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Barmherzigkeit

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Die Barmherzigkeit (Lehnübersetzung von lateinisch misericordia) ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not.

Die umgangssprachliche Formel „Mitleid und Barmherzigkeit” deutet an, dass hier Unterschiedliches vorliegt, dass es also bei der „Barmherzigkeit” weniger um ein Mit-Fühlen als um eine dessen nicht bedürftige Großherzigkeit geht. Sie gilt als eine der Haupttugenden und wichtigsten Pflichten der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam, Bahai sowie anderer Religionen wie Buddhismus und Hinduismus.

Judentum

In der jüdischen Bibel (Altes Testament der Christen) ist Barmherzigkeit eine der herausragenden Eigenschaften Gottes. In der zentralen Offenbarung am Sinai gibt sich JHWH zu erkennen: „der HERR ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (2. Buch Mose 34,6 mit vielen Parallelen). Während das „gnädig” darauf verweist, dass Gott sich seinem Volk zuwendet, drückt das „barmherzig” aus, dass Gott die Sünde zwar sieht, aber verzeiht und dem Bund mit seinem Volk treu bleibt. Dies wird insbesondere bei den Propheten der Exilszeit (Babylonisches Exil) betont: „Der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Armen erbarmt. [...] Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.“ (Jesaja 49,13.15) Deshalb gilt auch die Forderung der Barmherzigkeit an den Menschen: „Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein.“ (Tobit 12,8). In der deutschen Bibel (vor allem Lutherbibel) stehen Barmherzigkeit, barmherzig, Erbarmen, Erbarmer, barmherzig sein und deren Verneinungen vor allem für die hebräischen Wörter bzw. Wurzeln häsäd (hebr. חֶסֶד), dann für rahamim bzw. für rhm und Derivate, für hnn und Derivate, in geringerem Maße auch für hûs, hml und nhm.

Christentum

Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890
Pierre Montallier: Die Werke der Barmherzigkeit, um 1680
Frans II Francken: Die Sieben Werke der Barmherzigkeit, 1605, Deutsches Historisches Museum Berlin

Zunächst und zuerst ist Barmherzigkeit keine natürliche Eigenschaft des Menschen oder keine Forderung an den Menschen, sondern eine Eigenschaft Gottes, die der Mensch einerseits als himmlisches Motiv durch die ihm innewohnende Gottesliebe besitzt und die ihm andererseits in höherer Form und unerschöpflich durch Gott zuteilwird. Schon im Alten Testament gilt Gott vor allem als der „Barmherzige und Gnädige“ und wird immer wieder dafür in Dankbarkeit und Demuth gelobt und gepriesen (z. B. Ps 103,8 EU). Jesus beschreibt Gott z.B. im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32 EU) als unendlich großzügigen und jederzeit vergebungsbereiten „Vater“ und bringt damit zur Kenntnis, was Barmherzigkeit bedeutet kann: Eine irdisch unverdiente, aber himmlisch großzügige Zuwendung in bedingungsloser Liebe. Der Apostel Paulus betont immer wieder die Abhängigkeit des sündigen Menschen bzw. des Christen von der Vergebung Gottes in dessen unendlicher Barmherzigkeit. Aus Barmherzigkeit rettet Gott die Menschen aus der Verstrickung in ihre Schuld (z. B. Eph 2,4–5 EU), entweder weil sie ehrliche Reue gezeigt und Buße geleistet oder weil sie zur Umkehr gekommen sind und Gutes getan haben.

Die von Gott her erfahrene Barmherzigkeit wird dann auch zur Handlungs-Motivation des glaubenden Menschen. In diesem Sinne steht „Barmherzigkeit” in engem Zusammenhang mit z.B. Nächstenliebe, Menschenliebe oder Humanität (siehe auch Diakonie); die lateinische Bezeichnung ist caritas (daher die katholische Organisation Caritas).

Jesus Christus hat in vielen Gleichnisse Barmherzigkeit verdeutlicht, z. B. im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37 EU – der wegen seiner gesellschaftlichen Herkunft vielerorts nicht gerade als „Rechtgläubiger“ galt, aber manche Hörer des Gleichnisses beschämt und so ihre Umkehr zur Hilfe für die Armen, Schwachen und Hilflosen eindrucksvoll einmahnt), und in den Krankenheilungen (Mk 1,16–20 EU; Lk 8,1–3 EU; Mk 7,31–37 EU). Auch in der Bergpredigt ist von der Barmherzigkeit die Rede:

„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

– Matthäus 5,7 LUT

Seit dem Mittelalter zählt man in Abgrenzung zur Barmherzigkeit Gottes die Sieben Werke der Barmherzigkeit auf, die den Sieben Todsünden (Stolz, Neid, Zorn, Geiz, Unmäßigkeit, Unkeuschheit und eben Trägheit des Herzens) gegenübergestellt werden.

Römisch-Katholische Kirche

Nach der Lehre der römisch-katholischen Kirche empfangen die Gläubigen die Werke der Barmherzigkeit durch den Heiligen Geist. Die unendliche, bedingungslose Gottesliebe umfasst die Barmherzigkeit, beide Begriffe werden in der Tradition gerne wechselseitig eingesetzt.

