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Miktion

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Als Miktion (lat. mingere ‚harnen‘) wird die Entleerung der Harnblase bezeichnet. Dieser Vorgang wird durch komplexe Regelkreise des autonomen und willkürlichen Nervensystems gesteuert.

Manneken Pis, die wohl berühmteste künstlerische Darstellung der Miktion

Synonyme

Neben dem Fachbegriff Miktion gibt es eine Vielzahl von, teils regional gehäuft verwendeten, teilweise vulgären Synonymen: Blasenentleerung, Wasserlassen, Harnlassen, Harnen, Urinieren, Austreten; Pinkeln, Pieseln, Pissen, Rappeln, Seichen, Schiffen, Brunzen, Ludeln, Pritscheln oder aber auch „Pipi machen“, „mal (für kleine Jungs/Mädchen) müssen“.

Physiologie der Miktion

Die Harnblase dient als Zwischenspeicher für den von den Nieren kontinuierlich gebildeten Urin. Sie wird bei normaler Flüssigkeitsaufnahme in der Regel zwei bis sechs Mal pro Tag über die Harnröhre entleert. Die dabei ausgeschiedene Urinmenge beträgt normalerweise jeweils etwa 300 bis 400 Milliliter; es gibt jedoch keine allgemein akzeptierten Werte – einige Menschen scheiden bei einem Toilettengang über einen Liter Urin aus.

Die maximale Blasenkapazität ist dabei jenes Füllvolumen, bei dessen Erreichen es zu einem sogenannten imperativen Harndrang bzw. einer unwillkürlichen Blasenentleerung kommt. Für Frauen wird der Normwert mit 300 bis 400 Millilitern, für Männer mit 400 bis 600 Millilitern angegeben. Diese Werte schwanken jedoch von Mensch zu Mensch stark und es gibt keine bestätigten Maximalwerte. Berechnet wird sie als die Summe der funktionellen Blasenkapazität und des nach der Miktion in der Blase verbleibenden Restharns. Als funktionelle Blasenkapazität wird das mittlere Entleerungsvolumen minus dem verbliebenen Restharn bezeichnet.

Die Speicherfunktion der Blase wird einerseits durch zwei Schließmuskel gewährleistet: einen äußeren, quergestreiften, und einen inneren, bestehend aus glatten Muskelzellen. Daneben muss sich bei zunehmender Blasenfüllung der „Blasenentleerer“ (M. detrusor vesicae, kurz als Detrusor bezeichnet) den veränderten Druckverhältnissen anpassen und sich dazu entspannen. Dies wird als Akkommodation bzw. Compliance der Blase bezeichnet. Störungen des Zusammenspiels führen zu einer sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie.

Wird die Fähigkeit zur weiteren Akkommodation des Detrusors überschritten, kommt es zu einem steilen Druckanstieg im Blaseninneren und über Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand zur Auslösung des Miktionsreflexes, damit zur Kontraktion des Detrusors, einer passiven Dehnung des inneren Schließmuskels und einer willkürlich gesteuerten Erschlaffung des äußeren Schließmuskels.

Die zentrale Steuerung erfolgt in der pontinen Formatio reticularis. Für das Einleiten des Entleerungsvorgangs ist der Parasympathikus zuständig. Er reizt die Blasenmuskulatur zur Anspannung und hilft beim Entleeren der Blase. Der Sympathikus hingegen sorgt dafür, dass die Blase erschlafft, um sich füllen zu können und zur Anspannung der Schließmuskel. Er verhindert somit eine ständige Entleerung.

Abhängig von der Flüssigkeitszufuhr produziert ein gesunder Mensch in 24 Stunden etwa 1000 bis 1500 ml Harn, den er zwei bis sechs Mal am Tag ausscheidet. Dabei ist die Urinproduktion allerdings nicht zu jeder Tageszeit gleich groß. Am meisten Urin produziert der Mensch um sechs Uhr morgens (siehe Chronobiologie).

Entwicklung der Blasenkontrolle

Eine Kontrolle der Blasenentleerung wird im Verlauf der kindlichen Reifungsprozesse (bzw. der „Reinlichkeitserziehung“) erst nach der Kontrolle über den Stuhlgang erlangt. Im 5. Lebensjahr sind ca. 80 Prozent der Kinder tagsüber und nachts trocken.

Fetale Miktion

Datei:Urinating male fetus Dr. Wolfgang Moroder.theora.ogv Der Fetus uriniert im stündlichen Abstand und erzeugt somit das Fruchtwasser, welches wiederum durch das fetale Schlucken recycelt wird.

