Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzyklopädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

(Spendenkonto siehe Impressum). Vielen Dank für Ihr Engagement!

Hildebrand Gurlitt

Aus Jewiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hildebrand Gurlitt (geb. 15. September 1895 in Dresden; gest. 9. November 1956) war ein deutscher Kunsthistoriker und Kunsthändler.

Leben

Hildebrand Gurlitt stammte aus Dresden. Er war ein Sohn des Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt, ein Bruder des Musikwissenschaftlers Wilibald Gurlitt sowie ein Cousin des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt. Seine Frau Helene war eine geborene Hanke. Gurlitt studierte Kunstgeschichte und promovierte 1924 mit einer Dissertation über die Baugeschichte der Katharinenkirche in Oppenheim an der Universität Frankfurt am Main bei Rudolf Kautzsch zum Dr. phil.

Gurlitt am Zwickauer Museum

Von 1925 bis 1930 leitete Gurlitt das am 23. April 1914 eingeweihte König-Albert-Museum in Zwickau.[1]

Dieses städtische Museum, welches heute die Kunstsammlungen Zwickau beherbergt, war zur Unterbringung der Ratsschulbibliothek, der 1868 gestifteten Mineraliensammlung, der Handschriften des Ratsarchivs und der Kunstgegenstände im Besitz der Stadtgemeinde sowie der Sammlung des Altertumsvereins errichtet worden. Gurlitts Berufung im Jahr 1925 sollte zum Beginn des Aufbaus einer zielgerichteten Kunstsammlung werden. Er legte den Schwerpunkt auf Werke zeitgenössischer Maler und veranstaltete zahlreiche Ausstellungen.[2]

So präsentierte er 1925 Werke von Max Pechstein, 1926 standen Käthe Kollwitz und das junge Dresden im Mittelpunkt, 1927 wurden Werke von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt und 1928 wurde eine Ausstellung Emil Nolde gewidmet. Mit zahlreichen Künstlern seiner Zeit stand Gurlitt in engem persönlichen Kontakt, so beispielsweise mit Ernst Barlach, den er noch 1937 für die Ausgestaltung des Tympanons der Hamburger Petrikirche zu gewinnen versuchte,[3] was Barlach allerdings ablehnte, um seine Mäzene wie Hermann F. Reemtsma nicht in Ungelegenheiten zu bringen. Auch einen Taufstein für die Johanneskirche in Hamm wollte Gurlitt von Barlach entwerfen lassen.[3]

Gurlitt ließ vom Bauhaus in Dessau das Zwickauer Museum gestalten und ausmalen; diese Neugestaltung, die 1926 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, fand überregionalen Beifall. Weniger angetan war zum Teil die lokale Presse – nicht nur von der Umgestaltung des Museums, sondern auch von Gurlitts modernem Kunstgeschmack. Pressekampagnen gegen die von Gurlitt bevorzugt angeschaffte moderne Kunst brachten auch die finanziellen Engpässe der Stadt Zwickau ins Spiel, die bei seiner Entlassung am 1. April 1930 eine Rolle spielten.

Gurlitts Nachfolger Sigfried Asche und Rudolf von Arps-Aubert agierten während der Zeit des Nationalsozialismus dann auch deutlich verhaltener und bevorzugten unverfänglichere Sammlungsgebiete.

Drittes Reich

Datei:Otto-mueller-vier-akte.jpg
Das Bild Zwei weibliche Halbakte von Otto Mueller ging durch Gurlitts Hände und wurde später den Erben des einstigen Besitzers restituiert. Es konnte für das Museum Ludwig erworben werden.

Gurlitt verlor seine Position in Zwickau nicht nur wegen seines Engagements für die damals verfemte moderne Kunst und Geldmangels, sondern auch wegen seiner nicht rein „arischen“ Herkunft. Zu seinen Vorfahren gehörte die jüdische Schriftstellerin Fanny Lewald. Daraufhin wurde er von 1930 bis 1933 Direktor des Kunstvereins in Hamburg.[4] Nach seiner Entlassung machte er sich als Kunsthändler in Hamburg selbstständig.

