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Jeanne Mandello

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Jeanne Mandello (Selbstporträt, um 1948)

Jeanne Mandello (geboren 18. Oktober 1907 als Johanna Mandello in Frankfurt am Main; gestorben 17. Dezember 2001 in Barcelona) war eine deutsche Fotografin, die als jüdische Emigrantin in Paris, Uruguay und Barcelona lebte. Sie gehört zu den Pionierinnen der modernen künstlerischen und experimentellen Fotografie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Leben und Werk

Johanna Mandello wuchs in einer kunstliebenden, säkularen jüdischen Familie in Frankfurt auf. In den 1920er Jahren studierte sie zwei Jahre Fotografie an der Lette-Schule in Berlin und ein Jahr bei Paul Wolff. Ab 1928 fotografierte sie professionell mit einer Leica-Kamera. In Frankfurt eröffnete sie ihr eigenes Fotostudio, in dem sie mit der befreundeten Fotografin Nathalie von Reuter zusammenarbeitete. In einer Zeit, als es für eine Frau schwierig war, als Künstlerin Aufmerksamkeit zu bekommen, öffnete die Fotografie, vor allem die Modefotografie, einen Weg in die Kunstwelt. In der Weimarer Republik war sie mit Grete Stern, Ellen Auerbach, Ilse Bing, Gisèle Freund, Marianne Breslauer und Germaine Krull eine der Pionierinnen der modernen Fotografie. 1932 begann ihre Zusammenarbeit mit ihrem späteren Ehemann, Arno Grünebaum, der unter ihrer Anleitung ebenfalls Fotograf wurde.[1][2]

Exil in Paris

Im Bewusstsein der kommenden Gefahr, die Juden nach der „Machtergreifung“ drohte, verließen Johanna und Arno 1934 Deutschland und begannen in Paris ein neues Leben. Sie etablierten sich als Modefografen für die Modehäuser Balenciaga, Guerlain, Chanel und die Magazine Vogue und Harper’s Bazaar. Sie waren inspiriert von der Avantgarde der Pariser Kunstszene, in der Fotografen wie Man Ray, Brassaï und Doisneau die moderne Fotografie neu definierten. Gelegentlich arbeitete Jeanne Mandello mit dem Fotografen Hermann Landshoff zusammen. Sie experimentierte mit neuen Techniken, ungewöhnlichen Kameraperspektiven, Bildausschnitten, Belichtungen und Fotomontagen. In Paris änderte sie ihren Vornamen Johanna zu dem französischen Jeanne.[1][3]

Flucht nach Uruguay

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs galten Jeanne und Arno Mandello in der Französischen Republik als Enemy Alien. Jeanne wurde nach eigenen Angaben in das Dorf Dognen im Département Pyrénées-Atlantiques geschickt, in der Nähe des Internierungslagers Camp de Gurs, wo sie freiwillig in der Krankenstation aushalf. Sie musste alles hinter sich lassen und verlor ihre Kameraausrüstung. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs entzog ihr das Deutsche Reich am 28. Oktober 1940 die Staatsbürgerschaft. Unter dem Vichy-Regime waren Jeanne und Arno als Juden auch in Frankreich nicht mehr sicher.[4] Jeanne schrieb einem nach Argentinien ausgewanderten Onkel, über den sie ein Einreisevisum für Uruguay, eine Schiffspassage von Bilbao nach Montevideo und Geld bekamen. Mit der Cabo de Buena Esperanza erreichten Jeanne und Arno nach einer vierwöchigen Schiffsreise zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen am 15. Juli 1941 den Hafen von Montevideo. Bei ihrer Ankunft wog Jeanne nur noch 40 Kilo.[1]

Jeannes erste Kamera seit Paris war eine Rolleiflex, die ihr ein Fotograf in Montevideo lieh. Sie verdiente zunächst mit Kinderporträts Geld, die 1943 in ihrer ersten Einzelausstellung Exposición del Niño. Fotografías artísticas de la Señora Jeanne Mandello in Montevideo gezeigt wurden.[5] Mit Arno fotografierte sie auch für uruguayische Touristikmagazine. In Uruguay wurden sie als „los Mandello“ bekannt. Jeanne knüpfte schnell Kontakte mit uruguayischen Künstlern und Intellektuellen, die in Montevideo und Punta del Este lebten, wie der Maler Joaquín Torres García, die Dichter Rafael Alberti und Jules Supervielle, die sie mit ihrer Kamera porträtierte, sowie mit Emigranten aus Europa. In Uruguay wandelte sich Jeannes künstlerischer Stil, sie wurde eine „Foto-Grafikerin“, wie der Journalist J. Hellmuth Freund, ein Exilant aus Berlin, sie 1953 in dem von Susana Soca herausgegebenen Magazin Entregas de la Licorna beschrieb.[6] Sie arbeitete mit Fotogrammen und mit Solarisation, die den Bildmotiven einen schwebenden Ausdruck verlieh. Sie fotografierte sich selbst und andere Frauen, darunter Florence Henri und die Tänzerin Violeta López Lomba, nicht als Objekte des künstlerischen Blicks, sondern stellte sie als starke Frauen, von sich überzeugt und für ihr Schicksal verantwortlich, dar. Die erste große Ausstellung unter dem Titel Mandello mit Arbeiten von Jeanne und Arno fand 1952 im Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro statt.[7]

