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Jewiki:Als Jude in der deutschsprachigen Wikipedia

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Als Jude bist du in der deutschsprachigen Wikipedia verflucht allein ... Oder: Warum ich 2011 Jewiki gründete, die mittlerweile grösste Online-Enzyklopädie zum Judentum

von Michael Kühntopf (Februar 2014)

(Dieser Aufsatz wurde ursprünglich auf Anfrage von Nea Weissberg für den Sammelband Beidseits von Auschwitz - Identitäten in Deutschland nach 1945 im Berliner Lichtig-Verlag verfasst, aber aus bestimmten, hier nicht näher zu erläuternden Gründen dann doch nicht veröffentlicht.)

Jewiki – was ist das?

Das deutschsprachige Jewiki (www.jewiki.net) ist zugleich das grösste Wiki (also eine kollaborativ bearbeitbare Datenbank im Internet) rund um das Thema Judentum und eine allgemeine Universalenzyklopädie. Es wurde am 16. März 2011 von einem Partner und mir nach jahrelanger, zuletzt nur noch enttäuschender Mitarbeit bei Wikipedia gegründet als Folge unüberbrückbarer Meinungsdifferenzen über die Wikipedia-Ausrichtung und dem, was wir als für ein solches Lexikon grundlegend wichtig erachteten.

Heute bin ich nach Ausscheiden meines ehemaligen Partners, der als Medizinstudent seine klinischen Semester im tiefsten Russland ohne komfortablen Internet-Zugang verbringt, alleiniger Betreiber der Jewiki-Plattform und Hauptautor eines grossen Teils der in Jewiki exklusiv vorhandenen Artikel. Weitere, in das Jewiki übernommene Artikel aus dem Bereich Judentum wurden von mir zunächst in Wikipedia angelegt (einige Tausend).

Themen im Jewiki

Schwerpunktmässig werden im Jewiki die Themen jüdische Geschichte, jüdische Religion und Kultur behandelt, darüber hinaus werden jüdische Personen jeglicher Couleur porträtiert.

Das Jewiki ist wirtschaftlich unabhängig und weltanschaulich neutral.

Bei der Darstellung des haredischen Judentums stellt das Jewiki die umfassendste Informationsquelle im Internet dar.

Die Jahresartikel des Jewiki bringen eine ausführliche Chronologie aller Aspekte der jüdischen Geschichte. Dazu zählen wichtige Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Kultur, aber auch Auflistungen, welche Personen im betreffenden Jahr geboren wurden (zum Teil mit Kurzbiographien), Bucherscheinungen und der Nachweis jüdischer Presseerzeugnisse.

Verschiedenste Personen- und andere Listen erlauben eine schnelle zusammenfassende Übersicht über diverse Themengebiete. Das Jewiki listet z. B. jüdische Nobelpreisträger, Ärzte, Erfinder, Schachspieler, Sportler, Suizidenten, Konvertiten etc. genauso wie eher unrühmliche Beispiele (jüdische Mafiosi, Verbrecher, Extremisten, Attentäter, Abenteurer ...), aber auch Synagogen, Friedhöfe, Kibbuzim, Konzentrationslager, Ghettos, Anschläge, verbrannte Bücher, Herleitung rätselhafter Akronyme usw.

Jewiki-Nutzerstruktur

Jewiki hat über 200 registrierte Benutzer. Nach einer Anfangszeit, in der wir sehr viel Lehrgeld bezahlen mussten – Vandalismus, Spambot-Attacken, Antisemitismus, vulgäre Pöbeleien – sind jetzt (im Unterschied zu Wikipedia) nur noch namentlich bekannte Personen als Autoren und Mitarbeiter zugelassen – in der Regel alles akademisch vorgebildete Personen, ohne dass wir dies jemals zur Voraussetzung gemacht hätten. Es hat sich bisher einfach so ergeben. Viele dieser Personen haben eine thematische Nähe, sind Historiker, Literaturwissenschaftler, Psychologen o. ä., viele pflegen aber auch Artikel zu Personen aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis.

Jüdische Identität: Es gibt nichts, was es nicht gibt

Was an der Jewiki-Arbeit immer wieder spannend und immer wieder neu ist, sind die unzähligen Biographien und die damit verbundenen Lebensentwürfe und beobachtbaren Identitätsfindungs- und Veränderungsprozesse. Dass das Judentum kein monolithischer Block ist, ist bekannt, aber dass es eine solche Vielfalt an unterschiedlichen Positionen, an sprühendem Leben, an jüdischen Möglichkeiten gibt, dies täglich, ja stündlich zu erleben, ist absolut faszinierend. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Jede Kuriosität kann getoppt werden und wird auch getoppt.

