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Amoklauf in Essen-Kray

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In den frühen Morgenstunden des 28. Mai 1972 kam es zu einem Amoklauf in Essen-Kray, der erst nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei auf einem Zechengelände in Bochum endete. Ein 29-jähriger Kölner Versicherungskaufmann fuhr mit seinem Renault 4 zum Wohnhaus seiner Schwiegereltern in Essen-Kray. Bei dem Wohnhaus handelte es sich um eine Mietskaserne in einer Bergarbeitersiedlung. Seine 27-jährige Ehefrau hatte dort wiederholt mit ihren beiden Kindern Zuflucht gesucht. Ihrer Flucht war ein jahrelanges Ehemartyrium vorausgegangen. Im Verlauf des Amoklaufs erschoss der Täter fünf Personen, darunter zwei Kinder. Der Waffennarr, der keinen Waffenschein besaß, hatte mehrere Waffen und 460 Schuss Munition bei seinem Amoklauf dabei.[1] Die Waffen und die Munition hatte er auf legalem Weg über ein Versandhaus bezogen.[2][3][4][5]

Tathergang

Der mehrfach vorbestrafte Familienvater verschaffte sich durch Anklingeln bei Nachbarn Zugang zum Hausflur und drang dann gewaltsam in die Wohnung der Schwiegereltern ein. Nachbarn hörten eine lautstarke Auseinandersetzung, dann fielen zahlreiche Schüsse. Der Amokläufer benutzte ein abgesägtes Kleinkalibergewehr. Im Verlauf der Schießerei wurden die Schwiegereltern, die Ehefrau und der achtjährige Sohn durch Schüsse tödlich verletzt.

Zwei Nachbarn, die, durch die Schüsse aufgeschreckt, zu Hilfe eilen wollten, betraten die Wohnung und sahen dann den Täter, wie er sich über eines seiner Opfer beugte. Die geschockte 5-jährige Tochter war unverletzt und stand im Schlafanzug gekleidet neben den Leichen. Der Mehrfachmörder bedrohte die beiden Helfer mit angelegtem Gewehr und schleifte dann seine Tochter an den beiden Männern vorbei zu seinem Auto.[6] Die beiden Nachbarn verständigten die Polizei und eine sofortige Ringfahndung wurde eingeleitet. Mehrere Polizeihubschrauber beteiligten sich an der Suche. Der Polizeihubschrauber Hummel 3 entdeckte den Wagen des Flüchtenden auf der Bundesstraße 1 Richtung Wanne-Eickel fahrend.[3][7][1]

Datei:Zeche Hannover A13 HD pano.jpg
Der Malakow-Turm des Zechengeländes – hier endete die Flucht des Amokläufers.

Es gelang der Polizei, den flüchtenden Amokläufer durch mehrere Straßensperren in das Gelände der Zeche Hannover-Hannibal in Bochum zu leiten. Während seiner Flucht rammte der Amokläufer mehrfach Polizeiwagen und gab mehrere Schüsse auf die verfolgenden Polizeibeamten ab.[5][8] Die Polizei lieferte sich auf dem Zechengelände ein kurzes Feuergefecht mit dem Amokläufer und forderte den Täter dann per Megaphon auf, sich zu ergeben und das Leben des Kindes zu schonen. Er zögerte eine Zeit lang und erschoss dann seine Tochter mit einem aufgesetztem Herz- und einem Kopfschuss. Danach verließ er mit erhobenen Händen sein Auto und wurde von einem herbeieilenden Polizisten mit einem Gummiknüppel niedergeschlagen. Hierbei wurde er mit einer zentimeterlangen klaffenden Platzwunde am Stirnansatz verletzt.[3]

Mediale Aufmerksamkeit

Da mehrere Pressefotografen auf dem Zechengelände zugegen waren, folgte dem Amoklauf eine große Berichterstattung in der Presse. Auch Fotos der erschossenen Tochter wurden veröffentlicht, z. T. auf Titelseiten der Boulevardpresse.[3]

Die Prozesse

Der Täter berief sich während seines ersten Prozesses vor dem Essener Schwurgericht auf Erinnerungslücken und fragte mehrfach nach, warum seine Frau ihn in der Haft nicht besuchen würde und wie es seinen Kindern ginge.[9]

Die Verteidigung wertete das Gewaltverbrechen als Affekttat und plädierte auf Totschlag im Affekt.

Psychologische Gutachter attestierten dem Täter, der aufgrund einer Kinderlähmung hinkte, eine hysterisch-sadistische Neurose, die aber im Sinne des Strafgesetzbuches keinen Krankheitswert hätte und erklärten den Angeklagten für voll schuldfähig.[10]

Auch das Essener Schwurgericht schenkte dem Angeklagten keinen Glauben, verwies bezüglich einer Affekttat auf die beiden Nachbarn, die den Tatort lebend verlassen hatten, und stellte zielgerichteten Mord an Familienangehörigen fest. Das Essener Schwurgericht verurteilte am 9. Juni 1973 den Amokläufer von Essen-Kray wegen fünffachen Mordes zu fünfmal lebenslanger Haft und stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest.[6] Obwohl der Verurteilte seinen Angaben zufolge an den Amoklauf keinerlei Erinnerungen besaß, zeigte er den Polizisten, der ihn niedergeschlagen hatte, wegen Körperverletzung an. Bei dem Polizisten handelte es sich um einen mehrfachen Familienvater, der auch Kinder im Alter der Tochter des Täters hatte. Das Verfahren wurde eingestellt.

Der Mehrfachmörder trat seine lebenslange Haftstrafe in der JVA Werl an. Im Dezember 1973 wurde vor dem Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren verhandelt. Das Revisionsgericht bestätigte das Urteil der Essener Schwurgerichtskammer und verwarf die Revision des Angeklagten.[3] 1998 wurde er aus der Haft entlassen.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Vater setzte Tatjana die Waffe auf den Kopf und drückte ab. In: WAZ. 29. Mai 1972.
  2. Todesschütze war ein Musterschüler. In: NRZ. Nr. 123, 30. Mai 1972.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Lebenslang für Massaker an Familie. In: derwesten.de. 4. Dezember 1983, abgerufen am 16. August 2015.
  4. UN JOVEN ALEMÁN MATA A TIROS A SU ESPOSA, SUS DOS HIJOS Y SUS SUEGROS. In: hemeroteca.abc.es. 30. Mai 1972, abgerufen am 16. August 2015 (spanisch).
  5. 5,0 5,1 Polizei: Ehespannungen führten zum Amoklauf. In: WAZ. 30. Mai 1972.
  6. 6,0 6,1 Urteil Fünfmal Lebenslänglich. In: NRZ. Nr. 132, Pfingsten 1973.
  7. Mordprozess gegen Schw. Nicht ein Wort des Bedauerns. In: NRZ. Nr. 124, 30. Mai 1973.
  8. Familientragödie in Essen forderte fünf Todesopfer. In: NRZ. 29. Mai 1972.
  9. Todesschütze beruft sich auf Erinnerungslücken. In: WAZ. Nr. 129, 6. Juni 1972.
  10. Ohne Macht konnte er nicht leben. In: Rheinische Post. Nr. 133, 9. Juni 1973.


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