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Ariosophie

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Ariosophie war die Bezeichnung, die Jörg Lanz von Liebenfels ab den 1920er Jahren seiner rassistisch-okkultistischen Lehre gab. Der britische Esoterik-Forscher Nicholas Goodrick-Clarke verwendete die Bezeichnung in einem erweiterten Sinn auch für die verwandte Lehre des Guido von List sowie für die Ansichten der jeweiligen Anhänger innerhalb der Völkischen Bewegung.[1]

Entstehung

Goodrick-Clarke führt die Ariosophie auf eine Verbindung von völkischem Nationalismus und Rassismus mit okkulten Begriffen aus der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in Wien zurück. Als eigentlichen Begründer benennt er Guido von List, einen Vorläufer sieht er in dem Berliner Theosophen Max Ferdinand Sebaldt von Werth (1859–1916), von dem List einige okkult-rassische Spekulationen übernahm.[2] List ersann ein spirituelles System kreativer Ausdeutungen alter vorchristlicher Überlieferungen und berief sich hierbei auf eine Form mystischer Erkenntnis, die er „Erberinnern“ nannte. Zentrale Aussage ist das Postulat einer „arischen Urrasse“ in Nordeuropa. Unter allen Rassen sei sie die am höchsten entwickelte gewesen. Da im völkischen Umfeld die Zugehörigkeit zu einem Volk vorwiegend über rassische Merkmale definiert war, folgt daraus auch die Überlegenheit der Nachkommen dieser Urrasse – Indogermanen/Indoeuropäer/Arier und davon besonders Germanen im Allgemeinen, Deutsche im Speziellen – über alle anderen Völker.

Lehre

Die Ariosophie basiert auf der Vorstellung, dass es in vorgeschichtlicher Zeit ein Goldenes Zeitalter gegeben habe, in der die arische Rasse noch „rein“ gewesen und von einer weisen Priesterschaft geführt worden sei. Diese ideale Welt sei durch Rassenmischung zerstört worden, und darin lägen die Gründe für Kriege, wirtschaftliche Not und politische Unsicherheit. Um dem entgegenzuwirken, gründeten die Ariosophen geheime religiöse Orden mit dem Ziel, das verlorene okkulte Wissen wiederzuerwecken, die rassischen Tugenden der alten Germanen zu erneuern und ein neues alldeutsches Reich zu schaffen.[3]

Lanz von Liebenfels verknüpfte seine Rassenlehre mit der Idee eines „arischen Christentums“ und stellte dann den Kampf der Arier gegen die „Niederrassen“ in den Vordergrund. Ganz konkret ging es ihm um die Verhinderung von Rassenmischung und der aus dieser Vermischung resultierenden Schwächung der „arischen Heldenrasse“. Um dies zu verhindern, schlug er weitreichende Zuchtprogramme für Arier und Sterilisationsmaßnahmen für minderwertige Rassen vor. Liebenfels deutete die Bücher der Bibel und die Geschichte des Christentums in Zeugnisse eines angeblichen Rassenkampfes um. Zu den ariosophischen Organisationen gehörte auch der Neutempler-Orden.

Verhältnis zur Theosophie Blavatskys

Die Ariosophie verknüpft einige theosophische Gedanken Helena Petrovna Blavatskys über Kosmologie, Symbolik und menschliche Evolution (Wurzelrassen) mit der Rassentheorie Arthur de Gobineaus und okkultem Runenglauben. Dabei werden Teile des Gedankenguts Blavatskys von ihrer zentralen Position abgetrennt, wonach die Begründung einer „Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied der Rasse“ angestrebt und die Höherentwicklung der Menschheit in der Verschmelzung aller Rassen gesehen wird. Die Ariosophie erstrebt umgekehrt die Höherentwicklung der Menschheit durch eine Art „aristokratischer“ Rassentrennung und postuliert eine Rassenhierarchie, welche durch biologische Züchtung und mystische Entwicklung ausgebaut werden soll.

Dabei wird das gnostische Element eines Aufstiegs durch Erkenntnis und Vergeistigung im Sinn eines manichäischen strengen Dualismus radikalisiert.[4]

Einfluss auf den Nationalsozialismus?