Trotz des durch die Nationalsozialisten verursachten Verlusts seiner Stellung in Zwickau und Hamburg wurde Gurlitt später als Einkäufer für den „Sonderauftrag Linz“ eingesetzt und erhielt außerdem vom Propagandaministerium den Auftrag, „entartete Kunst“ aus deutschen Museen ins Ausland zu verkaufen. In dieser Position gelang es ihm, beschlagnahmte Werke auch an inländische Sammler zu verkaufen. Davon profitierte unter anderem die Sammlung Sprengel. Zu den Erwerbungen, die Bernhard und Margit Sprengel auf diesem Weg tätigten, gehörte etwa Karl Schmidt-Rottluffs Marschlandschaft mit rotem Windrad.

Nicht weniger als vier der acht Kunsthändler, die Sprengel bis 1945 beim Aufbau dieser Sammlung unterstützten, kooperierten auf diese Weise mit dem NS-Regime.[5]

Handel mit „Entarteter Kunst“

Datei:Marcoussis grappe de raisins.jpeg
Louis Marcoussis: Grappe de raisins (Die Weintraube), gehandelt durch Hildebrand Gurlitt (nach Beschlagnahme 1937).[6]

Möglich wurden diese Verkäufe durch das „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938. Dieses verfügte, dass entsprechende Kunstwerke ohne Entschädigung zu Gunsten des Reiches eingezogen werden könnten, soweit sie sich vorher im Eigentum von Reichsangehörigen oder inländischen juristischen Personen befunden hatten. Hermann Göring sicherte sich, bevor der allgemeine Verkauf begann, 13 besonders wertvolle Kunstwerke, die er anschließend selbst verkaufte. Danach wurden die Kunstwerke, von denen man annahm, sie gegen Devisen ins Ausland verkaufen zu können, im Schloss Schönhausen gesammelt. Als unverwertbar angesehene Bilder wurden am 20. März 1939 auf dem Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt.

Im Zuge der „Verwertungsaktion“ wurden Kunstwerke an Wolfgang Gurlitt, Karl Haberstock, Fritz Carl Valentien und Aage Vilstrup sowie die Galerie Zak in Paris verkauft. Die Galerie Theodor Fischer in Luzern bot in einer Versteigerung am 30. Juli 1939 nicht weniger als 125 Spitzenwerke an.[7] Eine Tauschaktion bescherte dem in Rom lebenden Emanuel Fohn rund 450 Kunstwerke aus der Beschlagnahmungsaktion. Die übrigen Kauf- und Tauschgeschäfte, in deren Rahmen beispielsweise Werke an das Kunstmuseum Basel – darunter Franz Marcs Tierschicksale[8] und in die Hände des Auktionators Harald H. Halvorsen in Oslo gelangten, wurden von nur vier Kunsthändlern in den Jahren 1938 bis 1941 abgewickelt. Neben Hildebrand Gurlitt waren dies Karl Buchholz, Ferdinand Möller und Bernhard A. Böhmer. Der Verbleib vieler Kunstgegenstände, die damals den Besitzer wechselten oder im Keller des Propagandaministeriums eingelagert wurden, blieb ungeklärt.[9]

Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit musste Gurlitt ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen. Die Rehabilitation gelang ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft, seiner Nichtzugehörigkeit zu NS-Organisationen und seines Einsatzes für die Kunst der Moderne. 1947 nahm er seine Kontakte zu anderen Kunsthändlern wieder auf und versuchte dabei offenkundig, seine Kenntnisse über den Verbleib von Kunstwerken in der Nazizeit zu verwerten.[10] Gleichzeitig spielte Gurlitt mit dem Gedanken, seine Karriere in einem Museum fortzusetzen.[11] Er wurde dann Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf.[12] Gurlitt starb 1956 bei einem Verkehrsunfall. Leopold Reidemeister hielt am 24. Januar 1957 im Kunstverein eine Rede zum Gedenken an Gurlitt.[13]

Münchner Kunstfund 2012

Hauptartikel: Münchner Kunstfund

Im Februar 2012 wurden 1285 ungerahmte und 121 gerahmte Bilder, die seit der Zeit des Nationalsozialismus verschollen waren, in der Münchner Wohnung von Gurlitts Sohn Cornelius durch Zollfahnder entdeckt und beschlagnahmt. Darunter sollen sich nach Medienberichten etwa 300 Werke befinden, die ab 1937 in deutschen Museen als sogenannte entartete Kunst konfisziert, und 200 Werke, die als NS-Raubkunst gesucht wurden; diese Zahl wurde von der Staatsanwaltschaft nicht bestätigt. Von großem Wert sind dabei insbesondere die Werke der Meister der klassischen Moderne: Max Beckmann, Marc Chagall, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Henri Matisse, Emil Nolde und Pablo Picasso. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Hildebrand Gurlitts Witwe die von ihrem Mann verwahrten Bilder als zerstört bezeichnet. Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Berliner Freien Universität ist beauftragt, Herkunft und Wert der Werke zu ermitteln.[14] Der Öffentlichkeit wurde der Fall erst im November 2013 bekannt.

