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Johan Galtung

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Johan Galtung (* 24. Oktober 1930 in Oslo) ist ein norwegischer Mathematiker, Soziologe und Politologe. Er gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung. Er gründete 1959 das Institut für Friedensforschung (PRIO), das erste Friedensforschungsinstitut Europas, und war bis 1970 dessen Direktor. Er gründete auch 1964 das Journal of Peace Research. Im Jahr 1969 wurde er von der norwegischen Regierung als weltweit erster Professor für Friedens- und Konfliktforschung ernannt. Er wurde 1987 mit dem Right Livelihood Award geehrt.

Genaueres zu den Entstehungszusammenhängen des Institutes und zu dessen Zielen und Errungenschaften beschreibt Johan Galtung in seinem Buch Launching Peace Studies – the first PRIO years.[1][2]

Wissenschaftlicher Hintergrund und Wirken

Von 1953 bis 1957 war Galtung Assistent des norwegischen Philosophen und Wissenschaftstheoretikers Arne Naess, mit dem er die politische Ethik und die Prinzipien der Philosophie Gandhis erforschte. Diese Arbeit prägt seine Arbeit bis in die Gegenwart.[3] Von 1957 bis 1960 war Galtung als Associate Professor von Paul Lazarsfeld und Robert Merton am Institut für Soziologie der University of Columbia tätig.

Mit Lazarsfeld arbeitete er an der Weiterentwicklung soziologischer Methodologie und mit Merton an den epistemologischen Grundlagen gesellschaftswissenschaftlicher Theoriebildung.[4] Seit 1957 arbeitet Johan Galtung mit einer eigens entwickelten Heuristik – deren Merkmal es ist, penibel aufeinander abgestimmte Analysemethoden der Medizinwissenschaft (Diagnostik, Prognostik, Therapeutik), Mathematik (diskrete und strukturelle Mathematik, Kombinatorik und Stochastik), der Soziologie, der vergleichenden Kulturwissenschaften und der Anthropologie zu verknüpfen –, um Konflikte auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen (Meta, Mega, Makro, Meso, Mikro, Intra – siehe "Systemstruktur") in ihren Ursachen, Triebfedern und Folgen differenziert begreifen und sie besser transformieren zu können. Derart einer ausgeprägten transdisziplinären Forschung verpflichtet, gründete Johan Galtung 1959 das Internationale Friedensforschungsinstitut PRIO in Oslo, das erste seiner Art in Europa. Wichtig: Sowohl Methodik und Forschungsansatz PRIOs haben sich graduell verändert, seit die Finanzierungsgrundlage von PRIO auch staatlich mitgetragen wird. PRIO hat dementsprechend den Akzent von der ursprünglich intendierten und praktizierten Friedensforschung hin zur Sicherheitsforschung verschoben.[5]

Für Journalistik und Kommunikationswissenschaft bedeutsam sind die von ihm 1965 gemeinsam mit Mari Holmboe Ruge herausgearbeiteten Nachrichtenfaktoren sowie die neuerdings mit Jake Lynch erneuerten Methoden des Friedensjournalismus.[6] Für die Politikwissenschaft und Soziologie von Bedeutung sind seine "Theorie der Strukturellen Gewalt", seine "Social Position Theory", seine "Strukturelle Imperialismustheorie" und seine "Multidimensional Social Science Theory", um nur einige zu nennen. Für die Theologie spielt die aus seiner kulturwissenschaftlichen Arbeit stammende Unterscheidung zwischen "harter und weicher Exegese" eine wichtige Rolle für die Konzeption ökumenischer und interreligiöser Dialoge.

„Ich selbst setzte mir jeweils ein Jahrzehnt, um in den folgenden Fächern Fuß zu fassen: Soziologie in den fünfziger Jahren, Politikwissenschaft in den sechziger Jahren, Theologie, Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik in den siebziger Jahren, Geschichte in den achtziger Jahren und Kultur (Anthropologie, Ideengeschichte/Philosophie, Psychoanalyse = individuelle und kollektive Konstruktionen) in den neunziger Jahren.“

Johan Galtung[7]

Galtung war 1973 der erste Friedensforscher, der auf die Carl-von-Ossietzky-Gastprofessur für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Bonn berufen wurde.

