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Antiochenischer Text

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Eine Handschrift des antiochenischen Textes aus dem 13. Jahrhundert (Royal MS 1 D. II der British Library = Rahlfs 93): Anfang des 3. Buchs der Königtümer (=1Kön 2,12ff.)

Der antiochenische Text ist diejenige Textfassung der Septuaginta, die von den antiochenischen Kirchenvätern, insbesondere von Johannes Chrysostomus und Theodoret, benutzt wurde. Seine Entstehung wird traditionell mit Lukian von Antiochia in Verbindung gebracht, deshalb heißt diese Textfassung auch lukianischer Text bzw. lukianische Revision.

Geschichte

Die Geschichte des Septuagintatextes ist, soweit sie sich zurückverfolgen lässt, von großer Varianz zwischen den einzelnen Textzeugen gekennzeichnet. Dabei ist in der Forschungsgeschichte die Frage von besonderem Interesse, ob eine dieser Textformen den anderen gegenüber als ursprünglicher zu gelten hat.

Das Zeugnis des Hieronymus

Hieronymus (347–420) hat in der Vorrede zu seiner lateinischen Übersetzung der Chronik die Abweichungen zwischen den griechischen Handschriften als Rechtfertigung für seine Übersetzung aus dem Hebräischen angeführt. Nach Hieronymus war der ursprüngliche Text der Septuaginta zu seiner Zeit schon nicht mehr zu finden. Die Vielzahl der Handschriften führt er in einer bis heute einflussreichen Schematisierung auf drei Rezensionen zurück, die in verschiedenen Regionen vorherrschten:

„Alexandria et Aegyptus in Septuaginta suis Hesychium laudat auctorem, Constantinopolis usque Antiochiam Luciani martyris exemplaria probat, mediae inter has provinciae palestinos codices legunt, quos ab Origene elaboratos Eusebius et Pamphilius vulgaverunt, totusque orbis hac inter se trifaria varietate conpugnat.“

„Alexandrien und Ägypten loben bei ihrer Septuaginta Hesych als Autor, von Konstantinopel bis Antiochien heißt man die Ausgaben des Märtyrers Lukian gut, die Provinzen dazwischen lesen die palästinischen Codices, die Eusebius und Pamphilus, nachdem sie von Origenes erarbeitet worden waren, in Umlauf gebracht haben, und der ganze Erdkreis liegt im Widerstreit aufgrund dieser dreifachen Verschiedenheit.“

Hieronymus: Prologus In Libro Paralipomenon[1]

Die zuletzt genannte hexaplarische Rezension (vgl. Hexapla) des Origenes († 254) ist eine sichere textgeschichtliche Größe, die Hieronymus persönlich aus Palästina (den „Provinzen dazwischen“) kannte. Dass sie auf einer sekundären Bearbeitung anhand des hebräischen Textes bzw. der jüngeren griechischen Übersetzungen beruht, ist unumstritten.

Eine hesychianische Rezension (von Hieronymus an erster Stelle genannt) ließ sich dagegen bislang nicht nachweisen. Hieronymus ist der einzige Autor, der einen Hesychios als deren Verfasser nennt. In den Büchern, bei denen sich eine bestimmte ägyptische (bzw. alexandrinische) Textform zeigt, erweist sich diese nicht als Rezension, sondern steht nah am ursprünglichen Text.[2]

Die von Hieronymus als „von Konstantinopel bis Antiochia herrschend“ genannte lukianische Rezension ist hingegen eindeutig bestimmbar. Es ist die Textform, die durchgängig in den Schriften der antiochenischen Kirchenväter des 4.–5. Jahrhunderts, vor allem bei Johannes Chrysostomos und Theodoret von Kyrrhos, zitiert wird. Diese ist für die meisten Bücher der Septuaginta auch in einer Gruppe von Handschriften bezeugt, und sie weist deutlich Merkmale einer späteren Bearbeitung auf. Wie die anderen Textformen hat auch diese in einigen Fällen (insbesondere in Teilen der Bücher der Königtümer) einen älteren Text bewahrt.

