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Anton Posset

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Anton Posset (* 25. September 1941 in München; † 10. September 2015 in Halblech) war ein deutscher Historiker, Gymnasiallehrer und Holocaustforscher.

Posset wurde vor allem über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt durch seine Pionierarbeiten rund um die Dachauer Holocaust-Außenlager Landsberg/Kaufering und den Erhalt des Konzentrationslagers Kaufering VII, der heutigen Europäischen Holocaustgedenkstätte, und als kritischer Heimatforscher[1]. Von der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem wurde er mit dem Yad-Vashem-Leuchter für seine Tätigkeiten rund um die Erinnerungsarbeit ausgezeichnet.

Leben

Anton Posset studiert Geschichte und Französisch auf Lehramt an der Ludwig-Maximilians-Universität München . Es folgten Referendariate in Lyon und München. Seine erste Anstellung im Schuldienst hatte er 1972 in Gunzenhausen am Simon-Marius-Gymnasium. Im Jahr 1975 wechselte er an das Dominikus-Zimmermann-Gymnasium in Landsberg am Lech. Dort begann er sich für die deutsch-jüdische Aussöhnung zu engagieren und die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Nachkriegsdeutschland zu thematisieren. Zu diesem Zeitpunkt war solches Engagement mit erheblichen gesellschaftlichen Tabus belegt. Der Begriff Erinnerungsarbeit war in weiten Teilen der Bevölkerung etwas gänzlich Unbekanntes.

Alles begann mit der Arbeit einer Schülergruppe unter Leitung des bayerischen Gymnasiallehrers, die 1983/84 für Ihre Forschungsarbeit über das KZ-Kommando Kaufering und das Rüstungsprojekt Ringeltaube aus der Hand von Bundespräsident Karl Carstens den 1. Preis im Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten erhielt. Zuvor hatte Anton Posset bereits sechs Schülerarbeiten in diesem Wettbewerb betreut und wurde seit 1976 wiederholt mit hohen Preisen auf nationaler Ebene bedacht. Im gleichen Jahr gründete er den Verein „Landsberg im 20.Jahrhundert – Bürgervereinigung zur Erforschung der Landsberger Zeitgeschichte e. V.“, dessen erster Vorsitzender er bis zu seinem Tode über 30 Jahre war. Durch sein Engagement und seinen leidenschaftlichen Einsatz konnte mit Hilfe von Alexander Moksel das noch erhaltene Grundstück des KZ-Kommandos Kaufering VII zu Teilen erworben werden. Unter seiner Leitung als Vorstandsvorsitzender gelang es, den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß von der Denkmalfähigkeit der letzten KZ-Tonröhrenunterkünfte auf dem ehemaligen jüdischen KZ-Lager Kaufering VII zu überzeugen, so dass deren Erhaltung als Ziel im „Interesse der Allgemeinheit“ sichergestellt war.[2]

Anton Posset war maßgebend verantwortlich für die weitere Entwicklung der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert sowie die Wiederherstellung und Pflege des verwilderten Geländes KZ-Kommandos Kaufering VII. 1989 begann er mit der Errichtung des ersten Holocaustdenkmals der Bundesrepublik, der „Europäischen Holocaustgedenkstätte“, mit der Errichtung der Gedenksteine von elf europäischen Staatsoberhäuptern und der Gestaltung des „Weges der Menschenrechte und der Menschenwürde“.

In seinen aktiven Jahren als Gymnasiallehrer betreute er als Tutor Schüler bei vierzehn Geschichtswettbewerben „Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten“. Drei dieser umfangreichen Arbeiten wurden mit dem 1. Preis ausgezeichnet. In den Jahren 1975 bis 1980 war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des „Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte“, Mitglied der Zentraljury der Körber-Stiftung und etablierte die Regionaljury des Geschichtswettbewerbes für Oberbayern in München.

Als Autor und Redaktionsmitglied der Publikationsreihe „Themenhefte Landsberger Zeitgeschichte“ [3] trug er erheblich zum Erfolg dieser Zeitschriftenreihe bei.

Als Mitautor und Lehrer brachte er seine methodischen und didaktischen Erfahrungen in das vierbändige Geschichtswerk „Erinnern und Urteilen – Unterrichtseinheiten Geschichte für Bayern“ (Ernst Klett Verlag) für die gymnasiale Mittelstufe unter dem Begriff „entdeckendes Lernen“ ein.

Für sein Engagement zur deutsch-israelische Aussöhnung und seinen Einsatz bei der Erinnerungsarbeit wurde er 1990 mit dem Yad-Vashem-Leuchter, die höchste Auszeichnung die die Gedenkstätte an einen Nachgeborenen verleiht, in Jerusalem ausgezeichnet. Er zeigte die Ausstellung "Das Ende des Holocaust in Bayern" im Diaspora-Museum Beit Hatefutsot in Tel Aviv. Vor 400 Zuhörern hielt er einen in der israelischen Presse viel beachteten Vortrag über das KZ-Kommando Kaufering. Der Präsident der israelischen Knesset Dov Shilansky, ein Überlebender des KZ-Kommandos Kaufering, bezeichnete Anton Posset als jemand, "der Deutschland aus der Tiefe zum Weg des Lichts verhelfen kann. Wenn Deutschland wirklich etwas bereute und gutmachen wollte, was geschehen ist, müsste man ihn auf Händen tragen."[4]

Im Jahr 2000 begann die Zusammenarbeit mit dem Team der Regisseure/Produzenten Steven Spielberg und Tom Hanks für den zehnteiligen Fernsehfilm "Band of Brothers". Anhand der Gespräche und der Bildmaterialien von Anton Posset konnte für die Dreharbeiten in England ein Konzentrationsaußenlager nachgebaut werden, in dem die Befreiung des jüdischen KZ-Kommandos Kaufering dargestellt werden sollte. Aus diesem Grund wurde in der Staffel 9 („Warum wir kämpfen“) auch das KZ-Kommando Kaufering/Landsberg durch die alliierten Truppen befreit.

