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Die heilige Familie

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Die heilige Familie, 1845

Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten ist der Titel eines Buches von Karl Marx und Friedrich Engels, das im Frühjahr 1845 erschien.

Es ist die erste Schrift, die Marx und Engels gemeinsam verfassten. Sie entschlossen sich dazu bei ihrem ersten persönlichen Treffen im August 1844.

Druckvorbereitung

In einem undatierten Brief vom Herbst 1844 an Heinrich Börnstein fragte Marx, ob A. Frank in Brüssel das Buch verlegen könnte.[1] Eine weitere Anfrage richtete Marx an Julius Campe in Hamburg.[2] Schließlich trat Marx in Briefwechsel mit der erst am 1. Juli 1844 gründeten Literarischen Anstalt (J. Rütten).[3] Am 3. Dezember 1844 schrieben die beiden Verleger Joseph Rütten und Zacharias Loewenthal an Marx, dass der Buchsatz fast fertig sei und schickten einen Wechsel über 1000 Franc.[4][5] Am 9. Dezember 1844 berichtete der metternichsche Konfident Hermann Ebner, dass Marx eine Schrift gegen Bruno Bauer bei Rütten drucken lassen würde. Am 27. Dezember 1844 schlug Loewenthal Marx den endgültigen Titel der Schrift vor: Die Heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Consorten.[6][7] Am 15. Januar 1845 fügte Loewenthal die letzten von Marx erbetenen Korrekturen ein.[8][9] Anfang Februar 1845 wurde das Buch dann ausgeliefert.

Absicht der Schrift

Absicht der Autoren war, sich von der Theorieentwicklung Bruno Bauers – ehemals Mentor von Marx – zu distanzieren und sich zum „realen Humanismus“ Ludwig Feuerbachs zu bekennen.[10]

Hauptinhalt ist der Widerspruch zwischen Hegels idealistischer und Marx' materialistischer Auffassung von Dialektik und insbesondere eine Kritik an den Junghegelianern Bruno Bauer und dessen Bruder Edgar Bauer sowie an einer Reihe weniger bekannter Autoren aus dem Kreis der Berliner „Freien“.

Der Tenor des Textes, der zu etwa 90 % von Marx stammt,[11] ist durchgehend polemisch bis verhöhnend, was nicht erst der Untertitel anzeigt: Gegen Bruno Bauer & Consorten. Schon der Haupttitel verspottet Bruno Bauers Philosophie mit dem erfundenen Begriff „kritische Kritik“. Denn Bauer nannte seine kritische Theorie,[12] die er vor allem in Artikeln des Jahrgangs 1844 der Allgemeinen Literaturzeitung entwickelte, natürlich nicht „Kritische Kritik“, sondern „Reine Kritik“.[13]

Die Junghegelianer gingen in Anlehnung an Hegel davon aus, dass die Geschichte nur Ausdruck der Weiterentwicklung menschlicher Vernunft sei und lehnten daher jedes politische Engagement ab. Marx und Engels kritisierten diese Auffassung in der Heiligen Familie als realitätsfern:

„Wie bei Hegel ist das Resultat der wirklichen Entwickelung nichts anderes als die bewiesene, d. h. zum Bewußtsein gebrachte Wahrheit. [...] Die absolute Kritik spricht von ‚Wahrheiten, die sich von vornherein von selbst verstehen‘. [...] Eine Wahrheit, die sich von selber versteht, hat für die absolute Kritik, wie für die göttliche Dialektik, ihr Salz, ihren Sinn, ihren Wert verloren. Sie ist fad geworden wie abgestandnes Wasser. Die absolute Kritik beweist daher einerseits alles, was sich von selbst versteht, und außerdem viele Dinge, die das Glück haben, unverständig zu sein, sich also niemals von selbst verstehen werden. Andrerseits versteht sich ihr alles das von selbst, was einer Entwickelung bedarf. Warum? Weil es sich bei wirklichen Aufgaben von selber versteht, daß sie sich nicht von selber verstehn.“[14]

Bedeutung der Schrift

Die heilige Familie ist eine Schrift des Übergangs in der theoretischen Entwicklung von Marx. Während er sich hier noch zu Feuerbach bekennt, zeigt die Niederschrift seiner Thesen über Feuerbach, kurz nach Erscheinen des Buches, dass er sich bereits von Feuerbach zu lösen begann. Dies geschah unter dem Eindruck der Feuerbach-Kritik in Max Stirners Buch Der Einzige und sein Eigentum, das Ende Oktober 1844 erschienen war.