Das historische Interesse an der Ariosophie rührt vor allem daher, dass sie in Beziehung zu den Ursprüngen und der Ideologie des Nationalsozialismus gebracht wurde.[5] So stellte Wilfried Daim 1958 die heute in der Wissenschaft nicht mehr vertretene These auf, Lanz von Liebenfels sei „der Mann, der Hitler die Ideen gab“.[6] Dagegen kam Goodrick-Clarke in Occult Roots of Nazism (1985) zu dem Schluss, dass die Ariosophie die Nazi-Ideologie zwar antizipiert habe, aber eher ein Symptom als einen historischen Einfluss dargestellt habe.[7] H. T. Hakl spezifiziert dies in dem Vorwort der deutschen Ausgabe folgendermaßen: „Mag es auch (...) keinen direkten kausalen Konnex von der Ariosophie zur realen Organisation des Dritten Reiches gegeben haben, so hat sie doch einen wichtigen mythenbildenden und wahrscheinlich bis jetzt unterschätzten Anteil an den damaligen politischen Phantasien, die sich unmittelbar in einem Wahn des Auserwähltseins sowie des Für-Wahr-Haltens von Verschwörungsvorstellungen und damit auch in daraus folgenden politischen Aktionen niederschlug.“[8]

Nach der Machtergreifung 1933 wurden ariosophische Gruppierungen neben allen anderen okkultistischen sowie freimaurerischen und diversen religiösen Gruppen als „staatsfeindliche Sekten“ eingestuft und zunächst vom Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS beobachtet.[9] Mit einem Erlass vom Juli 1937 wurden dann alle derartigen „Sekten“ verboten.[10] 1941 folgten unter der Leitung von Reinhard Heydrich massive polizeiliche Maßnahmen gegen alle Angehörigen solcher Gruppierungen mit der Anordnung, sie in Konzentrationslager einzuweisen oder zur Zwangsarbeit zu verurteilen.[11]

Wiederaufleben nach 1945

Ariosophische Ideen lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen neugermanischen Gruppen wieder auf, so im 1976 gegründeten Armanen-Orden, in der Arbeitsgemeinschaft naturreligiöser Stammesverbände Europas (ANSE) sowie im Bund der Goden[12], weiter in bestimmten Formen des Odinismus in den USA, in der National Renaissance Party oder bei Miguel Serrano.

Literatur

  • René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus. Picus, Wien 1995, ISBN 3-85452-271-1.
  • Hans-Jürgen Glowka: Deutsche Okkultgruppen 1875–1937. Arbeitsgemeinschaft für Religions- u. Weltanschauungsfragen, München 1981, ISBN 3-921513-54-5 (Hiram-Edition 12).
  • Nicholas Goodrick-Clarke: The Occult Roots of Nazism. The Ariosophists of Austria and Germany 1890–1935. Aquarian Press, Wellingborough 1985, ISBN 0-85030-402-4 (Deutsch: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Leopold Stocker Verlag, Graz 1997, ISBN 3-7020-0795-4; 2. Auflage 2000, ebenda; Lizenzausgabe. Marix-Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-937715-48-7).
  • H. T. Hakl: Vorwort und Nationalsozialismus und Okkultismus. In: Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Leopold Stocker Verlag, Graz 1997, ISBN 3-7020-0795-4, S. 7–9 sowie S. 194–217 (Lizenzausgabe. Wiesbaden 2004, ISBN 3-937715-48-7).
  • Harald Strohm: Die Gnosis und der Nationalsozialismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-11973-7 (Edition Suhrkamp 1973 = NF 973), (Überarbeitete Neuauflage. Die Gnosis und der Nationalsozialismus. Eine religionspsychologische Studie. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2005, ISBN 3-932710-68-1).
  • Franz Wegener: Weishaar und der Geheimbund der Guoten. Ariosophie und Kabbala. KFVR, Gladbeck 2005, ISBN 3-931300-17-X (Politische Religion des Nationalsozialismus. Bd. 5: Der Glanz).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Goodrick-Clarke: The Occult Roots of Nazism, 1985; deutsch: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, 1997, S. 218 (Anmerkung 1 der Einleitung)
  2. Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. S. 50f.
  3. Goodrick-Clarke, S. 10f
  4. Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus; Graz 22000, S. 10, 175. Erstausgabe The Occult Roots of Nazism, 1985.
  5. siehe: Goodrick-Clarke 1985: 1
  6. Wilfried Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab, Isar-Verlag, München 1958
  7. Goodrick-Clark 1985: 202
  8. Hakl 1997: 7
  9. Corinna Treitel: A Science for the Soul – Occultism and the Genesis of the German Modern, Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2004, S. 220f
  10. Treitel, S. 224
  11. Treitel, S. 224f
  12. Rainer Fromm: Rechtsradikalismus in der Esoterik, in: Brennpunkt Esoterik, 3. Aufl. Hamburg 2006, S. 169-183


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