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Das Gegebene

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Als gegeben (gleichbedeutend mit lat. datum = gegeben) bezeichnet man in der Philosophie und Psychologie unvoreingenommen und ohne eigenes Zutun als real erlebte Ausgangspunkte und Fundamente der Erkenntnis. Diese Basisdaten stellen entweder Erinnerungsspuren früherer Erfahrung dar oder sie sind als fortlaufend erlebte und daher prägende Faktoren des sozialen Umfelds oder im Extremfalle angeborene Zuständlichkeiten der Wahrnehmung und Empfindung anzusehen. Sie sind gegenständlicher Art und werden zunächst als neutral bzw. als schlicht und fraglos empfundene unmittelbare Tatsachen bzw. als elementare Bewusstseinseinheiten verstanden.[1](a), [2](a) Eine ähnliche Zielrichtung verfolgt die Bewusstseinspsychologie.[3][4]

Damit ist jedoch nicht gesagt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit diesen „gegebenen“ Fakten bereits erfolgt ist. Insbesondere durch neue Erfahrungen stellt sich diese Frage immer wieder neu.[2](b) Indem subjektive Momente der Wahrnehmung zunächst im Vordergrund stehen, wird eine Überprüfung des Gegebenen oder ein sachkundiger Umgang mit diesen Daten erfordert, damit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit bzw. Objektivität Rechnung getragen ist. Diese kritische Auseinandersetzung wird z. T. auch als Reflexion bezeichnet. Aristoteles (ca. 384–322 v. Chr.) bezeichnete sie als Paregon, als ein Mehr an Leistung, das zu einem Unmittelbaren hinzukommt. Das Gegebene stellt das Unmittelbare dar, die Bearbeitung das Parergon, vgl. a. → Apperzeption.[5]

Kennen und Erkennen

Der Begriff „Erkennen“ lässt einen gewissen Prozesscharakter deutlich werden (Aktpsychologie). Erkennen setzt voraus, dass es etwas Objektives aus der Außenwelt oder aus dem eigenen Inneren gibt, das zu erkennen ist. Nach den Vorstellungen der Informationstheorie bzw. nachrichtentechnisch ausgedrückt ist dieses Etwas ein von einem Urheber gegebenes oder von einem Sender oder Absender ausgehendes Datum. Es enthält die zu erkennenden Eigenschaften des damit bezeichneten Gegenstands. Damit können zumindest ansatzweise physiologische Theorien über die Arbeitsweise der Erkenntnisprozesse im Zentralnervensystem gewonnen werden, die auf gegebenen Erfahrungen aufgebaut sind. Die individuell und artspezifische Weise der Korrelation zwischen physiologischen Abläufen und dem Erleben bleibt damit jedoch offen (psychophysische Relation).[6][7]

Erkenntnis setzt somit sowohl Kennen oder bereits Erkanntes als auch die sensorische Funktion der Sinne voraus.

Die Arten des Gegebenen

Die Arten des Gegebenen sind mit den Arten des gegenständlich Gegebenen identisch. Zu unterscheiden sind: (1) das durch die Umwelt sinnlich konkret Gegebene (Sinnesdaten), (2) das gedanklich Gegebene wie es durch das rationale, logisch-begriffliche Denken erfolgt (res cogitans), Abstraktion, Allgemeines, die Universalien, unvermitteltes bzw. direktes Wissen im Gegensatz zu vermitteltem Wissen (Schulwissen). (3) durch Empathie Gegebenes, sei es durch Einfühlung in andere Menschen, durch den „inneren Sinn“ (Kant), den Zeitgeist, den Gemeinsinn oder durch Introspektion in eigene Zuständlichkeiten wie etwa das Vitalgefühl.[1](b), [2](c)

Erkenntnis

Die Begriffsbildung des Gegebenen in der Philosophie erfolgte in Anknüpfung an die Auszeichnung der res cogitans durch René Descartes (1596–1650). – Infolge des systematischen Zweifels am Erkennen der Wahrheit (Skeptizismus) und angesichts neuer Erkenntnisse zu den bisher unklaren Begrifflichkeiten des Leib-Seele-Problems war Descartes bemüht, verlässliche Grundlagen für eine an den wissenschaftlichen Fortschritten orientierte Wahrheitssuche zu finden.[3][7] Hierdurch wandelte sich die ursprünglich seit der Antike an der Beständigkeit des Kosmos orientierte ontologische Auffassung, wonach das Universum als Vorbild der Unwandelbarkeit und Beständigkeit gegolten hatte. Diese ontologische Auffassung wurde von Parmenides (um 520–460 v. Chr.) vertreten.[8](a) Bereits Heraklit (ca. 544–483 v. Chr.) war jedoch davon überzeugt, dass ein unvergängliches Sein nicht möglich sei. In allem Sein werde vielmehr beständige Veränderung und ein fortgesetztes Werden eingeschlossen („alles fließt“). Diesen Standpunkt nimmt auch die heutige Aktualitätstheorie ein.[1](c) Während die frühere deduktive Auffassung auf Anschauung und Kontemplation beruhte, wurde in der Neuzeit seit Francis Bacon (1561–1626) und Galileo Galilei (1564–1642) das Experiment zur Grundlage der Forschung und gleichzeitig damit auch die induktive Methode zur Quelle wissenschaftlicher Erfahrung. Descartes leitete seine Philosophie bewusst von den Entdeckungen des Galilei ab.[3][8](b), [1](d) Indem Descartes neue Begriffe einführte wie die der verlässlichen und beharrenden Substanzen des Leibs (res extensa) und der bewusstseinsbildenden leib-seelischen Funktionen des Denkens (res cogitans) sollte eine Alternative zu dem rein ontologischen Standpunkt von Leib und Seele geschaffen werden. Durch die Maxime „cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) wurde der rein ontogologische Standpunkt umgekehrt, wonach das Denken wie jede andere Tätigkeit aus dem Sein zu folgern ist (agere sequitur esse). Dies war gleichzeitig der Ausgangspunkt für eine Subjektivierung der Erkenntnisprozesse („Ich denke“). Hierdurch wandelte sich die ursprünglich seit der Antike an der Beständigkeit des Kosmos orientierte ontologische Auffassung, wonach das Universum als Vorbild der Unwandelbarkeit und Beständigkeit gegolten hatte (Parmenides). Während diese frühere deduktive Auffassung auf der Anschauung und Kontemplation beruhte, wurde in der Neuzeit seit Francis Bacon (1561–1626) und Galileo Galilei (1564–1642) das Experiment zur Grundlage der Forschung und gleichzeitig damit auch die induktive Methode zur Quelle der wissenschaftlichen Erfahrung.

