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Holocaustliteratur

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Der Begriff Holocaustliteratur bezeichnet eine Gattung der Literatur und umfasst – nach einem an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen entwickelten Modell – eine Vielfalt von Textsorten, die die klassischen Gattungsgrenzen zwischen Epik, Lyrik und Drama überschreitet. Gemeinsam ist allen der thematische und inhaltliche Bezug zum Holocaust. Die Bezeichnung ist jedoch nicht unumstritten.

Begriffsklärung

Der Begriff Holocaustliteratur hat sich aus dem Amerikanischen kommend etabliert. Er umfasst nach dem erwähnten Gießener Modell alle literarischen Texte über den Holocaust, sowohl „authentische“, das heißt von Überlebenden verfasste Schriften, als auch fiktionale Texte. Die Verbindung des Autors zum Geschehen, sein Status als unmittelbar Beteiligter (Täter oder Opfer) oder Unbeteiligter (zum Beispiel als Angehöriger der nachfolgenden Generationen) an den Geschehnissen des Holocaust, spielt eine zentrale Rolle bei der Beurteilung der einzelnen Texte, doch ist diese Verbindung kein exklusives Kriterium für die Zugehörigkeit seines Textes zum Genre der Holocaustliteratur.

Zur Gattung Holocaustliteratur zählen also neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Memoiren und Erinnerungen, die nach den Ereignissen von Betroffenen verfasst wurden, wie auch fiktionale Bearbeitungen aller Gattungen (Romane, Gedichte, Dramen), die den Holocaust zentral behandeln. Unter „fiktional“ werden hier imaginäre oder erfundene Personen und Charaktere, Ereignisse und Orte verstanden.

Wichtig für die Gießener Definition der Gattung Holocaustliteratur ist die Abgrenzung literarischer Texte von historischen und wissenschaftlichen Schriften und Dokumenten, auch wenn dem Begriff ein weites Verständnis von „literarisch“ zugrunde liegt. Texte der Holocaustliteratur sind so verstanden „subjektabhängige“ Interpretationen des Holocaust und keine wissenschaftlichen „Metadokumente“. Es sind Texte, die das Geschehen vermitteln wollen, indem sie sich literarischer Stilmittel bedienen (zum Beispiel Tropen benutzen und auf Archetypen zurückgreifen) und das Geschehen (in Sinn suggerierender Weise) anordnen, ohne dabei wissenschaftlichen Kriterien und Konventionen zu folgen.

Trotz ihrer zunehmenden Akzeptanz und Verbreitung (etwa in Rezensionen und wissenschaftlichen Untersuchungen) bleibt die Bezeichnung zum Teil noch diffus. Teilweise werden nur fiktive Texte zum Holocaust unter diesem Begriff subsumiert, dann wieder nur „authentische“, das heißt von Überlebenden verfasste Schriften.

Die Metapher ‚Holocaust‘

Grundlegend für die Definition der Gattung Holocaustliteratur ist ein weites Verständnis der Metapher „Holocaust“, der alle Aspekte der nationalsozialistischen „Rassen“-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegen alle Opfergruppen umfasst.

Der Begriff wird jedoch sehr unterschiedlich verstanden. Teilweise wird damit die Gesamtheit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegen alle Opfergruppen bezeichnet, dann wieder beschränkt sich die Metapher konkret auf die Vernichtung der jüdischen Menschen in den Konzentrationslagern und spart andere Opfergruppen aus.

Das der Gießener Definition von Holocaustliteratur zugrunde liegende weite Verständnis des Begriffs soll jedoch den Einmaligkeitscharakter der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden nicht außer Acht lassen oder überdecken, da dieser das wesentliche und unvergleichbare Kennzeichen des nationalsozialistischen Terrors war. Statt dessen wird dafür plädiert, dieses gesondert mit der Metapher „Shoah“ zu bezeichnen. Beide Begriffe stehen also in einem engen Verhältnis zueinander und werden nicht losgelöst voneinander verwendet.

Siehe auch

Literatur

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Literatur und Holocaust. text + kritik # 144, München 1999, ISBN 3-88377-612-2
  • Stephan Braese, Holger Gehle, Doron Kiesel u.a. (Hrsg.): Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Campus, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-593-36092-6
  • Sam Dresden: Literatur und Holocaust. Jüdischer Verlag, Frankfurt 1997, ISBN 3-633-54133-0
  • Sascha Feuchert (Hrsg.): Holocaust-Literatur: Auschwitz. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-015047-7
  • Michael Hofmann: Literaturgeschichte der Shoah: Theorie und Beispiele. Aschendorff, Münster 2003, ISBN 3-402-04176-6
  • Petra Kiedaisch (Hrsg.): Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Reclam, Stuttgart 1993, ISBN 3-15-009363-5
  • Manuel Köppen und Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Bilder des Holocaust. Literatur, Film, Bildende Kunst. Böhlau, Köln 1997, ISBN 3-412-05197-7
  • Matias Martínez, Hg.: Der Holocaust und die Künste. Medialität und Authentizität von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik. Aisthesis, Bielefeld 2004 ISBN 3895284599[1]
  • Andrea Reiter: “Auf daß sie entsteigen der Dunkelheit.” Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Löcker, Wien 1995, ISBN 3-85409-246-6
  • Alvin Rosenfeld: Ein Mund voll Schweigen. Literarische Reaktionen auf den Holocaust. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-20808-1
  • Mirjam Schmid: Darstellbarkeit der Shoah in Roman und Film. Kulturgeschichtliche Reihe, 12. Sonnenberg, Annweiler 2012 ISBN 9783933264701[2]
  • Thomas Taterka: Dante Deutsch. Studien zur Lagerliteratur. Erich Schmidt, Berlin 1999, ISBN 3-503-04911-8
  • Gideon Greif: „Wir weinten tränenlos…“. Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz. Fischer TB, Frankfurt am Main, 6. Auflage 1999, ISBN 3-596-13914-7
  • James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39231-X
  • Katja Zinn: Literarische Versionen des Gettos Litzmannstadt. Holocaustliteratur als Spiegel von Erinnerungskultur, dargelegt an Texten von Opfern, Tätern, Zuschauern und Nachgeborenen. Dissertation, Justus-Liebig-Universität, Gießen 2009 (online)

Notizen

  1. über die Verknüpfung von Schrift und Sprache mit anderen Medien in der Literatur bei Ruth Klüger, Jakob Littner, Wolfgang Koeppen und Primo Levi; im Comic bei Art Spiegelman, Maus – Die Geschichte eines Überlebenden; beim Denkmal (Jochen Gerz); im Video- oder Fernsehspielfilm nach Victor Klemperers Tagebüchern; in der Malerei von Samuel Bak und in der Musik von Steve Reich
  2. zum Roman von André Schwarz-Bart, Der Letzte der Gerechten. und zum Film Nacht und Nebel


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