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Judentum und Islam

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Anfänge

Der Islam wurde im frühen 7. Jahrhundert durch Mohammed auf der arabischen Halbinsel gegründet. Schon Jahrhunderte zuvor waren zahlreiche jüdische Gemeinden über Arabien verstreut, so dass schon zu dieser Zeit verschiedene Ausformungen des Judentums der sesshaften Bevölkerung und auch den beduinischen Stämmen bekannt waren. Besonders verbreitet war das Judentum in Südarabien, wo jüdische Gruppen und Proselyten häufig anzutreffen waren. Altsüdarabische Inschriften, die zum Teil erst in den 1950er Jahren entdeckt wurden, bezeugen die Berichte von vor-islamischen christlichen Schriftstellern über jüdische missioniarische Aktivitäten und Christenverfolgungen, besonders in Nadschran unter Yusuf Dhu Nuwas, den (konvertierten) jüdischen König von Himjar. Der Gottesname Rahman („Barmherziger“), ohne zusätzliches Attribut, taucht in diesen Inschriften mehrmals auf und deutet auf jüdische Herkunft hin.

In den Jahren, die Mohammed in Yathrib verbrachte, kam er mit den jüdischen Stämmen, die in den Oasen dieser Gegend lebten, auf zahlreiche positive und negative Weisen in Kontakt, was zweifellos die von ihm verkündete strikte Form des Monotheismus und die Ablehnung des christlichen Glaubensgrundsatzes von Jesus als Sohn Gottes gefördert hat. Obwohl die meisten Erzählungen der Bibel im Koran zu finden sind und die rechtlich bindende Form des Islam auf Vorschriften beruht, die in der Bibel und im Talmud festgelegt wurden, kann der genuin arabische Charakter des Koran nicht genug betont werden, da der Islam durch Mohammed begründet und verbreitet wurde. Die meisten eschatologischen Vorstellungen beruhen ebenfalls auf der gemeinsamen jüdisch-christlichen Überlieferung, auch wenn sie von christlichen Mönchen übertragen wurden. In einem Hadith soll Mohammeds Frau Aischa die Überlieferung von der Bestrafung im Grab von zwei alten Frauen in Medina gehört haben. Nachdem Jerusalem als der Ort des Jüngsten Gerichts akzeptiert wurde, wurden diesen Glaubensvorstellungen weitere jüdische Elemente hinzugefügt.

Viele Erzählungen aus den Qisas al-Anbiya, den „Prophetenlegenden“, gehen zurück auf Kab al-Ahbar, einen Islamkonvertiten jüdischer Herkunft, der den Kalifen Omar auf seiner Reise nach Jerusalem begleitete, oder auch auf Wahb ibn Munabbih, ebenfalls einen Konvertiten oder Sohn eines jüdischen Konvertiten. Die Hadith-Literatur, einschließlich der Legenden, zeigt eine erstaunliche Kenntnis von Halacha und Aggada, wie sie in Talmud und Midraschim niedergelegt sind. Wie im Judentum gab es zunächst auch im Islam Widerstand gegen die Niederschrift der Aussagen und Lehrsprüche, die durch die Überlieferungskette Isnad übermittelt wurden. Der Kalif Omar missbilligte die schriftliche Fixierung der Sunna mit den Worten: Wollt ihr eine (schriftliche) „mathnat“ wie die „mathnat“ (aram. für Mischna) der Juden?

Historische Entwicklung

Mittelalter

Im Mittelalter lebte der größere und aktivere Teil des jüdischen Volkes zumeist im islamischen Herrschaftsbereich. Im christlichen Europa bildeten die Juden eine relativ unwichtige Minderheit. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, spielte sich alles, was im jüdischen Leben kreativ und bedeutsam war, in islamischen Ländern ab. Die europäischen Gemeinden befanden sich in einer Art kultureller Abhängigkeit von den Juden in der weitaus fortschrittlicheren, geistig höher entwickelten islamischen Welt, die vom islamischen Spanien im Westen bis nach Irak, Persien und Zentralasien reichte.