Störungen

→ Hauptartikel: Blasendysfunktion als Sammelbegriff für Blasenentleerungs- und Blasenspeicherstörungen

In jedem Alter kann eine Vielzahl von Ursachen zu einer Blasendysfunktion (als eine Sammelbezeichnung für Blasenspeicher- und Blasenentleerungsstörungen) führen, wobei im Kindesalter ein nächtliches Einnässen, im höheren Alter eine unvollständige Blasenentleerung mit Restharnbildung, vor allem aber ein unwillkürlicher Harnabgang besonders hervorzuheben sind.

Paruresis bezeichnet das Unvermögen des Urinierens aus psychischen Gründen, insbesondere die Hemmung, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren.

Mit dem Begriff Urophilie wird die Fetischisierung der Miktion bezeichnet, das heißt, dass die Person das Urinieren oder den Umgang mit Urin als sexuelle lustvoll empfindet. Die Urophilie zählt zu den Paraphilien.

Soziokulturelle Faktoren

Die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Miktionsvorgang variiert stark zwischen verschiedenen Epochen und Kulturkreisen. Dies bezieht sich einerseits auf das Ausmaß, in dem die Miktion in der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Andererseits existieren verschiedene Normen für Männer und Frauen bezüglich der Körperhaltung.[1]

Körperhaltung beim Urinieren

Männer in stehender Körperhaltung
In Hocken urinierende Frau

Männer und Frauen nehmen in unserem Kulturkreis in der Regel unterschiedliche Haltungen zum Urinieren ein: Männer urinieren im Stehen, Frauen im Sitzen oder in der Hocke. Die Differenzierung ist dabei zum Teil durch anatomische Unterschiede bedingt: Männern fällt es leichter, ihren Harnstrahl zu kontrollieren. Jedoch zeigt sich diesbezüglich auch eine interkulturelle Varianz. Herodot berichtet aus dem antiken Ägypten, dass „...die Weiber ihren Harn im Stehen lassen und die Männer im Sitzen.“ Auch in verschiedenen anderen Kulturkreisen, beispielsweise bei einigen afrikanischen Ethnien, ist es für Frauen üblich, im Stehen zu urinieren.[2][1] Diese kulturellen Unterschiede sowie die Tatsache, dass spezielle Techniken zum „Stehpinkeln“ für Frauen erlernbar sind,[3] zeigt eine starke kulturelle Prägung der Körperhaltung und dass es sich dabei um erlernte Verhaltensweisen handelt. Um stehend zu urinieren, müssen Frauen die Schamlippen mit zwei Fingern spreizen und frontal nach oben ziehen; somit lässt sich der Urinstrahl kontrollieren.

Im westlichen, wie auch in den meisten anderen heutigen Kulturkreisen, hat sich eine stehende Körperhaltung für Männer und eine sitzende beziehungsweise hockende für Frauen als soziale Norm etabliert.

In den letzten Jahren kamen einerseits Papptrichtersysteme (Urinella) auf den Markt, die es Frauen ermöglichen, im Stehen zu urinieren (um sich auf einer öffentlichen Toilette nicht setzen zu müssen beziehungsweise im Freien bequemer urinieren zu können). Weiterhin wurden Frauenurinale für öffentliche Toiletten entwickelt, welche auch eine (halb-)stehende Körperhaltung möglich machen.[4]

Andererseits besteht oft der Wunsch, Männer möchten sich auf Toiletten (im Gegensatz zu Urinalen) setzen. Dies ist bedingt durch die Annahme, die Entfernung zum Toilettenbecken würde zu Zielungenauigkeit und damit einhergehenden Verunreinigungen führen.[1][5]

Öffentliches und privates Urinieren

Öffentliches Urinal in Den Haag

Bis ins 19. Jahrhundert war es auch in westlichen Gesellschaften üblich, im Freien zu urinieren. Mit der zunehmenden Verlagerung des Lebens in die Städte und dem Ausbau der Kanalisation entstanden die Sanitäranlagen Urinal und Toilette in ihrer heutigen Form. Das Zusammenleben vieler Menschen auf engem, städtischen Raum und der damit einhergehende erhöhte Hygienebedarf sowie der Wunsch nach Vermeidung von Geruchsbelästigung führten zu einer gesellschaftlichen Sanktionierung des öffentlichen Urinierens.

