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Harnstoff

Aus Jewiki
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Strukturformel
Strukturformel von Harnstoff
Allgemeines
Name Harnstoff
Andere Namen
  • Kohlensäurediamid
  • Carbamid
  • UREA (INCI)
  • Carbonyldiamid
  • Diaminomethanal
  • Piagran (Markenname)
  • E927b
Summenformel CH4N2O
CAS-Nummer 57-13-6
PubChem 1176
ATC-Code
Kurzbeschreibung

farb- und geruchloser, kristalliner Feststoff[1]

Eigenschaften
Molare Masse 60,06 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,32 g·cm−3 [2]

Schmelzpunkt

132,5–134,5 °C (Zersetzung) [2]

Dampfdruck

0,2 Pa (75 °C) [2]

pKs-Wert
  • 26,9 (in DMSO)[3]
  • 0,18 (konj. Säure in Wasser) [4]
Löslichkeit

sehr gut in Wasser:

  • 790 g·l−1 (bei 5 °C)[5]
  • 1000 g·l−1 (bei 20 °C)[2]
  • 1200 g·l−1 (bei 25 °C)[5]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze
Toxikologische Daten

8471 mg·kg−1 (LD50Mausoral)[6]

Thermodynamische Eigenschaften
ΔHf0

−333,1 kJ·mol−1[7]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Harnstoff (lateinisch und englisch urea), chemisch Kohlensäurediamid, ist eine organische Verbindung, die von vielen Lebewesen als ein Endprodukt des Stoffwechsels von Stickstoffverbindungen (z. B. Aminosäuren) im sogenannten Harnstoffzyklus produziert und im Urin ausgeschieden wird. Reiner Harnstoff ist ein weißer, kristalliner, ungiftiger und hygienisch unbedenklicher Feststoff, der nicht mit Harnsäure zu verwechseln ist.

Geschichte

Harnstoffmolekül und Harnstoffsynthese auf der Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost von 1982 zum 100. Todestag von Friedrich Wöhler

Die Herstellung von Harnstoff wurde 1828 von Friedrich Wöhler erstmals durch Reaktionen von Silbercyanat und Ammoniumchlorid bzw. von Bleicyanat und flüssigem Ammoniak beschrieben.[8]

Er erkannte damals schon die wesentliche Zwischenverbindung Ammoniumcyanat als eigentliche Harnstoffquelle.

Harnstoffsynthese nach Wöhler

Harnstoff gilt als die erste aus anorganischen Ausgangsstoffen synthetisierte organische Verbindung. Das widersprach der damals verbreiteten Vorstellung, dass organische Substanzen grundsätzlich nur von Lebewesen durch die so genannte vis vitalis (Lebenskraft) hergestellt werden könnten. Genau genommen hat Wöhler bereits 1824 durch Hydrolyse von Dicyan zu Oxalsäure den Nachweis erbracht, dass es für die Synthese organischer Moleküle nicht der „Lebenskraft“ bedarf.[9]

In Goethes Homunculus findet die Harnstoffsynthese prominente literarische Verarbeitung.

Im Jahr 1868 wurde von A.I. Basaroff erstmals die kommerziell anwendbare Herstellung aus Ammoniumcarbamat beschrieben, welches unter Druck aus Ammoniak und Kohlendioxid zugänglich ist.[10]

Physiologische Bedeutung

Harnstoff wird im Protein- und Aminosäure-Stoffwechsel gebildet und gehört zu den harnpflichtigen Substanzen. Bei Säugetieren, Schildkröten, einigen Fischen und bei adulten Amphibien stellt er die wichtigste Ausscheidungsform des insbesondere in Proteinen enthaltenen Stickstoffs dar. Vögel und die meisten Reptilien bilden stattdessen Harnsäure; Kaulquappen, die meisten Fischarten und die anderen Wassertiere scheiden den Stickstoff als Ammoniak aus.