Warum ging das nicht gut auf die Dauer mit Wikipedia? Zunächst einige Fakten

Wikipedia. Jeder kennt es, jeder nutzt es. Das grösste Online-Lexikon der Welt, das grösste bekannte Lexikon überhaupt.

Wikipedia liegt auf den vordersten Plätzen der global meistbesuchten Websites. Die Markenbekanntheit – ich habe das nicht überprüft – schiebt sich bestimmt auch bald in die Grössenordnung von Apple, Google, Coca-Cola und McDonald's.

Die deutschsprachige Wikipedia wird in jeder Stunde, ob Tag, ob Nacht, mehrere hunderttausendmal aufgerufen.

Die deutschsprachige Wikipedia umfasst mit Stand 10. Januar 2014, 22:00 Uhr: 1 673 680 Artikel. 1,8 Mio. Benutzer sind registriert, es gibt mehr als 20 000 aktive Autoren.

Zum Vergleich: Die letzte gedruckte Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden (21. Auflage, erschienen 2005 bis 2006) enthielt rund 300 000 Artikel. Keine Chance, Wikipedia noch aufzuholen. Ein um sich greifendes Verlagssterben ist die Folge.

Die letzte, alljährlich durchgeführte Spendenkampagne zum Jahresende 2013 erbrachte allein für die deutschsprachige Wikipedia Einnahmen in Höhe von über 6 Millionen Euro. Soweit ein paar nackte Zahlen.

Das Innenleben von Wikipedia

Ohne Wikipedia von innen zu kennen, sind diese Statistiken aber eine schlechte Basis zur Beurteilung der Qualität dieses Monstrums.

Wirklich aktiv sind unter den oben genannten Autoren nur wenige Hundert. Mit erweiterten Rechten ausgestattet (so genannte "Administratoren") sind gerade einmal gut 250 Autoren, die darüber entscheiden, was vom Geschriebenen erhalten bleiben darf, was gelöscht wird und wer von den Autoren mundtot gemacht und gesperrt wird.

Ein Blick hinter die Kulissen von Wikipedia ergibt ein wahres Bild des Grauens. Es herrschen Mord und Totschlag, aber natürlich, wie es gute deutsche Art ist, vordergründig befriedet. Grabesruhe. Kritik ist nicht erwünscht, Kritiker werden ruhiggestellt, unter Umständen bleibt nicht einmal ihre Kritik erhalten, sondern wird stillschweigend gelöscht, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Damnatio memoriae.

Jüdische Autoren in Wikipedia: Fehlanzeige

Jüdische Autoren, die im Bereich Judentum schreiben ober besser gesagt schrieben, wurden über die Jahre hinweg einer nach dem anderen aus dem Projekt Wikipedia rausgeworfen, d. h. für immer gesperrt. Vorweggegangen ist in der Regel ein monate- oder jahrelanger Prozess einer äusserst bösartigen Mischung von Stalking und penetrantestem Mobbing – durch anonyme Verfolger, während die Identität der jüdischen Wikipedia-Autoren bekannt war, wenn sie nicht sogar unter ihrem Klarnamen schrieben.

Eine wahrhaft asymmetrische Kriegsführung. Und Schutz der Autoren vor Verfolgung durch Trolle und Antisemiten von Seiten der Administratoren? Keine Spur. Unter Berufung auf Neutralität, Gleichbehandlung und Äquidistanz werden die Quälgeister und seriöse Autoren auf eine Stufe gestellt.

Die Administratoren selbst, ohne es zuzugeben, handeln selbstverständlich auf Basis einer Meritokratie, wobei die Meriten erworben werden durch Sitzfleisch, Hartnäckigkeit und gelebten Korpsgeist.

Abschottung und Immunisierung in Wikipedia

Wikipedia unterliegt den gleichen Gesetzmässigkeiten wie alle wachsenden Organisationen, z. B. Ausweitung der Klasse der Apparatschiks, Überformalisierung und Bürokratisierung, Geldgier, Beschäftigung ausschliesslich mit sich selbst.

