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Kurt Lewin

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Kurt Lewin

Kurt Tsadek Lewin (geb. 9. September 1890 in Mogilno, Provinz Posen; gest. 12. Februar 1947 in Newtonville, Massachusetts) gilt als einer der einflussreichsten Pioniere der Psychologie. Er ist einer der Begründer der modernen experimentellen Sozialpsychologie und gehört zu den "großen Vier", zusammen mit Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka, der Berliner Schule der Gestaltpsychologie. Sein Name ist weiterhin verbunden mit der "Feldtheorie in den Sozialwissenschaften".

Leben

Kurt Lewin wuchs in einem jüdischen Elternhaus auf. Der Beruf seines Vaters Leopold wird mit "Gutsbesitzer und Kaufmann" bezeichnet. Seine Mutter Recha Engel stirbt 1944 im KZ. Er hat eine Schwester (Hertha Putzrath geb.L.) und zwei Brüder (Egon und Fritz). Kurt Lewin heiratete 1917 Maria Landsberg und nach der Scheidung 1929 Getrud Weiss. Er hatte vier Kinder, Esther Agnes und Reuven Fritz aus erster und Miriam Anna und Daniel Meier aus zweiter Ehe.[1]

1905 siedelt die Familie von Mogilno (heute Polen) nach Berlin über, wo Lewin bis zum Februar 1908 das Kaiserin-Augusta-Gymnasium besucht. Im April 1909 begann er ein Medizinstudium in Freiburg i. Br., wechselte ein Semester später nach München und dann nach Berlin, wo er schließlich zur Psychologie und Philosophie unter Carl Stumpf wechselte. Zu seinen Lehrern zählen unter anderem die Philosophen Alois Riehl, Benno Erdmann, Jonas Cohn, Heinrich Rickert und Ernst Cassirer sowie die Mediziner und Physiologen Heinrich Wilhelm Waldeyer und Ludwig Haberlandt.[2]

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges meldete sich Lewin freiwillig zum Kriegsdienst und diente bis zum Ende des Krieges. Er wurde 1918 schwer verwundet, so dass er erst 1919 aus dem Lazarett, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, entlassen wurde. Aufgrund des Kriegsbeginns konnte er seine Promotion, deren experimentelle Arbeiten er in den Jahren 1912 - 1914 leistete, nicht fertigstellen. Deshalb wird er 1916, mit einer Arbeit zu dem Grundgesetz der Assoziation[3] promoviert. In einer ausgebauten Version ist der Inhalt auch ein Beitrag zu seiner kumulierten Habilitation 1920, da die als "Geneseschrift" bekannte Monographie bei den Gutachtern auf Unverständnis stieß und deshalb als Habilitationsschrift zurückgezogen wurde.[4]

Mit Beginn der 1920er Jahre beginnt er die Lehrtätigkeit an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität. Bis zu seiner Emigration in die USA 1933 sollte er an dieser Universität Lehre und Forschen. Zusammen mit Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Max Wertheimer bildet er in dieser Zeit die Berliner Schule der Gestaltpsychologie. Neben vielen anderen Arbeiten beginnt er 1926 seine "Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie", die bis weit in die 1930er Jahre dauern und aus über 20 verschiedenen experimentalpsychologischen Einzelstudien bestehen. Die theoretische Auswertung leistet er vor allem in den Monographien "Prinzipien der topologischen Psychologie" und "The Conceptual representation and the Measurement of Psychological Forces". Die experimentellen Arbeiten wurden von seinen Doktoranten und Doktorantinnen ausgeführt (s.u. deutsche Forschungsgruppe). Manche von ihnen zählen zu den bedeutenden Arbeiten innerhalb der experimentellen Psychologie (Zeigarnik-Effekt, Ovsiankina-Effekt).

Aufgrund der politischen Lage knüpft er schon früh Kontakte in die USA. 1932 wurde er auf eine halbjährige Gastprofessur an die Stanford University geladen. 1933 emigriert er endgültig und erhält einen zweijährigen Vertrag an der Cornell University in Ithaca, von dort wechselt er 1935 an die Universität von Iowa. Dort bleibt er neun Jahre, bis er 1944 am MIT eine Anstellung und ein Institut, das "Research Center of Group Dynamics" erhält.[5] 1947 stirbt er an Herzversagen durch Überarbeitung in Newtonville bei Boston. Zu dieser Zeit ist er einer der bekanntesten Psychologen der Welt.