Ammoniak entsteht beim Aminosäureabbau und wirkt in entsprechend hohen Konzentrationen giftig auf Zellen. Um einem Anwachsen der Ammoniakkonzentration entgegenzuwirken, wird dieses über den Harnstoffzyklus in den ungiftigen Harnstoff umgewandelt und über die Nieren ausgeschieden.

Erkrankungen wie das akute oder chronische Nierenversagen, sowie eine diabetisch eingeschränkte Nierenfunktion, können zu erhöhten Harnstoffwerten im Serum/Plasma führen (Normalwert: 10–50 mg/dl).

Störungen und Besonderheiten

Eine hohe Proteinzufuhr führt auch schon bei normaler Nierenfunktion zu erhöhten Harnstoffwerten, was ihn zu einem schlechten Nierenparameter macht. Bei (prä-)terminaler Niereninsuffizienz ist die Harnstoffkonzentration im Serum aber besser geeignet, den Schweregrad der Urämie abzuschätzen, als die Serumkreatininkonzentration.

Anwendungen

Harnstoffpreis

Aufgrund seines hohen Stickstoffgehaltes von 46,62 % ist Harnstoff weltweit das bedeutendste Stickstoffdüngemittel.

Der Harnstoffpreis bewegte sich lange um 100 US-Dollar/Tonne, seit 2003 stieg er jedoch rasant. Aktuell (Juli 2014) liegt er bei 300 $/t.

Harnstoff wird wegen seiner hohen Wasserbindungsfähigkeit darüber hinaus häufig als Feuchtigkeitsfaktor in Kosmetika eingesetzt (meist als Urea deklariert). In der Pharmazie kennt man Harnstoff als Keratolytikum. Diese Eigenschaft macht man sich in verschiedenen Rezepturen zunutze. Beispielsweise wirkt er hoch konzentriert (40 %) in Pasten zusammen mit einem Antipilzmittel (Antimykotikum) gegen Nagelpilz (Onychomykose), wobei der Harnstoff den Nagel so weich macht, dass sich die infizierte Nagelsubstanz Stück für Stück abtragen lässt. Weiter dient er als Feuchtigkeitsspender in Salben zur Bekämpfung von atopischen Ekzemen und Lichenerkrankungen.

Harnstoff kann auch als Streusalz-Ersatz eingesetzt werden, was aber wegen seines höheren Preises nicht wirtschaftlich ist.

Harnstoff wird zur Reduktion von Stickoxiden im Abgas von Kraftwerken und Verbrennungsmotoren verwendet. In Kraftwerken wird – vornehmlich bei kleineren Anlagen – das SNCR-Verfahren (selektive nichtkatalytische Reduktion) angewandt. Beim sogenannten SCR-Verfahren (Selektive katalytische Reduktion), das in Kraftwerken und in zunehmendem Maß auch in der Fahrzeugtechnik eingesetzt wird, wird Harnstoff oder Ammoniak in den heißen Abgasstrom eingespritzt. Der Harnstoff zersetzt sich zu Ammoniak, das in einem nachgeschalteten Katalysator die Stickoxide reduziert. In der Kraftfahrzeugtechnik wird eine wässrige Lösung mit 32,5 % Harnstoffanteil verwendet, die unter dem Handelsnamen AdBlue bekannt ist. Der Verbrauch an Harnstofflösung beträgt etwa 2 bis 8 % des Treibstoffverbrauchs.

Harnstoff wird Lebensmitteln als Stabilisator zugesetzt. In der EU ist er als Lebensmittelzusatzstoff mit der Bezeichnung E 927b ausschließlich für Kaugummi ohne Zuckerzusatz zugelassen.

In der Milchviehfütterung spielt Harnstoff eine Rolle als Stickstoffquelle.

