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Bündnerromanisch

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Dieser Artikel behandelt die als Rätoromanisch oder auch Bündnerromanisch bezeichnete Sprache. Ihre Stellung in der Sprachfamilie und deren Varianten beschreibt der Artikel rätoromanische Sprachen.
Rätoromanisch

Gesprochen in

SchweizSchweiz Schweiz
Sprecher ca. 60'000 (Volkszählung 2000)[1]
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von SchweizSchweiz Schweiz
Sprachcodes
ISO 639-1:

rm

ISO 639-2:

roh

ISO 639-3:

roh

Das im Schweizer Kanton Graubünden gesprochene Rätoromanisch[2] – von Linguisten auch Bündnerromanisch und von Sprechern auch Romanisch genannt – gehört zusammen mit dem Dolomitenladinischen und mit dem Friaulischen zu den rätoromanischen Sprachen, einer Untergruppe der romanischen Sprachen. Ob die rätoromanischen Sprachen eine genetische Einheit bilden – das Bündnerromanische also mit dem Dolomitenladinischen und dem Friaulischen genetisch näher verwandt ist als mit allen anderen romanischen Sprachen – ist bisher in der Forschung nicht entschieden.

Bezeichnung

Rätoromanische Inschrift an einem Haus in Sagogn in der Surselva

Das Verhältnis von Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch und Friaulisch zueinander ist in der Sprachwissenschaft umstritten. (Mehr dazu im Artikel Rätoromanische Sprachen.) Entsprechend uneinheitlich sind die Bezeichnungen.

In der Schweiz wird die Gruppe der in der Schweiz gesprochenen romanischen Idiome in der Bundesverfassung und in den Gesetzen offiziell mit Rätoromanisch bezeichnet.[2] Es gibt keinen juristischen Begriff Bündnerromanisch.

Auch die Deutschschweizer Bevölkerung bezeichnet die Sprache ganz allgemein als Rätoromanisch oder auch einfach als Romanisch. Der Begriff Bündnerromanisch wird zwar ohne weiteres verstanden, aber als völlig fremd oder sogar falsch empfunden.

Demgegenüber bezeichnen Linguisten die Gruppe dieser Idiome meist als Bündnerromanisch. Der Begriff Rätoromanisch wird von den Linguisten uneinheitlich gebraucht und von einigen sogar ganz abgelehnt.

Verbreitungsgebiet

Bei der Schweizer Volkszählung von 1990 gaben 66'356 Menschen Romanisch als regelmässig gesprochene Sprache an, davon bezeichneten sie 39'632 als Hauptsprache. Im Jahre 2000 gaben nur noch 35'095 Romanisch als Hauptsprache an.

Wegen der früheren Abgeschiedenheit vieler Orte und Täler des Kantons Graubünden haben sich verschiedene Idiome entwickelt, die sich in fünf Gruppen gliedern lassen:

Die Aufreihung entspricht der Verbreitung von West nach Ost. Putér und Vallader werden von den Romanen auch als Rumantsch Ladin zusammengefasst und in der Hymne Chara lingua da la mamma besungen („chara lingua da la mamma, tü sonor rumantsch ladin...“).

Jedes dieser fünf Idiome hat eine eigene Schriftsprache entwickelt, die allerdings selbst einen Kompromiss zwischen verschiedenen Orts- und Regionaldialekten darstellt. Solche Regionaldialekte sind etwa im Surmeirischen das Sursès (gesprochen im Oberhalbstein) und das Sutsès (gesprochen u. a. im Albulatal) sowie im Unterengadinischen das Jauer (gesprochen im Münstertal).

Geschichte

Ursprünglich war das heutige Verbreitungsgebiet des Romanischen von Kelten und, vermutlich nur ganz im Osten Graubündens, von Rätern besiedelt. Was die Zuordnung der Räter und ihrer Sprache angeht, ist man sich unsicher. Man geht aber davon aus, dass die rätische Sprache nicht indogermanisch war. Gesichertere Aussagen lassen sich wegen der nur bruchstückhaften Überlieferung des Rätischen kaum machen.

