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Häuptling

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Häuptling ist eine ursprünglich von den europäischen Kolonisatoren gewählte Bezeichnung für das - vermeintlich oder tatsächlich - führende Stammesmitglied eines Volkes, welches in einem entsprechenden außereuropäischen Gebiet beheimatet war. Ein Teil der Völker verwendete - bzw. verwendet heute - selbst diese Bezeichnung bzw. einen entsprechenden Begriff in der eigenen Sprache.

Historisch ist Häuptling die Bezeichnung des Anführers ostfriesischer Volksgruppen im 14. bis 17. Jahrhundert (siehe Ostfriesische Häuptlinge).

Begriffsursprung

Das Wort Häuptling stammt aus dem Altfriesischen.[1] Dort bezeichnete hauding, mittelniederdeutsch hovetling, zunächst eine führende Person in einem Prozess, oder einen Anführer in einem Fehde- oder Militärverband, dann ein führendes Mitglied des Adels.[2] Ab 1358/59 ist er als bestimmter Titel friesischer Machthaber und Standesherren belegt.

Häuptlingsherrschaften in Friesland (14. - 17. Jh.)

Hauptartikel Ostfriesische Häuptlinge

Da sich im 14. Jahrhundert eher personal-herrschaftliche gegen territorial-genossenschaftliche Kräfte durchsetzten, verselbständigte sich die Gruppe dieser Vermögenden und Mächtigen (divites et potentes). Es entstanden regelrechte Häuptlingsherrschaften zwischen Jade und Ems, deren Führer sich durch kleine stehende Truppen und oftmals steinerne Häuser ostentativ absetzten. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden die Häuptlinge zu einem klar umrissenen Stand. In dieser Bedeutung wurde Häuptling im Hochdeutschen bis um 1800 gebraucht. Trotz der sozialen Umwälzungen hielt sich das Wort mit einer weniger rechtlichen als herrschaftlichen Bedeutung, und es wurde in einem allgemeineren Sinne für Anführer verwendet.

Kolonialismus: Übertragung des Begriffs auf (vermeintliche) Oberhäupter außereuropäischer Völker

In der Frühphase des Kolonialismus wurde das Konzept Häuptling auf überseeische Oberhäupter in nicht staatlich organisierten Gesellschaften übertragen. Allenfalls ähnlich unscharfe Begriffe wie Fürst wurden gelegentlich auf sie angewendet. Bei Vertragsverhandlungen traten durch das Konzept der Häuptlingschaft, das die Kolonisatoren verwendeten, oftmals Probleme auf. Dort nämlich, wo keine häuptlingsähnliche Institution und auch keine staatliche Herrschaftsgewalt angetroffen wurde, wurde diese Position kurzerhand geschaffen, indem man eine irgendwie herausragende Person auswählte, oder einfach jemanden, dem man eine gewisse interne Durchsetzungskraft zutraute. Dabei wurden grundsätzlich nicht Gruppen sondern Individuen und immer Männer bevorzugt, auch dort, wo ein Ältestenrat, oder eine Gruppe von Frauen die einflussreichste Instanz war. Waren in den Augen der Fremden Hierarchien erkennbar, so nannte man die augenscheinlich weniger Einflussreichen „Unterhäuptlinge“ (sub-chiefs). Diese Unterhäuptlinge führten in ihren Augen einen „Unterstamm“, der wiederum, wie der Hauptstamm, ein Territorium besaß.

Für die Kolonialpolitiker war es offenbar nicht vorstellbar, dass es Gruppen gab, die weder ein befehlshabendes Oberhaupt hatten, noch ein Territorium mit definierten Grenzen beanspruchten, oder deren Führung aus einer Gruppe bestand, oder aus Frauen. Erst recht entsprachen zeitweilige Vereinigungen von Hausgruppen oder Familien, die saisonal und zur Erledigung bestimmter Aufgaben zusammenkamen, nicht der eng gefassten Vorstellung einer Führerschaft durch einen Häuptling.[3] Dies hängt vielfach mit einem evolutionistischen Weltbild zusammen. So war es auch in der westlichen Ethnologie lange üblich, von Naturvölkern und Stämmen zu sprechen, wenn in Gesellschaften kein Staatswesen existiert, und deren (vermeintliche) Machthaber als Häuptlinge zu bezeichnen.[4] So war es etwa in Nordamerika nicht vorstellbar, dass es ethnische Gruppen ohne die Trias „Stamm“, „Territorium“ und „Häuptling“ gab.