Ein innerer Zirkel von Personen, der sich nach aussen abschottet und immer kleiner und immer rigoroser und brutaler wird, übt die unumschränkte Herrschaft in der Wikipedia aus. Nicht die Argumente zählen, sondern wer es sagt. Jede Form einer guten Streitkultur, eines Ringens um die Wahrheit, wird unter Hinweis auf "verbotene persönliche Angriffe" im Keim erstickt. Was ein "persönlicher Angriff" ist, entscheidet irgendeiner der 250 Machthaber vollkommen willkürlich – mal so, mal anders.

Fachwissenschaftler und kompetente Mitarbeiter, die Wikipedia als ausserordentlich ambitioniertes Projekt dringendst nötig hätte, bleiben natürlich weg, sobald sie die ersten Erfahrungen in der Begegnung mit irgendwelchen Rambos gemacht haben.

Jüdische Fachautoren sind und waren vielleicht nicht so pflegeleicht und regelkonform, wie es sich diejenigen, die in der Wikipedia das Sagen haben, wünschen und nötigenfalls durch Sperren von Nonkonformisten erzwingen. Indem ich das schreibe, fällt mir gerade die Bezeichnung "Ruhestörer" ein, die Marcel Reich-Ranicki einmal für ungeliebte jüdische Autoren geprägt hat. Ja, sie werden als Ruhestörer wahrgenommen, die sich den Regeln nicht blind unterwerfen.

Was sind die Hauptprobleme mit den Wikipedia-Artikeln?

Unabhängig vom unerträglichen Arbeitsklima in Wikipedia (davon bekommen die Nur-Leser ja überhaupt nichts mit, und die Nur-Leser sind die erdrückende Mehrheit der Menschen, die irgendwie mit Wikipedia in Kontakt kommen, auch die Viel-Nutzer), was sind die Hauptprobleme bei den Inhalten, bei den Artikeln?

1. Nicht die Fach- und Sachkompetenz setzt sich durch, sondern der stärkere Autor bzw. die stärkere Autorengruppe. D. h. die Autoren, die anderweitig, im "wirklichen Leben" unterbeschäftigt sind, viel Zeit für Wikipedia haben und sich deshalb einen höheren Status erwerben konnten.

2. Das führt unter Umständen zu völlig verzerrten und/oder ideologisierten Inhalten, die im Ergebnis schon zu einem Aufruf zum Spendenboykott für Wikipedia geführt haben. Der Aufruf hat es so formuliert (September 2012):

"Stellen Sie sich vor, Sie nehmen den Brockhaus zur Hand, schlagen unter Wolfgang Amadeus Mozart nach und lesen dort: Infantiler Möchtegern-Komponist, der bis zu seinem frühzeitigen Ableben in Salzburg und Wien dilettiert hat und in enger Verbindung zu feudalistischen Herrschern stand, die in Reichtum schwelgten, während um sie herum die Kinder und Frauen an Hunger starben.

Wir sind sicher, diese Beschreibung würde Reaktionen nach sich ziehen, die wütend oder empört, in jedem Fall aber irritiert ob der Diskreditierung Mozarts als Komponist wären. Die beschriebene Form der Diskreditierung, allerdings von lebenden, nicht von toten Personen des öffentlichen Lebens, findet sich neben sachlich falschen und ideologisch verzerrten Inhalten in großer Zahl in der deutschsprachigen Wikipedia."

Zitat Ende.

Je nach ideologischer Motivierung werden Nebensächlichkeiten aufgebauscht und breit ausgewalzt, während wichtige Aspekte, die dafür verantwortlich sind, dass der Artikelgegenstand überhaupt enzyklopädiewürdig ist, nur am Rande erläutert werden, so dass in der Gesamtschau dieses Artikels eine komplett schiefe Darstellung zum Tragen kommt und Personenartikel häufig dazu missbraucht werden, die behandelte Person rufmordmässig dauerhaft zu beschädigen, ohne dass sie sich wirksam dagegen zur Wehr setzen kann.

3. Künstliche und äusserst bürokratische "Relevanzkriterien": Liebe Leserin, lieber Leser, sind Sie, die Sie diese Zeilen gerade lesen, "relevant"? Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht für Wikipedia. Sie können die grossartigsten Erlebnisse haben, die tollsten Erkenntnisse und Einsichten und gehören wohl vermutlich dennoch zu den 99 Prozent aller Menschen, für die die Relevanzhürden in Wikipedia auf Dauer unüberwindlich sind.

Alles ist haarklein definiert. Ein Sachbuchautor muss vier Bücher geschrieben haben, in einem "richtigen" Verlag, sonst ist er nicht "relevant". Drei Bücher in einem "richtigen Verlag" und fünf Bücher woanders: "nicht relevant". 28 Bücher in nicht anerkannten Verlagen und zwei in "richtigen": "nicht relevant".