Diese Völker wurden während des Alpenfeldzuges von 15 v. Chr. von den Römern unterworfen, welche die lateinische Sprache (hauptsächlich in Form des von der einfachen Bevölkerung und vom Militär gesprochenen Vulgärlateins) in die unterworfenen Gebiete brachten.

Wie schnell dann die Romanisierung erfolgte, ist unsicher. Auf alle Fälle muss der Prozess, wie auch in anderen abgelegenen Gebieten, Jahrhunderte gedauert haben. Am Ende des Altertums waren nach den jedoch nicht abschliessenden Erkenntnissen der Sprachforschung die ursprünglichen vorrömischen Sprachen anscheinend praktisch ausgestorben und es blieben nur wenige Lehnwörter im Romanischen erhalten. Diese beziehen sich vor allem auf für die Alpen typische Bezeichnungen aus den Gebieten von Flora und Fauna sowie Geländebezeichnungen (z. B. crap „Stein“).

Ab dem 8./9. Jahrhundert geriet die Region unter germanischsprachigen Einfluss. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend Deutsch zur Amtssprache, Romanisch wurde zu jener Zeit verächtlich als „Bauernsprache“ angesehen. Dass früher auf einem viel grösseren Gebiet Romanisch gesprochen wurde, erkennt man unter anderem an den vielen rätoromanischen Ortsnamen und Lehnwörtern in den heute deutschsprachigen Kantonen Glarus und St. Gallen. Sie zeigen, dass bis ins Hochmittelalter und teilweise noch länger die Sprachgrenze im Nordwesten im Gasterland lag und somit auch das ganze Walenseegebiet (Walen- ist mit welsch verwandt) romanisch war. Im Nordosten reichte das romanische Sprachgebiet bis zum so genannten Hirschensprung bei Rüthi im St. Galler Rheintal. Auch weite Gebiete in Vorarlberg und im Westtirol waren ehemals romanisch. Am spätesten (nach dem 11. Jahrhundert) eingedeutscht wurden Gegenden, deren Ortsnamen nicht auf der ersten Silbe betont werden, z. B. (Bad) Ragaz, Sargans, Vaduz (von lat. aquaeductus „Wasserleitung“), Montafon, Tschagguns und Galtür.

Die ersten bekannten romanischsprachigen Dokumente waren Übersetzungen lateinischer Predigten. Erst während der Reformation entstanden eigentliche Schriftsprachen in den verschiedenen Idiomen. Der Hauptgrund dafür, dass sich keine einheitliche Schriftsprache für alle Idiome entwickelte und dass das Romanische gegenüber der deutschen Sprache zunehmend an Boden verlor, war das Fehlen eines romanischen geistig-politischen Zentrums. Die Stadt Chur, welche als einzige für eine solche Funktion in Frage gekommen wäre, geriet als Bischofssitz schon früh unter deutschen Einfluss und war ab dem 15. Jahrhundert nur noch deutschsprachig. Erst in jüngster Zeit, d. h. ab Beginn des 20. Jahrhunderts, hat sich infolge der Abwanderung von Romanen in die Kapitale hier wieder zunehmend so etwas wie ein Zentrum für die Romanische Sprache und Kultur bilden können, von dem wichtige Impulse in die romanischen Stammlande ausgehen. Diese Entwicklung geht einher mit der zunehmenden Ausprägung eines romanischen Sprachbewussteins, das vor dem 19. Jahrhundert noch weitgehend fehlte.

Der Name Rätoromanisch bürgerte sich erst ca. Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Er geht auf den Namen der römischen Provinz Raetia zurück, die jedoch ein weit grösseres Gebiet umfasste, als den Lebensraum der unterworfenen Räter, welche, gemäss heutigem Forschungsstand, nur ganz im Osten des heutigen Graubündens, nämlich im Unterengadin und im Münstertal, lebten.

Im Mittelalter nannten Deutschsprachige die romanische Sprache noch Churwelsch, („von den Einwohnern von Chur gesprochene welsche Sprache“). Martin Luther bezog im 16. Jahrhundert das Wort Kauderwelsch explizit auf das Churwelsche. Die gelegentlich gehörte Bezeichnung „Geröllhaldenlatein“ (für den geologischen Hintergrund siehe Bündnerschiefer) ist neueren Datums (Mitte des 20. Jahrhunderts) und weniger verächtlich, sondern eher freundschaftlich/neckisch gemeint.

