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Diskussion:Cioma Schönhaus

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Hier ist ein Biographiearbeit von Cioma Schönhaus:

Einleitung

Cioma Schönhaus wurde am 28.September 1922 in Berlin geboren. Seine Eltern waren jüdisch- russische Emigranten. Damals war der Beginn des Nationalsozialismus, da Hitler an die Macht kam. Ciomas Eltern wurden deportiert, doch er bekam von seiner Arbeitsstelle eine Genehmigung, dass er noch nicht deportiert werden sollte. Bald danach begab er sich in den Untergrund, wo er Ausweispapiere fälschte. Als angeblich deutscher Staatsbürger versuchte er durch all die vielen Komplikationen durchzukommen. Er verhielt sich sehr lebensfroh, damit der Verdacht auf jüdische Abstammung nicht auf ihn fallen würde. Doch die Situation wurde immer brenzliger, viele Untergrundpunkte wurden ausgehoben und Cioma wurde auch noch steckbrieflich von der Gestapo gesucht. Da beschloss er, mit einem Fahrrad in die Schweiz zu flüchten. Ein Schicksal, von dem es unter Zehntausenden nur ganz wenige gibt.


Kindheit und Jugend

Ciomas Eltern waren jüdische Russen. Boris Schönhaus war ein Soldat der Roten Armee in Russland, welcher er entfloh und nach Berlin flüchtete, weil seine Freundin, Fanja Berman, dort lebte. Sie war schon einige Zeit früher mit ihrer Familie ausgewandert. Sie zogen hier wie viele andere mittelreiche oder anders ausgedrückt mittelarme russische Emigranten in die Nähe des Alexanderplatzes. Sie gehörten in Berlin zur russischen Gemeinde, die Anfang der 20er Jahre annähernd 300 000 Personen zählte. Es lebten hier sehr viele verschiedene Denkrichtungen. Es befanden sich auch viele Vertriebene unter ihnen. Boris und Fanja heirateten 1920 in Berlin. Am 28. September 1922 kam ihr erster und einziger Sohn Cioma, der den Taufnamen Saimson Schönhaus trägt auf die Welt, dessen Schicksal im folgenden beschrieben ist. Die Familie geriet in Zionistenkreise, die für die Besiedelung von Palästina warben. Sie zogen also 1926 zusammen mit einer Gruppe in eine Siedlerkolonie in dieses Land. Doch nach einem Jahr mussten sie wieder zurück, weil Cioma erkrankte und die Familie den kargen Lebensbedingungen nicht standhalten konnte. Wenn Ciomas Eltern ausgingen, dann fing Cioma immer zu toben an. Mit der Zeit beruhigte er sich und schmiedete Pläne, was er machen würde, wenn sie nicht zurück kämen. Er konnte sich ganz gut Dinge vorstellen, die es noch nicht gab, was ihm später sehr half. Als Cioma seinen Schulabschluss machte, war sein Zeugnis mittelmässig. Nur im Zeichnen war er sehr gut und sein Lehrer sagte ihm, dass ihm das Zeichnen wieder mal das Leben gerettet habe. Damals hätte Cioma sich natürlich nicht träumen lassen, dass dies einmal so sein würde. Cioma konnte sich ganz gut in andere Menschen hinein versetzen, was ihm später auch sehr zu Gute kam. In Berlin gründete Ciomas Vater eine Mineralwasserfabrik, durch welche der Familie ein gutes Einkommen gesichert war. Die Eltern sahen in der Machtübernahme Hitlers keine grosse Gefährdung für ihre Familie. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es einmal so schlimm werden würde, wie es später wirklich wurde. Im Pubertätsalter machten Cioma und seine Alterskollegen fröhlich die Hitlerjugend nach, in die sie natürlich als Juden nicht eintreten konnten, aber zum Spott benahmen sie sich ebenfalls nazihaft. Cioma Schönhaus besuchte das königsstädtische Realgymnasium. Doch 1937, mit 15 Jahren, wurde er zwangsweise, natürlich weil er Jude war, in die Mittelschule der jüdischen Gemeinde umgeschult. 1938 verliess er diese Schule und ging bis 1939 in die private Kunstgewerbeschule von Georg Hausdorf. Er übte danach verschiedene Berufe aus.


Arbeit und Gefängnis

Als Cioma älter wurde, arbeitete er in einem Arbeitslager. Dort waren mehrere junge Männer wie er beschäftigt. An einem Sonntag Nachmittag lief er versehentlich an einer Fliegerabwehrstellung vorbei. Ihm wurde vorgeworfen, ein Spion zu sein und man liess ihn in eine Zelle sperren und dort warten. Zum Zeitvertreib baute er sich aus Spänen einer Bank, die er in einen kleinen Spalt klemmte, ein Holzzupfinstrument und ging in Gedanken durch ein Museum, das ihm gefiel. Er befürchtete, dass er nun in ein richtiges Arbeitslager in den Osten käme oder lange sitzen müsse. Doch der Gestapochef, der ihn verhörte, war ein Verwandter einer Freundin. Dadurch wurde er wieder freigelassen. Als er zwei Wochen Urlaub bekam, wurde er von seinem Vater gescholten, er müsse mehr aufpassen und dass er grosses Glück gehabt habe, weil solche Sachen schwere Folgen haben können. Sein Vater arbeitete als Erdarbeiter im Tiefbau. Die Arbeit machte ihm Freude und gab ihm Kraft. Eigentlich sollte diese Arbeit die Juden demütigen. Seine Mineralwasserfabrik war schon seit einiger Zeit von den Nazis geschlossen, wie alle jüdischen Unternehmen. Nach dem Urlaub wurden die Arbeiter, mit denen Cioma arbeitete, bei einer anderen Firma angemeldet. Dort mussten sie im Wald einen dreissig mal fünfzig Meter grossen Feuerlöschteich anlegen. Doch zuerst wurden alle Bäume auf diesem Gebiet von ihnen selbst mit der Axt gefällt. Der Schachtmeister, ein Riesenkerl, fand, aus ihm würde nie ein richtiger Arbeiter werden. Cioma wollte das auch gar nicht. Er fand, er wolle einmal Grafiker werden und nach Amerika auswandern. Nach drei Monaten hatten sie es trotzdem geschafft, den Feuerlöschteich anzulegen.


