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Fluchpsalmen

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Fluchpsalmen ist die traditionelle Bezeichnung für Gebete des biblischen Psalmenbuches, in denen der Beter in seiner äußersten Bedrängnis Gott um gewaltsame Vernichtung seiner Feinde anfleht (siehe auch: Fluch). Während noch bis ins 20. Jahrhundert auch die Bezeichnung Rachepsalm (siehe auch: Rache) verwendet wurde, spricht die moderne Exegese lieber von Feindpsalmen oder Vergeltungspsalmen (siehe auch: Vergeltung).

Umfang

Obwohl keiner der biblischen Psalmen als ganzes nur das Gericht Gottes über die Feinde Gottes bzw. des Beters herabruft, wurden und werden doch einige Psalmen innerhalb der Gruppe der Klagepsalmen ausdrücklich als Fluchpsalmen bezeichnet. In engster Lesung des insgesamt 2527 Verse umfassenden hebräischen Texts des Psalmenbuchs lassen sich 41 eindeutige Bitten des Beters an Gott zählen, aktiv in von seinen Feinden verursachtes Leid einzugreifen.[1] Solche Bitten enthalten in besonders großem Umfang die Psalmen Ps 58 EU, Ps 83 EU und Ps 109 EU sowie einzelne Versen von mindestens 16 weiteren Psalmen (etwa Ps 17 EU, Ps 69,23–29 EU, Ps 54,7 EU, Ps 137,7–9 EU und Ps 144,6 EU).

Beispiel

Psalm 58 (nach der Lutherbibel 1912)
Ein gülden Kleinod Davids, vorzusingen, daß er nicht umkäme.
Seid ihr denn stumm, daß ihr nicht reden wollt, was recht ist, und richten, was gleich ist, ihr Menschenkinder?
Ja, mutwillig tut ihr Unrecht im Lande und gehet stracks durch, mit euren Händen zu freveln.
Die Gottlosen sind verkehrt von Mutterschoß an; die Lügner irren von Mutterleib an.
Ihr Wüten ist gleichwie das Wüten einer Schlange, wie die taube Otter, die ihr Ohr zustopft,
Dass sie nicht höre die Stimme des Zauberers, des Beschwörers, der wohl beschwören kann.
Gott, zerbrich ihre Zähne in ihrem Maul; zerstoße, Herr, das Gebiß der jungen Löwen!
Sie werden zergehen wie Wasser, das dahinfließt. Sie zielen mit ihren Pfeilen; aber dieselben zerbrechen.
Sie vergehen wie die Schnecke verschmachtet; wie eine unzeitige Geburt eines Weibes sehen sie die Sonne nicht.
Ehe eure Dornen reif werden am Dornstrauch, wird sie ein Zorn so frisch wegreißen.
Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Rache sieht, und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut,
Dass die Leute werden sagen: Der Gerechte wird ja seiner Frucht genießen; es ist ja noch Gott Richter auf Erden.

Kontext

Die Fluchpsalmen sind redaktionell in unterschiedliche Zusammenhänge gesetzt, etwa in die Situation des verratenen Königs David, der Gott anfleht, ihm Recht zu verschaffen (Ps 54 EU), oder auf der Flucht vor König Saul, der den Befehl zu Davids Tötung gegeben hatte (Ps 59 EU), oder auf der Flucht vor den Nachstellungen anderer Feinde (PsEU). Andere Psalmen zeigen den grundlos verhassten Beter in der Bedrängnis durch seine Feinde (Ps 69 EU), das empörende Schweigen Gottes angesichts der Taten der Frevler (Ps 109 EU).

Problematik

Diese „Gewaltpsalmen“ bzw. die entsprechenden eifernden Verse reiben sich deutlich am jüdischen Gebot der Liebe zum Nächsten (Lev 19,18 EU) und zum Fremden (Lev 19,33-34 EU) und erst recht an Jesu Einschärfung der Feindesliebe (Mt 5,43-48 EU).

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Daher sind sie schon früh als anstößig oder wenigstens besonders auslegungsbedürftig empfunden worden.

Augustinus und mit ihm andere Kirchenväter greifen zur Allegorese und deuten etwa die „Feinde“, um deren Vernichtung Gott angerufen wird, als schlechte Verhaltensweisen. Die spätere christliche Tradition hat diese Verse zuweilen auch als dunkle jüdische „Kontrastfolie“ gesehen, vor der die christliche Moral desto heller hervorleuchten sollte. Teilweise wurden die Fluchpsalmen sogar als Prophezeiungen über das Schicksal Israels gedeutet, das sich in Judenverfolgungen selbst erfüllt habe.

