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Deuterokanonisch

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Tora und Innenansicht der ehemaligen Synagoge Glockengasse in Köln

Deuterokanonisch (von griechisch: deuteros = zweiter) ist ein Begriff, mit dem bestimmte Schriften des Alten Testaments (AT) bezeichnet werden, die von der katholischen Kirche, der orthodoxen Kirche sowie den altorientalischen Kirchen als integraler Bestandteil der Bibel angesehen werden, also in diesen Kirchen als kanonisch gelten, die aber vom Judentum und von den Kirchen der Reformation für apokryph gehalten werden. Als protokanonisch (von griechisch: protos = erster) werden dagegen die auch im jüdischen und evangelischen Kanon enthaltenen Schriften des Alten Testaments bezeichnet. Die deuterokanonischen Bücher werden, um zusätzliche Schriften ergänzt, von den orthodoxen Kirchen als Anaginoskomena bezeichnet.

Definition

Die Bezeichnungen deutero- und protokanonisch gehen auf Sixtus von Siena (1520–1569) zurück, der sie im ersten Band seiner Bibliotheca Sancta (Venedig 1566) zum ersten Mal verwendete. Die Bezeichnungen spielen auf die Geschichte der Kanonentwicklung an, in der es zu Zweifeln am kanonischen Charakter der deuterokanonischen Schriften kam. Da es keine solchen Zweifel in Bezug auf die protokanonischen Schriften gab, kamen diese als erste in den Kanon, die deuterokanonischen dagegen als zweite nach Überwindung dieser Zweifel; in der lateinischen Kirche geschah das im 4. Jahrhundert nach Christus.

Bei den deuterokanonischen Schriften handelt es sich um Bücher oder Zusätze zu Büchern, die in der Septuaginta überliefert wurden, nicht aber in der masoretischen Texttradition. Diese Bücher sind in griechischer Sprache überliefert, aber z. T. sind hebräische Originale anzunehmen. Die Entstehungszeit sind die letzten beiden Jahrhunderte v. Chr., daher werden sie manchmal als „Spätschriften des Alten Testaments“ bezeichnet. Sie bieten uns wertvolle Einblicke in die Zeit vor dem Kommen Jesu. In diesen Büchern wird oft erwähnt, dass Menschen zu Gott beteten – und diese Gebete werden ausführlich wiedergegeben. In den meisten deuterokanonischen Büchern sind mehr als zehn Prozent des Inhalts solchem Beten gewidmet. Dagegen sind es im Tanach nur einige wenige Prozent des Inhalts, und das gilt auch für das Neue Testament.[1]

Im Einzelnen handelt es sich um:

Die übrigen Teile der Septuaginta, die sich nicht im jüdischen und evangelischen Kanon befinden (3. Buch Esra, 3. und 4. Buch der Makkabäer, das Gebet des Manasse und die Psalmen Salomos), werden auch von der katholischen Kirche als apokryph abgelehnt. Die einzelnen Handschriften der Septuaginta aus dem 4. und 5. Jh. haben unterschiedlichen Umfang, also kann man nicht von einem klaren „Septuaginta-Kanon“ sprechen. Der Codex Alexandrinus etwa beinhaltet alle vier Makkabäerbücher, der Codex Sinaiticus 1. Makk. und 4. Makk., und der Codex Vaticanus überhaupt keines von diesen vier Makkabäer-Büchern.

Kirchliche Rezeption

Die ersten Christen hatten ein unbefangenes Verhältnis zur Septuaginta (LXX). Aus ihr stammen im Neuen Testament die meisten Zitate des Alten Testaments. Das Neue Testament zitiert einige Male aus Texten, die nicht in der hebräischen Bibel (Tanach) zu finden sind – allerdings auch nicht in den deuterokanonischen Büchern, z. B.: Judas 14 zitiert Henoch, und Titus 1,12 zitiert einen griechischen Dichter (wahrscheinlich Epimenides). Das zeigt, dass ein solches Zitiertwerden nicht unbedingt auf eine kanonische Anerkennung hinweist. Mehrmals wird „die Schrift“ zitiert, ohne dass wir das Zitat klar zuordnen können (Joh. 7,38, 1.Kor. 2,9; Jak. 4,5). Im Neuen Testament finden wir ungefähr 300 klare Bezugnahmen auf das Alte Testament (darin keine einzige auf ein deuterokanonisches Buch). Manche Ausgaben des Neuen Testaments haben Register mit Tausenden Parallelen; solche sind aber – als mögliche, nicht sichere Bezugnahmen – wenig aussagekräftig. (Solche Parallelen lassen sich zu vielen Texten finden, wobei unklar ist, ob der spätere Autor den früheren Text gemeint oder auch nur gekannt hat.)

Gelegentlich zitieren die apostolischen Väter und frühen Kirchenväter aus deuterokanonischen Schriften. Das Schwergewicht bei ihren Zitaten liegt aber immer auf einigen protokanonischen Büchern, nämlich auf Jesaja, dem Psalter, dem Zwölfprophetenbuch und dem Pentateuch. Die übrigen Bücher werden seltener verwendet, und aus solchen gelegentlichen Bezugnahmen lässt sich kaum Sicherheit über deren kanonische Geltung gewinnen.[2]

Diskussionen über die kanonische Anerkennung bestimmter Bücher wurden von Theologen geführt. Für die Gemeinden waren solche Abgrenzungen „Grenzfragen“, die sie insbesondere beim Alten Testament selten betrafen. Denn die Gemeinden besaßen – bis weit ins 4. Jh. hinein – bloß einen Teil der Bücher des Alten Testaments, etwa Pentateuch, Psalter und Jesaja. Die Frage, welche Geschichtsbücher des Alten Testaments (die sie ohnehin nicht besaßen) kanonisch sind und welche nicht, war für die Gemeinden daher nicht so relevant. (Ähnliches wird auch für viele Synagogen gegolten haben.)

