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Anschlag in Nizza 2020

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Nach den Messerangriffen
Das erste Opfer: Nadine Devillers (60)
Der getötete Küster, Vincent Loquès (54), Vater von zwei Kindern
Die getötete Franko-Brasilianerin Simone Barreto Silva (44)
Der überwältigte Mörder

Der Anschlag in Nizza am 29. Oktober 2020 war ein islamistischer Terroranschlag, bei dem durch einen Angriff in der Kirche Notre-Dame-de-l’Assomption in Nizza drei Personen mittels einer Stichwaffe getötet wurden. Die Polizei nahm in der Nähe des Tatorts den Täter fest.

Einordnung

Die Tat ereignete sich knapp zwei Wochen nach dem islamistischen Attentat auf den Lehrer Samuel Paty nahe Paris; Beobachter ordneten den Anschlag in Nizza in den Kontext des Mordes an Paty ein. Dieser war von einem jungen Erwachsenen aus islamistischen Motiven getötet worden, weil er in seinem Unterricht im Kontext des Themas Meinungsfreiheit Karikaturen Mohammeds gezeigt hatte. Der Mord hatte zu breiten Protesten in der französischen Gesellschaft geführt. Die französische Regierung stärkte ihr Bemühen, gegen den Islamismus in Frankreich vorzugehen. Premier Macron verteidigte das Zeigen der Mohammed-Karikaturen und löste damit in mehreren arabischen Ländern empörte Reaktionen aus. In einigen Ländern des Nahen Ostens wurde zum Boykott französischer Produkte aufgerufen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan (AKP) rief ebenfalls zum Boykott auf und attackierte Macron scharf.[1]

Nizza war bereits 2016 Schauplatz eines der blutigsten Anschlages der französischen Nachkriegsgeschichte. Am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, fuhr ein Islamist mit einem LKW in eine Menschenmenge und tötete 86 Personen.[2]

Tathergang

Die Tat ereignete sich in der größten katholischen Kirche von Nizza, der Basilika Notre-Dame-de-l’Assomption. Nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts auf einer Pressekonferenz vom Abend des 29. Oktober betrat der Täter das Gebäude um 8:29 Uhr und griff innerhalb einer knappen halben Stunde mit einem Messer mit 17-Zentimeter-Klinge drei Personen an, die er tödlich verletzte. Das erste Opfer war Nadine Devillers, eine 60-jährige Kirchenbesucherin, der der Attentäter die Kehle durchschnitt und die er dabei beinahe enthauptete. Anschließend ermordete er den Küster Vincent Loquès[3], einen 54-jährigen Familienvater, der gerade die erste Messe des Tages vorbereitete, durch mehrere Stiche in den Hals. Das letzte Opfer war Simone Barreto Silva, eine 44-jährige gebürtige Brasilianerin, die sich um 8:54 Uhr zunächst noch in ein nahegelegenes Burger-Restaurant retten konnte, dort aber ihren Verletzungen erlag. Etwa um 9:10 Uhr traf eine Streife der von einem Zeugen gerufenen Police municipale, d. h. der Stadtpolizei, im Korridor des Seitenausgangs der Kirche, durch den die 44-Jährige geflohen war, auf den Täter. Dieser bedrohte die Polizisten und rief dabei „Allahu akbar“. Die Polizisten schossen zunächst mit einem Taser auf den Mann, anschließend mit ihren Dienstpistolen, insgesamt 14 Mal. Der schwer verletzte Mann wurde in ein Krankenhaus gebracht; am Abend befand er sich noch in Lebensgefahr und konnte nicht vernommen werden.[4][5][6] In der Kirche wurden die Tatwaffe – das o. g. Messer – sowie eine Tasche gefunden, in der sich unter anderem ein Koran, zwei Mobiltelefone und zwei weitere, unbenutzte Messer befanden.[7]

Ermittlungen und Täter

Die französische nationale Antiterrorstaatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) übernahm am Tattag die Ermittlungen wegen „Mordes und Mordversuchs im Zusammenhang mit einer terroristischen Tat“.[1][8]

Bei dem Täter handelte es sich um einen 21-jährigen Tunesier, Brahim Aoussaoui, der erst unmittelbar vor der Tat nach Frankreich eingereist war. Er wurde durch ein Dokument des Italienischen Roten Kreuzes identifiziert, das er bei sich trug. Nach ersten Ermittlungen war er am 20. September 2020 mit einem Kleinboot aus Sfax kommend auf Lampedusa angelandet und hatte am 9. Oktober in Bari das Festland erreicht. Die italienischen Behörden hatten ihn zunächst wegen der Covid-19-Pandemie unter Quarantäne gestellt und ihn dann zum Verlassen des Landes aufgefordert.[9] In Frankreich hatte er weder Asyl beantragt, noch war er dort vor der Tat erkennungsdienstlich behandelt worden oder den Sicherheitsbehörden bekannt.[4] Er stammte aus Sfax, wo seine Familie in bescheidenen Verhältnissen lebte. Brahim A. hatte zehn Geschwister; er selbst hatte seinen Lebensunterhalt in der Parallelwirtschaft Tunesiens bestritten, unter anderem durch nicht deklarierten Benzinverkauf. Nach Angaben von Familienmitgliedern pflegte er in früheren Jahren Alkohol und Drogen zu konsumieren, hatte sich aber seit etwa zwei Jahren der Religion zugewandt und zunehmend isoliert. Er hatte bereits einmal vergeblich versucht, über Italien nach Europa zu gelangen. Seine Familie hatte er am Abend vor der Tat angerufen und ihr mitgeteilt, dass er in Frankreich angekommen sei.[7]