Der Übersetzungsprozess der Bezeichnungen für führende Personen in ethnischen Gruppen wird noch durch den Übergang von den Hauptkolonialsprachen Englisch und Französisch ins Deutsche verkompliziert. In Nordamerika wurden „Häuptlinge“ als chefs bzw. chiefs bezeichnet - Begriffe, die wieder andere Konnotationen aufweisen, die aber als Rechtsbegriffe in Verträge und Gesetze eingingen. War der Begriff erst etabliert, wurde er ohne weitere Prüfung, da es kein anderes geeignetes Wort zu geben schien, ins Deutsche übersetzt, und zwar als „Häuptling“.

Die Herrschaftsform von „Häuptlingen“ wurde aus dem eurozentristischem Blickwinkel oft undifferenziert wahrgenommen. Hohe Autorität, reine Sprecherfunktionen oder das Funktionsprinzip (Kriegshäuptling ist z. B. ein anderer als der Friedenshäuptling) wurden mit dieser Perspektive eingeebnet. Mit der Fixierung auf „Häuptlinge“ schuf man sich zudem ein ethnologisches Folgeproblem, da man empirisch tribes without rulers (dt. Volksgruppen ohne Anführer) auffand. Dies bereitete vor allem der britischen Kolonialverwaltung Schwierigkeiten, da sie auf die Indirect Rule eingestellt war: Dazu aber hätte es der direct rulers (Häuptlinge) bedurft, so dass man diesen Völkern zum Teil die ihnen fremde Rechtsform von „Häuptlingen“ aufzwang.

Heute sind die entsprechenden Begrifffe in den meisten Ethnien etabliert, wenn es auch Versuche gibt, die Eigenbezeichnungen für diese Art von Führerschaft(en) zu beleben. Im internen Gebrauch existieren sie vielfach neben der legalistischen Auffassung, vielfach tragen traditionelle Häuptlinge bewusst die lokalen Bezeichnungen, während die gewählten Häuptlinge, die stärker vom Staat abhängen, sich als „chief“ bezeichnen.

Zur Etablierung des Begriffes in den europäischen Ursprungsländern des Kolonialismus trugen insbesondere die weite Verbreitung der Bücher von James Fenimore Cooper und Karl May bei. Zu Lebzeiten der Autoren erschien die vermittelte Darstellung sehr realistisch und lebensgetreu. Insbesondere von Karl May weiß man, dass seine Darstellungen nur aus dem ihm damals zur Verfügung stehenden Literaturquellen stammten, zu denen vor allem die Lederstrumpfromane Coopers gehörten. Eine ähnliche Bedeutung kam schließlich dem Film zu, zunächst dem GenreWestern“, später den Verfilmungen der Karl-May-Romane.

Die Problematik des Begriffs 'Häuptling'

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Susan Arndt stellt fest: „Auch 'Häuptling' ist ein abwertender Begriff. U.a. suggeriert er 'Primitivität', was sich auch aus gängigen visuellen Assoziationen mit dem Wort erschließen lässt.“[5]

Eigenbenennungen der Kolonialisierten werden zudem sprachlich abgetan. Mit diesem Begriff konnte man sich somit aus der Position des Eroberers, der unter Monarchen oder Präsidenten eindrang, von minder bedeutsamen Machthabern in kolonialisierten Gesellschaften abheben.[6]

Die als Haupt einer Gesellschaft Wahrgenommenen werden durch das angefügte Suffix ling im jüngeren Sprachgebrauch häufig unterschwellig abgewertet. "-ling" hat im Deutschen verschiedene Konnotationen, je nachdem, mit welcher Wortart es verbunden wird. Wird es mit einem Nomen verbunden, so hat es häufig eine negative Nebenbedeutung, wie etwa bei Schreiberling, wobei es in Verbindung mit Gegenständen eher neutral ist (Silberling, Beinling). In Verbindung mit Adjektiven liegen sehr häufig negative Konnotationen vor (Schönling, Wüstling), beinahe unabhängig davon, ob das Adjektiv eine positive Bedeutung hat; bei Verben hängt es eher von der Bedeutung des Verbs ab (Schädling, Täufling, Abkömmling). Zudem kann es eine verniedlichende (Jüngling) Konnotation haben.

