Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzyklopädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

(Spendenkonto siehe Impressum). Vielen Dank für Ihr Engagement!

Ultraorthodoxes Judentum

Aus Jewiki
(Weitergeleitet von Charedim)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Charedim in Mea Schearim, Jerusalem, Sukkot 1983

Das ultraorthodoxe Judentum (hebr.יַהֲדוּת חֲרֵדִיתjahadut charedit) ist die theologisch, politisch und sozial konservativste Richtung innerhalb des Judentums. Die im Hebräischen gebräuchliche Bezeichnung für einen Anhänger dieser Richtung lautet Charedi (‏חֲרֵדִי‎, Mehrzahl Charedimחֲרֵדִים‎, von charadaחֲרָדָה‎ „Furcht“, deutsch etwa „Gottesfürchtiger“). Das ultraorthodoxe Judentum entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die jüdische Aufklärung und die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Mittel- und Osteuropa. Bekannte Exponenten waren die litauischen Gelehrten Chaijm von Woloschin (1749–1821) und Israel Meir Kagan (1838–1933).

Ultraorthodoxe Juden gibt es sowohl unter den aschkenasischen wie unter den sephardischen Juden, letztere machen jedoch nur rund 20 Prozent aus.[1] Äußerlich an ihrem Kleidungsstil erkennbar, unterscheiden sie sich von den übrigen orthodoxen Juden, die oft als „modern orthodox“ bezeichnet werden, dadurch, dass sie weltlichem Wissen ablehnend gegenüberstehen und ein streng reguliertes, meist auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtetes Leben abseits der Mainstream-Gesellschaft, sowohl der jüdischen wie nichtjüdischen, führen.[2]

Die Zahl der ultraorthodoxen Juden wird weltweit auf ca. 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Davon lebt der größte Teil, ca. 700.000, in Israel, wo sie rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen.[3] In den USA und Kanada leben etwa 500.000 ultraorthodoxe Juden,[4] in Europa gibt es in Belgien, Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz größere ultraorthodoxe jüdische Gemeinden, die größte in England mit rund 45.500 Mitgliedern.[5]

In Israel gehen rund 60 bis 70 Prozent der charedischen jüdischen Männer keiner Arbeit nach, sondern verbringen ihre Zeit ausschließlich mit dem Studium der heiligen Schriften in Jeschiwot und werden vom Staat finanziell unterstützt. In der Regel sind sie verheiratet und haben im Durchschnitt sieben Kinder. Etwa 60 Prozent der ultraorthodoxen Familien in Israel leben in Armut.[6]

In seiner Haltung zum Staat Israel ist das ultraorthodoxe Judentum, sowohl in Israel wie außerhalb, gespalten. Manche Gruppierungen lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da ihrer Ansicht nach nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten kann, wie Neturei Karta und die in der Organisation Edah HaChareidis zusammengeschlossenen Gruppierungen; andere beteiligen sich trotz ihrer Ablehnung des säkularen Zionismus aktiv an der israelischen Politik wie Agudat Jisra’el und Degel haTora; wieder andere, besonders sephardische Charedim, befürworten den Zionismus. In Israel üben ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien, sowohl zionistische wie nicht-zionistische, einen bedeutenden politischen Einfluss aus. Aufgrund dieser Tatsachen gibt es Überlegungen des israelischen Staates, gewisse ultraorthodoxe Gruppierungen (z. B. die Gruppe Lev Tahor) zu verbieten, da sie die Menschenrechte zu stark einschränken (z. B. Zwangsheirat).[7]

Ein Zentrum der Ultraorthodoxen ist die Stadt Beit Shemesh. Im Dezember 2011 demonstrierten dort rund 10.000 aus dem ganzen Land angereiste Demonstranten, darunter auch viele religiöse Israelis und prominente Politikerinnen und erklärten sich solidarisch mit den Kritikern des fundamentalistischen Trends.[8] Staatspräsident Shimon Peres unterstützte die Protestaktion und lobte die Polizei, "die für grundsätzliche Gleichberechtigung in Beit Shemesh kämpfte". Seiner Meinung nach müssten alle im Land gegen "eine Minderheit aufstehen, die sich auf unerhörte Weise benimmt."[9] [10]

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Ultraorthodoxes Judentum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Isabel Kershner: Israel’s Ultra-Orthodox Protest Schools Ruling The New York Times, 17. Juni 2010 (englisch). Abgerufen: 6. September 2010
  2. Nathaniel Deutsch: The Forbidden Fork, the Cell Phone Holocaust, and Other Haredi Encounters with Technology Springer Science + Business Media B.V. Published online: 29. Januar 2009 (englisch). Abgerufen: 6. September 2010
  3. Matti Friedman: Ultra-Orthodox Jews Pose Challenges In Israel The Huffington Post, 14. Januar 2011 (englisch)
  4. Majority of Jews will be Ultra-Orthodox by 2050 University of Manchester, 23. Juli 2007 (englisch)
  5. Britain’s Jewish population on the rise The Telegraph, 20. Mai 2008 (englisch)
  6. Nati Tucker: BoI: Only 39% of Haredi men work Haaretz, 21. September 2010 (englisch)
  7. [1] Süddeutsche.de, 10. Oktober 2011 (deutsch)
  8. zeit.de http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-12/israel-ultraorthodoxe/komplettansicht Das verschleppte Problem mit den Ultraorthodoxen]
  9. zeit.de: Israels Präsident ruft zu Protest gegen Ultraorthodoxe auf. - Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen Juden und der Mehrheitsgesellschaft in Israel nimmt schärfere Formen an: Präsident Peres stellt sich gegen die religiösen Fanatiker.
  10. zeit.de: Clinton sieht Demokratie und Frauenrechte in Israel gefährdet. - Minister wollen NGOs einschränken, Ultraorthodoxe fordern Geschlechtertrennung: US-Außenministerin Clinton hat vor "anti-demokratischen" Entwicklungen in Israel gewarnt.


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Ultraorthodoxes Judentum aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.