Veröffentlichungen

  • Baugeschichte der Katharinenkirche in Oppenheim a. Rh. Frankfurt, Phil. Diss., 1924
  • Die Stadt Zwickau. Förster & Borries, Zwickau 1926
  • Aus Alt-Sachsen. B. Harz, Berlin 1928
  • Die Katharinenkirche in Oppenheim a. Rh. Urban-Verlag, Freiburg i. Br. 1930
  • Sammlung Wilhelm Buller. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1955
  • Richard Gessner. Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte, Würzburg [1955]

Literatur

  • Michael Löffler: Hildebrand Gurlitt (1895–1946), erster Zwickauer Museumsdirektor. Städtisches Museum Zwickau, Zwickau 1995.
  • Vanessa-Maria Voigt: Kunsthändler und Sammler der Moderne im Nationalsozialismus. Die Sammlung Sprengel 1934 bis 1945. Reimer, Berlin 2007, ISBN 978-3-496-01369-3, S. 130-154.
  • Isgard Kracht: Im Einsatz für die deutsche Kunst. Hildebrand Gurlitt und Ernst Barlach. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte. Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. (= Schriften der Forschungsstelle "Entartete Kunst" 5) Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-004497-2, S. 41–60.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Städtisches Museum Zwickau, zwickau2000.de, abgerufen am 13. März 2013.
  2. Kunstsammlungen Zwickau] HP des Museums, Abschnitt Geschichte
  3. 3,0 3,1 Isgard Kracht: Im Einsatz für die deutsche Kunst. Hildebrand Gurlitt und Ernst Barlach. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte. Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-004497-2, S. 53.
  4. Christian Saehrendt: „Die Brücke“ zwischen Staatskunst und Verfemung. Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08614-5, S. 16 Anm. 44.
  5. Gabriele Anderl: „Entartete“ Kunstgeschäfte. In der NS-Zeit bewahrte der Schokoladenfabrikant Sprengel „entartete“ Kunst vor der Vernichtung. In: Der Standard, 6. August 2008.
  6. Siehe auch: Sophie Lissitzky-Küppers
  7. Meike Hoffmann: Handel mit „entarteter Kunst“ in: Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin: Gute Geschäfte - Kunsthandel in Berlin 1933–1945, Berlin 2011, ISBN 978-3-00-034061-1, S. 144–145.
  8. Ruth Heftrig, Olaf Peters, Ulrich Rehm (Hrsg.): Alois J. Schardt. Ein Kunsthistoriker zwischen Weimarer Republik, "Drittem Reich" und Exil in Amerika (Schriften zur modernen Kunsthistoriographie, Band 4). Akademie, Berlin 2013, ISBN 978-3-05-005559-6, S.98
  9. Datenbank „Entartete Kunst“ der FU Berlin
  10. Daniela Wilmes: Wettbewerb um die Moderne. Zur Geschichte des Kunsthandels in Köln nach 1945. Akademie-Verlag, Berlin 2012, ISBN 3-05-005197-3, S. 174–175.
  11. Isgard Kracht: Im Einsatz für die deutsche Kunst. Hildebrand Gurlitt und Ernst Barlach. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte. Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-004497-2, S. 56.
  12. Isgard Kracht: Im Einsatz für die deutsche Kunst. Hildebrand Gurlitt und Ernst Barlach. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte. Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-004497-2, S. 59 Anm. 47.
  13. Leopold Reidemeister: In memoriam Dr. Hildebrand Gurlitt: geb. 15. September 1895, gest. 9. November 1956; Gedenkrede, gehalten im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen am 24. Januar 1957.
  14. Kunstfund in München. Münchner Kunstfund enthält bislang unbekannte Werke In: zeit.de, 5. November 2013.


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Hildebrand Gurlitt aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.