Wohnungsverlust und Cioma wird Näher

Eines Abends, im Jahre 1941, als Cioma von der jüdischen Zeichenschule nach Hause kam, sah er wie seine Mutter Bücher verbrannte, die eigentlich verboten waren. Sie erzählte ihm, dass die Gestapo hier war und der Vater am nächsten Morgen ins Polizeipräsidium müsse. Am nächsten Morgen wurde der Vater vorläufig verhaftet. Bei Fliegeralarm stand Cioma , trotz der Sorgen seiner Mutter um ihn, nicht auf, um in den Luftschutzkeller zu gehen, obwohl sie es in der Sophienstrasse 32/33 als Juden durften, weil sich Gretel Berg, eine Mitbewohnerin des Hauses, für sie eingesetzt hatte. Eines Nachts schlug eine Bombe in ihrem Haus ein. Cioma wachte erst auf, als ihn seine Mutter weckte. Die Bombe hatte zwar nicht direkt bei ihnen eingeschlagen, doch ihre Wohnung war trotzdem nicht mehr bewohnbar. Siebzehn Tote gab es. Sie zogen zu Onkel Meier und seiner Frau, die in ihrer Nähe wohnten. Ein paar Tage später kam der Vater zurück. Er war vorläufig wieder frei, doch er hatte zugegeben, dass er zwei Kilo Butter schwarz gekauft habe. Man sagte ihm, dass es später ein Gerichtsverfahren gäbe. Das Jahr neigte sich dem Ende zu. In Russland waren Tausende deutscher Soldaten erfroren. Statt den Deutschen in Sibirien zu helfen, griffen die Japaner, die mit Deutschland verbündet waren, Amerika in Pearl Harbor an. So kämpfte Hitler nun erst recht gegen die Juden, weil er den Krieg eigentlich schon verloren hatte. Dadurch wurde die jüdische Zeichenschule, in die Cioma ging, geschlossen. Er arbeitete nun als Schneider bei der Uniformschneiderei Anton Erdmann. Cioma war natürlich kein gelernter Schneider, aber seine Mutter war Schneiderin. Anton Erdmann beschäftigte ihn in der arischen Abteilung, wo er als Günther sein Gehilfe darstellte. Er musste Arbeitsutensilien an die jüdischen Mitarbeiter verteilen.

An einem Sonntagnachmittag stand ein Hauptmann vor ihrer Tür und fragte, ob er herein kommen könne. Er brachte ein Paket umd bestellte ihnen viele Grüsse von Adi Berman, dem Bruder von Ciomas Mutter aus Paris. In dem Paket waren Parfüm, Likör, Pralinen, echter Bohnenkaffee, Seidenstrümpfe, Schokolade und ein Brief. Der Hauptmann hiess Paul Albrand, er war ein guter Freund von Adi. Er gab ihnen seine Adresse mit den Worten, dass er ihnen bei Bedarf gerne helfen würde. Cioma wäre gerne nach Paris geflohen. So ging er zwei Tage später mit seiner Mutter zu ihm. Paul Albrand hatte eine Idee, wie man sich in einem Eisenbahnwaggon nach Frankreich schmuggeln könnte. Dazu brauchte er nur einen passenden Vierkantschlüssel, den er auch besorgen konnte. Cioma probierte den Schlüssel gleich bei einem Waggon aus. Da hörte er hinter sich „Ausländerkontrolle, alle Ausweise bitte vorweisen!“ Cioma hatte weder einen Ausweis dabei noch trug er seinen Stern, den alle Juden tragen mussten. Schon stand der Mann vor ihm. Er wusste nicht was machen und was sagen, doch da war der Gestapomann Gott sei Dank schon weiter gegangen. Cioma dachte bei sich: „Cioma, du brauchst einen arischen Ausweis, einen arischen, ohne Israel, ohne...“ Nach vierzehn Tagen rief er nochmals Albrand an, doch niemand meldete sich. Also war es mit diesem Ausweg vorbei. Anton Erdmann, bei dem er jetzt arbeitete, war ein untersetzter Kasten von einem Mann. Sein Lachen lag ihm stets auf den Lippen. Als einmal ein Arbeiter zehn Minuten zu spät kam und behauptete, dass die Uhr an der Arbeitsstelle zehn Minuten vorgehe, stellte Anton den Zeiger um zehn Minuten zurück. Alle lachten und mussten nun zehn Minuten länger arbeiten. Anton wollte Cioma nicht mehr länger bei den Ariern arbeiten lassen, es wurde ihm zu gefährlich. Auch sollte er den Stern tragen. Er wollte ihm helfen, in den Betrieb,die Firma Wysocky, wo Ciomas Mutter arbeitete, zu kommen. Er meinte, man habe bei Wysocky eine bessere Beziehung nach oben. Dort konnte Cioma nun arbeiten.


Der Vater im Gefängnis

Kurze Zeit später wurde Ciomas Vater zur Gerichtsverhandlung vorgeladen. Cioma und Onkel Meier gingen mit. Der Vater wurde zu einem Jahr Arbeitsgefängnis verurteilt. Cioma fand danach eine Freundin. Sie hiess Dorothee Fliess, eine deutsche Jüdin. Ihr Vater war im ersten Weltkrieg Offizier gewesen, obwohl das eigentlich nur Adlige wurden. Doch bald sagte sie ihm, dass sie unter einer Sonderbewilligung mit ihrer Familie in die Schweiz auswandern könne. Bei Wysocky lernte Cioma Det Kassriel kennen, der mit seiner Mutter gut befreundet und etwas älter als er selber war. Er war ebenfalls jüdischer Abstammung, doch er hatte ein paar arische Freunde. Eines Abends wollte Det Cioma in den Kaiserhof, ein Hotel, in das Hitler häufig zu gehen pflegte, mitnehmen. Cioma hielt diese Idee für verrückt, doch schliesslich ging er doch mit. Sie fühlten sich ganz „deutsch“ und gönnten sich bei den Nazis einen schönen Abend, obwohl es für Juden verboten war, dorthin zu gehen. An einem Sonntag kam eine Frau vorbei, die berichtete, dass ihr Mann Gefängniswärter im Gefängnis sei, wo Ciomas Vater inhaftiert war. Er sei schon ein guter Freund von ihm geworden. Der Gefängniswärter sei sehr beeindruckt von ihm: In diesem Judengefängnis mussten die Gefangenen den Mist vor Berlin sortieren. Der Vater habe nun aus vielen verfaulten Gänsen und ein wenig Chemikalien, die der Gefängniswärter mitbrachte, Kernseife gemacht, eine Rarität zu dieser Zeit. Die Frau brachte diese natürlich mit und lobte den Vater noch eine Weile. Cioma konnte nun heimlich seinem Vater einen Besuch abstatten. Der Vater war sehr mager. Die Gefangenen bekamen nur einmal am Tag ein Stück nasses Brot, von dem Ciomas Vater immer noch die Kraft hatte, ein Stück aufzubewahren. Später verschenkte er es. Er schalt Cioma, weil er noch immer ohne Stern umher ging und nicht als Jude weiter leben wollte. Er konnte sich auch jetzt noch keine schlimmeren Folgen denken und sagte über die Zukunft immer: „Wie wird es weiter gehn? Denk nicht daran, denk nicht daran.“