Dies gilt bis heute und wird in einigen Ländern auch rechtlich sanktioniert, so zum Beispiel in Deutschland als Ordnungswidrigkeit und in Österreich als Anstandsverletzung geahndet. Insbesondere jedoch bei Großveranstaltungen und bei nicht- oder ungenügend vorhandenen Bedürfnisanstalten findet ein Urinieren in der Öffentlichkeit statt, oftmals auch verstärkt durch vermehrte (alkoholische) Flüssigkeitszufuhr (beispielsweise beim Karneval, Musikfestivals und auf Partys). Um dem entgegenzukommen, wurden in einigen Städten mit ausgeprägtem Nachtleben wie beispielsweise Amsterdam öffentliche Urinale installiert, die abends aus dem Boden gefahren werden und tagsüber im Bürgersteig verschwinden.

Mit der zunehmenden Verbannung des Urinierens aus dem öffentlichen Raum und der Abwicklung des „kleinen Geschäfts“ auf einer Toilette wurde die Miktion im westlich-europäischen Kulturkreis zunehmend privat und auch von einem Bedürfnis nach Privatheit begleitet. Vielen Menschen ist es unangenehm oder gar unmöglich, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren. Die Benutzung eines Urinals stellt einen halb-öffentlichen Rahmen dar, insofern als andere Menschen zwar gegenwärtig sind, das Urinal selbst jedoch oftmals mit einem Sichtschutz versehen ist und nur gleichgeschlechtliche Personen anwesend sind.[1]

Künstlerische Darstellungen der Miktion

Die Darstellung urinierender Personen ist ein wiederkehrendes Motiv in der Kunst, zumal es sich hierbei um eine alltägliche Verrichtung handelt.

Insbesondere im 20. Jahrhundert wurde die Blasenentleerung als künstlerisches Mittel eingesetzt. Jackson Pollock urinierte im Rahmen einer Performance in ein Kaminfeuer, Andy Warhol produzierte seine berühmten oxidation paintings, in dem er zusammen mit Mitgliedern der Factory auf Leinwände urinierte. In Helen Chadwicks Skulpturenserie Piss Flowers wurden Bronzeskulpturen aus den Abdrücken geformt, die entstanden, als sie zusammen mit Freunden in den Schnee urinierte. Sophie Ricketts Fotoserie Pissing Women stellt Frauen dar, die in verschiedenen urbanen Situationen im Stehen urinieren.[6]

Verschiedene, in diesem Zusammenhang stehende, Kunstwerke erlangten eine über die Kunstszene hinausgehende Aufmerksamkeit. Das Werk Piss Christ aus dem Jahr 1987 von Andres Serrano stellt ein Kruzifix in einem Glas dar, in welches der Künstler urinierte. Das Werk wurde von der Kirche und zahlreichen religiösen Menschen als Provokation empfunden und verurteilt, unter anderem von dem republikanischen Senator Al D’Amato. Serrano erhielt Beleidigungen und Todesdrohungen. Das Werk wurde 1997 in der National Gallery of Victoria von einem Gegner beschädigt.[6][7] In Deutschland erregte 2011 die von Marcel Walldorf gefertigte Skulptur Pinkelnde Petra Aufsehen. Die in der Hochschule für Bildende Künste Dresden gezeigte Skulptur stellt eine urinierende Polizistin in Uniform dar. Von der preisgekrönten Arbeit fühlte sich die Gewerkschaft der Polizei sowie der sächsische Innenminister Markus Ulbig provoziert, die das Kunstwerk als Beamtenbeleidigung interpretierten.[8][9]

Miktion bei Tieren

Abraham Teerlink: Ziegenbock beim Wasserlassen, 19. Jh.

Die Miktion kommt bei allen Säugetieren vor und erfüllt primär denselben Zweck wie beim Menschen. Über die Funktion der Ausscheidung hinaus erfüllt der Urin bei zahlreichen territorial lebenden Tieren jedoch auch den Zweck der Reviermarkierung. Bei kleinen Nagetieren kann der Urin auch als Wegmarkierung verwendet werden. Bei Tieren, die ihren Urin zu Markierungszwecken nutzen, weist dieser oftmals einen intensiven, strengen Geruch auf.

Die Menge des ausgeschiedenen Urins ist abhängig von der Körpergröße, ausgewachsene Elefanten können ca. 30 Liter Urin auf einmal ablassen. Während des Winterschlafs (ca. vier Monate) lassen Eisbären gar keinen Harn ab.

Siehe auch

Literatur

  • Klinke, Silbernagl: Lehrbuch der Physiologie. 4. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-13-796004-5, S. 300f.

Einzelnachweise

Weblinks

 Commons: Urination – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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