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Groß Breesen (Lehrgut)

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Groß Breesen war der Name eines nicht-zionistischen Ausbildungsgutes für junge deutsche Juden und Jüdinnen im schlesischen Dorf Groß Breesen (heute: Brzezno Trebnitz) bei Trebnitz. Es wurde 1936 von der damaligen „Reichsvertretung der Deutschen Juden“ in Reaktion auf die beginnende Judenverfolgung der Nationalsozialisten eingerichtet und bestand bis 1942.

Geschichte

Als im nationalsozialistischen Deutschland Jugendlichen aus jüdischen Familien die berufliche Ausbildung und der Besuch weiterführender Schulen zunehmend erschwert wurde, gründeten jüdische Verbände, vor allem die „Reichsvertretung der Deutschen Juden“ (RV), ab 1934/35 Ausbildungsstätten für junge Auswanderungswillige. Hier sollten junge Menschen darauf vorbereitet werden, sich eine Existenz außerhalb Deutschlands zu schaffen. Die meisten dieser Stätten folgten der zionistischen Idee einer Rückkehr aller Juden nach Palästina, standen in der Tradition der Hachschara und waren von den auch in der Jüdischen Jugendbewegung populären Vorstellungen eines naturgemäßerem Lebens bestimmt. Im Frühjahr 1938 besuchten 5.520 Auszubildende (von schätzungsweise 60.000 deutschen Jugendlichen, die als Juden galten) 94 derartige Lehrstätten,[1] in meist zweijährigen Kursen mit landwirtschaftlichem, handwerklichem und hauswirtschaftlichem Unterricht. Nach den Novemberpogromen 1938 sank ihre Zahl rapide.

Um auch Jugendlichen aus Familien, die der jüdischen Religion oder dem Zionismus fernstanden, die aber nicht weniger diskriminiert wurden, zu helfen, beschloss die RV, unterstützt von Leo Baeck und Martin Buber, nach heftigen internen Auseinandersetzungen die Gründung eines nicht-zionistischen Auswanderer-Lehrgutes. Etwa 30 km nördlich von Breslau wurde das Gut Groß Breesen von einer polnisch-jüdischen Familie gepachtet und 1936 mit der Auswahl und Ausbildung von etwa 120 Jungen und Mädchen begonnen. Insgesamt gab es dort drei je zweijährige Kurse für insgesamt etwa 370 Jugendliche, zu einem größeren Teil Jungen; die angestrebte Ausgewogenheit zwischen Jungen und Mädchen wurde nie erreicht. 1942 wurde die Ausbildungsstätte von der Gestapo geschlossen.

Pläne zu einer gemeinsamen Auswanderung aller Breesener nach Übersee scheiterten. Vom ersten Kurs fanden die meisten 1937/38 individuell einen Weg ins Ausland. Am 10. November 1938 wurde das Gut von SS-Männern überfallen. Die männlichen Mitglieder des zweiten Kurses, die Erzieher und fast alle Werkmeister wurden in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nach sechs Wochen wurde fast die gesamte Gruppe mit der Verpflichtung zur sofortigen Emigration aus dem KZ entlassen. Groß Breesen existierte aber als Lehrstätte weiter und nahm nun 114 Teilnehmer für einen dritten Kurs auf. Diejenen von ihnen, die 1942 noch in Groß Breesen lebten, wurden in das KZ Auschwitz abtransportiert.

Konzept und Bedeutung

Die Arbeit auf dem Gut, vor allem die Tätigkeit der „Praktikanten“ auf dem Feld, im Stall und Garten war schwer. Die meisten von ihnen waren Stadtkinder, sie sollten in zwei Jahren eine gründliche Ausbildung in landwirtschaftlicher Theorie und Praxis erhalten, und Groß Breesen war auf ihre Arbeitskraft angewiesen. Immerhin benötigte die Ausbildungsstätte schon nach einem Jahr keine weitere finanzielle Unterstützung durch die RV.

Über die Berufsausbildung hinaus gehörten die „bewusste Bejahung der jüdischen Tradition und das Bekenntnis zum deutschen Kulturerbe“[2] zu den Groß-Breesener-Erziehungsprinzipien. Sie waren vom Leiter des Projektes, dem Sozialpädagogen Curt Bondy, konzipiert worden, dem besonders viel daran lag, den Jugendlichen gefestigte moralische und ethische Grundsätze, Verantwortungsbewußtsein und die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion mit auf den Weg in ihr neues und riskantes Leben zu geben. Bondy verwirklichte deshalb mit Unterstützung der übrigen Mitarbeiter und unter aktiver Beteiligung der Jugendlichen selbst ein umfangreiches kulturelles, musisches und geistiges Bildungs- und Diskussionsprogramm.

Viele der damals von ihm Ausgebildeten berichteten später, dass die Zeit in Groß Breesen für ihre Entwicklung entscheidend gewesen sei. Dies führten sie vor allem auf den Einfluss von Curt Bondy zurück. Dieser habe mit strengen Anforderungen, mit Zuwendung zu jedem Einzelnen und in offenen Aussprachen über die bedrohliche Situation den von ihren Eltern getrennten jungen Menschen ein Gefühl von Geborgenheit und Gemeinschaft gegeben. Bondy und seinem jungen Assistenten Ernst Cramer gelang es offenbar sogar im KZ Buchenwald, den hilfreichen Zusammenhalt der dorthin verschleppten Gruppe aufrechtzuerhalten.

Die Lehrgangsteilnehmer, die den Nationalsozialisten entkommen konnten, sind in alle Kontinente ausgewandert. Viele von ihnen blieben miteinander in Kontakt, vor allem durch hektographierte „Groß-Breesen Rundbriefe“ und „Gross-Breesen Letters“, die bis 2003 in unregelmäßiger Folge verschickt wurden.

Literatur

  • Werner T. Angress: Auswandererlehrgut Groß Breesen, in: Year-Book of the Leo Baeck Institute 10. 1956, S. 168-187.
  • Werner T. Angress: Generation zwischen Furcht und Hoffnung. Jüdische Jugend im Dritten Reicht. Christians, Hamburg 1985, ISBN 3-7672-0886-5 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Beiheft 2) (mit weiterer Forschungsliteratur und umfangreichem Dokumetenanhang).
  • Adler-Rudel, Schalom Jüdische Selbsthilfe unter dem Naziregime 1933-1939 : im Spiegel der Berichte der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Mohr, Tübingen 1974, S. 61.
  • Avraham Barkai, Paul Mendes-Flohr: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Band 4: Aufbruch und Zerstörung, 1918 – 1945, Beck, München 1997, S. 265.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Angress, Generation ... S. 33, 15.
  2. Angress, Generation, S. 55.
51.36161216.868777


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