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Diskussion:Aharon She'ar-Yashuv

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taz-Artikel März 1989:

Geboren als Wolfgang Schmidt

■ Ein deutsches Schicksal - Rabbi Aharon Shear-Yashuv

(Ein deutsches Schicksal - Rabbi Aharon Shear-Yashuv, ARD, 21.15 Uhr) Jeder Film über einen Juden müsse mit dem Gebet an der Tempelmauer beginnen, sagt Aharon Shear-Yashuv und schreitet mit seinem jüngsten Sohn durch die Altstadt von Jerusalem zum allmorgendlichen Ritual. Die Kamera folgt ihm, folgt den Regieanweisungen des Rabbiners, als wäre er der Regisseur der Reportage. Erst später wird klar, warum der eigentliche Autor - Werner Koch - die Einmischung in seinen Film zuläßt und sich mit der distanzierenden Begründung herauszuwinden versucht, Aharon Shear-Yashuv habe die Dreharbeiten nur genehmigt, falls ihm diese Selbstdarstellung zugesagt werde. Ein Film also, der sich hineinreden läßt von seiner Hauptfigur. Ein Unding für einen kritischen Journalisten?

Werner Koch ist das Risiko mangelnder Objektivität eingegangen, um überhaupt etwas von dem Leben des Rabbiners und Theologieprofessors zeigen zu können. Aharon Shear -Yashuv ist nicht irgendein Intellektueller jüdisschen Gaubens. Vor zwei Jahrzehnten hieß er noch Wolfgang Schmidt, lebte in der Bundesrepublik und wollte evangelischer Pfarrer werden. 1962 konvertierte er zum Judentum, zog nach Jerusalem und brachte es - nach 1945 bisher einmal in Israel - zu einem der angesehendsten Schriftgelehrten im Land. Neben dem Rabbinat und einem Lehrstuhl für Theologie und Philosophie an der Universität von Tel Aviv dient Aharon Shear-Yashuv als Militärseelsorger in der israelischen Armee - 1961 hatte er seine Kriegsdienstverweigerung mit christlichen und ethischen Motiven begründet.

Auch Selbstdarstellungen lassen sich nicht immer so steuern, wie es sich der Einflußnehmende vorstellt. „Für mich ist Jerusalem der Angelpunkt der Welt.“ Ein Satz, der so bezeichnend ist für die absolute Konversion des Deutschen. Umso eifriger uns Aharon Shear-Yashuv seinen Umschwung vom Pazifismus zum Fahneneid plausibel macht, umso vorbildlicher er seine fünf Kinder im Thora-Lesen und Talmud -Studium erzieht, umso größer wird die Kluft zwischen dem (Vor-)Bild, das Shear-Yashuv geben will, dem Unausgesprochenen, das in der Übertreibung jüdischer Dogmen aufscheint. Das Leben des Aharon Shear-Yashuv läßt keine Zweifel zu. Aber in dem Bestreben, jüdischer sein zu wollen als die Gläubigen, die neben ihm an der Tempelmauer beten, wirkt er so deutsch, wie es sich typischer kaum vorstellen läßt.

Werner Koch kann und darf die Fragen nicht stellen, die sich aufdrängen, wenn der Militärseelsorger israelische Siedlungen in der Westbank besucht, wenn er von der Wahl seines Vornames - Aharon bedeutet Frieden - erzählt und gleich darauf von den Schießübungen auf dem Kasernenhof. Bei aller unfreiwilligen Selbstentlarvung transportiert die Reportage ein Bild von einem Menschen jüdischen Glaubens, das sich schnell einem Klischee über den Menschen jüdischen Glaubens schlechthin verzerren könnte. Dazu hätte es eines Kommentars bedurft, der die Stellung des ungewöhnlichen Rabbiners in der israelischen Gesellschaft verdeutlicht. Daß er fehlt, macht den Film so angreifbar.

Christof Boy