Immanuel Kant (1724–1804) verwies auf die Methodik der konstruktiven Geometrie[9][10] am Beispiel der Konstruktion eines Dreiecks aus gegebenen Größen wie Seitenlänge oder Winkel, um damit aufzuzeigen, dass die Vorstellung a priori eines ungegenständlichen bzw. nichtempirischen Objekts zur Begriffsbildung des Dreiecks erforderlich sei. Das Gegebensein eines geometrischen Begriffs wie desjenigen eines Dreiecks ist sowohl als empirisch (a posteriori) zu bezeichnen, d. h. in Form der Anschauung eines ganz bestimmten Dreiecks als auch in Form der Anschauung a priori, indem bei der reflektierenden Begriffsbildung von der Verschiedenheit aller möglichen Dreiecke abgesehen bzw. abstrahiert wird. Diesen Vorgang bezeichnet Kant auch als Begriffskonstruktion. Bei der Zeichnung eines konkreten, aus den vorausgesetzten Größen bzw. Quantitäten (Seitenlängen und Winkelgrößen) bestimmten Dreiecks ist zuvor diese Begriffsbildung unumgänglich. Nur durch sinnvolle Synthese a priori gelingt es, diese einzelnen Größen erfolgreich zu koordinieren und somit das konstruktive Verfahren als transzendental zu rechtfertigen. (KrV B 740 ff.).[11]

Urteilskraft

Auch die Annahme einer Urteilskraft, wie sie nicht nur von Kant, sondern auch von der → Aktpsychologie angenommen wurde, geht von Gegebenheiten aus. Definiert man nach Kant die Urteilskraft als „das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, d. h. zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel stehe oder nicht“ (subsumierende U.), so wird damit der Akt des Urteilens umschrieben. Kant beschrieb mit der Urteilskraft auch das Vermögen und die Fähigkeit, das Besondere als enthalten unter dem zwar noch nicht gegebenen, aber doch zu findenden Allgemeinen (der Regel, dem Prinzip, dem Gesetz) zu denken (reflektierende U.). (Kant KrV B 171 f.; KU B XXVI)

Prognostische Urteile

Nach Habermas erlauben gegebene Anfangsbedingungen bei den empirisch-analytischen Wissenschaften Prognosen. Empirisch-analytisches Wissen sei mithin mögliches prognostisches Wissen.[8](c)

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Heinrich Schmidt: Philosophisches Wörterbuch (= Kröners Taschenausgabe. 13). 21. Auflage, neu bearbeitet von Georgi Schischkoff. Alfred Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5:
    (a) S. 216 zu Lemma „gegeben“;
    (b) S. 216 zu Lemma „Gegenstand“;
    (c) S. 10 zu Lemma „Aktualitäts-Theorie“;
    (d) S. 182 zu Lemma „Experiment“.
  2. 2,0 2,1 2,2 Hermann Krings u. a. (Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Eine Selbstdarstellung der gegenwärtigen Philosophie in 150 Stichworten. Kösel, München 1973, ISBN 3-466-40055-4:
    (a) S. 397, 406 f., 436 f., 438, 1368, 1373 zu Stw. „Das Gegebene“;
    (b) S. 1368 zu Stw. „Reflexion“;
    (c) S. 403 zu Stw. „Arten des Gegebenen“.
  3. 3,0 3,1 3,2 Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. R. Piper, München 31983, ISBN 3-492-00517-9; S. 286 zu Kap. 41 „Die Umstülpung von Theorie und Praxis“.
  4. Henri Bergson: Les données immédiates de la conscience. 1888.
  5. Hans-Georg Gadamer: Der Anfang der Philosophie. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1996, ISBN 3-15-009495-X:
    (1) S. 18 zu Stw. „Entwicklung“;
    (2) S. 95 zu Stw. „Reflexion“.
  6. Thure von Uexküll: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963; S. 245 f. zu Stw. „Informationstheorie, Alltagssprache“.
  7. 7,0 7,1 Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; S. 206 zu Stw. „Descartes“, Lemma „Leib-Seele-Problem“.
  8. 8,0 8,1 8,2 Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. In: Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. Suhrkamp, Frankfurt, Edition 287, 41970 (11968), [1965 Merkur]:
    (a) S. 147 zu Stw. „Ontologie“;
    (b) S. 147 wie (a);
    (c) S. 156 f. zu Stw. „Prognostische Urteile“.
  9. Max Koecher, Aloys Krieg: Ebene Geometrie. 3. Auflage. Springer, 2007.
  10. Wolf-Dieter Klix, Karla Nestler: Konstruktive Geometrie. Hanser, 2001, ISBN 3-446-21566-2.
  11. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1995, Bd. 2 stw, text- und seitenidentisch mit Bd. IV Werkausgabe, ISBN 3-518-09327-4; S. 612 f., Konkordanz Kant-Ausgaben B 740 ff.


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