In Die heilige Familie behandelt Marx Stirner jedoch noch nicht. Erst ein Jahr später, als er das Konzept des Historischen Materialismus, also die Grundlage seiner eigenen Philosophie, entworfen hatte, kritisierte er auch ihn. Seine Stirner-Kritik Sankt Max, die fast drei Viertel des Textkonvoluts der Deutschen Ideologie ausmacht und Stirners Buch an Länge übertrifft, veröffentlichte er jedoch nicht.[15]

Ausgaben

  • Originalausgabe, Literarische Anstalt (J. Rütten). Frankfurt a. M. 1845. (Digitalisat)
  • Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abt. 1, Sämtliche Werke und Schriften mit Ausnahme des Kapital, Bd. 3: Die heilige Familie und Schriften von Marx von Anfang 1844 bis Anfang 1845. Marx-Engels-Verlag, Berlin 1932 (Reprint Auvermann, Glashütten im Taunus 1970)
  • Faksimilisierter Reprint, Rütten & Loening, Berlin 1953.
  • Marx-Engels-Werke Bd. 2, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 3–223. (DEA Archiv)

Literatur

  • Wolfgang Mönke: Die heilige Familie. Zur Ersten Gemeinschaftsarbeit von Karl Marx und Friedrich Engels. Akademie Verlag, Berlin 1972. (Enthält u. a. 86 Dokumente von 1842–1895.)
  • Lenin: Konspekt zu Marx' und Engels' Werk „Die heilige Familie“. In: W. I. Lenin. Werke. Bd. 38. Philosophische Hefte. Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 3–37.
  • Marion Barzen: Die „Heilige Familie“ in Charlottenburg. In: Studien zu Marx' erstem Paris-Aufenthalt und zur Entstehung der Deutschen Ideologie. Internationale Konferenz am 12. Februar 1990 im Studienzentrum Karl-Marx-Haus in Trier. Trier 1990, S. 138–162. (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier, Heft 43)

Einzelnachweise

  1. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Bd. 1, S. 249.
  2. Alfred Frommhold: Hundertundzehn Jahre Verlag Rütten & Loening Berlin. 1844 bis 1954. Rütten & Loening, Berlin 1954, S. 28. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Bd. 1, S. 247.
  3. Faksimile der Gründungsanzeige in: Hundertfünfundzwanzig Jahre Rütten & Loening 1844 – 1969. Ein Almanach, S. 21.
  4. Wolfgang Mönke, S. 160 f.
  5. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Band 1, S. 446.
  6. Wolfgang Mönke, S. 163.
  7. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Band 1, S. 447.
  8. Wolfgang Mönke, S. 164 ff.
  9. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Band 1, S. 448 f.
  10. Siehe die „Vorrede“ zum Buch, speziell den ersten Satz.
  11. Der Textanteil von Marx (ungefähr 90 %) ergibt sich aufgrund der Angaben im Inhaltsverzeichnis – Band 2 der MEW, S. 723–725 –, wo zu jedem Kapitel der Autor genannt ist
  12. Einer von Bauers diesbezüglichen Artikeln Was ist jetzt Gegenstand der Kritik?
  13. Gleichwohl ist sie aufgrund der Wirkungsmacht von Marx fast nur noch als „kritische Kritik“ – und auch nur noch als Phrase – bekannt.
  14. Karl Marx: Die heilige Familie, VI. Kapitel online
  15. Eine material- und kenntnisreiche Studie zu dieser Phase der Theorieentwicklung bei Marx ist: Wolfgang Eßbach: Die Bedeutung Max Stirners für die Genese des historischen Materialismus (Diss. 1978), unter dem Titel Gegenzüge. Frankfurt/M.: Materialis 1982. Vgl. auch das Standardwerk von Eßbach: Die Junghegelianer. München: Wilhelm Fink 1988; einen Abriss bietet: Bernd A. Laska: Den Bann brechen ! – Max Stirner redivivus. Teil 1: Über Marx und die Marxforschung In: Der Einzige. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr. 3 (11), 3. August 2000, S. 17–24.

Weblinks

 Commons: Die heilige Familie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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