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Hugo Münsterberg

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Hugo Münsterberg

Hugo Münsterberg (geb. 1. Juni 1863 in Danzig; gest. 16. Dezember 1916 in Cambridge, Massachusetts) war ein deutsch-amerikanischer Psychologe und Philosoph. Zusammen mit William Stern, Walter Dill Scott und Jean-Maurice Lahy war er einer der Gründer der Angewandten Psychologie und zählt zu den frühesten Filmtheoretikern.

Leben

Münsterberg studierte Philosophie, Psychologie und Medizin, promovierte 1885 bei Wilhelm Wundt an der Universität Leipzig zum Dr. phil. (Titel: Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwicklung, Anwendung und Bedeutung) und 1887 zum Dr. med. an der Universität Heidelberg. Im gleichen Jahr habilitierte er sich an der Universität Freiburg. Von 1888 bis 1892 war er dort Privatdozent und baute ein psychologisches Laboratorium auf. Münsterbergs vielseitige empirische Interessen und seine Lehrtätigkeit zogen eine wachsende Anzahl von Studenten an, darunter nicht wenige aus den USA. Durch die Vermittlung von William James wurde Münsterberg, seit 1892 außerordentlicher Professor (Extraordinarius) für Philosophie in Freiburg, zu einer Gastprofessur an der Harvard University in Boston 1892-1894 eingeladen. Nach einem Zwischenspiel 1895–1897 in Freiburg, wo man ihn nicht durch das Angebot eines Ordinariats halten wollte oder konnte, folgte Münsterberg endgültig dem Ruf nach Harvard, um dem Wunsch James entsprechend, die experimentelle Psychologie aufzubauen. Seine Geräte aus der Freiburger Laborausstattung gelangten zum Teil an James Sully, University College London, z.T. wurden sie in Freiburg weitergenutzt. Sie haben die Kriegsjahre nicht überstanden. Seit 1897 war Münsterberg Professor für Psychologie in Boston und seit 1905 Direktor des Psychologischen Laboratoriums. Bereits 1898 wurde er zum Präsidenten der American Psychological Association gewählt. Er hielt sich 1910–1911 noch einmal in Deutschland auf, als Austauschprofessor an der Universität Berlin. Münsterberg versuchte, die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu stärken und war ein Mitbegründer und erster Direktor des Amerika-Instituts in Berlin (1910/11). Als Patriot litt er sehr unter der amerikanischen Sicht auf Deutschland während des Ersten Weltkriegs. 1916 starb er mitten in einer Vorlesung.

Werk

Münsterberg in Freiburg

Münsterberg war nur wenige Jahre in Freiburg, entfaltete jedoch eine sehr kreative und wirkungsvolle Tätigkeit. Schon vor Münsterberg hatten Wilhelm Windelband und Alois Riehl Vorlesungen über Psychologie und Psychophysik gehalten. Doch erst mit der Habilitation von Hugo Münsterberg wurde der Übergang zur empirischen Psychologie vollzogen. Nun gab es "Experimentalpsychologische Arbeiten" für Anfänger und für Fortgeschrittene, Vorlesungen über "Allgemeine Psychologie", "Psychologie mit Einschluss der Socialpsychologie", "Hypnotismus". In seiner Wohnung richtete Münsterberg das "Psychophysische Laboratorium" ein und erhielt dafür ab 1889 einen Zuschuss des Ministeriums von 200 Mark jährlich. Wird diese etatähnliche Zuwendung als Kriterium der Institutionalisierung angesehen, dann ist Münsterbergs Psychophysisches Labor in Deutschland die vierte Labor-Gründung im allmählich entstehenden Fach Psychologie. Neben seinen Laborexperimenten über Wahrnehmung und Motorik begann Münsterberg Freiburger Schüler zu untersuchen und Unterschiede elementarer Fähigkeitsunterschiede zu messen. Weit vorauseilend war sein 1891 geschriebener Appell in seiner Schrift Aufgaben und Methoden der Psychologie: "Diese Forderung ist die, dass kein Mediciner oder Jurist, kein Theologe oder Pädagoge von der Universität in den Beruf übertreten darf, ohne in gründlicher, von der Philosophie unabhängiger Prüfung seine Kenntnis der psychologischen Erscheinungen erwiesen zu haben." (1891, S. 272).