Rüstungsbetrieb und Deportation der Eltern

Cioma musste nun wieder die Stelle wechseln. Die Begründung war, dass er bei Wysocky zu wenig gut geschützt wäre und darum in den Rüstungsbetrieb müsse. Cioma kam nun zur Firma Gustav Genschov, wo Gewehre hergestellt wurden. Gleich am ersten Tag kam er zu spät. Es gab dort einen Stempler, der, wenn man nur eine Minute zu spät kam, einen roten Stempel stempelte. Nach drei Mal zu spät kommen flog man vom Betrieb. Von sechs bis sechs musste er dort arbeiten, nach einer Woche wechselten Tag- und Nachtschicht. Cioma und seine Mutter wurden bald darauf von der Gestapo vorgeladen. Dort erfuhren sie, dass ihre Familie eigentlich schon seit einiger Zeit deportiert geworden wäre, dass dies aber noch nicht möglich war, weil der Vater im Gefängnis sass. Man wollte nun den Vater früher entlassen. Die Bescheinigung, dass Cioma im Rüstungsbetrieb unentbehrlich wäre, könne man übergehen, damit sie alle gemeinsam deportiert werden könnten. Das sei in etwa drei Wochen der Fall. Cioma erledigte die Arbeit bei seiner neuen Arbeitstelle wie im Traum. Und trotzdem perfekt und schnell. Eines Tages wurde vor ihm sogar eine zweite Drehbank, auf denen er Maschinenpistolenläufe auf die richtige Länge abfeilte, aufgestellt. Nun wurde er befördert, zu den Ariern, wo er sogar angelernt wurde. Die Arbeit war hier anders und schwieriger, doch er arbeitete im gleichen verträumten und doch rasanten Stil weiter, obwohl ihm dadurch manchmal Fehler passierten. Eines Tages wurde die Familie wie sämtliche andere Juden zur Gestapo gerufen. Sie mussten hier unterschreiben, all ihren Besitz abzugeben. Sie hatten fast nichts mehr abzugeben, andere jedoch, die davor zum Beispiel noch ein Auto oder ein Haus besassen, waren nun bettelarm.

Am 2. Juni 1942 wurden Cioma und seine Mutter zur Sammelstelle der Juden, in die Synagoge geholt. Von hier aus wurden die Juden in Konzentrationslager deportiert, wo sie unter den schrecklichsten Bedingungen schuften mussten, bis sie von alleine starben oder dieser Akt durch Vergasung vollzogen wurde. Dort trafen sie auch auf Ciomas Vater. Cioma hatte zwar ein Schreiben, dass er bei Gustav Genschov unentbehrlich war, aber dieses wurde vorerst übergangen. Fast wäre er mitgegangen, doch nach langem Hin und Her konnte er doch bleiben! Eine junge Frau hatte sich für ihn eingesetzt. Vater und Mutter verabschiedeten sich von ihrem Sohn – sie wussten noch nicht, dass es für immer sein würde. Einige Tage später kam eine Postkarte. Vom Vater. Darauf stand, dass er die Mutter nicht mehr fände und dass Cioma recht hatte, dass es einmal so schlimm werden würde mit dem Nationalsozialismus, wie er es sagte. Auf welche Weise Ciomas Vater Feder, Tinte, Briefmarke und die Postkarte auftrieb, blieb ein Rätsel. Es war fast wie ein Wunder, eine Karte aus einem Konzentrationslager zu schicken. Am nächsten Tag fragte ihn deutscher Arbeiter, seit wann denn Juden auf einem Schemel sitzen dürften. Die Juden mussten nämlich bei der Arbeit stehen. Nur Cioma, weil er ja in die arische Abteilung befördert war, durfte sitzen. Cioma sagte ihm, dass es ihn einen Scheissdreck angehe. Darauf gab ihm der Arier eine Ohrfeige. Als Cioma zurückschlagen wollte, rief er den Meister und erzählte ihm den Vorfall, verschwieg jedoch, dass Cioma die Hand zum Zurückschlagen erhoben hatte. Denn sonst wäre er womöglich ins Konzentrationslager gekommen. So schnell konnte das gehen. Stattdessen wurde ihm einfach der Lohn dieser Woche abgezogen. Zuhause fand Cioma zwei Briefe vor. Der eine eine Aufforderung, dass seine Grossmutter Marie Berman ins jüdische Krankenhaus müsse und der andere die Deportationsankündigung an Onkel Meier und Tante Sophie ins Konzentrationslager Theresienstadt.


