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Gardy-Käthe Ruder

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Gardy Käthe Ruder (rechts) mit Inge Auerbacher 2010 in Renchen

Gardy-Käthe Ruder (* 1954 in Lahr/Schwarzwald) ist eine deutsche ehemalige Lehrerin, Autorin sowie Mitglied der GEW und der VVN-BDA, welche sich vor allem im Bundesland Baden-Württemberg für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus engagiert. Sie ist Initiatorin des Erinnerungsprojekts Gedenktafeln für jüdische Persönlichkeiten in Kippenheim und gilt als Wegbereiterin der Stolpersteine in Lahr/Schwarzwald.

Leben und Wirken

Bis 1997 war Frau Ruder im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg tätig. Aufgrund ihrer eigenen familiären Erfahrungen, ihre Großmutter, Katharina (geb. 1898 in Lahr) wurde 1940 in der NS-Tötungsanstalt Schloss Grafeneck im Rahmen der Aktion T4 ermordet[1]

Sie engagierte sich auch vor Gericht gegen Ausgrenzungen, z. B. ging es um die Spätfolgen einer Frau, welche in der NS-Zeit zwangssterilisiert wurde und die man um ihre Entschädigungsleistung prellen wollte. Diesen gesamten Prozess hat Ruder in dem von ihr verfassten und selbst verlegten Buch NS-Spätfolgen: eine Behörde lenkt widerwillig ein; vom Versuch, eine hochbetagte zwangssterilisierte Frau um ihre Entschädigung zu prellen, erschienen 2008, aufgearbeitet.

Dazu erklärte Frau Ruder gegenüber Jewiki im Oktober 2019:

„Für Elisabeth Stöckel, das ist die alte Dame, die um ihre Entschädigungsleistung fast geprellt worden wäre und die 2013 im Alter von 98 Jahren verstorben ist, habe ich keine Prozesse geführt. Ich hatte ihre Vollmacht, sie gegenüber dem Landratsamt Ortenau zu vertreten und habe in diesem Zusammenhang einen Briefwechsel mit einer Mitarbeiterin gehabt, der am Ende dazu führte, dass Elisabeth Stöckel als Opfer von NS-Unrechtsmaßnahmen anerkannt wurde. Es wurde ein Änderungsbescheid erlassen, sodass sie ihre Entschädigung behalten konnte, die ohnehin auf keine Leistung hätte angerechnet werden dürfen.“

Seit 1999 ist Gardy Ruder als freischaffende Publizistin für verschiedene Regionalzeitungen tätig. Im Jahre 2003 initiierte sie in ihrem Heimatort die Verlegung von Stolpersteinen. Nachdem der Stadtrat von Lahr die Verlegung der Stolpersteine von einer Zustimmung der Hauseigentümer abhängig gemacht hatte, verlegte sie den für ihre Großmutter Katharina vorgesehenen vorläufig in ihrem Garten in Schmieheim.

Seit 2006 war ihr ein Engagement für das Projekt Stolpersteine in Lahr kaum noch möglich, weil die Unterstützung der Stadt Lahr fehlte und durch die Stadt zunehmend Hürden für die Umsetzung aufgebaut wurden[2].

Hierzu erklärte Frau Ruder gegenüber Jewiki, ebenfalls im Oktober 2019, Folgendes:

„Zu meinem Engagement in Sachen "Stolpersteine in Lahr": Für meine Großmutter Katharina konnte am 22.11.2006 der öffentliche Gedenkstein im Eingangsbereich der Friedrichschule verlegt werden. Es war der 19. und damit vorerst letzte Stolperstein, für dessen Verlegung ich verantwortlich war. Zuvor wurden vier Steine unter der Regie des Lahrer Stadthistorikers verlegt, der gleichzeitig Vorsitzender des Historischen Vereins war. Mehr dazu kann auf meiner Hausseite www.gardyruder.de nachgelesen werden. Den letzten Gedenkstein meinerseits für Johannes Böhme fand 2013 seinen Platz im öffentlichen Raum. Dazwischen habe ich überregional weiter gemacht. So wurde z. B. der Grabstein der Familie Reckendorf auf dem Freiburger Hauptfriedhof 2011 auf den Ehrenhain versetzt. Lilly Reckendorf, gebürtige Jüdin, zum Protestantismus konvertiert und überzeugte Christin, die jedoch als Judenchristin bzw. getaufte Jüdin galt, hat Gurs überlebt und kehrte 1948 von Basel aus nach Freiburg zurück, wo sie 1952 verstarb. Für sie wurde am 12.01.2004 in Lahr der 1. Stolperstein verlegt. Mich hier zu engagieren, war eine Konsequenz aus dem, was ich mit den Verantwortlichen der Stadt Lahr erlebt habe.“

Im Jahre 2009 äusserte sich Frau Ruder zu einem Verbotsverfahren gegen die NPD, dass zunächst inhaltlich eine Auseinandersetzung geführt werden solle, bevor die Partei verboten wird.

Gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden und Autorin Inge Auerbacher berichtete sie 2010 im Rahmen der Veranstaltung der Kinder- und Literaturtage, die im Renchener Museumskeller stattfand, über die Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit. Ebenfalls im Jahr 2010 nahm sie als Angehörige, gemeinsam mit Gabriel Richter, einem fachlich anerkannten und profilierten Autoren zum Thema Euthanasie im Nationalsozialismus, an einer Podiumsdiskussion der örtlichen Volkshochschule und des Vereins "Die Brücke" teil. Auch hier kritisierte sie, dass in der Öffentlichkeit keine angemessene Form gefunden würde, über die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung zu reden. So habe 2003 der Gemeinderat Lahr die Verlegung eines Stolpersteins von der Zustimmung des Grundstückseigentümers abhängig gemacht. In der gleichen Diskussion warnte Gabriel Richter vor einer "Inflation von Gedenksteinen", wie teilweise in den frühen 1990er Jahren zu beobachten gewesen sei. Dies führe zu dem irrigen Glauben, dass die Sache mit einem Mahnmal erledigt werden könne und er regte als bessere Alternative Dokumentation der Ereignisse an.

Von Frau Ruder initiierte Gedenktafeln des Erinnerungsprojektes

Bahnhofstr. 2

Hedy Epstein, geb. am 15. August 1925 als Hedy Wachenheimer. Sie überlebte durch einen Kindertransport nach England und emigrierte später in die USA. Für ihre in Auschwitz ermordeten Eltern Ella und Hugo Wachenheimer liegen zwei Stolpersteine vor dem Haus, ein Projekt, das von Michael Nathanson ins Leben gerufen wurde. Hedy Wachenheimer hatte als Schülerin des damaligen Realgymnasium Ettenheim die Ausschreitungen 1938 gegen jüdische Bewohner miterlebt und konnte, wie bereits erwähnt, 1939 im Rahmen eines Kindertransportes aus Deutschland nach England fliehen. Ihre Eltern blieben in Deutschland zurück und wurden Opfer des Holocaust. 1946/47 nahm sie aktiv an den Verhandlungen der Nürnberger Ärzteprozesse teil. Seit 1948 engagierte sie sich für soziale Gerechtigkeit und gegen Krieg und Gewalt. In den 1960er Jahren wurde sie Mitglied der Friedensbewegung in den USA[3].

Obere Hauptstr. 27

Die Historikerin Dr. Dr. hc Selma Stern-Täubler hat hier ihre Kindheit verbracht. Weitere Informationen zu ihrer bewegten Lebensgeschichte sind auf ihrer Tafel zu lesen, die Frau Ruder verfasst hat. Eine 2. Tafel gibt Informationen zur Geschichte des Hauses.

Poststr. 20

In diesem Haus kam Inge Liese Auerbacher als letztes jüdisches Kind in Kippenheim zur Welt. Sie teilt ihr Geburtshaus mit dem großen Gönner des Ortes Johann Georg Stulz von Ortenberg, dem der Ort sein Spital verdankt und der im Ort sehr präsent ist.

Literatur

  • Holocaust im Gedächtnis einer Puppe: Unterwegs auf Lebensspuren von und mit Inge Auerbacher; Deutscher Wissenschafts-Verlag Baden-Baden (2005); ISBN 3935176465
  • Die Fahrt ins Graue(n), die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen 1933–1945, Abschnitt zu Katharina Ketterer – ein Opfer der „Euthanasie“ geboren am 21. November 1898 in Lahr, ermordet am 26. November 1940 in Grafeneck, Broschüre des Zentrum für Psychiatrie Emmendingen; Band 13, S. 323.
  • NS-Spätfolgen: eine Behörde lenkt widerwillig ein; vom Versuch, eine hochbetagte zwangssterilisierte Frau um ihre Entschädigung zu prellen, Eigenverlag 2008, OCLC-Nr. 316018332
  • Kippenheimer Chronik: Eine Erinnerungstafel für Inge Auerbacher, 2010, S. 109-110

Einzelnachweise

  1. Lebensspuren in der Nazizeit
  2. "Gardy Ruder zieht sich aus Stolpersteinprojekt zurück"; Mittelbadische Presse vom 6. September 2006
  3. Projekt Gedenktafeln in Kippenheim

Weblinks (Auswahl)


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