Im Jahr 1987 erhielt er den Right Livelihood Award, 1993 den Gandhi-Preis.

Gegenwärtig ist Johan Galtung Rektor der 1992 von ihm gegründeten TRANSCEND International Peace University und Mitglied des TRANSCEND-Netzwerks für Frieden, Entwicklung und Umwelt.[8] Zudem ist er Ehrenpräsident des aus diesem Netzwerk entstandenen Galtung-Institutes für Friedenstheorie und -praxis in Grenzach-Wyhlen (Baden-Württemberg).[9] Die Hauptaufgabe des Netzwerkes liegt in der theoriegeleiteten und lösungsorientierten Konfliktmediation auf der Grundlage von Johan Galtung und befreundeten Sozialwissenschaftlern entwickelten methodologischen und praxeologischen Grundannahmen der Empathie, Gewaltlosigkeit und Kreativität. Eine Reihe von Forschern und Praktikern im deutschsprachigen Raum hat diese von Johan Galtung entwickelte Praxeologie für unterschiedliche Konfliktbearbeitungskontexte erweitert. Etwa Dietrich Fischer, Hajo Schmidt und Lutz Schrader im Rahmen der akademischen Lehre und Wilfried Graf & Gudrun Kramer[10] im Rahmen der Psychotherapie und der Entwicklungszusammenarbeit.

Von 1997 bis 1999 war er Gastprofessor der Ritsumeikan-Universität in Kyoto.[11]

Galtung selbst verwendet seine multidimensionale Transcend-Methode der systematischen Dialogführung in seinen Mediations- und Beratungseinsätzen.[12] In den 50 Jahren zwischen 1957 und 2007 hat er in über 100 Konflikten weltweit unmittelbar und direkt als Vermittler oder Berater gewirkt. So in Dänemark im Falle der Mohammed-Karikaturen, Sri Lanka,Afghanistan, Nordkaukasus und Ecuador. Aus seiner Konfliktbearbeitungsexpertise sind das Handbuch "100 Fallbeispiele und Konfliktanalysen samt Lösungsvorschlägen"[13] sowie ein entsprechender Lehrgang am Galtung-Institut für Friedenstheorie und Friedenspraxis entstanden.

Er war maßgeblich an der Entwicklung des Konzeptes der sozialen Verteidigung beteiligt und prägte die Begriffe

Galtung setzt sich darüber hinaus für eine Demokratisierung der Vereinten Nationen (UN) ein. In zahlreichen Reden und Artikeln hat er sich für die Etablierung eines Weltparlaments ausgesprochen. Er gehört zu den Erstunterzeichnern des internationalen Aufrufs für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen.[15] Galtung ist Beiratsmitglied des 2004 gegründeten Komitees für eine demokratische UNO.[16]

Seit März 2009 engagiert er sich auch für das neu gegründete Russell-Tribunal zu Palästina.

Kritik

Äußerungen zu den USA und Israel und positive Äußerungen gegenüber der Sowjetunion sowie Kuba und Venezuela haben ihm erhebliche Kritik eingebracht. Der in Norwegen lebende rechtsextreme[17] Autor Bruce Bawer, Autor des islamfeindlichen Buchs While Europe Slept: How Radical Islam is Destroying the West from Within, hat Galtung bereits 2007 im City Journal Verteidigung kommunistischer Diktaturen und Antiamerikanismus vorgeworfen, ohne genaue Belege für seine Behauptungen anzugeben.[18]

Im Jahr 2011 erhob der umstrittene norwegische Autor John Færseth nach einem Universitätsvortrag Galtungs zu dem von Anders Behring Breivik angerichteten Massaker vom 22. Juli 2011 den Vorwurf des Antisemitismus:[19] "Galtung steht der Idee, dass die Welt von Juden und Freimaurern kontrolliert werde, gefährlich nahe". Der Streit zwischen Færseth und Galtung wurde in der norwegischen Zeitschrift Humanist fortgesetzt und ist auf deren Website auf Norwegisch nachzulesen.[20] Auf Englisch übersetzt ist er auf der Website Israelwhat.[21] Galtung konstatiert hier unter anderem, dass "sechs jüdische Medienfirmen 96 Prozent aller Medien besitzen".