Der Zusatz von Harnstoff in höheren Konzentrationen zu wässrigen Lösungen führt zu einer Denaturierung von Proteinen, Harnstoff wirkt daher als Denaturierungsmittel bzw. als chaotrope Verbindung. Niedrige Konzentrationen von Harnstoff können jedoch die gegenteilige Wirkung entfalten, nämlich den hydrophoben Effekt verstärken und somit die Proteinstruktur stabilisieren.[11]

Harnstoff wird in der Harnstoff-Extraktiv-Kristallisation, einem Verfahren zur Abtrennung linearer Paraffine aus Kohlenwasserstoffgemischen durch Bildung von Harnstoff-n-Paraffin-Clathraten, verwendet. Die Trennung dient der Erniedrigung des Stockpunkts von Mineralölprodukten, als Nebenprodukte fallen n-Paraffine in hoher Reinheit an.[12][13] Das Verfahren kann zur Trennung von Fettsäuren und Fettalkoholen angewendet werden.[14]

Eigenschaften

Harnstoff kondensiert beim Erhitzen über den Schmelzpunkt unter Abspaltung von Ammoniak (NH3) zu Biuret:

Synthese von Biuret

Harnstoff reagiert mit dem Enzym Urease zu Kohlenstoffdioxid und Ammoniak.

Industrielle Herstellung

Harnstoff wird in großen Mengen industriell hergestellt (2012: rund 184 Mio. t weltweit [15]). Die erste Produktionsanlage wurde 1922 von der BASF in Betrieb genommen. Das in einem Hochdruckreaktor im ersten Schritt bei 150 bar gebildete Ammoniumcarbamat wurde anschließend in Zersetzern thermisch in Harnstoff gespalten. Überschüssiges Ammoniak wurde zur Herstellung von Ammoniumsulfat und Ammoniumnitrat als Dünger verwendet. Ende der 1920er Jahre wurde das Verfahren verbessert und überschüssiges Ammoniak in den Produktionsprozess zurückgeführt. Hieraus entwickelten sich verschiedene Totalkreislaufverfahren. Allen Verfahren gemeinsam ist, dass das in einem Reaktor bei hohem Druck exotherm gebildete Ammoniumcarbamat in anschließenden Zersetzerstufen bei niedrigem Druck endotherm in Harnstoff umgewandelt wird und Überschussgase wieder in den Reaktor zurückgeführt werden, wobei man hierzu heute wirtschaftliche Strippingverfahren einsetzt.

In Ländern, in denen Erdgasvorkommen als Begleitgase früher oft einfach abgefackelt wurden, wird Erdgas heute in Harnstoff umgewandelt. Dazu dienen große Anlagen, die aus Erdgas, Luft und Wasser in den Prozessschritten WasserstoffherstellungAmmoniakherstellung → Harnstoffsynthese, schließlich Harnstoff herstellen. (Streng genommen werden die genannten Edukte in ein Prozessgas bestehend aus H2, N2 und CO2 umgesetzt, aus dem das CO2 entfernt wird. Wasserstoff und Stickstoff werden dann in Ammoniak umgewandelt. Reiner Wasserstoff kommt in dieser Kette nicht vor). Das für die Ammoniakherstellung abgetrennte CO2 wird nur zu 2/3 vom Harnstoff gebunden. Der zunächst in Lösung anfallende Harnstoff wird in Granulat umgewandelt und sackweise oder lose vertrieben. Die größten Anlagen der Welt produzieren ca. 4.000 t Harnstoff am Tag.

Reaktionsgleichungen:

Ammoniak und Kohlenstoffdioxid reagieren exotherm zu Ammoniumcarbamat.
Ammoniumcarbamat reagiert endotherm zu Harnstoff und Wasser.

Eine industrielle Verwendungsmöglichkeit von Harnstoff ist die Herstellung von Melamin, das z. B. mit Formaldehyd zu Kunstharzen verarbeitet wird, und von Harnstoff-Formaldehyd-Harzen (Harnstoffharz, so genannte UF-Harze), die z. B. zur Produktion von Spanplatten eingesetzt werden. Ansonsten dient Harnstoff überwiegend als Stickstoffdünger oder als NOx-Reduktionsmittel beim SNCR-Verfahren.

