentine Mitchell, London, Portland, OR, 2004 (auf Englisch)
  • Verhalen uit kamp Westerbork, von Guido Abuys u.a., Gorcum B.V., Konink, 1995 (auf Niederländisch)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Stadsarchief Amsterdam, Record cards from Personal Cards (1939-1994)
  2. Boulevard des Miseres, The Story of Transit Camp Westerbork, von Jacob Boas, Hamden, Conn.: Archon Books, 1985 (aus d. Englischen "super-Prussian" übersetzt)
  3. Hillesum, Etty: The Letters and Diaries of Etty Hillesum 1941-1943, Wm. B. Eerdmans Publishing Company, 2002, (aus dem Englischen übersetzt)
  4. Ashes in the wind: the destruction of Dutch Jewry, Jacob Presser, Souvenir Press, Seite 457 (übersetzt aus dem Englischen)
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Kurt Schlesinger aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.