Für einen Artikel in der israelischen Zeitung Ha'aretz konfrontierte Ofer Aderet Galtung mit seinen Aussagen aus diesem Streit und fragte ihn, ob er tatsächlich glaube, dass Breivik in Verbindung mit dem Mossad gestanden habe.[22] Galtung antwortete, dass dies, solange wir nichts über eventuelle Hintermänner Breiviks wissen, eine zwar unwahrscheinliche, aber zulässige Hypothese und jedenfalls nicht ohne Grund auszuschließen sei. Weiterhin sagte er gegenüber Aderet, auch „Auschwitz“ habe zwei Seiten gehabt: die Grausamkeiten, die durch nichts zu rechtfertigen sind, aber auch die Vorgeschichte, dass dadurch, dass in dem durch „Versailles“ gedemütigten Deutschland Juden Schlüsselstellungen einnahmen, voraussagbar der Antisemitismus gefördert wurde.

Galtung wurde aufgrund seiner Äußerungen von der World Peace Academy in Basel, die in Verbindung mit der Universität Basel steht, vom Studienprogramm Master of Advanced Studies in Peace and Conflict Transformation suspendiert.[23] Der im August 2012 ebenfalls zurückgetretene Direktor der WPA Professor Dietrich Fischer erklärte, dass die Suspendierung Galtungs aufgrund äußeren Drucks erfolgt sei und einen "Eingriff in die akademische Freiheit" darstelle.[24]

Prognostik

1953 sagte er voraus, dass die Wirtschaft der Sowjetunion die des Westens bald übertreffen würde.[25]

1980 hatte er die Vorhersage gewagt, dass vor 1990 die Mauer zusammenbrechen würde und danach das sowjetische Imperium.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sagte er, dass entweder die Grünen oder der Islam das neue Feindbild des Westens würden.

Im Jahr 2000 datierte er den Zusammenbruch des "US-Imperiums" in den Zeitraum von 2020 bis 2025. Aufgrund der beschleunigenden Wirkung der Präsidentschaft von George Bush jr. kürzte er später diese Frist um fünf Jahre ab und prognostizierte das Ende des "US-Imperiums" auf vor 2020.[26]

Siehe auch

Schriften

  • Modelle zum Frieden. Methoden und Ziel der Friedensforschung. Vorwort von Lutz Mez. Jugenddienst, Wuppertal 1972, ISBN 3-7795-7201-X.
  • Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Rororo, Reinbek bei Hamburg 1982, ISBN 3-499-11877-7.
  • Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft. In: Leviathan. 2. Freie Universität Berlin, Berlin 1983, S. 303–338.
  • Der Weg ist das Ziel. Gandhi und die Alternativbewegung. Peter Hammer Verlag, Wuppertal/Lünen 1987, ISBN 3-87294-346-4.
  • Der Preis der Modernisierung. Promedia Verlag, Wien 1997, ISBN 3-85371-123-5.
  • Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Agenda, Münster 1998, ISBN 3-89688-025-X.
  • Frieden mit friedlichen Mitteln. Frieden und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Leske + Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-1864-3.
  • Die Zukunft der Menschenrechte. Verständigung zwischen den Kulturen. Campus, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36043-8.
  • Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren: Diagnose, Prognose, Therapie. Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003, ISBN 3-00-011703-2.
  • Konflikte und Konfliktlösungen. Eine Einführung in die Transcend-Methode. Kai Homilius Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89706-602-1.
  • 50 Years: 100 Peace and Conflict Perspectives. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0439-5.
  • mit Paul Scott: Democracy – Peace – Development. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0460-9.
  • 50 Years: 25 Intellectual Landscapes Explore. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0471-5.
  • mit Graeme MacQueen: Globalizing God: Religion, Spirituality and Peace. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0473-9.
  • The Fall of the US Empire - And Then What? (Peace, Development, Environment, 5)
  • mit Fumiko Nishimura: Von China lernen? VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1978, ISBN 978-3-531-11443-9 (aus dem Engl. übersetzt von Hanne Herkommer).

