Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzyklopädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

(Spendenkonto siehe Impressum). Vielen Dank für Ihr Engagement!

Analphabetismus

Aus Jewiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Analphabetismus (aus dem Griechischen) bezeichnet man kulturell, bildungs- oder psychisch bedingte individuelle Defizite im Lesen oder Schreiben bis hin zu völligem Unvermögen in diesen Disziplinen. Ist dagegen eine ganze Sprach- oder Kulturgemeinschaft betroffen, was im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr selten geworden ist, spricht man von Schriftlosigkeit, „Mündlichkeitskultur“ oder Oralität.

Der Prozess vom Analphabetismus bis zur Lesefähigkeit wird Alphabetisierung genannt. Die Analphabetenrate ist der Anteil der erwachsenen Bevölkerung, der nicht lesen und schreiben kann. Der Gegenwert ist der Alphabetisierungsgrad.

Analphabeten gibt es noch zahlreich, auch in vielen Industrieländern, obwohl diese ein allgemein zugängliches Bildungssystem aufweisen. 2003 galten weltweit 862 Millionen Menschen als Analphabeten. In Deutschland sind 2011 nach einer Studie der Universität Hamburg ca. 4 % bzw. 2 Millionen der Erwachsenen totale sowie 14 % bzw. 7 Millionen funktionale Analphabeten.[1][2]

Definitionen und Differenzierungen

Für Analphabetismus gibt es mehrere Definitionen:

  • Von primärem Analphabetismus spricht man, wenn ein Mensch weder in der Lage ist zu schreiben, noch zu lesen und diese Fähigkeit auch nie erworben hat. Vorwiegend besteht dieses Problem in den Entwicklungsländern, aber auch in Industriestaaten ist es zu finden.
  • Von sekundärem Analphabetismus spricht man seit den 1970er Jahren, wenn die Fähigkeiten zum schriftlichen Umgang mit Sprache wieder verlernt wurden. Eine der Hauptursachen hierfür ist die zunehmende Ablösung der Schrift- und Printmedien durch das Telefon und die Bildschirmmedien.
  • Von Semianalphabetismus, wenn Menschen zwar lesen, aber nicht schreiben können.
  • Als funktionaler Analphabetismus oder Illettrismus wird die Unfähigkeit bezeichnet, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es im sozialen Kontext als selbstverständlich angesehen wird. Funktionale Analphabeten sind Menschen, die zwar Buchstaben erkennen und durchaus in der Lage sind, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben, die jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes entweder gar nicht verstehen oder nicht schnell und mühelos genug verstehen, um praktischen Nutzen davon zu haben. Eine feste Grenze zwischen „verstehen“ und „nicht verstehen“ existiert dabei nicht.

Analphabetismus und Behinderung

Analphabetismus kann durch eine Behinderung, vor allem durch eine geistige Behinderung oder längerfristige bzw. chronische Krankheit verursacht oder mit dem als Lernbehinderung bezeichneten Komplex verbunden sein. Er gilt in Deutschland der geltenden Rechtsprechung nach dennoch nicht als Form der Behinderung [3], wenngleich der Analphabetismus nach aktuellen Untersuchungen nachweislich zu einer erheblichen Behinderung der persönlichen und sozialen Integration des einzelnen Menschen führt [4]. Insbesondere im Informationszeitalter sind unzureichende Schriftsprachkenntnisse eine der wesentlichen Ursachen mangelnder Integrationsfähigkeit.

Die Aussichtslosigkeit, als Analphabet auf dem Arbeitsmarkt eine Arbeit zu finden, die ein Einkommen oberhalb der u.g. Bezugsgröße ermöglicht, gilt rechtlich nicht als „Behinderung“.

Rechte von Analphabeten in Deutschland

Sozialrecht

Da als erwerbsunfähig gemäß § 44 Abs. 2 Satz 1 SGB VI nur solche Versicherte gelten, die wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande sind, eine Erwerbstätigkeit in gewisser Regelmäßigkeit auszuüben oder Arbeitsentgelt oder Arbeitseinkommen zu erzielen, das ein Siebtel der monatlichen Bezugsgröße übersteigt, und da dabei die jeweilige Arbeitsmarktlage nicht berücksichtigt werden darf (vgl. § 44 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 SGB VI), haben Analphabeten, die keine (mehr als nur geringfügige) Arbeit finden, keinen Anspruch auf eine Erwerbsunfähigkeitsrente.

Staatsangehörigkeitsrecht

Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg in Mannheim vom Februar 2009 hat ein ausländischer Analphabet in Deutschland keinen Anspruch darauf, eingebürgert zu werden. Eine soziale, politische und gesellschaftliche Integration setze die Möglichkeit voraus, hiesige Medien zu verstehen und mit der deutschen Bevölkerung zu kommunizieren. Für eine ausreichende Integration sei zu verlangen, dass er schriftliche Erklärungen, die in seinem Namen abgegeben werden, zumindest ihrem wesentlichen Inhalt nach selbstständig auf Richtigkeit überprüfen könne.[5]

Siehe auch

Literatur

Weblinks

 Wiktionary: Analphabetismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Daten:

Institutionen:

Einzelnachweise

  1. 7,5 Millionen Deutsche sind Analphabeten.Die Zeit. 28. Februar 2011
  2. „leo. - Level-One Studie“ Presseheft, Universität Hamburg, Februar 2011
  3. Analphabetismus bedingt keine Erwerbsminderungsrente. Urteil des Landessozialgerichts Berlin vom 22. Juli 2004 (AZ L 3 RJ 15/03)
  4. Janousek, N: Integration durch Alphabetisierung. Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung, 2010.
  5. Analphabeten haben kein Recht auf Einbürgerung. Die Welt. 26. Februar 2009


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Analphabetismus aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.