Die experimentelle geprüfte, dynamische Individualpsychologie, die er in Deutschland entwickelt hatte, ist das theoretische Fundament mit der die experimentelle Erforschung der kleinen Gruppe zu Beginn der 1940er Jahre beginnt. Startschuss ist das mit Ralph White und Ronald Lippitt durchgeführte Experiment "Patterns of aggressive behavior in experimental created ´social climates´" [6] in der die Frage des Verhaltens und der Arbeitsleistung einer kleinen Gruppe, unter Variation der Führungsstile demokratisch, autoritär und gar kein Stil (laissez-faire) geprüft wird. Von diesem Experiment geht die ganze moderne Führungsstil (Wirtschaft) und Erziehungsstil (Pädagogik)Forschung aus. Da es sich um die Aufklärung des dynamischen Verhalten von Gruppen handelt, wird dieser ganze Bereich auch Gruppendynamik genannt. Von diesem Experiment bis zu seinem Tod leisten er und seine amerikanische Forschungsgruppe (s.u.) die oft erstmalige experimentelle Aufarbeitung zentraler Themen der Sozialpsycholgie u.a. Gruppe und Führung, Motivation, Meinung und Einstellungsveränderung. Auf dieser Basis entwickeln sie zusätzlich zahlreiche Methoden, wie das sensivitäts Training oder die T-Gruppe, die Grundmodell jeder Selbsthilfegruppe ist. Bis heute ist der Umfang der Neuerungen an sozialen Techniken die von Lewin und seiner Gruppe ausgehen strittig, die Meinung darüber reicht von sehr wenig bis zentral für die Wissenschaftsgeschichte.

Methodisch hat Lewin früh den Film als Dokumentationsmehtode benutzt [7]. In seinen Büchern benutzt er viele grafische Darstellung zur genauen Darlegung seiner Vorstellungen. Ihr Spitzname ist oft "Lewin-Kartoffel".

Seine ganzen theoretischen Schriften sind unter dem Namen "Feldtheorie in den Sozialwissenschaften" bekanntgeworden

Werk

Probleme mit dem Werkzugang

Der Zugang und der Überblick zu Lewins Werk ist durch einige Schwierigkeiten gekennzeichnet, die den genauen Werkzusammenhang und das Gesamtwerk von Lewin immer noch zu einer Frage der Forschung machen.

  1. Kurt Lewin ist 1933 in die USA emigiriert, ab diesen Zeitpunkt publiziert er auf Englisch. Durch die Emigration und die Sprachbarriere ist sein Werk und die Werkrezeption zweigeteilt, in den 'deutschen' Lewin als wichtigen Gestaltpsychologen und den 'amerikanischen' Lewin, als Begründer der experimentellen Sozialpsychologie.
  2. Fast zeitgleich mit seiner Emigration wechselt Lewin die Forschungsthemen. In Deutschland beschäftigt er sich mit individualpsychologischen Forschungsthemen und Wissenschaftstheorie, in den USA wird von ihm und seiner Forschungsgruppe alles um das Thema der kleinen Gruppe behandelt, wie Gruppe und Führung, Verhaltensänderungen, Leistungsvermögen von Gruppen, Kommunikation usw.
  3. Lewin ist ein harter Vertreter der experimentellen und der mathematischen Methode in der Psychologie, dies machen zentrale Teile seines Werkes ungewöhnlich anspruchsvoll.
  4. Diesen Ansatz vertritt er mit einer eigenständigen, auf höchstem Niveau erstellten wissenschaftsheoretischen Arbeit. Sein bekanntester Aufsatz ist der "Übergang von der Aristotelischen zur Galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie" in dem es um die Unterschiede zwischen der antiken und der modernen Wissenschaftsauffassung seit etwa Kopernikus, Kepler und Galilei geht. Aus seiner 'Genesschrift' schöpft er die Vorstellung der Genidentität. Der genaue Inhalt und die Interpretation seiner gesamten Wissenschafttheorie ist immer noch eine Frage der Forschung.
  5. Er vertritt als Gestaltpsychologe einen anderen theoretischen Ansatz als der Behaviorismus, der anderen großen experimentalpsychologischen Richtung seiner Zeit.
  6. Die Mitglieder der von ihm gegründeten Forschungsgruppen sind oft selber zu Kapazitäten ihres Faches geworden. Da Lewin in einer großen thematischen Breite gearbeitet hat, kann es sein, dass der eine in der Psychotherapie, der andere in der Organisationsforschung und der dritte in der Kommunikationsforschung wissenschaftlich tätig war. Deshalb kann die entsprechende Fachgeschichtsschreibung, die nur den für das eigene Fach benutzte Teil der lewinschen Arbeit darstellt, verzerrt sein.

