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Gerücht

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(Weitergeleitet von Flüsterpropaganda)
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Ein Gerücht (griech. pheme bzw. phama; lat. fama[1]), auch On dit (frz.: man sagt), ist eine unverbürgte Nachricht, die stets von allgemeinem bzw. öffentlichem Interesse ist, sich diffus und zumeist mündlich verbreitet und deren Inhalt mehr oder weniger starken Veränderungen unterliegt.

Zeichnung von Honoré Daumier

Abgrenzung

In dieser allgemeinen Bedeutung wird der Begriff gelegentlich mit „Klatsch“ und „moderne Sage“,[2] im Fall der Skepsis oder nachgewiesenen Unwahrheit auch mit „Legende“ oder „Märchen“ synonym verwendet.[3] Im engeren Sinne des Begriffs werden bei einem Gerücht - anders als beim Klatsch - die erzählten Ereignisse in der Regel nicht einzelnen Personen zugeschrieben;[4] bei der modernen Sage sind demgegenüber konkrete Personen zwar vorhanden, werden aber namentlich nicht erwähnt.[2] Strategisch lancierte Gerüchte in der Politik werden der Propaganda zugerechnet.[5]

Verwandte Begriffe

  • Als Flüsterpropaganda bezeichnet man einen Vorgang, bei dem meist durch die Politik geheim gehaltene Vorkommnisse weitererzählt werden und so langsam unter die Bevölkerung und damit in die Öffentlichkeit gelangen. Diese häufig in totalitären Staaten vorkommende Verbreitung von Nachrichten kann zu Gerüchten führen.
  • Latrinenparolen sind umgangssprachlich abwertend bezeichnete Gerüchte, die zumeist irreführend oder falsch sind und heimlich verbreitet werden. Das Wort stammt aus der Soldatensprache, da sich in Kasernen oder anderen Unterkünften an der dortigen Sickergrube oder auch Latrine alle Mannschaftsgrade zur gemeinsamen Entleerung trafen und wo auch Informationen ausgetauscht und dann weitergegeben worden sind. Synonyme sind Latrinengerücht oder derber Scheißhausparole.
  • Stammtischparolen bezeichnen stereotype Versatzstücke einer lokalen Meinungsbildung und umfassen ebenfalls Gerüchte.

Rahmenbedingungen der „Gerüchteküche“

Das Gerücht lebt von dem Spannungsverhältnis, ob es denn nun wahr oder unwahr ist. Daher erweckt es Interesse und erregt Aufmerksamkeit. Erfüllt es vorhandene Erwartungshaltungen (Ängste, Hoffnungen, etc.), fällt ein Gerücht auf einen nahrhaften Boden; es scheint für Momente Orientierung zu bieten.

Ein Gerücht bedient zudem soziale Bedürfnisse nach Nähe und Übereinkunft. Durch das Teilen eines vermeintlichen Geheimnisses wird kurzzeitig so etwas wie eine Gemeinschaft der Wissenden hergestellt, die über gemeinsam geteilte Gefühle wie der Schadenfreude oder moralischer Entrüstung gestärkt wird. Darüber festigen sich vorhandene informelle Normen.

Entstehung und Verbreitung

Das Gerücht wurzelt in einer stark subjektiv gefärbten Wahrnehmung, in einer Vermutung, einem Missverständnis oder auch einer boshaften Absicht seines Schöpfers oder seiner Schöpferin und wird von ihnen und durch weitere Personen über Klatsch und Tratsch verbreitet und so in die Welt gesetzt, ggf. auch in den Massenmedien. Je größer der Neuigkeitswert, der Sensationsgrad oder die persönliche Betroffenheit der Gerüchteverbreiter sind, umso schneller kommt es in Umlauf. Zunächst wird die Empfänglichkeit des Gegenübers für das Gerücht getestet, oft in einer verschwörerischen Grundhaltung und mit der eindringlichen Bitte an den Gesprächspartner, es möglichst niemandem weiterzuerzählen.