Insgesamt gab es sowohl bei katholischen wie protestantischen Theologen starke Tendenzen, diese Stellen entweder aus der Gebetspraxis zu streichen oder sie durch verschiedene Deutungsansätze zu entschärfen. Dagegen stand das nicht immer reflektierte Festhalten am ganzen Psalter als Gebetsschatz Israels wie der Kirche.

In der theologischen Diskussion wird bemerkt, dass die als anstößig empfundenen Verse eben die ganze Lebenswirklichkeit des Beters vor Gott bringen wollen, der nicht immer in abgeklärter frommer Ergebung das Lob Gottes singen könne, sondern der gerade in existentieller Bedrängnis von Gott nur ein sofortiges Ende der Gewalt erhoffe, ja fordere. Man dürfe den Vergewaltigten, Gepeinigten, nicht auch noch seines letzten Notschreis berauben.

„… für Gott ist es eine Wesensfrage, wie es mit der Welt und den Menschen steht; in seinem Eintreten für die Unterdrückten, in seinem Zorn gegen die Unterdrücker zeigt sich, ob er sein Wort hält und sich selbst treu bleibt. Nichts weniger als sein Gott-Sein steht auf dem Spiel, wenn die SprecherInnen der Psalmen ihn immer wieder mit den Worten anrufen: ,Um der Ehre deines Namens willen hilf uns, du Gott unseres Heils! Um deines Namens willen reiß uns heraus!’“[2]

Schließlich verzichte der Beter der Vergeltungspsalmen auf eigene Rache, indem er die Bestrafung der Täter Gott anheimstelle.

Tilgung aus dem Stundengebet der römisch-katholischen Kirche

Die unverstandenen Fluchpsalmen wurden in besonderer Weise zum Problem, als das Zweite Vatikanische Konzil das zu einem großen Teil als Psalmen bestehende Stundengebet aus einer reinen Klerikerliturgie wieder zur Gemeindeliturgie machen wollte und sich recht bald für die Verwendung der Volkssprachen in der Liturgie aussprach. Obwohl eine große Mehrheit der Konzilsväter sich für die Beibehaltung des vollständigen Psalters aussprach, setzte Papst Paul VI., der schon vor seiner Wahl zum Papst die Fluchpsalmen abgelehnt hatte, die Tilgung mehrerer Psalmen und etlicher einzelner anstößiger Verse kraft päpstlicher Autorität durch.[3]

Die im Jahre 1971 erlassene Allgemeine Einführung in das Stundengebet schreibt dementsprechend vor:

„Die drei Psalmen 58 (57), 83 (82) und 109 (108), in denen der Fluchcharakter überwiegt, sind in das Psalterium des Stundengebetes nicht aufgenommen. Ebenso sind einzelne derartige Verse anderer Psalmen ausgelassen, was am Beginn jeweils vermerkt ist. Diese Textauslassungen erfolgten wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten, obwohl Fluchpsalmen sogar in der Frömmigkeitswelt des Neuen Testaments vorkommen (z. B. Offb 6,10) und in keiner Weise zum Verfluchen verleiten wollen.“ (AES § 131)

Seitdem sind diese genannten drei Psalmen nicht mehr Teil des allgemeinen Stundengebets, weitere 19 Psalmen sind verkürzt worden. Einzelne Ordensgemeinschaften etwa der Benediktiner beten aber nach wie vor den gesamten Psalter, von den Kirchen der Orthodoxie oder gar der jüdischen Glaubensgemeinschaft ganz zu schweigen.

Literatur

  • Notker Füglister: Vom Mut zur ganzen Schrift. Zur vorgesehenen Eliminierung der sogenannten Fluchpsalmen aus dem neuen römischen Brevier. In: Stimmen der Zeit. 184 (1969), S. 186–200.
  • Hannelore Jauss: Fluchpsalmen beten? Zum Problem der Feind- und Fluchpsalmen. In: Bibel und Kirche. 51 (3/1996), S. 107–115.
  • Erich Zenger: Fluchpsalmen. In: LThK. 3, S. 1335–1336.
  • Erich Zenger: Der Gott der Bibel – ein gewalttätiger Gott? In: Katechetische Blätter. 119 (1994), S. 687–696.
  • Erich Zenger: Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen. Herder, Freiburg 1994, ISBN 3-451-23332-0.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dazu dürfen allerdings aufgrund des Sinnzusammenhang weitere Verse gerechnet werden, deren sprachliche Form als Wunsch bzw. Bitte im Hebräischen nicht von der Form einer Vertrauensaussage unterscheiden werden kann. Jauss (siehe Literatur), Fluchpsalmen, 108–109.
  2. Silber (siehe Weblinks), S. 8.
  3. Details zitiert bei Silber (siehe Weblinks), S. 2, Fußnote 4.


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