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Andreas Wagner (Theologe)

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Andreas Wagner (* 1. Juli 1963 in Ludwigshafen) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Professor für Altes Testament an der Universität Bern.

Werdegang

Andreas Wagner wuchs in der heutigen Metropolregion Rhein-Neckar auf. Nach Abitur am Carl-Bosch-Gymnasium Ludwigshafen/Rh. und Zivildienst studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Evangelische Theologie, in Mainz außerdem Deutsche Philologie, Musikwissenschaft und Musik; in den drei letztgenannten Studienfächern erwarb Wagner in Mainz 1990 den Grad eines Magister Artium. In Mainz folgte eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Diethelm Michel, der auch Wagners Dissertation über Sprechakte und Sprechaktanalyse im Alten Testament betreute. An die Promotion 1995 schloss sich eine Habilitation über alttestamentliche Prophetie an, die 2002 in Mainz abgeschlossen wurde.

Nach zwei Privatdozentenjahren in Mainz wechselte Wagner 2004 mit einem DFG-Forschungsstipendium nach Heidelberg; im Zusammenhang damit erfolgte eine Umhabilitation nach Heidelberg. Hier erweiterten sich in den Jahren als Heidelberger Privatdozent die Forschungsschwerpunkte um die Themen Psalmen (in Zusammenarbeit mit Manfred Oeming), Anthropologie und Religionsgeschichte; bei letzten beiden Feldern spielten Anregungen aus dem kreativen Heidelberger Umfeld von Jan Assmann, S. Maul u. a. eine Rolle. Nach Lehrstuhlvertretungen in Basel und Mainz und einer Tätigkeit 2008 am Institut für Theologie und Sozialethik der TU Darmstadt wurde Wagner 2009 als Professor für Altes Testament nach Bern berufen. 2012 war er Gastwissenschaftler an der New York University. 2013 wurde er in der Evangelischen Kirche der Pfalz ordiniert. Ebenfalls 2013 übernahm er den Vorsitz der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (CJA) Bern. Ab 1. August 2016 ist Wagner Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Werk

Kennzeichnend für die Forschungs- und Lehrtätigkeit von Wagner ist die interdisziplinäre Aufgeschlossenheit und eine Prägung durch historisch-hermeneutische Zugänge in der Tradition Hans Georg Gadamers. Entscheidend ist die Reflexion und der Einbezug der Standpunktgebundenheit der verstehen wollenden Person bei jedwedem Verstehensvorgang. Diese Einsicht gilt für alle verstehenden Wissenschaften, in der Theologie ist die Reflexion der Standpunktgebundenheit durch die Tatsache, dass der Standpunkt des Glaubens selbst auch Gegenstand des Verstehensprozesses ist, besonders deutlich.

In und mit der Dissertation (Sprechakte und Sprechaktanalyse im Alten Testament) hatte Wagner die der Sprache für den Verstehensvorgang erforscht und den Aspekt von Sprache als Handlung fokussiert. Auf der Grundlage der philosophisch-linguistischen Pragmatik (Austin, Searle, Wunderlich, Ehlich) hat er die Verschränkungen des Hebräischen Sprachsystems mit der Handlungsdimension von Sprache analysiert. So wurde es beispielsweise möglich, die Sprechakte des Segnens im Alten Testament auch von ihrer bewirkenden Dimension in den Blick zu nehmen und sie nicht nur als Mitteilungen zu verstehen. Ebenso erklären sich im Verstehensmodell der Sprechakttheorie eine Fülle von sprachlichen Problemen des Hebräischen; der Zusammenfall von Sprache und Handlung (früher „Koinzidenzfall“) kann nun besser verstanden werden, es gibt neue Zugänge zu Interjektionen u.ä. Dies hat wichtige Anregungen für eine Fülle von neuen Bibelübersetzungsvorschlägen gegeben.

Die Hauptthese der Habilitation bezieht sich auf die Frage, in welcher Weise sich das Reden der Propheten im Alten Testament als Sprechen im Namen Gottes versteht. Die Schlüsselformel dafür ist die „so spricht der Herr“-Formel, die in den meisten Fällen nicht als Botenformel zu verstehen ist, wie das bislang der Fall war, sondern als Legitimations- und Ermächtigungsformel; die Ermächtigungsgewalt geht dabei vom Berufungsbewusstsein des Propheten (so spricht-Formeln) oder von schon vorliegender „ermächtigter“ Überlieferung aus, die mit Hilfe der Zitatformel („denn so spricht der Herr“) aufgenommen und in prophetische Texte eingebaut wird. Prophetie ist von daher stark als (denkende, verstehende und aktualisierende) Theologie zu begreifen.