Rückzug in jüngerer Zeit

Rätoromanische Inschrift an einem Haus in Trun GR in der Surselva

Nachdem die Sprachgrenzen zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert relativ stabil geblieben waren, wird das Romanische seit dem 19. Jahrhundert immer stärker vom Deutschen bedrängt. Der grösste Teil des sutselvischen Gebietes ist mittlerweile deutschsprachig; junge Romanisch-Sprecher findet man dort fast nur noch am Schamserberg. Auch im Oberengadin ist das Romanische schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Defensive, konnte sich jedoch wegen der meistenorts noch immer romanischen Primarschule bis heute bedeutend besser halten als in der Sutselva. Im Gebiet des Surmiran muss zwischen Sursès/Oberhalbstein und Albulatal unterschieden werden: Im Sursès ist das Romanische noch fest verankert und nicht unmittelbar gefährdet, ganz im Gegensatz zum Albulatal. Die Hochburgen des Rätoromanischen sind hingegen im Westen beziehungsweise im Südosten Graubündens zu finden: Die Surselva (inklusive des zu über 90 % romanischen Seitentals Lumnezia/Lugnez) sowie das Unterengadin (inklusive Münstertal).

Rumantsch Grischun

Rumantsch Grischun (auf Deutsch übersetzt wörtlich „Bündner Romanisch“, nicht zu verwechseln mit Bündnerromanisch) ist die auf Initiative der Lia Rumantscha vom Sprachwissenschaftler Heinrich Schmid in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte gemeinsame Schriftsprache für die rätoromanischen Idiome. Seit 2001 ist Rumantsch Grischun offizielle Amtsschriftsprache im Kanton Graubünden und im Bund für den Verkehr mit der romanischsprachigen Bevölkerung; in den romanischen Gemeinden dient indes nach wie vor das jeweilige Idiom als Amtssprache. Die gemeinsame Schriftsprache bezweckt die Stärkung des Romanischen und damit den Erhalt der bedrohten Sprache.

Rumantsch Grischun wurde von der Bevölkerung nicht nur freundlich aufgenommen. Viele Bündner, nicht nur Romanen, befürchten, dass eine Kunstsprache zum Totengräber des Romanischen werden könnte. Andere sind optimistischer und verweisen auf das Beispiel der Deutschen Schriftsprache, der es auch nicht gelungen ist, die vielfältigen Deutschschweizer Dialekte wesentlich zu beeinflussen.

Im August 2003 beschloss das Bündner Kantonsparlament, dass Rumantsch Grischun als Schriftsprache in allen romanischen Schulen eingeführt wird und dass neue Lehrmittel für die romanischsprachigen Schulen nur noch in Rumantsch Grischun herausgegeben werden. Bis dahin wurden sämtliche Lehrmittel in allen fünf traditionellen Idiomen herausgegeben. Einerseits erlaubt diese Massnahme Einsparungen bei der Produktion der Schulbücher. Vor allem in stark germanisierten Gebieten mit einem deutlich abweichenden Lokalidiom schwächt sie allerdings die Stellung des Romanischen zusätzlich, da die Kinder de facto ein zweites, ihnen fremdes Romanisch lernen müssen. Von nicht-romanischer Seite werden die Dialektunterschiede oft ungemein unterschätzt, denn sie sind viel ausgeprägter als etwa zwischen den verschiedenen Deutschschweizer Mundarten. Für die Umsetzung des Parlamentsbeschlusses gilt eine Übergangsfrist von zwanzig Jahren. Gemäss der heutigen Rechtslage kann jedoch auch später keine Gemeinde zur Einführung von Rumantsch Grischun an der Schule gezwungen werden, doch wird sich die Beschaffung geeigneter Lehrmittel in den Idiomen immer schwieriger gestalten.