Am Tag nach dem Attentat wurden zwei Männer festgenommen, die am Tag vor der Tat mit Brahim A. in Kontakt gewesen sein sollen, ein 47-Jähriger und ein 35 Jahre alter Mann. Bei beiden sei aber, so verlautete aus Ermittlerkreisen, nicht sicher, ob sie mit der Tat zu tun hätten. Ebenfalls am 30. Oktober wurde eine weitere Person festgenommen, der vorgeworfen wird, Bilder der Leiche eines der Opfer im Internet veröffentlicht zu haben.[7]

Reaktionen

Nach Bekanntwerden des Anschlages rief das Innenministerium für ganz Frankreich die höchste Terrorwarnstufe Vigipirate urgence attentat aus.

Frankreichs Premierminister Emmanuel Macron und weitere Minister kamen wenige Stunden nach dem Anschlag nach Nizza. Der Staatschef sprach mit Polizisten und dem Bürgermeister. Macron bezeichnete die Tat als „islamistischen Terroranschlag“. Frankreich sei angegriffen worden, sagte er und kündigte einen verstärkten Schutz von Kirchen und Schulen an. Der schon über Monate laufende Anti-Terror-EinsatzOpération Sentinelle“ („Operation Wachposten“) des Französischen Militärs im Inland solle von 3000 auf 7000 Soldaten aufgestockt werden.[8]

Die Tat wurde von Politikern einhellig verurteilt. Der französische Premierminister Jean Castex nannte den Angriff eine „ebenso feige wie barbarische Tat, die das ganze Land in Trauer versetzt“. Der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, schrieb auf Twitter: „Wir haben die Pflicht, zusammen gegen Gewalt und gegen diejenigen zu stehen, die aufhetzen wollen und Hass verbreiten“.[6] Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Sprecher mitteilen, sie sei „tief erschüttert über die grausamen Morde in einer Kirche“.[5] Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach: „Wir werden unsere Werte, unseren europäischen Way of Life mit aller Kraft gegen Islamisten und den politischen Islam verteidigen“.[10]

Politiker der politischen Rechten in Frankreich forderten drastische Gesetzesänderungen zur Bekämpfung des Terrorismus. So forderte der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi (Les Républicains), noch am Tag der Tat, Frankreich solle sich „von den Gesetzen für Friedenszeiten befreien, um den Islamo-Faschismus ein für alle Mal von unserem Staatsgebiet zu tilgen“. Die rechtsnationale Marine Le Pen (Rassemblement national) forderte „Sondergesetze“, um islamistische Terroristen „unschädlich zu machen“. Der Abgeordnete der Nationalversammlung für das Département Seealpen, Éric Ciotti (LR), erklärte, es brauche eine Änderung des rechtlichen Rahmens, um „die Islamisten auszurotten“; man müsse „diese Pseudo-Verteidigung der Freiheit des Einzelnen beenden, die nur dazu dient, Terroristen zu verteidigen und unsere Gesellschaft zu gefährden“.[11]

Weitere Attacken am selben Tag

Am gleichen Tag kam es zu weiteren Angriffen gegen französische Ziele. So attackierte ein mit einem Messer bewaffneter Angreifer im saudi-arabischen Dschidda einen Sicherheitsmitarbeiter des französischen Konsulats und verletzte ihn leicht.[12]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Nizza: Antiterror-Staatsanwaltschaft ermittelt nach Angriff mit mehreren Toten. In: DER SPIEGEL. Abgerufen am 29. Oktober 2020.
  2. France attack: Three stabbed to death in 'Islamist terrorist attack'. In: BBC News. 2020-10-29 (https://www.bbc.com/news/world-europe-54729957).
  3. First victim of Nice attacked named as 55-year-old church officer. 30. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020 (english).
  4. 4,0 4,1 Attaque terroriste au couteau à Nice : ce que l'on sait. In: lesechos.fr. 29. Oktober 2020, abgerufen am 29. Oktober 2020 (français).
  5. 5,0 5,1 Drei Tote in Nizza – Frankreich ruft höchste Terror-Warnstufe aus. In: welt.de. 29. Oktober 2020, abgerufen am 29. Oktober 2020.
  6. 6,0 6,1 Frankreich ruft höchste Terror-Warnstufe aus. Der Spiegel, 29. Oktober 2020, abgerufen am 29. Oktober 2020.
  7. 7,0 7,1 7,2 Attaque terroriste à Nice : un deuxième homme placé en garde à vue. In: lepoint.fr. 30. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020 (français).
  8. 8,0 8,1 Berliner Zeitung: Macron verurteilt „islamistischen Terroranschlag“. Abgerufen am 30. Oktober 2020 (deutsch).
  9. Matthias Rüb: Der Weg des Attentäters führte über Lampedusa. In: FAZ. 30. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020.
  10. Nizza-Terror in Kirche: Messerattacke auf Christen beim Gebet. glaube.at, 29. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020.
  11. Attaque à Nice : le débat monte sur une législation d'exception. In: lesechos.fr. 30. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020 (français).
  12. Messerattacke an französischem Konsulat. n-tv, 29. Oktober 2020, abgerufen am 29. Oktober 2020.
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