Cioma beginnt, Pässe zu fälschen und geht in den Untergrund

Nun war Cioma alleine in der Wohnung. Alle Zimmer wurden von der Gestapo versiegelt, ausser die Küche und sein Schlafzimmer. Versiegelt heisst in dem Falle, man darf nicht mehr hinein und sie sind von der Gestapo beschlagnahmt, mit allem was noch drin ist. Bald traf Cioma Det, den ehemaligen Arbeitskollegen, den Näher. Er lebte illegal. Cioma fragte, wie seine illegale Bleibe sei. Sie war nicht gut und deshalb lud ihn Cioma ein, bei ihm zu wohnen. Weil er ja eine Aufenthaltsbewilligung vom Rüstungsbetrieb besass, würde hier vorerst sicher nicht nach Det gesucht werden. Walter Heyman, ein jüdischer Arbeitskollege, mit dem er über ihre Religion sprach, fragte ihn, ob er sich zutraue, da er ja eine Grafikerausbildung hatte, einen Pass im Auftrag einer gewissen Edith Wolff zu fälschen. Cioma stimmte zu und begab sich am nächsten Tag dorthin. Nun ging es darum, bei einem vorhandenen Pass das Foto auszuwechseln, das mit Ösen befestigt war und den Stempel mit dem Hoheitsadler, der halb übers Passfoto verlief, mit allen zwölf grossen und vierundzwanzig kleinen Federn in allen Farben zu ersetzen. Er zeichnete zuerst den Stempel mit der Lupe und einem Japanpinsel nach, dann presste er ein Stück feuchtes Zeitungspapier darauf und anschliessend das Zeitungspapier auf die richtige Ecke des Passfotos, dass es genau übereinstimmte. Der Ausweis war perfekt und die Auftraggeberin überwältigt. Sie gab ihm eine zweite Adresse, wo mehr Ausweise gefälscht werden sollten. Dazu bot sie ihm sogar eine illegale Bleibe für spätere Zeit bei einer gewissen Frau Lange an! Det und Cioma verkauften alle Wertsachen aus der versiegelten Wohnung. Sie liessen am heiter hellen Tage die ganze Wohnung ausräumen und auf einen Lastwagen laden! Niemand dachte, dass dies gar nicht ordnungsgemäss sei. Bei zwei Familien, die zuletzt darin hausten, warf das Ganze einen beträchtlichen Gewinn ab, was in dieser Zeit wahrlich Gold wert war. Bei Gustav Genschov im Rüstungsbetrieb wurden zwei neue Arbeiter angestellt. Der eine, Friedrich Görner, war früher Unteroffizier im ersten Weltkrieg gewesen. Er war ein begeisterter Militärsmann, doch nun, weil er Jude war, durfte er nicht in den Krieg ziehen. Er konnte es nicht verstehen. Der andere gestand nach langem bohren, dass auch er ein Jude war, von einem hohen Mann jedoch arisiert werden könne. Cioma leuchtete die Idee ein, er wollte sich ebenfalls arisieren lassen. Das wollte auch Friedrich Görner. Weiterhin erzählte er Cioma, dass er Pillen besässe, die Fieber erzeugten, wenn er einmal verschlafen würde. Prompt am nächsten Tag verschlief Cioma. Er dachte an die Fieberpillen von Manfred und suchte ihn auf. Er wohnte bei seiner Grossmutter. Doch alles, was er Cioma erzählt hatte, stimmte gar nicht, denn er war ein genialer krankhafter Lügner. Was sollte Cioma nun machen? Er ging zu Frau Goldschmitt, mit deren Tochter Eva er einmal zusammen gewesen war. Sie war Krankenschwester und sagte ihm, wie man sich benehmen müsse, wenn man Blinddarmentzündung hat. Der Arzt schrieb ihn sofort krank. Cioma begab sich nun zu einem gewissen Dr. Franz Kaufmann, ein Mann, der in hoher Stellung war. Er war jüdischer Abstammung, doch mit einer adligen Arierin verheiratet. Er wurde schon als Kind christlich getauft und war „privilegiert“, er durfte also ohne Stern ausgehen usw... Er half Juden, um sie vor der Deportation zu retten. Zuerst jedoch machte er Bekanntschaft mit Ludwig Lichtwitz, der über komplizierte Wege einen Laden mieten konnte, in dem er angeblich Elektromaterial, das er von einem gewissen Werner Scharf bekam, lagerte. Darin sollte Cioma ihm einen leeren Wehrmachtsausweis bestempeln. Dafür würde er von ihm einen zweiten Blankoausweis erhalten. Nun ging Cioma zu Dr. Kaufmann. Kaufmann hatte viel Ausweise zum fälschen. Er gab Cioma vorerst einen, als Muster. Kaufmann bekam die meisten Ausweise von der bekennenden Kirche, in der Leute, die helfen wollten, ihren eigenen Ausweis in den Opferstock warfen. Der Verlust eines Ausweises kostete nichts und man bekam problemlos einen neuen. Die Personendaten vom alten und neuen Besitzer mussten natürlich in etwa übereinstimmen. Cioma besichtigte mit Det danach die illegale Bleibe, die ihm versprochen war. Det war begeistert, doch Cioma zögerte. Die Kammer war winzig, sie hätten in einem Bett schlafen müssen. Doch das Leben so weiter zu führen war auch sehr riskant. Jeden Tag konnten sie ihn beim Rüstungsbetrieb abholen und deportieren. Schliesslich beschloss er, mit Det in die Illegalität, also in die Kammer zu ziehen. Lebensmittelkarten, mit denen man sich in dieser Zeit „ernährte“, wurden von Dr. Kaufmann für beide versprochen. In all der Aufregung vergass Cioma sogar seinen Geburtstag am 28. September. Det erinnerte ihn daran. Ein Tag später zogen sie zu Frau Lange in die Kammer. Am gleichen Tag zeigte er Dr. Kaufmann den Ausweis. Er war zufrieden. Ohne dass der Empfänger etwas über Cioma erfuhr und ihn gar nicht sah, gab ihn Kaufmann weiter. Das war eine Sicherheitsvorkehrung, damit der Besitzer des gefälschten Ausweises, wenn er verhaftet würde, nicht sagen konnte, wer den Ausweis gefälscht hatte. Dr. Kaufmann gab ihm mehrere Papiere zum fälschen. Cioma fand jedoch nicht alles perfekt. Das Passfoto, das damals mit Ösen befestigt war, konnte er nicht mehr so getreu einsetzen. Deshalb besorgte er sich ein Ösenstanzgerät. Cioma hatte jetzt einen festen illegalen Fälscherjob von Kaufmann, den er bei Ludwig Lichtwitz in dem als Elektrolager getarnten Laden ausführte. Dazu hatte er eine Beziehung: Eine Frau, die eigentlich mit einem deutschen Hauptmann verheiratet war. Cioma konnte bei ihr schlafen, damit er nicht mehr so häufig mit Det bei Frau Lange im gleichen Bett schlafen musste. Doch diese Freundschaft war von kurzer Dauer.


Von Zimmer zu Zimmer

In Kaufmanns Untergrundanlage war das Verhalten der Mitglieder anders als von der Gestapo vermutet: Die Gestapo verdächtigte Leute, die sich in der Nacht an irgendwelchen dunklen Ecken verabredeten, die sich nie an öffentlichen Orten befanden und sich immer möglichst unauffällig benahmen. Doch Kaufmanns Organisation, in der Cioma ein „Helfer“ war, verhielt sich geradezu gegenteilig; Da sie ja alle gefälschte Ausweise hatten, gingen sie in teure Restaurants, die sonst nur reiche Nazis besuchten und unternahmen ähnliche Sachen. Det passierte etwas Schlimmes: Er verriet auf unglückliche Weise ihr illegales Quartier bei Frau Lange: Als er einmal abends nach Hause kam, kam zur gleichen Zeit ein anderer Bewohner ins Haus. Solch ein kleiner Fehler konnte schon zum Verhängnis werden. Die Spitzel, die Juden aufspürten, waren einem dann sofort auf den Fersen. Cioma und Det mussten deshalb ihre Bleibe wechseln. Det sollte zu Frau Zukale gehen, einer guten Kollegin, die ihnen schon geholfen hatte, ihre vielen Sachen aus der alten Wohnung zu verkaufen. Cioma wendete eine andere Methode an: Er holte sich von einem Laden eine Liste, auf der Adressen von Leuten vermerkt waren, die andere bei sich in Untermiete beherbergten. Cioma wendete nun eine erfundene Geschichte an, in der er erzählte, dass er sehr bald an die Front müsse und für ein paar Tage ein Zimmer brauche. Da man sich jedoch bei der Polizei anmelden musste und sein falscher Name natürlich nicht registriert war, ging er immer Abends, wenn die Polizeistelle schon geschlossen war, an eine neue Adresse aus der Liste. Dort versprach er, sich am nächsten Morgen anzumelden. Nun konnte er bis am nächsten Tag ruhig schlafen. Am nächsten Tag erzählte er, er habe nun den Befehl erhalten, einzurücken. Dieser Trick funktionierte bestens. Er hiess nun Peter Schönhausen, schlief jede Nacht sicher in einem Bett, ging am Morgen in den getarnten Laden um die Fälscherarbeiten zu erledigen und am Abend zur nächsten Adresse. Jeden Freitag begab er sich zu Dr. Kaufmann, um die gefälschten Pässe abzugeben und neue zu holen. Essen tat er immer in den nobelsten Restaurants, in denen Juden am wenigsten vermutet wurden. Nach einer Zeitlang riet ihm eine Frau, bei der er übernachten wollte, sich gar nicht anzumelden, da er ja offiziell noch zu Hause wohne. Er konnte nun endlich einmal ein paar Nächte an gleichen Ort schlafen. Bald darauf musste er leider doch wieder das Feld räumen, da das Zimmer schon vor seinem Erscheinen an Jemanden vermietet war, der in wenigen Tagen erscheinen würde. Das war hart für Cioma, doch zum Glück konnte er sich bei der Nachbarin einmieten, weil seine Vermieterin so für ihn geschwärmt hatte, da Cioma alles immer sehr sauber und ordentlich hinterliess. Diese war nun bereit, ihn bei sich aufzunehmen, ohne dass er sich anmelden musste, weil man dann nicht noch zusätzliche Steuern zahlen musste und sie davon ausging, dass er schon an einem anderen Ort angemeldet war. Cioma hatte nun doch wieder ein Quartier.