Anton Posset war mit der Künstlerin Hélène Posset-Navarro verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Söhne.

In seinen vielen Interviews mit Zeitzeugen sammelte er eine Vielzahl an Informationen. So interviewte er eine Vielzahl von Überlebenden aus den KZ-Konzentrationslagern rund um Landsberg. Der wohl in der Öffentlichkeit bekannteste unter ihn war der Neurologe und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl.

Durch diese Informationen und mittels der historischen Dokumente aus unterschiedlichen Archiven konnten vor allem in den 1990er Jahren einigen Nachkommen von KZ-Überlebenden die Geschichte deren Familienmitgliedern oder deren Grabstätte erklärt bzw. rekonstruiert werden.

Mittels seines Einsatzes und der Bündelung der Information wurde der Ingenieur Walter Groos in die Liste der Gerechten unter den Völkern aus Deutschland in Yad Vashem aufgenommen.

Damit wurde Anton Posset im Laufe der Jahre selber zu einem wichtigen Zeitzeugen. Aus diesem Grund wurde bei einem Besuch in Yad Vashem ein mehrstündiges Interview mit ihm aufgenommen.

Umgang mit der Erinnerungsarbeit

Joseph Rovan und Romano Guardini schlugen 1988 Anton Posset beim Bundespräsidenten wegen seines vorbildlichen Engagements in der Erinnerungsarbeit für das Bundesverdienstkreuz vor. Dieser Vorschlag fand die Unterstützung des deutschen Bundespräsidenten, wurde jedoch nach massiven Interventionen lokaler Gegner durch den bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl abgelehnt.[5]

Was folgte waren Ausgrenzung, Mobbing und zweimalige Versetzung als Lehrer. Bis zu seiner Pensionierung war seine Personalakte im bayerischen Kultusministerium auf mehrere 10.000 Seiten angewachsen.[6]

Erst Anfang des 21. Jahrhunderts kam es zu einer späten gesellschaftlichen Akzeptanz seiner Erinnerungsarbeit.

Auszeichnungen

  • 1990 Yad-Vashem Leuchter für seine gelebte Erinnerungsarbeit
  • 2009 Étoile Civique d’Or für seine Verdienste rund um die Völkerverständigung und gelebte Zivilcourage

Veröffentlichungen

  • Erinnern und Urteilen I – 7. Unterrichtseinheit Geschichte für Bayern, Verlag Klett, 1. Auflage, 1982, ISBN 3-1241310-0-2.
  • Erinnern und Urteilen II – 8. Unterrichtseinheit Geschichte für Bayern, Verlag Klett, 1. Auflage , 1982, ISBN 3-1241320-0-9.
  • Erinnern und Urteilen III – 9. Unterrichtseinheit Geschichte für Bayern, Verlag Klett, 1. Auflage , 1983, ISBN 3-1241330-0-5.
  • Erinnern und Urteilen IV – 10. Unterrichtseinheit Geschichte für Bayern, Verlag Klett, 1. Auflage , 1984, ISBN 3-1241340-0-1.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Von Hitlers Festungshaft zum Kriegsverbrecher-Gefängnis N° 1: Die Landsberger Haftanstalt im Spiegel der Geschichte 1993, ISBN 3-9803775-0-4.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Todesmarsch und Befreiung - Landsberg im April 1945: Das Ende des Holocaust in Bayern, 1993, ISBN 3-9803775-1-2.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Der nationalsozialistische Wallfahrtsort" Landsberg: 1933 - 1937: „Die Hitlerstadt“ wird zur „Stadt der Jugend“ 1993, ISBN 3-9803775-2-0.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Das KZ-Kommando Kaufering 1944/45: Die Vernichtung der Juden im Rüstungsprojekt „Ringeltaube“ 1993, ISBN 3-9803775-3-9.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Das SS-Arbeitslager Landsberg 1944/45: Französische Widerstandskämpfer im deutschen KZ , 1995, ISBN 3-9803775-4-7.
  • Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert: Landsberg 1945–1950: Der jüdische Neubeginn nach der Shoa – Vom DP-Lager Landsberg ging die Zukunft aus, 1996, ISBN 3-9803775-5-5.

Weblinks

Quellen/Einzelnachweise

  1. Bundeszentrale für politische Bildung – Gedenkstätten für den Nationalsozialismus; http://www.bpb.de/system/files/pdf/5JOYKJ.pdf
  2. http://www.buergervereinigung-landsberg.de/umganggeschichte/stadtlandsberg/Posset/BriefStrauss.pdf
  3. http://www.buergervereinigung-landsberg.de/publikation/publikation.htm
  4. http://www.buergervereinigung-landsberg.org/hebraic/press/buergervereinigung/chronik.shtml
  5. http://www.buergervereinigung-landsberg.de/umganggeschichte/stadtlandsberg/Posset/PossetRovan.pdf
  6. „Mobbing in der Schule – Probleme annehmen – Konflikte lösen“, Horst Kaspar, Verlag Beltz, 2. Auflage, ISBN 3-407-25204-8; http://www.buergervereinigung-landsberg.de/umganggeschichte/schulen/mobbingaffaere.htm


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