Die Bündner Kantonsregierung hat verschiedene Modelle für die Umsetzung geschaffen. Das Modell „Pioniergemeinde“ sieht z. B. die sofortige Einführung von Rumantsch Grischun in passiver Form vor, was bedeutet, dass die Schüler während einer zweijährigen Einführungsphase Rumantsch Grischun nur mittels Hören von Texten und Liedern lernen. Erst nach Ablauf dieser obligatorischen Phase wird Rumantsch Grischun auch aktiv gelernt.

Als erste haben sich die Gemeinden des Val Müstair (Münstertal) für das Pioniermodell entschieden und ab 2005 war in diesen Gemeinden die Passivphase im Gange. Seit dem Schuljahr 2007/2008 lernen die Schüler des Münstertales Rumantsch Grischun aktiv als Schriftsprache. Dass die Gemeinden des Münstertales als erste Rumantsch Grischun als Schriftsprache einführen, ist kein Zufall, da die bisher verwendete Schriftsprache Vallader bereits grosse Unterschiede zur eigenen Mundart aufwies; überdies wird dort Romanisch (in der Form des dortigen Dialektes Jauer) von 95 % der Bevölkerung aktiv gesprochen und gepflegt, womit Rumantsch Grischun von der Bevölkerung mehrheitlich nicht als Bedrohung ihrer Sprache empfunden wird. Den Verlust der alten Schriftsprache sehen die Befürworter des Rumantsch Grischun durch den Vorteil einer einheitlichen Schriftsprache im ganzen Kanton aufgewogen.

Dem Vorbild des Münstertales sind inzwischen auch weitere Gemeinden des Kantons gefolgt, zum einen insbesondere solche, in denen dem Rumantsch Grischun relativ nahe stehende Mundarten gesprochen werden, zum andern solche, die einem starken Druck des Deutschen ausgesetzt sind. So haben inzwischen die meisten Gemeinden des Oberhalbsteins, des Albulatals und der unteren Surselva (hier zuerst die Gemeinde Trin) ebenfalls die „Pionierphase“ begonnen und teilweise abgeschlossen.

Unterdessen sehen jedoch die Eltern der Kinder im Val Müstair das Idiom gefährdet und erachten Rumantsch Grischun nicht mehr als eine gute Idee das Rätoromanische zu fördern. Bei einer Abstimmung im März 2012 entschieden sie sich, wieder das Idiom an den Schulen zu unterrichten lassen. Zuerst entstand dabei das Bedenken, dass dies verfassungswidrig sei. Nun ist dies geklärt: Es ist nicht verfassungswidrig.

Verankerung des Romanischen in den Verfassungen des Bundes, des Kantons Graubünden und der bündnerischen Gemeinden

Auf Bundesebene ist Romanisch Landessprache sowie, im Verkehr mit der romanischsprachigen Bevölkerung, Amtssprache. Hierbei sind alle fünf Idiome gleichberechtigt. Romanen haben damit die Möglichkeit und das Recht, mit den Bundesbehörden in Sprache und Schrift auf Romanisch zu verkehren.[3] Publikationen des Bundes werden jedoch nicht in den einzelnen Idiomen, sondern ausschliesslich in Rumantsch Grischun verfasst.

Auf Kantonsebene ist Romanisch eine von drei kantonalen Landes- und Amtssprachen.[4] Seit 1992 bedient sich der Kanton Graubünden im Schriftverkehr mit der romanischen Bevölkerung sowie in romanischen Verlautbarungen (Gesetzessammlung, Kantonsblatt, Abstimmungsvorlagen etc.) ausschliesslich des Rumantsch Grischun. Diese Praxis wird von Art. 3 des Bündner Sprachengesetzes von 2006 bestätigt.[5]

Auf lokaler Ebene regelt jede Gemeinde in ihrer Verfassung und in ihren Gesetzen, welche Sprache bzw. welches Idiom Amts- und/oder Schulsprache ist. Gemäss Art. 16 des Bündner Sprachengesetzes gelten Gemeinden, in denen mindestens 40 % der Einwohner das angestammte Idiom sprechen, als amtlich einsprachig, und Gemeinden, in denen wenigstens 20 % das angestammte Idiom sprechen, als amtlich zweisprachig.[5] Die Gemeinden haben auch die Möglichkeit, anstelle eines Idioms Rumantsch Grischun als Amtssprache zu bezeichnen.