Im Spätmittelalter - chronologisch lässt sich das nicht genau festlegen - fand eine große Veränderung statt. Die Anzahl der Juden unter islamischer Herrschaft verringerte sich, relativ wie absolut, und der Schwerpunkt der jüdischen Welt verlagerte sich vom islamischen auf den christlichen Bereich.

Professor Goitein schätzt den Anteil der Juden in islamischen Ländern im Mittelalter auf etwa ein Prozent, wobei die Juden als vorwiegend urbanisiertes Volk in den Städten erheblich stärker vertreten waren als auf dem Land, wo sich ihre Anzahl ständig verringerte.[1]. Als Dhimmi ("Schutzbefohlene") waren sie zur Abgabe einer Sondersteuer (Dschizya) verpflichtet und zum Teil auch besonderen Kleidervorschriften (Judenring, gelber Gürtel u.ä.) unterworfen. Im islamischen Herrschaftsbereich waren die Juden jedoch niemals dem Vorwurf des Gottesmordes ausgesetzt. Da sich demzufolge auch keine Ritualmordlegende entwickeln konnte, hatten sie viel weniger unter religiös motivierten Verfolgungen zu leiden als Juden unter christlicher Herrschaft.

Eine eingehende Beschäftigung mit dem Islam findet sich beim Philosophen Maimonides, sowohl aus halachischer als auch aus rein theologischer Sicht. Ohne selbst ein Vertreter religiöser Toleranz im Sinne der Aufklärung zu sein, erläutert Maimonides in einem Brief an einen Proselyten namens Obadia, der vom Islam zum Judentum übergetreten war, die Natur des Islams:

Die Ismaeliten sind keineswegs Götzendiener; (Götzendienerei) ist schon seit langem fern von ihren Mündern und Herzen; und sie schreiben Gott eine eigentliche Einheit zu, eine Einheit, bezüglich der es keinen Zweifel gibt. Und weil sie über uns lügen und uns fälschlicherweise die Aussage zuschreiben, dass Gott einen Sohn habe, ist dies kein Grund für uns, über sie zu lügen und zu sagen, sie seien Götzendiener.[2]

Auch gegen den Vorwurf, die Kaaba in Mekka sei ein Zentrum der Götzendienerei und beherberge ein Idol, das von den Vorfahren Mohammeds angebetet worden sei, wendet sich Maimonides und erklärt: "Die Herzen derjenigen, die sich heute davor verneigen, sind zum Himmel hin gerichtet."

Hingegen gibt es in Maimonides' System einen Punkt, in dem das Christentum dem Islam überlegen ist. Nach dem Talmud ist es verboten, Heiden in der Thora zu unterrichten. Maimonides bestätigt dieses Verbot, legt jedoch für Christen eine Ausnahme von dieser Regelung fest, weil sie an denselben biblischen Text wie die Juden glauben. Muslime hingegen akzeptieren nicht die göttliche Herkunft der Fünf Bücher Moses, und deshalb ist ihre Unterweisung in der Thora nicht zulässig.

Seit Abraham Geiger 1833 seine Dissertation "Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen?" veröffentlichte, wurde die erkennbare jüdische Komponente in der islamischen Kultur zu einem bevorzugten Thema in der jüdischen geisteswissenschaftlichen Forschung.[3]

Seit dem 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert, im Zeichen des europäischen Kolonialismus, entwickelte sich eine neue, komplizierte Wechselbeziehung zwischen dem Westen, der islamischen Welt und den Juden. In dieser Zeit verschlechterte sich die Lage der Juden in Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit dramatisch. Ein bekanntes Beispiel für diese Entwicklung ist die Damaskusaffäre von 1840. Dabei wurden acht angesehene Juden aus Damaskus fälschlich angeklagt, einen christlichen Mönch ermordet zu haben. Einige der Angeklagten starben im Gefängnis unter der Folter, und ein weiterer wurde gezwungen, zum Islam überzutreten. Zudem plünderte der muslimische Mob die Synagoge von Dschobar, einer Vorstadt von Damaskus, und zerstörte die dortigen Thorarollen.

