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Jüdischer Friedhof (Bad Kissingen)

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Blick auf den Friedhof
Ältester Teil des Friedhofes
Blick auf den Friedhof
Grab des Soldaten Jacob Michaelis
Das Taharahaus in Bad Kissingen
Architektenzeichnung zum Bau des Taharahauses (1891)
Grab des Vorbeters Josef Weissler

Der jüdische Friedhof in Bad Kissingen, einer Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken, besteht seit 1817 und liegt an der heutigen Bergmannstraße unweit des Ostringes.[1]

Geschichte

Vor der Judenemanzipation (siehe: Bayerisches Judenedikt von 1813) wurden jüdische Einwohner der Kurstadt auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen (Pfaffenhausen ist heute Ortsteil von Hammelburg) beigesetzt. Erst 1817 wurde von der Jüdische Gemeinde Bad Kissingen am damaligen Zückberg ein Gelände zur Anlage eines Friedhofes erworben. Im Jahr 1821 ordnete die Regierung des Untermainkreises die Zahlung einer jährlichen Grundsteuer in Höhe von 45 Kreuzern an. Seit der Erweiterung von 1932 umfasst der Friedhof, der an einem leichten Hang in West-Ost-Richtung angelegt und über eine durchgängige Steintreppe begehbar ist, eine Fläche von 38,92 Ar.

Taharahaus

Aufgrund der wachsenden Zahl jüdischer Gemeindemitglieder - in den Jahren 1824 bis 1925 wuchs die Gemeinde von 163 auf 504 Personen - wurde es notwendig, eine Leichenhalle zu bauen. Dieses Taharahaus für rituelle Leichenwaschungen wurde 1891 im Rahmen einer Friedhofserweiterung von Baumeister Gillich im neoromanischen Stil erbaut und besteht mit seinen drei großen Steinbögen im Eingangsbereich noch heute. Darin waren ein Wächter-, Bet-, Wasch-, Leichen-, Utensilien- und Sektionsraum untergebracht. Das Haus wurde aus rotem Ziegel mit Gliederungselementen aus gelbem Sandstein gebaut. Sein Mittelrisalit ist auf das Gräberfeld ausgerichtet. Eine Freitreppe führt zu dessen dreifacher Arkade, deren profilierte Bögen auf dorisch-toskanischen Säulen ruhen. Ein rustizierter Sockel umzieht das Gebäude.[2]

Friedhofsschändungen

In den Jahren 1925 und 1936 wurde der Friedhof das Ziel von Schändungen, indem Grabsteine umgeworfen und Fensterscheiben am Taharahaus eingeworfen wurden. In beiden Fällen blieb die Fahndung nach den Tätern ebenso erfolglos, obwohl im Fall von 1936 das Kissinger Bezirksamt von der Bayerischen Bereitschaftspolizei angewiesen wurde, mit Hochdruck nach den Tätern zu fahnden und zukünftige Vorfälle dieser Art zu unterbinden.

Im Zuge der Ereignisse der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden am Nachmittag des 10. November 1938 einige im Bad Kissinger Amtsgerichtsgefängnis inhaftierte Juden aneinandergekettet durch die Stadt zum Friedhof getrieben und dort an einer „bezeichneten Stelle“ zum Graben gezwungen, da man dort seit „einiger Zeit verschiedenes, belastendes Material“ vermutete. Stattdessen wurden dort einige jüdische Ritualien gefunden und zur Sichtung in den Luftschutzkeller des Kreishauses gebracht.[3]

1941 fand das letzte Begräbnis in der Zeit des Nationalsozialismus statt. Nach der Deportation der letzten Juden aus der Kurstadt am 24. April 1942 wurde der Friedhof geschlossen. Stattdessen wurden 20 russische Kriegsgefangener im Taharahaus untergebracht, die im nahen Bahnhof die Züge zu be- und entladen hatten. Der Friedhof überstand den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich weitestgehend unversehrt. Bald nach dem Krieg ließ sich 1946 wieder ein Jude hier beisetzen. Die vorerst letzte Beerdigung fand am 29. November 1989 statt. Heute gibt es noch 488 Grabsteine (Mazewot), darunter auch Kriegsgräber von preußischen wie bayerischen Soldaten jüdischen Glaubens aus der Schlacht bei Kissingen an 10. Juli 1866. Hinter dem Taharahaus gibt es ein einzelnes Urnengrab. Da das traditionelle Judentum generell gegen die Feuerbestattung ist, musste die Urne abseits der anderen Grabstätten beigesetzt werden.

