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Jakob Oppenheimer

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Jakob Oppenheimer (geboren 1879; gestorben 3. Juni 1941 in Nizza) war deutscher Unternehmer. Er war Geschäftsführer des Silberwarenhauses Margraf & Co. und Anteilseigner von vier bedeutenden Berliner Kunsthandlungen, deren Bestände 1935 zwangsweise versteigert wurden. Diese Judenauktionen sind einerseits im Rahmen der Arisierung jüdischen Besitzes während der NS-Zeit zu betrachten, andererseits aber auch eine Folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Margraf-Konzerns seit der Weltwirtschaftskrise 1929. Dementsprechend unterschiedlich gestaltet sich der Ausgang der zahlreichen Restitutionsfälle, die die Erben bis in die Gegenwart verfolgen.

Leben

Oppenheimer war Geschäftsführer des 1912 in Berlin von Albert Loeske und seinem Bruder Leo übernommenen und erst im selben Jahr von den Juwelieren Karl Margraf und Georg Strölau gegründeten Silberwarenhauses Margraf & Co. 1924 wurde Albert Loeske alleiniger Gesellschafter. Bis 1934 erwarb Loeske auch die Gemäldegalerien Van Diemen und Dr. Benedict & Co., außerdem das China-Autionshaus Dr. Otto Burchard & Co. sowie die Antiquitätenhandlung Altkunst.[1] Der Gesamtkonzern spielte eine bedeutende Rolle im Berliner Kunsthandel der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Loeske starb 1929 und vermachte seinen Privatbesitz und einige Geschäftsanteile seiner Lebensgefährtin Rosa Beer (1877–1943), während weite Teile seines Unternehmensbesitzes an Jakob Oppenheimer und seine Frau Rosa Oppenheimer-Silberstein (1887–1943) kamen. Deren Schwiegersohn Ivan Bloch wurde 1932 Geschäftsführer des Konzerns.[2] Loeskes Testament wurde angefochten und seine Rechtskräftigkeit wurde erst Anfang 1933 bestätigt. Da keiner der Erben mit Loeske verwandt war, sind hohe Erbschaftssteuern angefallen. Gleichzeitig liefen hohe Kredite bei den jüdischen Hausbankiers Jacquier & Securius in Berlin.

Im April 1933 versuchten die Nationalsozialisten das Ehepaar Oppenheimer zu internieren, allerdings gelang dem Paar die Flucht nach Frankreich. Aufgrund der Ereignisse wurden sie jedoch nicht mehr als Eigentümer der vormaligen Loeske-Geschäftsanteile eingetragen. Vielmehr blieben die Anteile beim Finanzamt Tiergarten, bei dem seit der Weltwirtschaftskrise 1929 eine große Steuerschuld aus Loeskes Unternehmungen offen geblieben war und das 1930 diese Anteile wegen der Erbschaftssteuerforderungen gepfändet hatte. 1933 erhielt auch die Hausbank einen Teil des Warenbestandes der Unternehmen als Pfand.

Zur Verwaltung des Besitzes wurde Bolko von Richthofen, ein Vertrauter Hermann Görings, bestimmt. Schwiegersohn Bloch wurde zur Sanierung des Geschäftsbetriebes zum Verkauf der vier Kunsthandlungen gedrängt, deren Restbestände 1935 bei Paul Graupe in Berlin versteigert wurden. Diese als Judenauktionen bekannt gewordenen Verkäufe brachten zahlreiche bedeutende Kunstwerke aus jüdischem Besitz in die Hände neuer Besitzer. Die Bank hat im Auktionsvertrag mit Graupe und Margraf & Co. festgelegt, dass die Stücke nicht unter 50% des Schätzwertes verkauft werden durften, die Schätzpreise waren handelsüblich „unverbindlich“. Die Auktionen brachten ein Gesamtergebnis von rund 1,5 Mio. RM, wovon rund 800.000 RM Bankschulden beglichen wurden. Über den Verbleib der restlichen Erlöse ist nichts bekannt.

Bis 1937 gelang Bloch die wirtschaftliche Sanierung des Margraf-Kernunternehmens und die Tilgung aller Steuerschulden, wobei die restlichen beim Finanzamt Tiergarten verbliebenen Anteile an die Jüdin Rosa Beer übertragen wurden und damit im Zuge der inzwischen erlassenen Gesetze mit Bezug auf jüdischen Besitz im Zugriff des Staates blieben. 1938 musste auch Ivan Bloch mit seiner Familie unter Zurücklassung seiner gesamten Habe aus Deutschland fliehen.

Jakob Oppenheimer starb 1941 in Nizza, seine Witwe Rosa wurde 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet. Rosa Beer kam 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben. Schwiegersohn Bloch überlebte im Exil.

Restitutionsfälle

Ob die Stücke der Judenauktionen unter Wert verkauft wurden, ist umstritten. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bescheinigt zumindest der Liquidation der Asiatika-Bestände marktübliche Preise und gute Erlöse. Das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen spricht hingegen bei einem Werk von Adriaen van de Velde davon, dass es „weit unter dem üblichen Verkehrswert verschleudert“ worden sei[3] Die Rechtsnachfolger der Galerie Van Diemen wurden jedenfalls 1957 mit 75.000 DM für die Verluste der unter Wert erfolgten Auktionen von 1935 entschädigt.