Sprachförderung

Der Wortschatz aller bündnerromanischen Mundarten sowie derjenige der älteren Sprachstufen wird im vielbändigen Dicziunari Rumantsch Grischun dokumentiert, das, von der Società Retorumantscha herausgegeben, seit 1938 in Chur erscheint. Derzeit wird am 13. Band gearbeitet.

Die Lia Rumantscha ist als Dachorganisation verschiedener regionaler Vereine die zuständige Stelle für romanische Sprach- und Kulturförderung, wofür sie grösstenteils von Bund und Kanton finanziert wird.

Die Lia Rumantscha und die ihr angehörenden regionalen Vereine wurden in den Jahren 2005–2007 neu strukturiert; die Kompetenzen wurden nach Territorium aufgeteilt, Konfessionen sind nicht mehr massgebend.

Alte Aufteilung
Neue Aufteilung

Wichtigste rätoromanische Jugendorganisation ist die Giuventetgna Rumantscha (GiuRu), die zugleich auch Herausgeberin der Jugendzeitschrift PUNTS ist.

Zudem existieren einige weitere Vereine, die sich ebenfalls der Förderung der rätoromanischen Sprache verschrieben haben, aber unabhängig von der Lia Rumantscha agieren. Drei davon sind:

  • Pro Rumantsch, ein Manifest, das die Einführung des Rumantsch grischun als Alphabetisierungssprache in den Schulen zum Ziel hat.
  • Pro Idioms, Verein für die Erhaltung der romanischen Idiome in der obligatorischen Schule.
  • viro, Visiun Romontscha, ein Verein aus der Surselva, der für jede Gemeinde ein „Cudischet“ herausgeben will, in welchem die jeweilige Gemeinde in romanischer Sprache präsentiert wird.
  • Pro Svizra Rumantscha, die sich für eine überregionale rätoromanische Tageszeitung eingesetzt hat und nun die romanische Nachrichtenagentur ANR (Agentura da novitads rumantscha) unterstützt.
  • Romontschissimo, ein Verein aus der Surselva, der sich zum Ziel gesetzt hat, Lernsoftware für das Rätoromanische zu entwickeln.

Einen Beitrag zur Verbreitung von Rumantsch Grischun als gemeinsamer Schriftsprache der romanischen Idiome hat auch der amerikanische Softwarehersteller Microsoft im Frühling 2006 mit der romanischen Übersetzung von Microsoft Office mit entsprechendem Wörterbuch und Grammatikprüfung geleistet.[6] Seit April 2005 bietet Google Inc. eine rätoromanische Oberfläche für seinen Suchdienst an.

Sprachliche Eigenheiten

Typisch für das Bündnerromanische sind etwa die Endung „-ziun“ oder Buchstabenkombinationen wie „tg“ oder „aun“/„eun“, die dem benachbarten Italienischen fremd sind. Als wohl markantestes Unterscheidungsmerkmal zu diesem gilt die Pluralbildung mit -ls oder -s, die es im Italienischen nicht gibt.

In den meisten Idiomen ist die Lautverbindung [ʃc]/[ʃtɕ] zu finden; besonders auffällig ist deren im Engadin verwendete Schreibweise s-ch (zum Beispiel s-chela ‚Treppe‘, suos-ch ‚dreckig‘ und öfters in Ortsnamen: S-chanf, S-charl, Chamues-ch, Porta d’Es-cha). In den übrigen Idiomen wird der gleiche Laut stg geschrieben (zum Beispiel surselvisch biestg ‚Rind‘).