Feldexperimente, in denen man bewusst Gerüchte in Umlauf brachte, ergaben, dass an der verformenden Weitergabe von Gerüchten bestimmte Personen einer Population in besonderem Ausmaß beteiligt sind. Eine große Rolle spielen deren Glaubwürdigkeit und Autorität. F. C. Bartlett (1932) konnte mit der Methode der Kettenreproduktion folgende Tendenzen der Gerüchtbildung modellieren: Vereinfachung, Strukturierung, Dramatisierung, Detaillierung und Schuldzuweisung.

Gerüchte in Volkserzählungen

Das Gerücht wird von der volkskundlichen Erzählforschung als eine eher exotische Gattung der Volksprosa betrachtet. Es ist meist kurz und direkt, die Mitteilung erfolgt oftmals in der dritten Person und bezieht sich für gewöhnlich auf etwas bereits Geschehenes. Charakteristische Textrahmen wie „Ich habe gehört, dass …“ zu Beginn oder „Ist das nicht ein Ding?“ am Ende des Erzählten liegen sowohl im fragwürdigen Wahrheitsgehalt als auch in der moralischen Ambivalenz begründet. Das Gerücht steht in besonderer Relation zur Sage.

Siehe auch

Literatur

  • Florian Altenhöner: Kommunikation und Kontrolle. Gerüchte und städtische Öffentlichkeiten in Berlin und London. 1914/1918. München 2008, ISBN 978-3-486-58183-6.
  • F. C. Bartlett: Remembering. A study in experimental and social psychology. Cambridge University Press, Cambridge 1932.
  • Jürgen Brokoff: Die Kommunikation der Gerüchte. Göttingen: Wallstein, 2008. ISBN 978-3835303324
  • Manfred Bruhn, Werner Wunderlich (Hrsg.): Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform. Haupt, Bern u. a. 2004, ISBN 3-258-06650-7.
  • Karin Bruns: „Do it wherever you want it but do it!“ Das Gerücht als partizipative Produktivkraft der neuen Medien. In: Britta Neitzel, Rolf F. Nohr (Hrsg.): Das Spiel mit dem Medium. Partizipation – Immersion – Interaktion (Schriftenreihe der Gesellschaft für Medienwissenschaften). Marburg: Schüren 2006, ISBN 3-89472-441-2, S. 332-347.
  • Klaus Merten: Zur Theorie des Gerüchts. In: Publizistik Volume 54, Nummer 1, S. 15-42.
  • Gary Alan Fine und Janet S. Severance: Gerücht. In: Enzyklopädie des Märchens Bd. 5 (1988), Sp. 1102–1109.
  • Jean-Noël Kapferer: Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-7466-1244-6.
  • Hans-Joachim Neubauer: Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Matthes & Seitz, Berlin 2008, ISBN 978-3-88221-727-8.
  • Wolfgang Pippke: Gerücht. In: Peter Heinrich, Jochen Schulz zur Wiesch (Hrsg.): Wörterbuch zur Mikropolitik. Leske & Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2013-3, S. 96-98.
  • Christian Schuldt: Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-458-17457-8.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Das lateinische Wort fama ist eine Entlehnung von dem dorisch-griechischen Wort phama bzw. attisch-griechischen Wort pheme, vgl. Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff: Gerüchte machen Geschichte. Folgenreiche Falschmeldungen im 20 Jahrhundert. Berlin 2006, S. 11, ISBN 3-86153-386-3.
  2. 2,0 2,1 Johannes Stehr: Sagenhafter Alltag. Über die private Aneignung herrschender Moral. Frankfurt a.M. / New York 1998, S. 63 f., ISBN 3-593-35986-3.
  3. Max Brink: Gerücht oder Legende. Methoden der Irreführung. Verlag Books on Demand, Norderstedt 2000, S. 17 und 39, ISBN 3-8981-1735-9.
  4. Jörg Bergmann: Der Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. Berlin / New York 1987, S. 96, ISBN 3-11-011236-1.
  5. Pamela Wehling: Kommunikation in Organisationen. Das Gerücht im organisationalen Wandlungsprozess. Wiesbaden 2007, S. 74, ISBN 3-8350-6083-X.


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