Anfang Mai 1994 wurde der Friedhof durch zwei 14 und 16 Jahre alte Schüler geschändet, die einzelne Grabsteine mit Farbe beschmierten und mit Nazi-Symbolen besprühten. Die Täter konnten ermittelt werden und wurden nicht nur zur Bezahlung des angerichteten Schadens in Höhe von 3500 DM, sondern auch zur Ableistung von 20 bzw. 60 Arbeitsstunden verurteilt.

Heutiger Zustand

Da es in Bad Kissingen heute keine jüdische Gemeinde mehr gibt, keine Beisetzungen durchgeführt werden und der Friedhof nur ehrenamtlich betreut wird, ist dessen Zustand beklagenswert. Teilweise sind die Inschriften auf den Grabsteinen durch Verwitterung nicht mehr lesbar.

Architektur

Die Grabsteine, von denen die meisten um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert von Bildhauer Valentin Weidner geschaffen wurden, sind in der Mehrheit dem Stil christlicher Gräber nachempfunden.[4]

Auf dem Friedhof bestattete Persönlichkeiten

Literatur

  • Gerhard Wulz: Die Friedhöfe in Bad Kissingen, in: Thomas Ahnert, Peter Weidisch (Hrsg.): 1200 Jahre Bad Kissingen, 801-2001, Facetten einer Stadtgeschichte. Festschrift zum Jubiläumsjahr und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung. Sonderpublikation des Stadtarchivs Bad Kissingen. Verlag T. A. Schachenmayer, Bad Kissingen 2001. ISBN 3-929278-16-2
  • Bergmannstraße, Jüdischer Friedhof, Aussegnungshalle, spätklassizistisch, 1891., in: Denis A. Chevalley, Stefan Gerlach: Denkmäler in Bayern - Stadt Bad Kissingen. ISBN 3-87490-577-2
  • Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Der jüdische Friedhof, in: Jüdisches Leben in Bad Kissingen. Herausgegeben von der Stadt Bad Kissingen, Bad Kissingen 1. Auflage: 1990, S. 26
  • Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Schändung des jüdisches Friedhofs, in: Jüdisches Leben in Bad Kissingen. Herausgegeben von der Stadt Bad Kissingen, Bad Kissingen 1. Auflage: 1990, S. 118
  • Lothar Mayer: Jüdische Friedhöfe in Unterfranken. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 116−119, ISBN 978-3-86568-071-6 (mit vielen Fotos)
  • W. G. Sebald: Die Ausgewanderten. Eichborn, Frankfurt am Main 2001, S. 332ff. ISBN 3-8218-4714-X (mit vielen Fotos)

Weblinks

 Commons: Jüdischer Friedhof Bad Kissingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Falsch ist die Aussage, der Friedhof sei bereits 1801 angelegt worden, wie z.B. hier.
  2. Ulrich Knufinke: Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Verlag M. Imhof, 2007, ISBN 3865682065 bzw. ISBN 9783865682062, Seite 213 (Auszug)
  3. Hans-Jürgen Beck, Rudolf Walter: Jüdisches Leben in Bad Kissingen. Herausgegeben von der Stadt Bad Kissingen, Bad Kissingen 1. Auflage: 1990, S. 128
  4. Werner Eberth: Valentin Weidner, In: „Kissinger Hefte“, Band 1, Theresienbrunnen-Verlag, Bad Kissingen 1992, S. 34–36
50.19310810.082348
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