Das Segelboot

Cioma spürte immer seine Eltern nahe bei sich, vor allem seinen Vater, der ihm in Gedanken immer wieder wie früher sagte: „Wie wird es weiter gehn? Denk nicht daran, denk nicht daran...“ Er fragte sich, ob sie schon gestorben wären, ob dadurch die Beziehung so stark wäre. Er dachte oft an seine Eltern, die ihm wie eine Botschaft schickten, sein Leben auch für sie zu leben. Durch diese Gedankenmächte oder höheren Mächte fühlte sich Cioma angespornt, sogar ein Segelboot zu kaufen. Zudem war ein Segelboot noch eine zusätzliche Tarnung, um nicht in die Fänge der Nazis zu gelangen. Er kaufte sich also eines und beim ersten Versuch, allein in den See zu stechen, blies ein so starker Wind, dass Cioma die Kontrolle über sein Segelboot verlor und es zu rasen begann. Bald strandete er am gegenüberliegenden Ufer, wo gerade Fliegeralarm losging und die dort positionierten Abwehrgeschütze zu feuern begannen. Nun, die Abwehrgeschütze schossen ja in die Luft, doch die Kugeln mussten ja wieder auf die Erde zurückschlagen. Doch er hatte Glück, keine Kugel flog ihm auf den Kopf und er konnte wieder zurück segeln. In Berlin kaufte er sich ein Segelanfängerbuch.


Steckbrieflich gesucht

Cioma versteckte seine zu fälschenden Ausweise immer in einer Zeitung. Als er einmal in den „Fälscherladen“ kam, hatte Ludwig seine Zeitung mit den darin eingewickelten etwa 20 Pässen verbrannt. Dr. Kaufmann war sehr wütend und sagte ihm, dass er nicht mehr für ihn arbeiten dürfe. Das war für Cioma sehr schlimm, denn er liebte seine Arbeit, man konnte damit Menschen das Leben retten und Spass machte sie ihm sowieso. Zum Glück gab ihm Dr. Kaufmann trotzdem weiterhin Pässe, weil er jede Arbeitskraft benötigte. Cioma lernte bald danach einen gewissen Herrn Jankowski kennen, der Ausweise für russische Einwanderer ausstellte. Er wollte den Juden helfen und so fragte ihn Cioma, ob er ihm nicht einen echten Ausweis, mit dem er dann polizeilich gemeldet war, ausstellen könne. Er musste ihm nur einige Papiere besorgen. Bei einem solchen Pass würde der Stempel bei Wasser nicht verwischen und bei einer Rückfrage, wo der Ausweis ausgestellt wurde, würde ihm nichts passieren. Als der Chef der Stelle, wo die Ausweise ausgestellt wurden, am Mittagessen war, konnten sie den Ausweis schnell selber machen, da auf Herrn Jankowski Vertrauen lag und er Ausweise in Abwesenheit des Chefs selber ausstellen durfte. In seinem neuen Ausweis lautete sein Name Peter Petrov. Cioma machte darauf eine Bekanntschaft mit Helene Jacobs, die er sehr achtete. Sie gehörte auch zur Untergrundbewegung und gab ihm ein paar Ausweise zu fälschen. Dabei lernte Cioma einen gewissen Kurt Müller kennen, der die Ausweise in Empfang nahm und sie an die Leute weitergab. Doch dann verlor Cioma seinen neuen, echten, wunderbaren Ausweis. Der Pass war zwar angemeldet, doch laut Pass wohnte er noch in der Wohnung des Onkels und der Tante und dort kannte man natürlich keinen Peter Petrov. Da war der Verdacht schon schnell auf ihn gefallen und als Cioma erfuhr, dass der Ausweis gefunden worden und somit in die Hände der Gestapo gefallen war, wurde schon bald nach ihm gesucht. Er ging nun zu Tatjana, einer Russin, die er schon eine Zeitlang kannte und die er oft besuchte. Durch sie hatte er auch Herrn Jankowski kennen gelernt. Herr Jankowski sagte ihm, dass nach ihm gesucht werde und Cioma sich nicht mehr auf die offene Strasse begeben könne. Doch Cioma ging zu Dr. Kaufmann, der die Lage genau überprüfte. Dabei kam heraus, dass wirklich steckbrieflich nach ihm gesucht werde. Sie suchten nun eine illegale Bleibe, die sich bei Helene Jacobs finden liess. Cioma meldete sich bei Frau Schirrmacher, bei der er wohnte, ab. Er wollte seine Arbeit bei Helene natürlich fortsetzen, doch dazu fehlten ihm sein Ösenstanzgerät, die Pinsel und die Aquarellfarben. Als er zusammen mit Ludwig diese Utensilien im Laden abgeholt hatte und sie in einem doppelstöckigen Bus im oberen Stock zu Helene unterwegs waren, sahen sie zwei Plätze hinter sich einen Mann. Als sich Cioma umwandte, setzte sich der Mann auf den Sitz direkt hinter ihm. Cioma wurde bang und heiss, als ihn der hinter ihnen Sitzende auszufragen begann. Es war sicherlich ein Kriminalpolizeibeamter kurz vor seiner Pensionierung. Vor der Haltestelle, an der sie aussteigen wollten, ging der Mann auf die untere Plattform beim Ausgang und postierte sich dort, so dass ihm Cioma ja nicht durch die Finger gehen konnte. Kurz bevor der Bus hielt, der Mann schaute Richtung Ausgang, glitt Cioma langsam und leise das Treppengeländer zur unteren Plattform hinunter. Und als der Bus die Türen öffnete, sprang er direkt aus dem Bus und rannte los, was das Zeug hielt. Doch niemand verfolgte ihn, als er einige Ecken weiter in einer Toreinfahrt verschwand. Danach ging er zu Helene, in die neue illegale, diesmal versteckte Bleibe. Helene Jacobs bot ihm sofort das Du an, nicht wie Ludwig, der liebenswürdige aber spröde Typ, der trotz der langen Zusammenarbeit und den gemeinsam erlebten Dingen mit Cioma in der Höflichkeitsform verblieben war. Helene war eine deutsche, innerlich sehr starke Frau. Als sie mit ihrem vollen Absender Esspakete an die hungernden Juden im Osten sandte, wurde sie von der Gestapo vorgeladen. Der Beamte sah sie staunend an und fragte sie, ob sie von allen guten Geistern verlassen wäre, dass sie den Juden Lebensmittelpakete schicke. Helene antwortete, er solle doch einmal mit denken, dass er und sie Deutsche seien, und dass es da Menschen gäbe, denen sie was zu essen schicke. Danach fügte sie fragend hinzu, ob dies vom menschlichen Standpunkt aus verwerflich sei. Der Beamte fand dies vom menschlichen Standpunkt aus ja schon verständlich, aber er sagte laut, dass es vom nationalsozialistischen Standpunkt nicht möglich und verständlich sei. Da sagte Helene weise, dass er also einen Unterschied zwischen dem nationalsozialistischen und dem menschlichen Standpunkt mache, darauf schickte er sie ohne Strafe mit Gebrüll hinaus. So war Helene. Sie hatte sehr viele Bücher in ihrer Wohnung, so konnte Cioma neben seiner Arbeit hier auch viel lesen. Er und Helene entwickelten eine eigene Weltanschauung und schlossen tiefe Freundschaft, die den Krieg um viele Jahre überdauerte.


