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Diskussion:Bruno Gideon

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tachles-Newsletter vom 9.10.2015: Kritisches Denken, empathisches Handeln Yves Kugelmann, 9. Oktober 2015

Bruno Gideon 1931–2015 Eine leise Stimme, ein Mann der klaren, kurzen treffenden Sätze und Wahrheiten ist am Sonntagabend verstummt. Der Mann, der noch mit der Unschuld und Verwunderung eines Kindes fragen konnte, Unternehmer, Publizist und Journalist. In Zeiten, in denen die feinen Töne, sanfte Formulierungen, sen¬sible Blickweisen kaum mehr zählen, hat Bruno 
Gideon mit seinen Büchern, Blogs und seinem Unternehmertum Menschen mit Zuwendung, unpopulärem Rat und Klarsicht erreicht. Das Auffälligste an ihm war seine Unauffälligkeit. Einer, der nicht nur zuhören konnte, sondern zuhören wollte, blitzschnell analysierte und Menschen mit einfachem, klarem Rat auf Augenhöhe begegnete. Gideon war kein Intellektueller, kein Abgehobener, er schöpfte nicht aus Jahren an der Universität oder aus Büchern, sondern aus einer tiefen Lebenserfahrung. Die schweren Jugendjahre, über die er erst spät sprach und auch schrieb, lehrten ihn Bescheidenheit und entwickelten bei ihm ein Sensorium für Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und jegliche Art der aufkommenden Gewalt. Intuition, Menschenkenntnis, Empathie öffneten ihm das Tor zum Dialog mit anderen. Einst erfolgreicher Unternehmer, wandte er sich in den letzten Jahren vor allem Menschen zu und wollte durch Erkenntnis zum kritischen Denken anregen. Mit der abgeklärten Welt, mit der Hochfinanz, die er allerdings minuziös verfolgte, hatte er nicht mehr viel zu tun. Ein ausgewiesener Kenner der Finanzwelt blieb er bis zum Schluss. Irgendwie erinnert die Geschichte des Bruno Gideon auch an jene des Spekulanten und Philanthropen George Soros. Eine Tellerwäscherkarriere in der Schweiz: Ausbildung im Internat, Hotelfachschule, Unternehmer. Und in der Konsequenz und aufgrund eben dieses Werdegangs zog er sich nach grossem Erfolg aus der Unternehmerwelt zurück. Er sprach es offen an: «Wir werden von den gros¬sen Playern manipuliert.» Er musste es wissen. In der Rubrik «Geldonkel» in der Konsumentenzeitschrift «Beobachter» beantwortete er in sechs Jahren rund 30 000 Briefe und wurde zum Inbegriff des Ratgebers für Kleinanleger, eben zum «Geldonkel», wie er liebevoll genannt wurde. Daneben hatte er sieben Bücher veröffentlicht und vor allem ein Anliegen: «Ich möchte die Leute dazu erziehen, kritischer zu werden.» Und dafür setzte er sich mit Vehemenz ein. Gideon wurde im Jahre 1931 in Weinfelden (TG) geboren, besuchte das Internat, welches einen bleibenden Eindruck und auch eine tiefe Narbe in seinem Seelenleben hinterliess, die im Alter wieder Bezugspunkt für seine Engagements wurden. Nach einigen Lehr- und Wanderjahren baute er den Detail-Discounter Pick & Pay auf und verkaufte ihn später erfolgreich. Erfolgreich war auch der Aufbau der Kette Usego Cash & Carry und später jener der Microspot-Computergeschäfte. Gideons Motto lautete «learning by doing». Nicht anders ist zu erklären, dass er sich bis zuletzt noch wie ein Teenager für sämtliche technischen Finessen und Geräte interessierte. Das Internet gehörte ebenso wie der Palm oder sein Handy zu seinem Alltag. Für den Autodidakten hörte das Lernen nie auf, war das Studium nie zu Ende. Vor 18 Jahren wanderte Bruno Gideon nach Toronto aus. Blieb Unternehmer, Autor und Blogger. Kanada war für Gideon, der unkonventionell lebte, Land der Freiheit – Freiheit und Unabhängigkeit zu sagen, was er denkt. Steter Begleiter im Leben und Wirken von Bruno Gideon war das Judentum. Nicht vordergründig, doch tief in Seele und gelebten Werten. «Judentum hat mich immer begleitet, mich geprägt. Auch dort, wo ich es nicht ausleben konnte.» Damit spielt Gideon auf seine Zeit im Internat an, wo er erstmals dem Antisemitismus begegnete. Einsame Jahre, in denen sein einziger Halt noch das Judentum war, eine beengende Welt, aus der er ausbrechen wollte, musste. Und dies fortan tat. Die Sorge um die steigende Gewalt in Nahost, in der Gesellschaft überhaupt, Diskriminierung jeglicher Art, trieb ihn bis zuletzt um. «Die Gewalt ist der Vulkan der Gesellschaft» meinte Gideon und wirkte geradezu wie ein Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. In Europa leben wollte Gideon nicht mehr. Abgewendet hatte er sich nach der Auswanderung nicht, vergass weder seine Wurzeln noch seine Herkunft. Wenngleich er der Schweiz und Zürich verbunden blieb, war ihm alles zu eng geworden. Eine Enge, die nicht vereinbar war mit einem Optimismus, der nie naiv, nie menschenabgewandt oder letztlich nur dem Privileg des Erfolgs entsprungen ist, sondern der Zuversicht, dass letztlich das Gute und Richtige sich immer durchsetzen wird. Am Sonntagabend ist Bruno Gideon nach kurzer Krankheit gestorben. Die Beerdigung findet heute auf dem Friedhof Oberer Friesenberg statt.