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Impliziter Leser

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Der Begriff des impliziten Lesers, der als grundlegendes wirkungs- bzw. rezeptionsästhetisches Konzept seit den 1970er Jahren vor allem von Wolfgang Iser geprägt wurde[1], bezeichnet in der Literaturwissenschaft sowie Literaturtheorie die im Akt des Lesens zu realisierende „Leserrolle“ eines literarischen Textes, d.h. den vom Autor beim Verfassen des Textes textual mitgedachten und miteinbezogenen Leser in seiner Rolle als solcher. Der Terminus bezieht sich in dieser Hinsicht auf die Gesamtheit aller in der Struktur eines Textes (Leerstellen) angelegten gedanklichen Operationen, die für eine angemessene Rezeption des Werks erforderlich ist.[2]

Der implizite Leser stellt literaturtheoretisch das konzeptuelle Komplement bzw. Pendant zu dem von W.C. Booth 1961 eingeführten Konstrukt des impliziten Autors (implied author) dar[3].

Das Konzept des impliziten Lesers wird in strikter Parallelität zum impliziten Autor begrifflich sowohl vom realen empirischen Leser als auch von der im Text markierten Perspektive der Leserfiktion (fiktiver Leser) abgegrenzt. Als rezeptionsbezogenes Äquivalent zum impliziten Autor postuliert der Begriff eine als personalisiert vorgestellte eigene Kommunikationsebene zwischen diesen Leserinstanzen und begründet im Kommunikationsmodell narrativer Texte damit eine nach unterschiedlichen semiotischen Niveaus differenzierte weitere Ebene.[4].

Die Figuren im Umkreis des Erzählers in Paludes (Gide 1895) können als Beispiele für implizite Leser betrachtet werden.

In der jüngeren literaturtheoretischen Diskussion wird das Konzept des impliziten Lesers teilweise aus narratologischer Perspektive stark in Zweifel gezogen. Die Kritiker monieren insbesondere den zu Widersprüchen führenden Status dieses eine personalisierte Instanz suggerierenden Konzeptes, das ohne Bindung an einen realen oder fiktiven Adressaten (fiktiven Leser) als Empfängerinstanz im Grunde nicht unterscheidbar sei. So plädiert beispielsweise A. Nünning dafür, zur Vermeidung von Paradoxien auf dieses Konzept zu verzichten, gleichzeitig jedoch die theoretisch durchaus relevanten Funktionen auf das rein virtuelle System einer Gesamtstruktur des Textes zu übertragen als einer im Sinne von L. Althussers Strukturbegriff abwesenden Ursache.[5]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Der Begriff wurde von W. Iser in Die Appellstruktur der Texte 1970 umrissen, danach in verschiedenen Einzelanalysen englischsprachiger Romane historisch ausdifferenziert und in Der Akt des Lesens (1976) als zentrales Konzept seiner Rezeptionsästhetik theoretisch detailliert begründet.
  2. Vgl.Meinhard Winkgens: Leser, impliziter. In: In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 145f., und Heike Gfrereis (Hrsg.): Leser. In: Heike Gfrereis (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 1999, ISBN 978-3-476-10320-8, S. 111.
  3. Vgl.Meinhard Winkgens: Leser, impliziter. In: In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 145.
  4. Vgl.Meinhard Winkgens: Leser, impliziter. In: In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 146.
  5. Vgl.Meinhard Winkgens: Leser, impliziter. In: In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-10347-1, S. 146.


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