Das Zeugnis des Chrysostomos

Johannes Chrysostomos selbst beruft sich ausdrücklich auf die Rezensionstätigkeit des Lukian von Antiochia († 312). Josef Ziegler verweist dazu auf einen Abschnitt im nur armenisch überlieferten zweiten und größeren Teil seines Jesajakommentars. In Jes 9,6 EU gibt nämlich die unrevidierte Septuaginta den hebräischen Text so frei wieder (Jes 9,6 LXX), dass die Hoheitstitel des angekündigten Heilskönigs nicht mehr erkennbar sind. In der lukianischen Rezension werden diese in einem Zusatz rezensionell nachgetragen. Chrysostomos nun lobt in seinem Kommentar zur Stelle die längere lukianische Lesart ausdrücklich als gegenüber der palästinischen besser und korrekter, nicht nur, weil sie der orthodoxen Christologie dient, sondern auch weil der bewunderungswürdige Märtyrer Lukian hier durch die Heranziehung der anderen Übersetzungen Verlorengegangenes bewahrt habe.[3] Die lukianische Lesart hat an dieser Stelle auch in die orthodoxe Lesung Eingang gefunden.[4]

„Propterea admirandus est Lucianus martyr qui reliquas (partes) bene excerpsit et collocavit.“

„Vor allem ist der Märtyrer Lukian zu bewundern, der die übriggebliebenen (Teile) gut herausgezogen und zusammengestellt hat.“

Johannes Chrysotomos: Jesaja-Kommentar[5]

Da der größte Teil des Jesajakommentars nur in armenischer Übersetzung überliefert ist, ist dessen Authentizität bestritten worden. Natalia Smelova hat aber mit dem Verweis auf das Exil Chrysostomos’ im kleinarmenischen Cucusus wahrscheinlich gemacht, dass die griechische Originalhandschrift schon bald nach ihrer Fertigstellung zur Übersetzung nach Armenien gebracht worden sein kann.[6]

Protolukianischer Text

In den sogenannten Kaige-Abschnitten der Bücher der Königtümer gibt es oft Übereinstimmungen zwischen dem antiochenischen Text und der Vetus Latina sowie mit der Darstellung in den Antiquitates Iudaicae des Flavius Josephus gegen die Kaige-Revision. Diese Übereinstimmungen müssen deshalb vorlukianisch sein. Inwiefern es sich dabei um unabhängige Bezeugung der ältesten griechischen Übersetzung oder um einen spezifischen protolukianischen Text handelt (so Frank Moore Cross), ist in der Forschung umstritten.

Handschriften

Die meisten Handschriften des antiochenischen Textes sind relativ jung. Da eine Handschrift nur selten die ganze Bibel enthielt, und eine Handschrift, die Bücher aus mehreren Kanonteilen enthält, oft aus verschiedenen Vorlagen kopiert wurde, sind für jeden Kanonteil andere Handschriften für die Rekonstruktion des antiochenischen bzw. lukianischen Textes heranzuziehen.

Handschriften des antiochenischen Textes der Bücher der Königtümer

Fünf Minuskelhandschriften enthalten den vollständigen Text der vier Bücher der Königtümer:

Rahlfs-Sigel Sigel bei Brooke-McLean[7] Bibliothek Ort Signatur Beginn auf fol.
19 b’ bzw. b[8] Vatikanische Bibliothek Rom Chig. R. VI. 38 159r
82 o Bibliothèque nationale de France Paris Coisl. 3[9] 165r
93 e2 British Library London Royal 1 D. II[10] 3r
108 b bzw. b[8] Vatikanische Bibliothek Rom Vat. gr. 330 224r
127 c2 Synodal-Bibliothek Moskau Gr. 31 247v
Die antiochenischen Handschriften (boc2e2) im Apparat der Septuaginta-Ausgabe von Brooke/McLean zu 1 Kön 2,10–12 LXX

Die Rahlfs-Siglen gehen bereits auf die Ausgabe von Holmes-Parsons zurück und werden auch von der Madrider Ausgabe verwendet. Die Siglen von Brooke-McLean sind vor allem deshalb von Bedeutung, da bis zum Erscheinen der entsprechenden Bände der Göttinger Septuaginta keine andere kritische Ausgabe vorliegt, die vollständig sowohl den Text des Codex Vaticanus als auch den antiochenischen bzw. lukianischen Text enthält. Hier ist im Apparat die Kürzelkombination boc2e2 charakteristisch, siehe die Abbildung.