Der Einfluss Lewins

Lewin hat in den zu seinen Lebzeiten zwei verschiedene, einflussreiche Forschungsgruppen aufgebaut.[8]

In Deutschland gehörten in Auswahl dazu: Bluma Zeigarnik, Junius F. Brown, Gita Birenbaum, Maria Ovsiankina (Ovsiankina-Effekt), Georg Schwarz, Sara Fajans, Anitra Karstens.

Nach seiner Emigration in die USA zählten zu seinen bekanntesten Mitarbeitern u.a.: Alex Bavelas, Roger Barker, Tamara Dembo, Dorwin Cartwright, Leon Festinger, Harold H. Kelley, John R.P. French, Mary Henle, Ronald Lippitt, Alfred Marrow, Stanley Schachter, John W. Thibaut, Alvin F. Zander

Zu diesen beiden direkt von ihm beeinflussten Forschungsgruppen kommt zusätzlich die etwa von 1933- 1965 existierende 'Topology Group'[9] , hier haben sich an den gleichen Themen interessierte Forscher regelmäßig getroffen u.a.:

Roger Barker, Richard S. Crutchfield, Erik H. Erikson, Sibylle Escalona, Fritz Heider, Donald K. MacKinnon, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Margaret Mead, Gardner Murphy, Edward.C.Tolmann, William Stern

Die Feldtheorie

Als einer der wesentlichsten Beiträge Kurt Lewins zur psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung kann die Feldtheorie angesehen werden. Diese über 70 Jahre alte Theorie gehört nicht zu den aktuellen Theorien in den Sozialwissenschaften und wird relativ wenig beforscht und weiterentwickelt. Aufgrund der historischen Bedeutung der Gesamtleistung Lewins wird sich allerdings gerne auf sie berufen. [10]

Die Feldtheorie ist hauptsächlich in den 1936 veröffentlichten Prinizipien der topologischen Psychologie und den nur auf englisch vorliegenden The Conceptual representation and the measurement of psychological Forces (1938) und in zahlreichen später publizierten Artikeln entwickelt worden. Eine von ihm geschriebene, geschlossene Darstellung seiner Theorie gibt es wegen seines frühen Todes nicht. Eine aktuelle Einführung findet sich bei Helmut E.Lück [11]

Als charakteristisch werden immer wieder sechs wesentliche Punkte seiner Theorie angeführt[12]

  1. Die Konstruktive Methode: Der Übergang von einer klassifizierenden zu einer konstruierenden bzw. genetischen Methode ist notwendig.
  2. Der dynamische Ansatz: Ähnlich der Psychoanalyse sollen Konstrukte und Methoden entwickelt werden, die sich mit den dem Verhalten zugrunde liegenden Kräften befassen.
  3. Der psychologische Ansatz: Für eine psychologische Feldtheorie ist es notwendig, das Feld nicht in objektiven physikalischen Begriffen zu verstehen, sondern in der Art und Weise zu beschreiben, in der es für das Individuum zu der gegebenen Zeit existiert.
  4. Ausgangspunkt der Analyse ist die Gesamtsituation. Teile müssen als Aspekte einer Gesamtsituation verstanden werden.
  5. Das Verhalten als eine Funktion des je gegenwärtigen Feldes: Vergangenheit und Zukunft bedingen Gegenwärtiges, da sie beeinflussende Felder für das existierende Feld darstellen.
  6. Die mathematische Darstellung psychologischer Situationen: Vektordarstellungen und Topologien sind für Lewin allen anderen Begriffssystemen überlegen.