Ebenso umstritten ist, ob die Verkäufe überhaupt verfolgungsbedingt erfolgten. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg urteilte 2013 im Rahmen eines knapp einjährigen Forschungsprojektes: „Die zeitliche Überschneidung einer durch die Weltwirtschaftskrise verursachten Rezession in Deutschland und der Machtergreifung der Nationalsozialisten, erfordert hier eine differenzierte und sensible Betrachtung. Um die Umstände des Verlustes zu klären, müssen verfolgungsbedingte und verfolgungsunabhängige Eingriffe in die Firmenstruktur von Margraf & Co. sorgsam unterschieden werden.“[4] Das Stadtmuseum Berlin betrachtet die Verkäufe nach zweimonatiger Forschung 2014 unabhängig von der NS-Zeit.[5] Die niederländische Restitutiecommissie weist darauf hin, dass die im Exil lebenden Oppenheimers als rechtmäßige Besitzer der liquidierten Kunsthandlungen keinerlei Erlöse aus den Verkäufen erhielten und stuft zwei der im Jahr 1935 gehandelten Stücke grundsätzlich als Raubkunst ein.[6]

Die Erben von Jakob und Rosa Oppenheimer haben bis in die Gegenwart zahlreiche Restitutionsansprüche auf Kunstwerke aus den Judenauktionen von 1935 geltend gemacht. Die Werke sind inzwischen über die ganze Welt verstreut und befinden sich häufig im Bestand namhafter Museen. Vielen dieser Ansprüche wurde entsprochen, es gab aber auch anteilige Einigungen oder Ablehnung der Ansprüche.

Beispiele:

Die 2010 bei Christie's in London versteigerte Lucretia von Lucas Cranach d. J.
  • zwei Gemälde von Peter Paul Rubens kamen in den 1960er Jahren aus amerikanischem Privatbesitz in den Bestand der Kunsthalle Karlsruhe, gegen die Restitutionsansprüche geltend gemacht wurden. Da die Erben aber bereits 1953 einen Vergleich mit dem damaligen Besitzer der Bilder geschlossen hatten, wurde eine Restitution abgelehnt.[7]
  • fünf Kaminvasen um 1770 im Neuen Palais der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, erworben von der Schlösserverwaltung bei einer der Auktionen von 1935. Im Jahr 2009 wurde eine Einigung mit den Erben erzielt, die Vasen verblieben in Berlin.[8]
  • Doppelbildnis eines jungen Paares, zugeschrieben Pieter de Grebber, kam 1937 in den Besitz des Museum Wiesbaden, wurde 2009 als mögliche Raubkunst erkannt und 2010 an die Erben restituiert.[9]
  • eine Darstellung der Lucretia von Cranach d. J. wurde nach einem gerichtlichen Vergleich der Erben mit dem Besitzer 2010 bei Christie’s in London versteigert und der Erlös von 190.000 Pfund zwischen Erben und Besitzer in einer vor Gericht ausgehandelten Quote aufgeteilt.[10]
  • Herkules-Bronzestatue, 1938 als Stiftung in den Bestand des Rijksmuseum Amsterdam gelangt. Das niederländische Restitutionskommittee empfahl 2011 die Restitution der Statue.[11]
  • zwei Porträts von Giovanni Cariani und Jacopo Tintoretto, die das Hearst Castle Museum 1935 im Berliner Kunsthandel erworben hatte, wurden nach Provenienzrecherchen von 2007 im Jahr 2009 restituiert.[12]
  • ein Frauenbildnis, zugeschrieben Louis Tocque, im Bestand eines französischen Museums, wurde 2014 restituiert.[13]
  • ein Damen-Sekretär um 1770 aus dem Bestand der Fa. Altkunst im Stadtmuseum Berlin wurde 2013 von den Erben zurückgefordert. Das Museum beruft sich auf den Liquidierungsverkauf zur Tilgung von Bank- und Steuerschulden, der im Gegensatz zum Privatbesitz der Vertriebenen nicht vertreibungsbedingt erfolgte, und lehnte 2014 eine Restitution ab.[14]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Angelika Enderlein: Der Berliner Kunsthandel in der Weimarer Republik und im NS-Staat, Berlin 2006, S. 34.
  2. Vgl. Provenienzbericht zu einem Damen-Sekretär ehem. Besitz Fa. Altkunst, Stiftung Stadtmuseum Berlin, http://www.kulturgutverluste.de/de/component/k2/item/294-stiftung-stadtmuseum-berlin
  3. http://www.badv.bund.de/DE/OffeneVermoegensfragen/Provenienzrecherche/Provenienzen/Daten/9000_9999/9322.html
  4. http://www.kulturgutverluste.de/de/component/k2/item/263-museum-fuer-kunst-und-gewerbe-hamburg
  5. http://www.kulturgutverluste.de/de/component/k2/item/294-stiftung-stadtmuseum-berlin
  6. Empfehlung Nr. 1.67, 4. Februar 2008, siehe http://www.restitutiecommissie.nl/en/recommendations/recommendation_167.html
  7. Bernhard Schulz: Beutekunst: Unrecht Gut, in: Der Tagesspiegel vom 1. November 2000.
  8. Jahresbericht Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten, Berlin 2009, S. 17.
  9. http://www.frankfurt-live.com/front_content.php?idcat=182&idart=44483
  10. Christie's, London, 7. Dezember 2010, Old Masters & 19th Century Art (Evening Sale), Lot 5
  11. http://www.lostart.de/Content/02_Aktuelles/2011/11-07-22%20%20The%20Hauge.html
  12. Alastair Jamieson: Renaissance art works taken by Nazis handed back to Jewish family by Arnold Schwarzenegger, in: The Telegraph, 12. April 2009
  13. http://www.thejewishweek.com/news/international/france-return-nazi-looted-art-monuments-men-hits-french-screens
  14. http://www.kulturgutverluste.de/de/component/k2/item/294-stiftung-stadtmuseum-berlin


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