In den Studien der letzten Jahre stehen Arbeiten über Psalmen, deren sprachliche und religionsgeschichtliches Aspekte, im Vordergrund. Das berührt sich mit den Werken zur Religionsgeschichte, die insbesondere den prägenden Transformationsprozess der israelitischen Religion in der exilisch-nachexilischen Zeit behandeln. Die Religion des Alten Israel wird im 6./5. Jahrhundert v.Chr. nach den fundamentalen Zusammenbrüchen 722 und 587 v.Chr. transformiert in eine monotheistische Bekenntnisreligion, das ist ein neuer Religionstyp, der die mit dem Alten Testament verbundenen Religionen Judentum, Christentum und Islam bis heute bestimmt. Die Forschungen zur Anthropologie waren zunächst fokussiert auf die Themen Körper und Emotionen. Es ist deutlich geworden, dass beim Versuch, Körper und Emotionen auf alttestamentlichem Hintergrund zu verstehen, ihre Kulturprägung wahrgenommen werden muss. Hier hilft die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Historischen Anthropologie, der Philosophie, Psychologie, auch der Neurobiologie u. a. Da historisch anthropologische Sachverhalte auch im Spiel sind, wenn im Alten Testament vom Körper und den Emotionen Gottes die Rede ist, führen neue anthropologische Kenntnisse sofort auch zu theologischen Neueinschätzungen. Die „Konstruktion“ von Gottes Körper und Gottes Emotionen im Alten Testament wird so besser verstehbar.

Wagner akzentuiert in seinem Wirken immer wieder die Bedeutung der Theologie für Kirche und Gesellschaft: Durch die wissenschaftliche Ausbildung von Theologinnen und Theologen und die Reflexionskraft der Theologie in Universität und Gesellschaft wird der christliche Glaube rückgebunden an Reflexion, Kritik und Rationalität. Theologie als Wissenschaft erfüllt so eine unaufgebbar wichtige Funktion, die mit dafür sorgt, dass christlicher Glaube und die christlichen Kirchen durch Offenheit und Pluralität geprägt sind. Fundamentalistischen Tendenzen kann so besser gewehrt werden.

Forschungsschwerpunkte

  • Anthropologie
  • Prophetie
  • Psalmen
  • Theologie und Religionsgeschichte
  • Hebräische Philologie

Werke (Auswahl)

Monographien:

  • Gottes Körper. Zur alttestamentlichen Vorstellung der Menschengestaltigkeit Gottes. Gütersloh 2010, engl. Übersetzung in Vorber.
  • Beten und Bekennen. Über Psalmen. Neukirchen-Vluyn 2008.
  • Emotionen, Gefühle und Sprache im Alten Testament. Waltrop 2006, 2. Aufl. 2011 (KUSATU 7).
  • Prophetie als Theologie. Die so spricht Jahwe-Formeln und das Grundverständnis alttestamentlicher Prophetie. Göttingen 2004 (FRLANT 207).
  • Sprechakte und Sprechaktanalyse im Alten Testament. Untersuchungen an der Nahtstelle zwischen Handlungsebene und Grammatik. Berlin/New York 1997 (BZAW 253).

Herausgegebene Werke:

  • mit Jürgen van Oorschot: Anthropologie(n) des Alten Testaments (= Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 42). Leipzig 2015.
  • mit K. Müller: Synthetische Körperauffassung im Hebräischen und den Sprachen der Nachbarkulturen (= AOAT 416). Münster 2014.
  • Göttliche Körper – göttliche Gefühle. Was leisten anthropomorphe und antropopathische Götterkonzepte im Alten Orient und Alten Testament? (= OBO 270). Fribourg und Göttingen 2014.
  • Albert Schweitzer. Facetten einer Jahrhundertgestalt (= Berner Universitätsschriften 59). Bern 2013.
  • Glück (= Berner Universitätsschriften 56). 2011.
  • Anthropologische Aufbrüche. Alttestamentliche Menschenkonzepte und anthropologische Positionen und Methoden (= FRLANT 232). Göttingen 2009.
  • Parallelismus membrorum. Fribourg/Göttingen 2007 (OBO 224).
  • Primäre und sekundäre Religion als Kategorie der Religionsgeschichte des Alten Testaments. Berlin/New York 2006 (BZAW 364).
  • Gott im Wort – Gott im Bild. Bilderlosigkeit als Bedingung des Monotheismus? Neukirchen-Vluyn 2005; 2. Aufl. 2008.
  • mit Achim Behrens, Johannes F. Diehl, Anja Diesel, Reinhard G. Lehmann und Achim Müller: Diethelm Michel: Grundlegung einer hebräischen Syntax. Bd. 2. Der Nominalsatz. Neukirchen-Vluyn 2004.
  • Bote und Brief. Frankfurt [u. a.] 2003 (NWS 4).
  • mit M. Kropp: Schnittpunkt Ugarit. Frankfurt/M. [u. a.]1999 (NWS 2).
  • Sühne – Opfer – Abendmahl. Neukirchen-Vluyn 1999.
  • Studien zur hebräischen Grammatik. Fribourg/Göttingen 1997 (OBO 156).
  • mit Achim Müller, Reinhard G. Lehmann, Anja Diesel, Johannes F. Diehl und Achim Behrens: Diethelm Michel: Studien zur Überlieferungsgeschichte alttestamentlicher Texte (= ThB 93) Gütersloh 1997.
  • mit Anja Diesel, Reinhard G. Lehmann, E. Otto: „Jedes Ding hat seine Zeit …“ Studien zur israelitischen und altorientalischen Weisheit. Diethelm Michel zum 65. Geburtstag (= BZAW 241) Berlin/New York 1996.

Weblinks


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