Zeitschriften

Die bündnerromanischen Idiome im Vergleich

Wortgleichungen

Deutsch Surselvisch Sutselvisch Surmeirisch Puter Vallader Rumantsch
Grischun
Ladin
(Gherdëina)
Ladin
(Nones)
Latein Italienisch
Haus casa tgeasa tgesa chesa chasa chasa cësa ciasa casa casa
ich jeu jou ia eau eu jau ie mi ego io
Hund tgaun tgàn tgang chaun chan chaun cian ciagn canis cane
See lag leg lai lej lai lai lech lai lacus lago
hart dir dir deir dür dür dir dur dur durus duro
Auge egl îl îgl ögl ögl egl uedl ocel oculus occhio
leicht lev leav lev liger leiv lev lesier lizer levis lieve
Schnee neiv nev neiv naiv naiv naiv nëif neu nive(m) neve
Rad roda roda roda rouda rouda roda roda rueda rota ruota
Bein comba tgomba tgomma chamma chomma chomma giama giamba gamba gamba
Huhn gaglina gagliegna gagligna gillina giallina giaglina gialina gialina gallina gallina
Katze gat, giat giat giat giat giat giat giat giat cattus gatto
alles tut tut tot tuot tuot tut dut tut totus tutto
Form fuorma furma furma fuorma fuorma furma forma forma forma forma
Gold aur or or or or,aur,ar aur or or aurum oro
Käse caschiel caschiel caschiel chaschöl chaschöl chaschiel ciajuel ciasolet (formai) *caseolus formaggio
rot tgietschen cotschen cotschen cotschen cotschen cotschen cueciun coccineus rosso
Grossvater tat tat tat non bazegner tat avus nonno
jedoch mo, denton mo ma ma, però ma, però ma, però modo tuttavia
bald gleiti bagnbòld bagnbod bainbod bainbod bainbaud brevi presto

Die Unterschiede zwischen den Idiomen sollen hier am Beispiel der ersten Sätze der Fabel „Der Rabe und der Fuchs“ von Jean de La Fontaine dargestellt werden:

Surselvisch (Sursilvan)

Anhören?/i L’uolp era puspei inagada fomentada. Cheu ha ella viu sin in pegn in tgaper che teneva in toc caschiel en siu bec. Quei gustass a mi, ha ella tertgau, ed ha clamau al tgaper: „Tgei bi che ti eis! Sche tiu cant ei aschi bials sco tia cumparsa, lu eis ti il pli bi utschi da tuts“.

Sutselvisch (Sutsilvan)

La vualp eara puspe egn’eada fumantada. Qua â ella vieu sen egn pegn egn corv ca taneva egn toc caschiel ainten sieus pecel. Quegl gustass a mei, â ella tartgieu, ed â clamo agli corv: „Tge beal ca tei es! Scha tieus tgànt e aschi beal sco tia pareta, alura es tei igl ple beal utschi da tuts“.

Surmeirisch (Surmiran)

La golp era puspe eneda famantada. Cò ò ella via sen en pegn en corv tgi tigniva en toc caschiel ainten sies pechel. Chegl am gustess, ò ella panso, ed ò clamo agl corv: „Tge bel tgi te ist! Schi igl ties cant è schi bel scu tia parentscha, alloura ist te igl pi bel utschel da tots“.

Oberengadinisch (Puter)

Anhören?/i La vuolp d’eira darcho üna vouta famanteda. Cò ho'la vis sün ün pin ün corv chi tgnaiva ün töch chaschöl in sieu pical. Que am gustess, ho'la penso, ed ho clamo al corv: „Che bel cha tü est! Scha tieu chaunt es uschè bel scu tia apparentscha, alura est tü il pü bel utschè da tuots“.

Unterengadinisch (Vallader)

La vuolp d’eira darcheu üna jada fomantada. Qua ha'la vis sün ün pin ün corv chi tgnaiva ün toc chaschöl in seis pical. Quai am gustess, ha’la pensà, ed ha clomà al corv: „Che bel cha tü est! Scha teis chant es uschè bel sco tia apparentscha, lura est tü il plü bel utschè da tuots“.

Jauer (Münstertalerisch)

La uolp d’era darchiau üna jada fomantada. Qua ha’la vis sün ün pin ün corv chi tegnea ün toc chaschöl in ses pical. Quai ma gustess, ha’la s’impissà, ed ha clomà al corv: „Cha bel cha tü esch! Scha tes chaunt es ischè bel sco tia apparentscha, lura esch tü il pü bel utschè da tots“.[7]

(Da das Jauer keine eigene standardisierte Schriftsprache hat, ist dies nur ein Beispiel, den Dialekt in Schriftform wiederzugeben.)

