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Herbert Zimmermann (SS-Mitglied)

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Herbert Zimmermann (geboren 22. August 1907 in Eisleben; gestorben 1965 in Bielefeld) war ein deutscher Jurist, Rechtsanwalt und SS-Obersturmbannführer im besetzten Polen.

Leben

Zimmermann war ein Sohn eines mittleren Beamten und wuchs in Merseburg auf.[1] Er besuchte das Domgymnasium Merseburg und begann 1927 ein Studium der Theologie an der Universität Marburg, wechselte aber nach einem Semester zu den Juristen und bestand 1932 die erste Staatsprüfung. Am 31. Mai 1933 wurde er in Marburg promoviert.[2] 1933 trat er in die NSDAP und die SS ein. Nach der Referendarzeit wurde er Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft Magdeburg und in der Provinzialverwaltung Merseburg. Ende 1937 wechselte er in das Reichsinnenministerium zur Dienststelle des Reichsführers SS. Er heiratete und hatte 2 Kinder. 1939 wurde er in der Gestapo-Leitstelle Münster zum Regierungsrat ernannt, ab 1940 leitete er die Gestapo in Bremen.

Im Mai 1943 löste er Wilhelm Altenloh als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) im Bezirk Białystok ab. Er war Stellvertreter des Chefs der Einsatzgruppe B und an führender Stelle an der Vernichtung der Juden beteiligt.

Nach dem Krieg wurde Zimmermann einer Reihe von Kriegsverbrechen beschuldigt. So wurde seit 1959 gegen ihn ermittelt, weil er für die Erschießung von 1.125 Polen und für die „Einäscherung“ von drei Dörfern verantwortlich gewesen war und dass er bei einer „Vielzahl von Fällen zur heimtückischen, grausamen oder aus niedrigen Beweggründen begangenen Tötung von Menschen wissentlich Hilfe geleistet“ habe. Als KdS habe er die gewaltsame Auflösung des Białystoker Ghettos organisiert.[3] Er habe kranke Juden an Ort und Stelle töten lassen und nicht arbeitsfähige in Vernichtungslager zur „Sonderbehandlung“ abtransportieren, von denen mindestens 15.000 im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden seien. Weiter habe er mehrere hundert Białystoker Kinder in das Ghetto Theresienstadt transportieren lassen, die dann von dort in das Vernichtungslager Auschwitz gelangten.[4] Zimmermann ließ ab Frühjahr 1944 im Bezirk Bialystok Massengräber mit etwa 40.000 Leichen enterden und verbrennen. Die dafür als Zwangsarbeitskräfte herangezogenen ca. 30 Juden seien danach erschossen worden.[5]

Im Juli 1944 musste er vor der Roten Armee nach Königsberg fliehen. Er wurde im November 1944 an die Westfront kommandiert und zum KdS Westmark ernannt. Im April 1945 richtete er seine Dienststelle in St. Peter nördlich von Freiburg im Breisgau ein.

Nach Kriegsende lebte er eine zeitlang unter dem falschem Namen „Zöllner“ und arbeitete als Landarbeiter, im Herbst 1945 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er Anfang 1946 entkommen konnte. Er ließ sich in Thüringen zum Zimmermann umschulen und studierte an der Bauschule Hagen mit einem Examen als Tiefbauingenieur. Sein falscher Name schützte ihn vor einem Auslieferungsersuchen der polnischen Behörden, die den Kommandeur Białystok wegen der Erschießung von 1.125 Polen und der Ermordung der Einwohner zweier Dörfer auf die alliierte Fahndungsliste gesetzt hatten.

Seine Familie war 1949 ebenfalls aus der Ostzone in den Westen geflohen, Zimmermann ließ sich 1952 scheiden und heiratete eine westfälische Gutsbesitzerserbin.

Nach den ersten Amnestiegesetzen in der Bundesrepublik ließ Zimmermann sich im Juli 1953 vom Justizminister des Landes Schleswig-Holstein als Anwaltsassessor und im Dezember 1954 als Rechtsanwalt beim Amts- und Landgericht Kiel zulassen. Im Januar 1957 erhielt er die Rechtsanwaltszulassung beim Amts- und Landgericht Bielefeld und praktizierte ab Februar 1957 als Rechtsanwalt in Bielefeld.

1954 wurden er und weitere Beschuldigte wegen der Erschießung des Kommandeurs der Schutzpolizei Freiburg im Breisgau angeklagt, der Anfang 1945 hingerichtet worden war, weil er sich geweigert habe, beim Aufbau einer lokalen Werwolf-Organisation mitzuwirken. Das Landgericht München II sprach alle Beschuldigten am 7. Juli 1954 frei. Die Staatsanwaltschaft München hatte seither Kenntnis von Zimmermanns Tätigkeit im besetzten Polen, zog daraus aber keine Konsequenzen. In der Folge der Erkenntnisse aus dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess wurde Zimmermann 1959 vor dem Landgericht Bielefeld angeklagt, im Juli 1944 in Białystok die Hinrichtung der einhundert letzten Gefängnisinsassen angeordnet zu haben, wurde aber freigesprochen.[6][7]

Weitere Ermittlungen führten 1964 zu einer Klageerhebung vor dem Landgericht Bielefeld wegen Mordes und Beihilfe zum Mord von mindestens 16.000 Menschen.[8] Zimmermann verweigerte bei den Ermittlungen jede Aussage: er äußerte sich weder zu den gegen ihn erhobenen Tatvorwürfen, noch war er bereit, als Zeuge Angaben zu machen.[9] Unmittelbar vor seiner Verhaftung beging Zimmermann Anfang 1965 Suizid.[10] Im Prozess, der seinen Namen trug, wurden die vier anderen Angeklagten vom Landgericht Bielefeld zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.[11]

Literatur

  • Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit: Strafverfahren gegen ehemalige Angehörige der Sicherheitspolizei für den Bezirk Białystok. Berlin : Walter de Gruyter, 2012. Vita auf S. 198f
  • Katrin Stoll: „... aus Mangel an Beweisen“. Das Verfahren gegen Dr. Herbert Zimmermann vor dem Bielefelder Landgericht 1958/1959, in: Freia Anders (Hrsg.): Białystok in Bielefeld: nationalsozialistische Verbrechen vor dem Landgericht Bielefeld 1958 bis 1967. Bielefeld : Verlag für Regionalgeschichte, 2003, S. 54–75.
  • LG München II, 7. Juli 1954. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. XII, bearbeitet von Adelheid L Rüter-Ehlermann, H. H. Fuchs und C. F. Rüter. Amsterdam : University Press, 1974, Nr. 402, S. 543–571 [1]

Einzelnachweise

  1. Biografische Angaben bei LG München II, 7. Juli 1954
  2. Herbert Zimmermann, bei Uniarchiv Marburg
  3. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 299
  4. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 200
  5. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 233, S. 252
  6. LG Bielefeld: NS-Gewaltverbrechen in Haftstätten, Justiz und NS-Verbrechen, 487, 25. November 1959
  7. Katrin Stoll: aus Mangel an Beweisen, 2003, S. 54–75
  8. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 299
  9. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 234
  10. Katrin Stoll: Die Herstellung der Wahrheit, 2012, S. 309
  11. Andreas Eichmüller: Keine Generalamnestie. Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in der frühen Bundesrepublik. Oldenbourg, München 2012, S. 356, Fn. 56


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