Vorbereitungen

Es war das Jahr 1943, es ging dem Sommer zu. Italien, das an der Seite der Deutschen stritt, hatte kapituliert. Cioma, Ludwig, Dr. Kaufmann usw. glaubten schon, dass der Krieg noch in diesem Jahr enden könne. Doch dies wurde erst 1945 der Fall. Werner Scharff, der Elektriker, der im Haus der jüdischen Gemeinde in diesem Beruf arbeitete und es trotz jüdischer Abstammung immer noch durfte, als das Gebäude bereits der Gestapo gehörte, wurde plötzlich auf einen Judentransport in den Osten „verladen“, denn die fand in rohen Güterzügen statt. Werner hatte noch ein Sägeblatt dabei, mit dem er im vollgedrängten, stickigen, stinkenden Waggon ein Loch, über eine Zeit von Stunden, in den Boden sägte. In der Nacht liess er sich dann hinaus gleiten und entkam so. Werner wohnte nun illegal im Laden von Ludwig. Doch die Situation wurde brenzliger. Dr. Kaufmann wurde verraten und seine Organisation entdeckt. Ein Herr Hallermann wollte die Pässe, bevor sie von der Gestapo entdeckt wurden, in Sicherheit bringen, doch er übernahm sich dabei. Er wollte eine grosse Tat vollbringen, wurde dabei aber festgenommen. Er wurde gezwungen, bei Helene anzurufen und sich mit ihr zu verabreden und so wurde auch sie festgenommen. Als Cioma merkte, dass Helene festgenommen worden war, schaffte er alle verräterischen Dinge weg. Morgen würden bestimmt Gestapobeamte erscheinen, um die Wohnung zu durchsuchen. Er ging hinaus, inzwischen waren ja die Steckbriefe nicht mehr allzu aktuell. Um noch weniger aufzufallen liess er sich einen Militärhaarschnitt machen. Danach kaufte er sich ein Fahrrad, was zwar sehr schwer zu erhalten war in dieser Zeit, um schneller voran zu kommen und auch den Komplikationen, die das Bus fahren mit sich trägt, auszuweichen. Cioma erfuhr, dass Helene in ein Gefängnis gekommen war, in das kurz nach ihrer Festnahme eine Bombe eingeschlagen hatte. Der Gefängnisdirektor liess die Gefangenen laufen und sagte ihnen, dass sie am nächsten Tag wieder erscheinen sollten. Helene hätte untertauchen können, doch um ihrer Tuberkulose kranken Tante nicht zu schaden ging sie wieder ins Gefängnis zurück. Später, als der Krieg sich dem Ende zuneigte und die Russen, Engländer usw. ins Land eindrangen, übergab der Gefängnisdirektor Helene einfach die Aufgabe, das Gefängnis zu leiten. Helene gab den Gefangenen zu essen und liess sie dann Anfang 1945 alle offiziell frei. Danach sorgte sie für ihre Tante, die dann 2 Jahre später starb. Nun wieder zu Cioma, mitten im Krieg. In ihm wuchs der Gedanke, in die Schweiz zu flüchten. Doch Ludwig fand das verrückt, als er es ihm erzählte, denn in die Schweiz zu flüchten, das war beinahe unmöglich, auch für einen Deutschen. Danach besorgte sich Cioma Landkarten, zur Dekoration Naziliteratur und einen Militärtornister. Ludwig und Cioma hatten schon vor einer geraumen Zeit, etwa kurz nach dem Beginn seiner Fälscherarbeit, von einem gewissen Dr. Meier zwei Blanko Wehrpässe bekommen. Ein Wehrpass war der beste Pass, den man zu dieser Zeit in Deutschland bekommen konnte. Nur konnte er selber einen solchen Ausweis nicht ausfüllen. Dazu brauchte er eine Vorlage, um die Stempel zu fälschen. Und diese konnte Ludwig nun besorgen. Allerdings musste Cioma die Pässe beim Besitzer der Vorlage fälschen, da dieser seinen Pass nicht hergeben wollte. Cioma musste nun zwei Mal, einmal für sich und einmal für Ludwig, achtzehn Stempel nachzeichnen! Der Wehrpass war ein ganzes Büchlein. Nach acht Tagen war Cioma fertig. Nun mussten die Ausweise nur noch ausgefüllt werden, aber das konnte er nicht selber, da man dies erkennen würde. Doch Klaus Schiff, dessen Vorlage er nachzeichnen konnte, tat es für ihn. Eine gute Freundin nähte ihm noch einen Brustbeutel, damit er seinen Ausweis nicht nochmals verlieren konnte. Am 6. September, Cioma lag gerade auf der Couch und überdachte seine Flucht, ging ein Fliegeralarm los. Es war diesmal aber nicht wieder so ein Kleinangriff der Engländer, es war der erste grosse Luftangriff auf Berlin. Eine Bombe flog direkt vor ihren Laden, das Glas splitterte, der Metallrolladen wölbte sich unter dem Druck und der Schreibtisch flog mitsamt dem Velo in den Raum. Dazwischen fielen auch immer wieder Brandbomben, die Feuer entfachten, die man aber nicht mit Wasser löschen konnte. Dazu brauchte man Sand. Sie gingen, trotz ihrer jüdischen Abstammung und ohne dass jemand wusste, dass sie im Haus waren, in den Keller, denn in solchen Situationen war es nicht mehr wichtig, wer man war. Doch bald gingen sie wieder hinaus, löschten mit Sand eine Brandbombe und retteten damit ein Haus. Kühe rannten im Dunklen wie wild auf der Strasse herum, denn es gab in Berlin Kühe, damit die Milch nicht so weit transportiert werden musste. Grosse Teile der Stadt brannten, der Krieg konnte schon lange nicht mehr gewonnen werden und trotzdem ging er weiter. Dann wurde es langsam hell, Cioma verabschiedete sich von Ludwig, der nun alleine weiter schauen musste. Er gab Cioma noch hundert Franken mit, was damals sehr viel war.