Literatur

  • Peter Lawler: A question of values. Johan Galtung’ peace research. Rienner, Boulder, Col. 1995, ISBN 1-55587-507-6.
  • Hajo Schmidt, Uwe Trittmann (Hrsg.): Kultur und Konflikt – Dialog mit Johan Galtung. Agenda, Münster 2002, ISBN 3-89688-144-2.

Weblinks

 Commons: Johan Galtung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

  1. Launching Peace Studies
  2. http://www.scribd.com/doc/57380383/23/%C2%84The-future-of-peace-studies#page=99
  3. Johan Galtung:Der Weg ist das Ziel. Gandhi und die Alternativbewegung. Wuppertal/Lünen 1987, S. 8
  4. http://transcend.org/tup/index.php?book=3, 25 intellectual Landscapes explored in 50 years, TUP, 2008. S.10
  5. http://www.prio.no/Research-and-Publications/Programmes/Security/Sources-of-Funding/
  6. http://sydney.edu.au/arts/peace_conflict/research/peace_journalism.shtml
  7. Aus seiner Autobiographie. Galtung, J. (2006): Auf Friedenswegen durch die Welt: Eine autobiographische Reiseskizze. In: Steinkamp, B. (Übers.) Agenda Verlag. S. 105.
  8. http://www.transcend.org
  9. http://www.galtung-institut.de
  10. http://www.iicp.at//
  11. “What to do with the Military?”— A Thinking with Dr. Galtung Workshop. Ritsumeikan-Universität, 16. September 2011, abgerufen am 19. Juli 2012 (englisch).
  12. http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6516580,00.html
  13. http://www.transcend.org/tup/index.php?book=1
  14. Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, 1998, S. 341 ff., 362 ff.
  15. Aufruf zur Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen. Kampagne für die Einrichtung eines Parlaments bei den Vereinten Nationen. Abgerufen am 6. Januar 2009.
  16. Komitee für eine demokratische UNO
  17. http://vepsen.org/2011/11/kaller-venstresiden-quislinger/
  18. Artikel von Bruce Bawer: The Peace Racket. In: City Journal. Sommer 2007, abgerufen am 1. Mai 2012.
  19. Artikel von John Færseth: Galtung leker med ilden. In: Dagbladet. 30. September 2011, abgerufen am 1. Mai 2012.
  20. Artikel von Didrik Søderlind: Noen ord om Johan Galtung. In: humanist.no. April 2012, abgerufen am 1. Mai 2012.
  21. Artikel von McGonegell: Johan Galtung and his anti-Semitic rant in Humanist. In: israelwhat.com. 27. April 2012, abgerufen am 1. Mai 2012.
  22. Artikel von Ofer Aderet: Pioneer of global peace studies hints at link between Norway massacre and Mossad. In: Ha'aretz. 30. April 2012, abgerufen am 1. Mai 2012.
  23. http://www.livenet.ch/magazin/gesellschaft/220804-wegen_antisemitischer_aeusserungen_suspendiert.html (abgerufen am: 13. August 2012).
  24. Renato Beck, Fall Galtung: Haben Uni und Basler Regierung unzulässig Druck ausgeübt?, Tageswoche am 22. August 2012
  25. Bruce Bawer: The Peace Racket. In: City Journal. 2007, abgerufen am 30. August 2012.
  26. Interview von Stefan Valentin: So funktioniert das System. In: junge Welt. 31. März 2006, abgerufen am 5. Januar 2009.


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