Barcelona

1953 trennte sich Jeanne von Arno. Er kehrte nach Paris zurück. Jeanne überließ ihm die Fotoausrüstung und das Recht den Markennamen „Mandello“ zu benutzen. Sie ging nach Brasilien, um den Journalisten Lothar Bauer, einen alten Bekannten aus Frankfurt, der in Rio de Janeiro als Reporter für die Frankfurter Zeitung arbeitete, zu heiraten. Ende der 1950er Jahren zog das Paar nach Barcelona, wo Jeanne bis zu ihrem Lebensende als Fotografin arbeitete.[1]

Ausgebildet in Deutschland, geprägt von der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik und des Vorkriegs-Paris, brachte Jeanne Mandello die Geometrie des Bauhaus mit surrealistischen Fantasien und experimentellen Techniken in ihrem Werk, das sie in Südamerika und Spanien schuf, zusammen. Die meisten ihrer frühen Arbeiten sind verschwunden, ihr gemeinsames Atelier mit Arno in Paris wurde von der NS-Dienststelle Westen 1942 geplündert.[1]

Als Fotografin der Weimarer Republik wurde Jeanne Mandello mit zwei Ausstellungen in Barcelona wiederentdeckt: 1995 mit Les dones fotògrafes a la República de Weimar. 1919–1933 und 1997 mit der Einzelausstellung Mandello. Fotografías 1928–1997, eine Gesamtschau ihres Werk. Die Retrospektive Imágenes de una fotógrafa exiliada: Jeanne Mandello (dt.: Bilder einer Fotografin im Exil) in Montevideo 2012 tourte 2013 durch mehrere Städte in Uruguay und Argentinien. Von Juni bis September 2014 zeigt das Museum Folkwang in Essen experimentelle Werke von Jeanne Mandello zusammen mit denen von Helmar Lerski, Hans Finsler und anderen in der Ausstellung Ende eines Zeitalters. Künstlerische Praktiken und Techniken analoger Fotografie.[8]

Jeanne Mandellos lange vergessenes Werk wird heute von ihrer in Barcelona lebenden Tochter Isabel Mandello de Bauer, die sie 1970 nach Lothar Bauers Tod adoptiert hatte, ihrem Neffen James Bauer und der Kuratorin Sandra Nagel auf einer Internetseite mit zahlreichen Abbildungen und Primärquellen einer allgemeinen Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Ausstellungen (Auswahl)

Literatur

  • Mandello no salăo do Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro a partir do dia 16 de Dezembro de 1952 (Ausstellungskatalog)
  • J. Hellmut Freund: Arte foto-gráfica. Alrededor de la producción de Arno y Jeanne Mandello, in: Entregas de la Licorne, Nr. 1–2, Montevideo, November 1953, S. 165–174.
  • Mercedes Valdivieso (Hrsg.): Mandello. Fotografías 1928–1997, Casal de Sarria, Barcelona 1997. Ausstellungskatalog der Retrospektive von Jeanne Mandello; mit einem Vorwort von Ute Eskildsen
  • J. Hellmut Freund: Vor dem Zitronenbaum. Autobiographische Abschweifungen eines Zurückgekehrten. Berlin – Montevideo – Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-10-023303-5, S. 369 f.
  • Imágenes de una fotógrafa exiliada: Jeanne Mandello, Centro Cultural Alliance Française, Montevideo 2012. Einführung: Sandra Nagel (Ausstellungskatalog, pdf).
  • Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich, Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9, Magdeburg 2012, (französisch-deutsch mit englischen und hebräischen Zusammenfassungen), ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 115–149

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Jewish Women’s Archive. Exiled German photographer Jeanne Mandello arrives in Uruguay. Abgerufen am 19. Juli 2014, online.
  2. Jeanne Mandello, About, Part 2: Early Life. Editorial content: Sandra Nagel
  3. Jeanne Mandello, About, Part 3: The 1930s – First Exile in France. Editorial content: Sandra Nagel
  4. Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe, in: Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich (2012), S. 115–132
  5. Jeanne Mandello Exhibitions
  6. J. Hellmut Freund: Arte foto-gráfica. Alrededor de la producción de Arno y Jeanne Mandello, in: Entregas de la Licorne, Montevideo 1953, S. 165–174.
  7. Jeanne Mandello, About, Part 8: Uruguay, Land of Cultural Exchange. Editorial content: Sandra Nagel
  8. Ende eines Zeitalters. Künstlerische Praktiken und Techniken analoger Fotografie, Museum Folkwang, 28. Juni – 28. September 2014.


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