Rumantsch Grischun

La vulp era puspè ina giada fomentada. Qua ha ella vis sin in pign in corv che tegneva in toc chaschiel en ses pichel. Quai ma gustass, ha ella pensà, ed ha clamà al corv: „Tge bel che ti es! Sche tes chant è uschè bel sco tia parita, lura es ti il pli bel utschè da tuts“.

Italienisch

La volpe era un’altra volta affamata. Vide allora su un abete un corvo che teneva un pezzo di formaggio nel becco. Quello mi piacerebbe, pensò, e gridò al corvo: „Che bello sei! Se il tuo canto è così bello come il tuo aspetto, allora sei il più bello di tutti gli uccelli.“

Lateinisch

Cum vulpes rursus esuriebat, subito vidit corvum abiete residentem et caseum in ore tenentem. Cum hunc sibi dulci sapore fore secum cogitavisset, clamavit ad corvum: Quam pulcher es! Cum tibi cantus aeque pulcher est atque species, tum es pulcherrimus omnium alitum.

Deutsch

Der Fuchs war wieder einmal hungrig. Da sah er auf einer Tanne einen Raben, der ein Stück Käse in seinem Schnabel hielt. Das würde mir schmecken, dachte er, und rief dem Raben zu: „Wie schön du bist! Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Aussehen, dann bist du der Schönste von allen Vögeln.“

Siehe auch

Literatur

  • Robert H. Billigmeier: Land und Volk der Rätoromanen... Huber, Frauenfeld 1983.
  • Günter Holtus, Michael Metzeltin, Christian Schmitt (Hrsg.): Lexikon der Romanistischen Linguistik. 12 Bände. Niemeyer, Tübingen 1988–2005; Band III: Die einzelnen romanischen Sprachen und Sprachgebiete von der Renaissance bis zur Gegenwart. Rumänisch, Dalmatisch / Istroromanisch, Friaulisch, Ladinisch, Bündnerromanisch. 1989.
  • Gion Lechmann: Rätoromanische Sprachbewegung – Die Geschichte der Lia Rumantscha von 1919–1996. In: Urs Altermatt, Universität Fribourg (Hrsg.): Studien zur Zeitgeschichte. Band 6, Verlag Huber, Frauenfeld Oktober 2004, ISBN 3-7193-1370-0 (663 Seiten).
  • Ricarda Liver: Rätoromanisch – Eine Einführung in das Bündnerromanische. Gunter Narr, Tübingen 1999 ISBN=3-8233-4973-2 (books.google.com).
  • Peter Masüger: Vom Alträtoromanischen zum „Tschalfiggerisch“. In: Terra Grischuna. 48. Jahrgang, Heft 1. Terra Grischuna, Chur 1990, ISSN 1011-5196.
  • Dieter Fringeli: Welt der alten Bräuche. Die bittere Heimat der Rätoromanen. Zur rätoromanischen Literatur der Schweiz. In: Nicolai Riedel, Stefan Rammer u. a. (Hrsg.): Literatur aus der Schweiz. Sonderheft von Passauer Pegasus. Zeitschrift für Literatur. Heft 21–22, 11. Jg. Krieg, Passau 1993, ISSN 0724-0708 S. 353–357.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Die aktuelle Lage des Romanischen, Kommentar zu den Volkszählungsresultaten (PDF)
  2. 2,0 2,1 Die Sprache heisst in der Schweiz von Gesetzes wegen Rätoromanisch (Artikel 4 der Bundesverfassung).
  3. Art. 4 und Art. 70 der Bundesverfassung vom 18. April 1999.
  4. Verfassung des Kantons Graubünden vom 18. Mai 2003.
  5. 5,0 5,1 Sprachengesetz des Kantons Graubünden vom 19. Oktober 2006. (PDF)
  6. Downloaddetails: Office 2003 Romansh Interface Pack. microsoft.com. Abgerufen am 26. Juni 2011.
  7. Lia Rumantscha (Hrsg.): Rumantsch – Facts & Figures. Aus dem Deutschen von Daniel Telli. 2., überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. Chur 2004, ISBN 3-03900-033-0. S. 31. (online).


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