Häuptlingstum in der Ethnologie

In der Ethnologie bezeichnet der Begriff Häuptlingstum im Rahmen der Theorie der multilinearen Evolution eine bestimmte Form der sozialen Organisation, die zwischen den segmentären, herrschaftsfreien Stammesgesellschaften und den in Staaten organisierten Gesellschaften steht. Nach Robert Carneiro ist ein Häuptlingstum “An autonomous political unit comprising a number of villages or communities under the permanent control of a paramount chief” (also „eine autonome politische Einheit, die aus einer Anzahl von Dörfern oder Gemeinschaften besteht und die sich unter der Kontrolle eines obersten Häuptlings befindet“).[7]

Übertragener Gebrauch

Heute ist in der medialen Kommentierung aktueller politischer Konflikte der Gebrauch des Begriffes "Häuptling" zur Herabsetzung eines Gegners durchaus gebräuchlich. Sehr präsent ist er in Satire, Kabarett und Werbung.

Siehe auch

Literatur

  • Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast, Münster 2004, ISBN 3-89771-424-8

Quellen

  1. Eintrag im Deutschen Wörterbuch. Noch im Kurzen deutschen Wörterbuch für Etymologie, Synonymik und Orthographie, herausgegeben von Friedrich Schmitthenner, Darmstadt 1834, S. 121 heißt es unter dem Begriff „das Häupt“ noch: „die höchste Spitze, i. Bes. der Kopf. Daher enthaupten, behaupten, der Häuptling ...“.
  2. Lexikon des Mittelalters, Bd. IV, Sp. 1959f. Im Wörterbuch der Ostfriesischen Sprache, Zweiter Band, etymologisch bearbeitet von J. ten Doornkaat Koolman, Norden 1882, S. 2, heißt es allerdings nicht Hävd(l)ing sondern „afries. haved-ing, havd-ing (Häuptling, capitanus etc.) von haved etc. (Haupt, caput)“.
  3. Dazu ausführlicher: Küsten-Salish#Traditionelles_Territorium:_ein_Widerspruch_und_ein_Schl.C3.BCssel_zum_Verst.C3.A4ndnis Küsten-Salish
  4. Der peruanische Musikethnologe Julio Mendívil schreibt dazu: Die Ethnologie ist immer ein westliches Geschäft gewesen. Unter der Schirmherrschaft eines Kolonialsystems entstanden und mittels des logistischen Rahmens verbreitet, welchen die Nationalstaaten ihr zur Verfügung stellten, etablierte sie sich als eine wissenschaftliche Disziplin, die, wie Asad es formuliert, die strukturelle Rangordnung des Weltsystems reproduziert, indem sie dazu beiträgt, eine Politik der Differenz zwischen dem Westen und den Anderen zu konstruieren und festzuschreiben. Die Beschreibung des Fremden beinhaltet – gewollt oder ungewollt – immer einen Kontrastcharakter und fungiert dadurch als Negation des Eigenen. In seinem Buch Orientalism konnte Edward Said zeigen, dass die Logik ethnographischer Beschreibungen auf einem binären Repräsentationssystem basiert, das den Anderen als Oppositionsfigur für die Konstituierung der eigenen Identität benutzt. Zitiert nach: Julio Mendívil: Das ›zivilisierte Denken‹: Reflexionen eines peruanischen Musikethnologen über eine Feldforschung in den ›traumatischen Tropen‹ Deutschlands. In: Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster 2007. Seite 138. Bei Asad nimmt er Bezug auf: Talal Asad (1973): "Introduction." In: Ders.: Antrhropology and the Colonial Encounter. Atlantic Highlands: Humanities Press, S. 9-12.
  5. Online einsehbar
  6. Vgl. Literatur Arndt/Hornscheidt sowie Susan Arndt, „Kolonialismus, Rassismus und Sprache. Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie.“, Aufsatz, September 2004, S. 1-4; von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht Online einsehbar.
  7. Robert L. Carneiro: The Chiefdom: Precursor of the State. In: G. D. Jones, R. R. Kautz (Hrsg.): The Transition to Statehood in the New World. Cambridge – New York 1981, ISBN 0521172691, Seiten 37–79, 45


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