Schriften (Auswahl)

  • Die psychische Tätigkeit bei der Hemmung von Willensvorgängen und das Gundgesetz der Assoziation, Zeitschrift für Psychologie (1917), 77, S.212-247
  • 'Geneseschrift': Der Begriff der Genese in Physik, Biologie und Entwicklungsgeschichte.Berlin 1922 und KLW Bd.2
  • Idee und Aufgabe der vergleichenden Wissenschaftslehre . Weltkreis, Erlangen 1926
  • Vorsatz, Wille und Bedürfnis: mit Vorbemerkungen über die psychischen Kräfte und Energien und die Struktur der Seele. Springer, Berlin 1926
  • Die psychologische Situation bei Lohn und Strafe. Leipzig 1931
  • Der Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie, 1931 (PDF; 175 kB)
  • Eine dynamische Theorie des Schwachsinnigen, 1933 (PDF; 393 kB)
  • Principles of topological psychology. New York 1936; Deutsch: Prinzipien der topologischen psychologie.Bern 1969
  • The conceptual representation and the measurement of psychological Forces. Durham, 1938
  • Resolving social conflicts: selected papers on group dynamics. Harper, New York 1948; deutsch: Die Lösung sozialer Konflikte. Christian, Bad Nauheim 1953 (mit Gertrud Weiss Lewin und Herbert Alfred Frenzel)
  • Feldtheorie in den Sozialwissenschaften, Bern 1963
  • Gesetz und Experiment in der Psychologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1967
  • Kurt Lewin Werkausgabe (KLW), Hrgs. Karl Friedrich Graumann, 4 Bände sind erschienen, weitere geplante Bände werden nicht erscheinen, Klett, Stuttgart ab 1980

Literatur über Kurt Lewin

  • Alfred J. Marrow: Kurt Lewin. Beltz, 2002, ISBN 3-407-22754-X
  • Helmut E. Lück: Kurt Lewin, Beltz, 2001. ISBN 3-407-22107-X
  • Wolfgang Schönpflug: Kurt Lewin - Person, Werk, Umfeld: historische Rekonstruktionen und aktuelle Wertungen, Peter Lang Verlag, Frankfurt/M, 2007
  • Simone Wittmann: Das Frühwerk Kurt Lewins, Peter Lang Verlag, Frankfurt/M.,1998
  • Josef Schwermer Die experimentelle Willenspsychologie Kurt Lewins, Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan, 1966

Einzelnachweise

  1. Stichwort Kurt Lewin aus: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren: Lewi - Mehr, Berlin, New York (Walter de Gruyter – K. G. Saur), 2009
  2. Helmut E. Lück, Kurt Lewin -- eine Einführung in sein Werk, Belz Verlag 2001, Weinheim und Basel, S.167
  3. Die psychische Tätigkeit bei der Hemmung von Willensvorgängen und das Gundgesetz der Assoziation, Zeitschrift für Psychologie, 77, S.212-247
  4. Kurt Lewin, Der Begriff der Genese in Physik, Biologie und Entwicklungsgeschichte: eine Untersuchung zur vergleichenden Wissenschaftslehre, Berlin,1922
  5. das Reserach Center befindet sich heute an der Universitat von Michigan. http://www.rcgd.isr.umich.edu/
  6. Jornal of social Psychology 10, S.271-299,1939
  7. http://psychologie.fernuni-hagen.de/lernportal/Verzeichnisse/Video.html#Hanna
  8. Alfred J. Marrow: Kurt Lewin -- Leben und Werk, Beltz Verlag 2002, Weinheim und Basel, Anhang und Simone Wittmann: Das Frühwerk Kurt Lewins, Peter Lang Verlag 1998, Frankfurt/M., Anhang
  9. Marrow(2002), S. 179ff und S.358f.
  10. Helmut E. Lück, Kurt Lewin -- eine Einführung in sein Werk, Belz Verlag 2001, Weinheim und Basel, S. IX
  11. Helmut E. Lück, Kurt Lewin -- eine Einführung in sein Werk, Belz Verlag 2001, Weinheim und Basel
  12. Ursprungsquelle Feldtheorie des Lernens S. 157-162, Kurt Lewin Werke Bd.4

Weblinks


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