Münsterberg an der Harvard University

Münsterberg richtete ein großes und reichhaltig ausgestattetes Labor für experimentelle Psychologie nach dem Vorbild Wilhelm Wundts ein. In diese Zeit fällt eine Entdeckung, die mit seinem Namen verbunden ist. Die sog. Münsterberg-Illusion ist eine spezielle optische Täuschung, die beim Betrachten eines bestimmten Gittermusters entsteht. Mit der Einrichtung des Labors hatte er den Wunsch von William James erfüllt, der sich anderen psychologischen und philosophischen Gebieten zuwandte. Nach dieser Aufbauphase wandelten sich jedoch auch Münsterbergs Interessen. Statt mit der experimentellen Grundlagenforschung befasste er sich zunehmend mit den Anwendungsmöglichkeiten der Psychologie, die in Wundts Leipziger Institut noch kaum eine Rolle spielten. Er übernahm dafür den von William Stern geprägten Begriff Psychotechnik. Während Stern jedoch vorrangig an pädagogische und therapeutische Einwirkungen dachte, meint Münsterberg einen Oberbegriff für die gesamte Angewandte Psychologie: „Die Psychotechnik ist die Wissenschaft von der praktischen Abwendung der Psychologie im Dienste der Kulturaufgaben.“ (1914, S. 1), So begründete er mit seinem Buch Psychologie und Wirtschaftsleben (1912) die Arbeitspsychologie und Organisationspsychologie. Darin behandelt er das berufliche Lernen, die Personalauswahl und die Berufsberatung. Er entwickelte erste Berufseignungstests etwa für Straßenbahnfahrer und Telefonistinnen und griff in seinen arbeitspsychologischen Forschungen auch das Ranschburg-Phänomen auf, um die Auswirkungen der Monotonie am Arbeitsplatz zu untersuchen. Auch andere angewandte Bereiche wie die Werbepsychologie und die Pädagogische Psychologie interessierten ihn. In der Psychotherapie befasste er sich mit der Suggestion und Hypnose. Im Bereich der Rechtspsychologie entwickelte er Kriterien für die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und regte die Entwicklung des sog. Lügendetektors an, der aufgrund der gemessenen physiologischen Auswirkungen u.a. auf Puls, Atmung, Blutdruck, dazu beitragen soll, wahre von unwahren Aussagen zu unterscheiden. Seine Untersuchungen zur Psychologie des Films (The Photoplay (1916)) enthalten die erste Theorie dieses neuen Mediums.

Münsterbergs philosophische Interessen richteten sich auf die allgemeine Erkenntnistheorie, u. a. die Beziehungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, und auf die philosophische Ableitung und Begründung von Werten bzw. allgemeiner Sittlichkeit. Seine Philosophie der Werte knüpfte unmittelbar an Fichte an.

Münsterbergs Engagement für die Praxis der Psychologie war mit vielen Reisen und mit Öffentlichkeit verbunden, die auch Kritik an diesem Vordringen psychologischer Ideen bzw. den nicht ohne weiteres überzeugenden Anwendungen enthielt. Andererseits genoss Münsterberg zumindest in einem Teil der Fachwelt und Öffentlichkeit hohes Ansehen. Er wurde wiederholt ins Weiße Haus eingeladen bis dann der Beginn des 1. Weltkriegs zu einem Meinungsumschwung und zu politische Kontroversen führte.

Rückblickend gilt Hugo Münsterberg als der große Pionier der angewandten Psychologie. Seit 1981 verleiht der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen die Hugo-Münsterberg-Medaille für die besonderen Verdienste um die Angewandte Psychologie.

Schriften

Reprints

Literatur

  • Ekkehart Frieling, Karlheinz Sonntag: Lehrbuch Arbeitspsychologie. Huber, Bern (2.Aufl.) 1999 (S. 27). ISBN 3-456-82932-9
  • Margaret Münsterberg: Hugo Münsterberg. His Life and Work. Appleton, New York 1922.
  • Matthew Hale: Human Science and Social Order. Hugo Münsterberg and the Origins of Applied Psychology. Temple University Press, Philadelphia 1980.
  • Helmut E. Lück, Wolfgang W. Bringmann: Hugo Münsterberg. In Helmut E. Lück; Rudolf Miller (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Psychologie. Beltz, Weinheim 2005 (3.Aufl.). ISBN 3-407-85893-0
  • Jörg Schweinitz (Hrsg.) Hugo Münsterberg. Das Lichtspiel: eine psychologische Studie (1916) und andere Schriften zum Kino. SYNEMA, Wien 1996. ISBN 3-901644-00-8
  • Jochen Fahrenberg, Reiner Stegie: Beziehungen zwischen Philosophie und Psychologie an der Freiburger Universität: Zur Geschichte des Psychologischen Laboratoriums/Instituts. In: Jürgen Jahnke, Jochen Fahrenberg, Reiner Stegie, Eberhard Bauer (Hrsg.). Psychologiegeschichte - Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebieten. München: Profil-Verlag, München 1989, S. 251-266. ISBN 3-89019-461-3
  • Jochen Fahrenberg: Vom Psychophysischen Labor zum Psychologischen Institut. In: Eckhard Wirbelauer (Hrsg.). Die Freiburger Philosophische Fakultät 1920 – 1960. Freiburger Beiträge zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Freiburg: Verlag Karl Alber, Freiburg 2006, S. 468-476. ISBN 3-495-49604-1
  • Jutta Spillmann, Lothar Spillmann: The Rise and Fall of Hugo Munsterberg. (1993) Journal of the History of the Behavioral Sciences, Vol. 29, 1993, S. 322-338.
  • Samuel Alexander: Dr. Münsterberg and his critics. Mind (N. S.): 1(1892)2, 251 - 264; 1(1892)3, 397 - 400

Weblinks


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