Werke der Barmherzigkeit

Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit
  • Die Hungrigen speisen.
  • Den Dürstenden zu trinken geben.
  • Die Nackten bekleiden.
  • Die Fremden aufnehmen.
  • Die Kranken besuchen.
  • Die Gefangenen besuchen.
  • Die Toten begraben.
Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit
  • Die Unwissenden lehren.
  • Den Zweifelnden recht raten.
  • Die Betrübten trösten.
  • Die Sünder zurechtweisen.
  • Die Lästigen geduldig ertragen.
  • Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen.
  • Für die Lebenden und die Toten beten.
Notwendigkeit der Barmherzigkeit in der Moderne

Trotz der festen Verankerung des Sozialstaates im politischen System moderner Staaten kommt die Gesellschaft auch heute nicht ohne Barmherzigkeit aus. Eine Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat dies 1995 klar herausgearbeitet: Ohne Barmherzigkeit „geht die motivationale Grundlage für die Sozialgesetzgebung verloren. Ohne sie werden neue Notlagen überhaupt nicht entdeckt“. Auch wenn das „soziale Netz“ die größte Not auffängt, gibt es viele, die durch dessen Maschen fallen. Nur die „behördlich erfassten Fälle“ sind in die staatliche und kommunale Sozialhilfe eingebunden. Daher muss Barmherzigkeit eine neue Dimension der Wahrnehmung anregen und erfahren. Barmherzigkeit ist der Quellgrund der sozialen Gerechtigkeit.

Islam

„Allerbarmer“ (Ar-Rahman) ist einer der Namen Allahs und zusammen mit Allbarmherziger (Ar-Rahim) der häufigste im Koran vorkommende Name Gottes. Beide Namen stammen von der gleichen Wortwurzel ab und beschreiben die immerwährende Liebe Gottes, die dem Menschen zuteil werden kann, wenn er sie annimmt. Eine Äußerung der Barmherzigkeit, das Geben von Almosen, ist die vierte der fünf Säulen des Islam und damit eine der Hauptanforderungen an die Gläubigen. In einem Hadith heißt es:

„Diejenigen, die nicht barmherzig sind, werden keine Barmherzigkeit erlangen.“

Somit sind alle Gläubigen zur Barmherzigkeit verpflichtet.

Buddhismus

Im Buddhismus wird die Barmherzigkeit üblicherweise als Mitgefühl (karuna) bezeichnet. Karuna ist eine der vier Brahmaviharas, in denen verschiedene Formen zwischenmenschlicher Verbundenheit (Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut) beschrieben werden, die es zu kultivieren gilt. Karuna ist im Kern das Ergebnis meditativer Einsicht und Erlebens und folgt somit nicht einem imperativen „Du-Sollst“.

Besonders nach Katastrophen engagieren sich viele Laien und Ordinierte in buddhistischen Friedens- und Hilfsorganisationen.

Konfuzianismus und Daoismus

Für Konfuzius waren die Umgangsformen (li), die Güte des Rangoberen gegenüber den Unteren sowie die Menschenliebe wichtige Bestandteile der familiären und staatlichen Ordnung.

Auch Laotse forderte in seinem Buch Daodejing neben dem Nicht-Eingreifen die natürliche und unaufgeforderte Güte der Menschen untereinander.

Falun Gong

Falun Gong fordert als Grundvoraussetzung für den spirituellen Erfolg und die optimale Wirksamkeit der Übungen die Befolgung der drei Grundprinzipien „Barmherzigkeit“, „Wahrhaftigkeit“ und „Nachsicht“.

Siehe auch

Literatur

  • Ralf van Bühren: Die Werke der Barmherzigkeit in der Kunst des 12.–18. Jahrhunderts. Zum Wandel eines Bildmotivs vor dem Hintergrund neuzeitlicher Rhetorikrezeption. Verlag Georg Olms, Hildesheim / Zürich / New York 1998, ISBN 3-487-10319-2 (Studien zur Kunstgeschichte, vol. 115).
  • Karl Bopp: Barmherzigkeit im pastoralen Handeln der Kirche. Eine symbolisch-kritische Handlungstheorie zur Neuorientierung kirchlicher Praxis. Don Bosco-Verlag, München 1998.
  • Stefan Dybowski: Barmherzigkeit im Neuen Testament – Ein Grundmotiv caritativen Handelns. HochschulVerlag, Freiburg 1992, ISBN 3-8107-2243-X (HochschulSammlung Theologie. Exegese Band 2).
  • Manfred Hermanns, Angela Stempin: Barmherzigkeit - unmodern? Eine Anfrage an die Gesellschaft zur schwindenden Dimension im Sozialstaat. In: Karl Hugo Breuer (Hrsg.), Jahrbuch für Jugendsozialarbeit. Bd. XVII. Verlag „Die Heimstatt“, Köln 1996, ISSN 0721-6084, S. 161–179.
  • Daniil Granin: Die verlorene Barmherzigkeit. Eine russische Erfahrung. Herder, Freiburg, Basel, Wien 1993, ISBN 3-451-04043-3.

Weblinks

 Wiktionary: Barmherzigkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen


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