Mit dem Décret Crémieux von 1870, veranlasst vom französischen Parlamentsmitglied Adolphe Crémieux, erhielten etwa 35'000 Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft, während die muslimischen Bewohner des Landes Bürger zweiter Klasse blieben. Im Verlauf der algerischen Unabhängigkeitsbewegung verließen die meisten Juden das Land. Viele unter ihnen zogen nach Frankreich, darunter zum Beispiel der Sänger Enrico Macias im Jahr 1961.

Den bedeutendsten Einfluss auf das Leben der Juden in der islamischen Welt in der Zeit hatte jedoch die Gründung des Staates Israel, die Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre zu einer Massenauswanderung führte, wobei sich die Attraktivität eines neu gegründeten jüdischen Staates und in Reaktion darauf die Repressions- und Vertreibungsmassnahmen in den einstigen Herkunftsländern die Waage hielten. Bis in die 1980er Jahre blieben von 300'000 Juden in Marokko etwas über 18'000, von 55'000 Juden im Jemen knapp 1000. In den drei großen Gemeinden in Algerien, im Irak und in Ägypten, die auf 135'000, 125'000 und 75'000 geschätzt wurden, leben jeweils nur noch ein paar hundert betagte Menschen. [4]

Gegenseitige kulturelle Abhängigkeit

Nicht in allen Fällen kann eine klare Abhängigkeit der islamischen Lehren und Methoden vom Judentum postuliert werden. Die fundamentale Ähnlichkeit von Judentum und Islam, die beide auf religiösen Gesetzen beruhen, die sich in Prinzipien, Methoden und der jeweiligen Rechtsauffassung niedergeschlagen haben, führte in späteren Jahrhunderten zu parallelen Entwicklungen. Die Geonim, die Leiter der zwei berühmten talmudischen Akademien von Sura und Pumbedita, erhielten unzählige Fragen über das Verhalten in rechtlichen und sozialen Angelegenheiten; Zehntausende ihrer Responsen sind erhalten geblieben. Dieselbe Praxis herrschte bei den muslimischen Muftis, einer Kategorie von Juristen, bei denen jeder Muslim eine Fatwa, ein rechtliches Urteil basierend auf dem religiösen Gesetz, erbitten konnte. Sowohl Fatwa als auch Responsen besaßen rechtlich bindende Kraft. Es ist schwierig zu entscheiden, ob die Entwicklung dieser Rechtsliteratur in beiden Religionen unabhängig oder infolge gegenseitiger Beeinflussung erfolgte.

Die islamische Kultur, die das Erbe der alten Griechen und des Hellenismus aufgenommen hatte, beeinflusste einige Aspekte der jüdischen Gedankenwelt und Wissenschaft nachhaltig. Nachdem die griechische und jüdische Kultur jahrhundertelang getrennt voneinander existiert hatten, kehrten die Werke der griechischen Philosophen und Naturwissenschaftler in den Gesichtskreis jüdischer Denker und Gelehrten durch arabische Übersetzungen (zum Teil aus früheren Übersetzungen in syrischer Sprache) zurück. Auf diese Weise lernten Saadia Gaon, Ibn Gabirol und Maimonides die Werke von Aristoteles, Platon und des Neuplatonismus kennen.

Einzelnachweise

  1. S.D. Goitein: "Jewish Society and Institutions under Islam", in: Journal of World History II, 1968
  2. Islam and the halakhah (engl.)
  3. Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. C.H. Beck, München 1987. S. 67-68
  4. Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. C.H. Beck, München 1987. S. 170

Literatur (Auswahl)


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