Harnstoff als Mineral

Harnstoff konnte 1973 als natürliches Sekundärmineral bei Toppin Hill am Lake Rason (Westaustralien) gefunden werden. Es wurde von der International Mineralogical Association (IMA) als eigenständiges Mineral anerkannt. Diese führt es gemäß der Systematik der Minerale nach Strunz (9. Auflage) als „Diverse organische Verbindungen“ unter der System-Nr. „10.CA.35“. Die im englischsprachigen Raum ebenfalls geläufige Systematik der Minerale nach Dana führt das Mineral unter der System-Nr. „50.4.6.1“.[16][17][18] Harnstoff kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem. Es entwickelt farblose bis blass-gelbe oder blass-braune, nadelförmige Kristalle.[19]

Harnstoff ist – zusammen mit Harnsäure – Bestandteil der Ausscheidungen von Vögeln und Fledermäusen und daher in Fledermausguano (Chiropterit)[20] sowie in geringen Mengen auch in Guano enthalten. Als Mineral ist Harnstoff nicht stabil und kann nur unter ariden Bedingungen gebildet werden.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Wiktionary: Harnstoff – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Harnstoff. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 26. Mai 2014.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Eintrag zu Harnstoff in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 23. Juli 2007 (JavaScript erforderlich).
  3. Bordwell pKa-Table.
  4. pKa Data Compiled by R. Williams (PDF; 77 kB).
  5. 5,0 5,1 David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Analytical Chemistry, S. 8-120.
  6. Eintrag zu Harnstoff in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM).
  7. David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Standard Thermodynamic Properties of Chemical Substances, S. 5-20.
  8. Wöhler, F.: Ueber künstliche Bildung von Harnstoff in Ann. Phys. 88 (1828) 253–256, pdf.
  9. Burckhard Frank: 250 Jahre Chemie in Göttingen. In: Hans-Heinrich Voigt (Hrsg.): Naturwissenschaften in Göttingen. Eine Vortragsreihe. Vandenhoeck + Ruprecht Gm, Göttingen 1988, ISBN 3-525-35843-1 (Göttinger Universitätsschriften. Band 13), S. 72.
  10. Basaroff, A.I.: in J. Chem. Soc. 21 (1868) 194–195.
  11. M. Holz, M. Mayele Influence of Additives on Hydrophobic Association in Polynary Aqueous Mixtures In: DFG Research Report. Thermodynamic Properties of Complex Fluid Mixtures Wiley-VCH 2004, S. 150–183, ISBN 3-527-27770-6.
  12. F. Bengen, W. Schlenk: Über neuartige Additionsverbindungen des Harnstoffs. In: Experientia. 5, 1949, S. 200, doi:10.1007/BF02172488.
  13. Wilhelm Keim, Arno Behr und Günter Schmitt: Grundlagen der Industriellen Chemie. Technische Produkte und Prozesse, Otto Salle Verlag, 1985, ISBN 3-7935-5490-2., S. 250.
  14. R. Rigamonti, V. Riccio: Trennung von Fettsäuren und Triglyceriden mit Hilfe der Harnstoff-Additionsverbindungen. In: Fette und Seifen. 54, 1952, S. 193, doi:10.1002/lipi.19520540402.
  15. Ceresana: Marktstudie Harnstoff, abgerufen am 17. Mai 2013.
  16. Bridge, P.J. (1973): Urea, a new mineral, and neotype phosphammite from Western Australia. Mineral. Mag., 39, 346–348.
  17. American Mineralogist (1974): 59: 874.
  18. Acta Crystallographica (1999).
  19. mindat: Urea: Urea mineral information and data., abgerufen am 13. Mai 2013.
  20. Guano. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 22. Mai 2012.
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