Flucht in die Schweiz

Cioma fuhr los, Richtung Schweiz, mit einem Wehrpass, in dem er Hans Brück hiess und einer Urlaubsbescheinigung der AEG, welche er sich über Ludwig selber ausgestellt hatte. In seiner zweiten Identität arbeitete er eben bei der AEG als technischer Zeichner, so wie früher in ihrem Laden. Deshalb musste er nicht ins Militär. Seine erste Nacht verbrachte er problemlos in einem Hotel in Wittenberg, nach etwa 100 km Fahrt. Es ging immer weiter, von Ort zu Ort Richtung Schweiz. In Stuttgart besuchte er noch Pfarrer Kurt Müller, den er aus seiner illegalen Tätigkeit kannte. Er war besorgt und dachte, dass alle ihre Leute gestorben wären und freute sich riesig über Cioma. Cioma mochte ihn sehr. Bei diesem Besuch lernte er noch den Wehrmachtspfarrer Vorster kennen, der auch gegen die Nazis kämpfte und Pfarrer Müller immer wieder zu fälschende Pässe nach Berlin mitgab. Bei ihm konnte er übernachten. Cioma wurde auf dem ganzen Weg, bis kurz vor den Bodensee, nie kontrolliert, doch dort kam die erste Kontrolle. Sie klappte hervorragend. Sein Plan war, kurz nach einem Güterbahnhof in Feldkirch auf den letzten Waggon eines gerade in die Schweiz losfahrenden Güterzuges zu springen. Dieser Zug wurde nur im Bahnhof, wo er zusammengestellt wurde, kontrolliert und würde deshalb ohne weitere Kontrolle in die Schweiz fahren. Doch der erste Versuch scheiterte, weil der Zug zu schnell losfuhr und er nicht er aufspringen konnte. Am nächsten Abend, als er sich wieder in die Nähe des Güterbahnhofs begab, warnte ihn ein italienisch sprechender Mann, dass ihn deutsche Soldaten am vorigen Tag hier gesehen und am Abend nach ihm gesucht hätten. Cioma musste also auf diese Art der Flucht verzichten. So spann er seine Urlaubsgeschichte weiter, indem er in einem Telefonbuch jemanden suchte, der in Öhningen wohnte, denn das war an der Schweizer Grenze. Er kaufte sich einen Blumenstrauß, damit das Bild noch echter aussah. Von einem Weg aus sah er einen Bach, der gemäss seiner Karten in einen Weiher fliessen sollte, der sich bereits in der Schweiz befand. Er konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten und sagte sich, irgendwann, irgendwann musst du doch hinüber, du kannst noch lange noch so ausgeklügelte Pläne schmieden, doch irgendwann musst du`s einfach wagen. So watete er im Bach vorwärts, doch dann hörte er plötzlich Gewehrschüsse. Darauf tauchte er unter's Wasser, um nicht gesehen zu werden. So würden auch Hunde seine Spur nicht so leicht verfolgen können. Er nahm sich vor, wenn sie ihn entdecken und anhalten wollten, würde er nicht stehen bleiben und sich ergeben, er würde los rennen, denn „lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ im KZ, wie er selbst sagte. Das Krabbeln im Bach kam ihm endlos lange vor. Nun kam er an eine Stelle, wo das Gras rundherum abgemäht war. Cioma wusste, dass hier die Grenze war. Plötzlich hörte er ein Geräusch, aber statt einfach los zu rennen, wie er es sich vorgenommen hatte, blieb er wie angewurzelt stehen und erhob seine Hände. „Es ist so schwer ein Held zu sein“, wie er später sagte. Doch der Schrecken war ohne Grund, denn der Geräuschverursacher war ein harmloses Reh. Er ging weiter, kam zum Teich und wusste, dass er in der Schweiz war!


Der Passfälscher im Paradies

Er hatte es geschafft! Viele haben es versucht und fast niemand hat es geschafft. Doch er hatte es geschafft! Zuerst log er weiter, um ja nicht zurück zu müssen, doch dann hatte er die ganzen Lügengeschichten satt und erzählte Alles. Am nächsten Tag wurde er zur Verhandlung gebracht, in welcher entschieden wurde, ob er hier bleiben könne. Dabei traf er einen Gefangenen, den er fragte, warum er denn in der Schweiz gefangen wäre. Als dieser nur rot wurde, wusste Cioma, dass es in der Schweiz Leute gäbe, die wirklich ins Gefängnis gehörten. Die Verhandlung verlief am Anfang nicht gerade gut, doch dann wurde trotzdem beschlossen, er könne hier bleiben. Nun war Cioma richtig in der Schweiz.

Zitat Cioma Schönhaus: „Meine glückliche Rettung ist die Folge eines Geschehens, bei dem das Gesetz der grossen Zahl die entscheidende Rolle spielt. Wenn der Parkettboden in einem großen Raum ein faustgroßes Loch aufweist, und wenn in diesem Raum jemand versuchen wollte, mit einer Erbse in dieses Loch zu treffen, wären seine Chancen minimal. Nähme man aber einen Sack voller Erbsen und leerte diese im Raum aus, das Loch wäre sofort gefüllt. Die Geschichte einer jeden Erbse, die im Loch gelandet ist, bestünde dann ebenso wie meine aus einer Kette wundersamer Zufälle. Ich bin eine solche Erbse.“


Cioma Schönhaus schloss in Basel an der Kunstgewerbeschule seine Grafikerausbildung ab. Danach gründete er eine Werbeagentur. Dabei kam ihm seine Gabe, sich in andere Leute hinein zu versetzen und die Geschicklichkeit, sich sehr gut Dinge vorzustellen die es noch nicht gab, wiederum zu Gute. Er wurde unter fünf Bewerbern ausgewählt, mit seinem Geschäft Werbung für den Nähmaschinenhersteller Pfaff zu machen. Er warb auch für viele andere Unternehmen, aber nie für Alkohol und Tabak. Cioma heiratete eine Frau namens Rigula. Er hat vier Söhne. Mit dem Ältesten, Sascha, besuchte er später einmal das Konzentrationslager, in dem seine Eltern ermordet wurden. Dort fand man Ciomas Vaters Vernichtungsurkunde. Mit Helene Jacobs, die den Krieg überlebte, hatte er noch lange Kontakt, bis sie im August 1993 starb. Seine Söhne sind kreative Menschen, ganz nach ihrem Vater: Einer ist Grafiker, einer Goldschmied und die beiden jüngeren sind Musiker. Cioma wurde sogar Präsident des Basler Werbeverbandes. Nun lebt er mit seiner Frau in einem schönen Haus in Biel Benken, ist 85 Jahre alt, hat vier Enkel, einer davon geht in die Rudolf Steiner Schule Birseck in Aesch. Er findet die Steiner Schulen übrigens hervorragend, weil sie die Kreativität fördern. Cioma Schönhaus arbeitet an seinem neuen Buch „Der Passfälscher im Paradies“, welches sein Leben, seine Gefühle und Gedanken in der Schweiz beschreibt.

Fast alle Menschen, die im Buch vorkommen, wurden deportiert, hier einige Angaben: Ludwig Lichtwitz wurde gefangen genommen und verriet Cioma unter sehr starker Folter, vier Tage, bevor dieser in der Schweiz war. In diesen vier Tagen konnte aber diese Meldung noch nicht alle Ecken Deutschlands erreicht haben. Er konnte aus dem Gefängnis entkommen und kam nicht in ein Vernichtungslager. Cioma hatte völliges Verständnis für diesen Verrat, denn er wusste, wie schlimm die Menschen gefoltert wurden. Dr. Kaufmann wurde erschossen. Tatjana überlebte. Det Kassriel, Ciomas Kollege, wurde in ein Vernichtungslager deportiert. Seine frühere Freundin, Dorothee Fliess, blieb nach ihrer beschriebenen Ausreise in die Schweiz dort und überlebte. Seine andere Freundin, Gerda, wurde auch deportiert und starb im Konzentrationslager.

