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Diskussion:Boris Lurie

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tachles-Newsletter 15.5.2020:

Diverse Werke des Avantgarde-Künstlers werden in einer Online Galerie präsentiert.

«Du musst die wirklich unbequemen Sachen anpacken, die harten Fragen». Diese Aussage von Boris Lurie (1924-2008) ist nun im Rahmen einer virtuellen Ausstellung über diesen Avantgarde-Künstler zu sehen, der mit vielfältigen und kompromisslosen Werk immer auch gegen die Vermarktung von Kunst in westlichen Konsum-Gesellschaften agitiert hat. Wer also die Zeit in «sozialer Isolierung» zu einer tieferen Auseinandersetzung mit Kunst und der jüdischen Erfahrung im 20. Jahrhundert verwenden will, kommt bei «http://virtualgallery.borislurieart.org» an die richtige Adresse: In Zeiten von Fake News und Propaganda ist die Botschaft eines Künstlers, der Faschismus und Heuchelei radikal den Kampf angesagt hat, relevanter denn je.

Nach Themenkreisen wie Collagen aus Porno-Bildern und Aufnahmen aus den Vernichtungslagern geordnet, zeigt die «virtuelle Galerie» Dutzende von Arbeiten aus sämtlichen Schaffensperioden Luries. Darunter auch eine Skulptur aus einem Zyklus von in Baumstämme geschlagenen Spaltäxten – laut Luries Galeristin und Gefährtin Gertrude Stein ein Symbol der unheilbaren Verletzungen, die Holocaust-Überlebende unweigerlich davon getragen haben. Die 1927 geborene Stein kommt in einem Video mit fesselnden Aussagen zu Luries Werk und Persönlichkeit zu Wort. Daneben ist der Trailer zu dem Film «The Art of Boris Lurie» von Rudij Bergmann aus dem Jahr 2016 zu sehen, der im Rahmen der viel beachteten Ausstellung «No Compromises!» am Jüdischen Museum Berlin gezeigt worden ist Link.

Unsere Zeitschrift aufbau hat Lurie Ende letzten Jahres mit einem Profil des Künstlers und Fotografen Miles Ladin aus New York gewürdigt (Link). Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren, wuchs aber in Riga auf. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 fiel er mit seiner Familie in die Gewalt der Nazis. Neben dem Vater überlebte Lurie als einziges Mitglied seiner Familie das Ghetto in Riga und Konzentrationslager. Vater und Sohn emigrierten 1946 nach New York. Dort begann Lurie eine lebenslange, künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen während des Krieges. Auf eher traditionelle Bilder wie das Ölportrait «Meine Mutter vor der Erschiessung» (1947) folgten Arbeiten, die segmentierte, weibliche Körper zeigen und Schönheit mit Horror verbinden. Hier fand Lurie zu seiner eigenen, unverwechselbaren Stimme.

Er verkehrte zudem mit zahlreichen, anderen Künstlern und erlebte so unmittelbar den Boom für zeitgenössische Kunst unter dem Vorzeichen des Abstrakten Expressionismus. Von seinem persönlichen Schicksal aus empfand Lurie den neuen Trend nicht allein als hohl, sondern vielmehr als Schmähung der von ihm und anderen Juden in Europa erlebten Realität. Diese Empörung über die Kunstwelt speiste einen zunehmenden Ekel gegenüber den Verlockungen des Nachkriegs-Kapitalismus und der Konsum-Kultur in Amerika. Luries Werk wurde nun aber kritischer gegenüber der Kunstwelt. Ein Ausfluss war die Gründung einer Establishment-feindlichen Bewegung unter dem Banner «NO!art». Von 1959 an stellten Lurie und seine Verbündeten bei der kollaborativ geführten «March Gallery» an der 10th Street in Manhattan aus. Die NO!art-Bewegung suchte die offensive Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der Nazis, statt diese zu ignorieren. Lurie eignete sich das Arsenal der Pop Art an, schuf damit aber unter Verwendung von Pin-ups aus erotischen Magazinen Collagen und Gemälde, welche die Vermarktung weiblicher Körper auf eine bis heute verstörend und radikal wirkende Weise anprangern.

Daneben schrieb Lurie Gedichten, Essays zu Kunst und den umfangreichen, semi-autographischen Roman «Anita», der erst posthum 2016 veröffentlicht worden ist. Auch hier stehen seine Erfahrungen im Krieg und den Lagern im Zentrum. Sadomasochistische Sexualität wird zur Metapher für die vollständige Erniedrigung von Menschen durch Ihresgleichen. Lurie muss zudem die Wahrheit des alten Spruches «Beisse nicht die Hand, welche dich füttert» gerade in der Kunstszene bewusst gewesen sein. So traf er effektive Vorkehrungen für eine dauerhafte Präsenz seines Werkes auch über das eigene Ableben hinaus. Er und sein Vater waren mit einem Geschäftstalent ausgestattet, dass sie in New York zu erheblichem Reichtum gebracht hat.

Bei seinem Tod infolge eines Nierenversagen im Jahr 2008 hinterliess Lurie ein Vermögen in Immobilien und anderen Investments. Dies wurde seinem Wunsch gemäss Grundstein der «Boris Lurie Art Foundation», die weltweit ambitionierte Ausstellungen seines Oeuvres etwa in Deutschland, Israel, Italien, Kuba, Lettland, Polen und den USA ermöglicht hat. Daneben hält die Stiftung das Werk von Mitstreitern Luries wie Allan Kaprow, Yayoi Kusama oder Aldo Tambellini in der Öffentlichkeit. Die von Gertrude Stein energisch und kreativ geführte «Boris Lurie Art Foundation» unterstützt zudem die medizinische Versorgung von Kriegsveteranen und Holocaust-Überlebenden in Israel, aber auch Museen (https://borislurieart.org).