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Herman S. Doctor

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Herman S. Doctor, auch Hermann S. Doctor; tschechisch Heřman S. Doctor (geb. 6. April 1820 in Horschitz; gest. 6. März 1897 in Náchod[1], Böhmen) war ein bedeutender Textilunternehmer der Österreichisch-ungarischen Monarchie. In Náchod begründete er die Textilfabrik Doctor (tschechisch Textilní továrna Doctor), die bald unter der Bezeichnung „K. k. Nachoder mechanische Weberei und Appretur Herman S. Doctor“ firmierte. Für seine Verdienste um das Gemeinwohl wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Nachod ernannt.

Leben

Hermann S. Doctor entstammte einer jüdischen Familie aus Hořice (Horschitz). Mit seiner Frau Rosalie, geb. Fink (1831–1904) hatte er mehrere Söhne und Töchter. In Horschitz soll er zunächst eine kleine Hausweberei betrieben haben. Diese verlegte er 1860 nach Nachod in die Jüdische Gasse (Židovská ulice), Haus-Nr. XIX. Damals gab er vermutlich Baumwollgarn an Hausweber aus, die für ihn Stoffe produzierten. Schon ein Jahr später befand sich seine Firma im Eckhaus am Marktplatz náměstí Nr. 73 und 74. 1877 beantragte er beim zuständigen Bezirk Neustadt an der Mettau (okres Nové Město nad Metují) die Genehmigung, in seinem Haus eine Dampfmaschine zum Betrieb von Webstühlen aufstellen zu dürfen. Zugleich errichtete er dort eine Färberei sowie einen Lagerraum. Wenige Jahre später begann er gegenüber vom Nachoder Bahnhof mit dem Bau eines großen Fabrikgebäudes, in dem 1881 300 Webstühle in Betrieb genommen wurden. 1896 waren in der Doctor’schen Textilfabrik 950 Arbeiter beschäftigt; 1913 waren es bereits 1200 Beschäftigte, die an 1430 Webstühlen arbeiteten. Der Betrieb bestand aus einer Aufbereitungsanlage sowie je einer Schlichterei, Bleicherei, Färberei und Mangel. Zusätzlich erwarb er in den 1890er Jahren in der Komenského ulice die mechanische Weberei Gärber & Sindermann, in der buntfarbige Stoffe hergestellt wurden.

Nach seinem Tod 1897 erbten seine Söhne Eduard Doctor (1858–1926) und Moritz Doctor (1860–1929) die beiden Textilfabriken. Moritz Doctor gründete 1899 in Mittel Langenau im Bezirk Trautenau eine mechanische Weberei, die unter der Bezeichnung „K.k. private Mittel-Langenauer Mechanische Weberei und Appretur Moritz Doctor“ firmierte. Beschäftigt waren dort 250 Arbeiter, die an 512 Webstühlen rohe und bunte Baumwollwaren herstellten.

1899 kam es in den Nachoder Textilfirmen Doctor, Mautner, Hitschmann und Pick zu Streiks. Der Streik hatte neben Forderungen nach einer Lohnerhöhung vermutlich auch einen antisemitischen Hintergrund, da zugleich alle jüdischen Geschäfte in Náchod geplündert worden waren. Nachdem die Geschäftsleitung der Firma Doctor auf die Forderungen der Streikenden einging und die Löhne erhöhte, konnte der Streik in der Firma Doctor friedlich beendet werden. Vermutlich deshalb verlegten Eduard und Moritz Doctor ihren Wohnsitz in den nachfolgenden Jahren nach Wien, von wo sie ihre Betriebe in Böhmen leiteten. Für die Geschäftsführung vor Ort setzten sie deutschsprechende Bevollmächtigte ein.

Nach dem Tod ihrer Mutter Rosalie 1904 wurden die Doctor'schen Betriebe aufgeteilt:

  • Die böhmischen Unternehmen übernahm Eduard Doctor, dem Kaiser Franz Joseph I. 1911 das Prädikat „Ritter von Doctor“ verlieh. Eduard Doctor gründete für die Beschäftigten der Nachoder Betriebe einen Sportverein. Während des Ersten Weltkriegs musste die Produktion ab 1916 eingeschränkt werden. Da nicht genügend Rohstoffe vorhanden waren, durften Stoffe nur für den Bedarf der Kaiserlichen Armee hergestellt werden. Nach der Gründung der Tschechoslowakei blieb Eduard Doctor weiterhin im Besitz seiner Unternehmen. 1923 verkaufte er die Zweigstelle in der Nachoder Komenského ulici an den Gummihersteller Josef Kudrnáč. Zugleich verkaufte er das Wohnhaus am Marktplatz. Die Nachoder mechanische Weberei und Appretur Herman S. Doctor gelangte nach Eduards Tod 1926 an seine Frau Olga, geborene Werthauer (1860–1931)[2].

Nach der Sudetenkrise wurde die Firma Doctor arisiert. 1942 wurde der Betrieb eingestellt. Die Fabrikräume wurden der Firma Metallbauwerk Nachod KG Zimmermann, Schilling & Co. zur Verfügung gestellt, die dort u. a. Zubehörteile für die Messerschmitt BF 111, die V1 und die Focke-Wulf hergestellte.[3] Für die Arbeit wurden überwiegend NS-Zwangsarbeiter verpflichtet. Einer von ihnen war der spätere Nachoder Schriftsteller Josef Škvorecký, der diese Zeit in seinen Romanen und seinem Lebenslauf beschreibt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde der ehemals Doctor'sche Betrieb durch die Tschechoslowakei enteignet. 1947 wurde er dem Nachoder Textilverbund „Východočeské bavlnářské zavody“ unterstellt.

  • Die „K.k. private Mittel-Langenauer Mechanische Weberei und Appretur Moritz Doctor“ in Mittel Langenau blieb im Besitz des Moritz Doctor. 1904 übernahm er zudem die ungarischen Besitzungen in Szombathely, die unter der Bezeichnung „Szombathelyer Ungarische Baumwollindustrie in Szombathely“ firmierten. 1912 wurde Moritz Doctor von Kaiser Franz Joseph I. das Prädikat „Edler von Hohenlangen“ verliehen.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Todesanzeige
  2. Todesanzeige Olga Werthauer
  3. Metallbauwerk Nachod KG Zimmermann, Schilling & Co., Nachod Protektorat in der Deutschen Digitalen Bibliothek


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