Durch Melito von Sardes († um 190) erfahren wir erstmals im Christentum eine genaue Liste der Bücher des Alten Testaments. Er hatte im Heiligen Land Erkundigungen eingeholt, und kam zu dem Schluss, dass nur die Bücher des jüdischen Kanons zum Alten Testament gehören. In der Folge schlossen sich eine Reihe von – vor allem östlichen – Kirchenvätern dieser Position mit kleinen Variationen an. Dazu gehörten die hebräischkundigen Kirchenväter: Origenes, der Kommentare zur Mehrzahl der biblischen Bücher verfasste, aber zu keinem einzigen deuterokanonischen Buch, und der einflussreiche Hieronymus. Dieser sah die nicht im hebräischen Kanon befindlichen Schriften als außerkanonisch an, nahm sie aber dennoch in seine Bibelübersetzung, die in der lateinischen Kirche später über mehrere Jahrhunderte verbindliche Vulgata, auf und zitierte auch aus ihnen, zum Teil als „heiliger Schrift“. Er prägte auch den Begriff „apokryph“: Hieronymus bezeichnete damit die deuterokanonischen Schriften, die durchaus „zur Erbauung des Volkes“ gelesen werden können, auch wenn sie seiner Auffassung nach nicht der Bibel angehörten, im Gegensatz zu Athanasius vor ihm, der die Bezeichnung für als häretisch angesehene Bücher verwendete, welche biblischen Status beanspruchten.

Am Ende des 4. Jahrhunderts (um 375) entstand erstmals ein Kommentar zu einem deuterokanonischen Buch: Ambrosius von Mailand schrieb De Tobia. Überhaupt wurden im Westen die deuterokanonischen Schriften, insgesamt gesehen, sehr geschätzt. Bestimmend wurde die Position von Augustinus, der ihre Kanonizität gegen Hieronymus verteidigte. Seine Position wurde in einer Reihe von afrikanischen Plenarkonzilien, an denen Augustinus teilnahm, beginnend mit dem Plenarkonzil in Hippo 393, und einigen päpstlichen Schreiben bestätigt.

Damit war in der lateinischen westlichen Kirche die Diskussion um den Kanon des Alten Testaments nach etwa 400 n. Chr. im Grunde abgeschlossen, und bis zur Reformation wurde bis auf wenige Ausnahmen der heute in der römisch-katholischen Kirche gültige Kanon vorausgesetzt.

Auch in den östlichen Kirchen setzte sich später die Überzeugung von der Kanonizität deuterokanonischer Schriften durch. Sie werden dort „Anaginoskomena“ genannt. Allerdings werden dabei zum Teil noch zusätzliche Schriften der Septuaginta, vor allem 3. Makkabäer und 1. Esra – von katholischen Autoren 3. Esra genannt –, und im Falle der äthiopischen Kirche zudem die in der Septuaginta nicht enthaltenen Bücher Henoch und 4. Esra.

Reformation

Im Rückgriff auf Hieronymus lehnten die Reformatoren den kanonischen Status der deuterokanonischen Schriften ab. Hier machte sich der Einfluss des Humanismus auf die Reformatoren geltend. Das Bestreben war, ad fontes, also zu den ursprünglichen Quellen zu gelangen, insofern wurde die hebräische Tradition wiederentdeckt. Einige, wie vor allem Luther, folgten Hieronymus auch in der Verwendung des Begriffes „apokryph“ und ihrer durchaus positiven Einschätzung. So fügte Luther sie – mit dem Gebet des Manasse – seiner Bibelübersetzung mit der Überschrift „Apokrypha: Das sind Bücher: so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind“ als Anhang an das Alte Testament an.

Später setzte sich die Ablehnung konsequenter durch, und die apokryphen Bücher wurden in evangelischen Bibelübersetzungen zum Teil nicht mehr aufgenommen. In heutigen Bibelübersetzungen, die teilweise in Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche entstanden, sind sie wieder enthalten.

Vor allem in Reaktion auf die Position der Reformatoren wurde auf dem Konzil von Trient am 8. April 1546 für die katholische Kirche der Kanon – einschließlich der deutorokanonischen Schriften – verbindlich festgelegt. Dabei wurde auch geregelt, dass sie den übrigen Büchern der Heiligen Schrift als gleichrangig zu betrachten sind.

Literatur

  • Otto Kaiser: Grundriss der Einleitung in die kanonischen und deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments, 3 Bände; Gütersloh 1992 und 1994.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Das betende Volk Gottes vor Jesu erstem Kommen. Die große Bedeutung des Gebets in den Deuterokanonika. In: Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 76 (2000), S. 149–152.
  • Andreas Hahn: Canon Hebraeorum – Canon Ecclesiae: Zur deuterokanonischen Frage im Rahmen der Begründung alttestamentlicher Schriftkanonizität in neuerer römisch-katholischer Dogmatik (Studien zu Theologie und Bibel; 2). Münster et al. 2009.

Fußnoten

  1. Auch die im 1. Jh. v. Chr. entstandenen Psalmen Salomos widmen sich stark dem Gebet. – Zu diesen Beobachtungen siehe Graf-Stuhlhofer: Das betende Volk Gottes.
  2. Dazu Franz Stuhlhofer: Der Gebrauch der Bibel von Jesus bis Euseb. Eine statistische Untersuchung zur Kanonsgeschichte. R.Brockhaus: Wuppertal 1988, insb. Kap.VII und XII.
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