Nachwort

Ich hatte die Ehre, Cioma Schönhaus kennen zu lernen, denn im Wochenblatt stand, dass er in Laufen eine Autorenlesung halten würde. Wir gingen natürlich hin. Es war sehr interessant, gewisse Dinge wusste ich schon, und welche kamen neu dazu. Cioma Schönhaus ist noch bei sehr guter Gesundheit. Man merkt ihm keinen Groll und keinen Hass an, man kann sich gar nicht vorstellen, dass er jemals solche Dinge erlebt hatte, er ist überhaupt nicht verbittert und ist sehr offen und freundlich. Mich beeindruckte sein Mut und dass er in den schwierigsten Situationen den Kopf oben behalten konnte sehr. Ich konnte ein Buch kaufen, in das er mir eine Widmung schrieb. Der Satz ist seiner Art sehr entsprechend und einer seiner Lieblingssprüche: „Wirf dein Herz über die Hürde und das Pferd springt nach“. Am 10. April konnte ich ihn, zusammen mit meiner Mutter, sogar in Biel Benken besuchen, wo wir über eine Stunde zusammen redeten. Er wohnt in einem schönen Einfamilienhaus. Er begrüsste uns herzlich und führte uns in sein Büro. Zuerst las er uns vor aus seinem neuen Manuskript „Der Passfälscher im Paradies“. Er meint diesen Titel sehr ernst, denn in keinem anderen Lande als der Schweiz hätte er seine vier Söhne aufwachsen lassen wollen. In der Schweiz lebt die Demokratie und politische Weisheit, sie führte keine grossen Kriege, der Extremismus ist ihr zuwider und sie ist politisch neutral. Die Schweiz hat proportional zur Bevölkerung mehr Juden aufgenommen als die anderen Länder. Er meint, wenn das überall so gewesen wäre, wäre Auschwitz nicht möglich gewesen. Er hält es mit Cicero: „Ubi bene ibi Patria“, „Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland“. Ich fragte ihn, ob er noch etwas aus seiner Kindheit erzählen könne: Als Kind hatte er große Angst, wenn seine Eltern weg gingen. Dann tobte er. Er schmiedete in Gedanken ganz genaue Pläne, wie er sich helfen würde, wenn sie nicht mehr zurück kämen. Er wusste, dass man seinen „Grips“ anwenden muss: „Du muesch dir sälber hälfe!“ Hat er sein Schicksal vorgeahnt? Bei der mittleren Reife bekam er sein Zeugnis mit der Bemerkung: „Schönhaus, das Zeichnen hat Ihnen wieder einmal das Leben gerettet, aber es hat noch nie einen Künstler gegeben, der nicht auch ein hochgebildeter Mensch war. Setzen Sie sich!“ Später hat ihm das Zeichnen ja wirklich das Leben gerettet. Wir fragten ihn, was für ihn ganz wichtig ist: „Mut und eigene Ideen haben, sich in andere hinein versetzen.“ Das kann er sehr gut. Mit diesen Eigenschaften überlebte er in der Illegalität, später wurde er dadurch Werbeagent für die große Firma "Pfaff"-Nähmaschinen. Als Cioma Schönhaus in der Schweiz war, hat er zuerst sehr gelitten. Es ging ihm wie einem Tiefseefisch, welcher herauf geholt wird. Es zersprengte ihn fast. Er fand Hilfe beim Reiten, da besteht wenigstens noch etwas Gefahr, Spannung. Cioma Schönhaus erzählte uns viel von seiner Weltanschauung, zu seiner Sicht der Dinge, die auf der Welt passieren. Ich schreibe einige wichtige Gedanken auf: „Jeder Mensch ist ein Künstler. Die Kunst hilft dem Menschen, sein Leben zu meistern. Als der Mensch vom Baum der Erkenntnis aß, bekam er ein Bewusstsein von Gestern und Morgen. Er bekam Angst. Seither macht er Dinge, die die Angst nehmen. Der Mensch ist dazu „verdammt“, kreativ zu sein. Wird er daran verhindert, geht der Schuss hinten heraus. Der Mensch muss erfinden, sonst wird er depressiv, aggressiv oder krank. Z. B. ist ein Computerhersteller kreativ, aber die 100'000 Benutzer nicht mehr. Oder die Fussballspieler sind kreativ, bei den Fans brodelt es wie in einem Dampfkessel. Die Politik ist krank daran, dass die Menschen nicht schöpferisch denken können. Die Israelis sind Weltmeister in Elekronik und High Tech, die Araber haben Menschen und Land. Warum machen sie nicht zusammen aus der Wüste eine blühende Landschaft und schicken Solarstrom nach Europa? Es fehlen die Menschen, die das z. B. in einem Film darstellen können. Die Jungen wären gefordert, neue Ideen zu entwickeln und sie darzustellen. Ich fragte ihn, wie er die Unterdrückung der Juden erlebt hat: Die Juden werden seit 5000 Jahren verfolgt. Sie sind „das 1. auserwählte Volk“. Juden, Christen und Moslems sind Abrahamiten, von Gott erwählt und haben einen unsichtbaren Gott, aber die Juden sind die Ersten. Die 5000 Jahre alten mosaischen Gesetze, die 10 Gebote, waren die ersten ethischen Gebote. Durch den „Sozialrevolutionär“ Jesus Christus wurden sie neu verkündet. Sie bilden das Fundament des Gewissens jedes modernen Menschen. Menschen ohne Gewissen sind ansteckend wie Pestkranke. So machte Hitler aus einem harmlosen Hühnerzüchter (Himmler) einen Massenmörder. Der Antisemitismus ist viel älter als Hitler. Er hängt damit zusammen, dass die Juden die 10 Gebote sehr ernst nehmen. Die Kinder lernen mit 4 Jahren lesen und schreiben, die hebräische Schrift hat keine Vokale, das führt zu einem besonderen Hirntraining. Juden heiraten nur ihresgleichen, durch diese „Inzucht“ wurden sie sehr gescheit. Das macht sie aber nicht besonders sympathisch, daraus entstand viel Neid und Eifersucht. Bei den reichen und mächtigen Juden hatte Jesus Christus keinen Erfolg, darum wurde er gekreuzigt. Die Juden tragen die Schuld an Christi Tod, aber man vergisst, dass Christus selber ein Jude war. Die Juden müssten nach 5000 Jahren Leidenszeit endlich normale Bürger werden! Cioma Schönhaus betont immer wieder die Wichtigkeit der Kreativität und des Glaubens. Er hat heute noch eine „virtuelle“ Verbindung zu seinen Eltern. Er bezeichnet sich als: „Einer, der sich nicht geduckt hat, der versucht hat, mit eigenen Ideen durchzukommen und den Glauben hatte, es auch zu schaffen“.

Quellenangaben:

  • Buch „Der Passfälscher“ von Cioma Schönhaus
  • Cioma Schönhaus persönlich