Einige weitere Handschriften enthalten Lesarten des antiochenischen Textes bzw. sind nur fragmentarisch erhalten. Aufgrund seines Alters von besonderer Bedeutung ist der Codex Zuqniensis (Rahlfs-Siglum Z), ein Palimpsest, das heute teilweise in Rom, teilweise in London aufbewahrt ist. Es enthält in der aus dem 5.–7. Jahrhundert stammenden unteren Schrift antiochenischen Text verschiedener Bücher, darunter auch aus dem 3. Buch der Königtümer.[11][12]

Handschriften des antiochenischen Textes der Prophetenbücher

Josef Ziegler nennt die folgenden Handschriften für die „lukianische Hauptgruppe“ L in den Prophetenbüchern:

Rahlfs-Sigel Bibliothek Ort Signatur Jahrhundert
22 British Library London Royal 1 B. II XI–XII
36 Vatikanische Bibliothek Rom Vat. gr. 347 XI
48 Vatikanische Bibliothek Rom Vat. gr. 1794 X–XI
51 Biblioteca Laurenziana Florenz Plut. X 8 XI
96 Königliche Bibliothek Kopenhagen Ny Kgl. Saml., 4°, Nr. 5 XI
231 Vatikanische Bibliothek Rom Vat. gr. 1670 X–XI
719 Biblioteca Nazionale Turin B. I. 2 IX–X
763 Bibliothek des Klosters Vatopedi Athos 514 XI

Ausgaben

  • Paul de Lagarde: Librorum Veteris Testamenti canonicorum pars prior. Göttingen 1883. (Genesis–Esther)
  • Natalio Fernández Marcos, José Ramón Busto Saiz (Hrsg.): El texto antioqueno de la Biblia griega Band I (Libros 1-2 Samuel), Madrid 1989 ISBN 978-84-00-06971-1; Band II (Libros 1-2 Reyes), Madrid 1992, ISBN 978-84-00-07255-1, Band III (1-2 Crónicas), Madrid 1996, ISBN 84-00-07585-4. (1–4 Königtümer und Chronik)

Literatur

  • Felix Albrecht: Art. Lucian of Antioch. In: The Encyclopedia of the Bible and Its Reception. 17, Berlin u. a. 2019, Sp. 98–100.
  • John J. O’Keefe: Art. Antiochene Exegesis. In: The Encyclopedia of the Bible and Its Reception. 2, Berlin u. a. 2009, Sp. 255–259.
  • Alfred Rahlfs: Septuaginta-Studien 3. Lucians Recension der Königsbücher. Göttingen 1911.

Einzelnachweise

  1. Biblia Sacra Vulgata Lateinisch-deutsch. Band II. Berlin / Boston 2018. ISBN 978-3-11-048834-0, S. 790–791.
  2. Joseph Ziegler: Isaias (Göttinger Septuaginta XIV), Göttingen 1939, S. 23.
  3. Vgl. Joseph Ziegler: Isaias (Göttinger Septuaginta XIV), Göttingen 1939, S. 73.
  4. Vgl. Septuaginta deutsch. Stuttgart 2009, S. 1239, Anm. b zu Jes 9,6.
  5. Johannes Chrysotomos: In Isaiam prophetam interpretatio nunc primum ex Armenio in Latinum sermonem a patribus Mekitharistis translata. Venedig 1887, S. 132f. Zitiert nach: Joseph Ziegler: Isaias (Göttinger Septuaginta XIV), Göttingen 1939, S. 73.
  6. Natalia Smelova: St John Chrysostom’s Exegesis on the Prophet Isaiah: The Oriental Translations and their Manuscripts. In Markus Vinzent (Hrsg.): Papers presented at the Sixteenth International Conference on Patristic Studies held in Oxford 2011. (Studia Patristica LXVII). Leuven 2013. S. 295–309 (hier S. 301).
  7. Alan England Brooke, Norman McLean und Henry St. John Thackeray (Hrsg.): The Old Testament in Greek. Vol. II The Later Historical Books: Pt. 1 (1–2Sam) sowie Pt. 2 (1–2Kön). Cambridge 1927 und 1930.
  8. 8,0 8,1 Wenn b’ und b übereinstimmen, wird das einfache Siglum b benutzt.
  9. Digitalisat Ms. 82.
  10. Digitalisat Ms. 93.
  11. Rahlfs, Septuaginta-Studien 3, 16–18.
  12. Fernández Marcos und Busto Saiz: El Texto Antioqueno de la Biblia Griega II. 1–2 Reyes. Madrid 1992, S. XVII–XVIII.
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