Als "enzyklopädisch relevant" gilt ein Wissenschaftler, dessen wissenschaftliche Arbeit im entsprechenden Fachgebiet als bedeutend angesehen wird. Dies gilt zumeist für Wissenschaftler, die eine Professur an einer anerkannten Hochschule erreicht haben (jedoch keine Juniorprofessuren). Enzyklopädisch relevant sind Wissenschaftler, die einen anerkannten Wissenschaftspreis erhalten haben (etwa Wolf-Preis oder Leibniz-Preis),aufgrund ihrer wissenschaftlichen Leistungen international anerkannt sind,Inhaber eines hohen Amtes innerhalb einer weiterführenden Lehranstalt sind (zum Beispiel Rektoren oder Präsidenten einer Hochschule). Alle anderen: "nicht relevant".

Brauereien: Brauereien sind relevant, wenn sie eine Jahresproduktion von 100.000 Hektolitern Bier erzielen bzw. nachweisbar historisch erzielten oder 100 Jahre ununterbrochene Brautätigkeit nachweisbar ist und sie keine Kleinbrauerei mit einer Jahresproduktion von weniger als 5.000 Hektolitern Bier sind. 95.000 Hektoliter: "nicht relevant". Firma besteht 95 Jahre, 80.000 Hektoliter: "nicht relevant".

Unternehmen generell: mindestens 1000 Vollzeitmitarbeiter oder Jahresumsatz über 100 Millionen Euro. 800 Mitarbeiter: "nicht relevant". Jahresumsatz 70 Millionen Euro: "nicht relevant".

Dies waren nur wenige Beispiele für den Relevanz-Unfug. Und das Lustige mit diesen Relevanzkriterien ist, dass sie ursprünglich als Einschlusskriterien gedacht waren, nicht als Ausschlusskriterien.

Will sagen: Wenn die Relevanzkriterien erfüllt sind, sollte ein entsprechender Wikipedia-Artikel angelegt werden, d. h. aber gerade NICHT, dass, falls die Relevanzkriterien nicht erfüllt sind, dass der entsprechende Artikel von der Aufnahme in das erlauchte Lexikon ausgeschlossen ist, d. h. NICHT, dass es nicht doch Gründe geben kann, warum ein Artikel DENNOCH relevant ist.

Seit 2011: Jewiki

All diese negativen Erfahrungen mit Wikipedia – bei gleichzeitiger Anerkennung der Notwendigkeit einer Online-Enzyklopädie zum Judentum, bei Anerkennung der Tatsache, dass Wikipedia grundsätzlich eine faszinierende Idee, ein faszinierendes Konzept und ein faszinierendes Projekt ist – führten im März 2011 zur Gründung von Jewiki.

Dass es einen Bedarf, sogar einen grossen Bedarf, nach Informationen rund um das Judentum gibt, ist unbestritten. Merkwürdig aber ist es, dass sich auch in Zeiten lange vor Wikipedia, in der gesamten Nachkriegszeit bis heute, kein Verlag mehr an ein grosses jüdisches Lexikon (in deutscher Sprache, wohlgemerkt) rangetraut hat.

Kaum zu glauben, aber das letzte grosse, mehrbändige jüdische Lexikon stammt von 1927 und war sicher ein Höhepunkt ganz eigener Art. Prächtige Sammelwerke wie "der Wininger", auch ein Vor-Holocaust-Produkt, das jüdische Herzen höher schlagen lässt, sind beinahe nicht einmal mehr antiquarisch zu erwerben.

Meine mehrbändige "Jüdische Chronik" (2008) war auch nichts weiter, als ein gut gemeinter, aber hilfloser Versuch, das Material zu bändigen und in eine Form zu bringen.

Wikis, bei denen viele Menschen mitarbeiten können, sind eine moderne und gute Form der Wissenssammlung und Wissenspräsentation, aber sie müssen natürlich mit Leben gefüllt und sie müssen klug gemanagt werden. Und letztlich kostet ein Wiki auch Geld, und zwar umso mehr Geld, je grösser es wird, je mehr Menschen mitarbeiten, je mehr es gelesen und genutzt wird.

Jewiki: die Unterschiede zu Wikipedia

Jewiki funktioniert technisch genauso wie Wikipedia und bietet dieselben Möglichkeiten. Es gibt aber bei aller Vergleichbarkeit wesentliche Unterschiede zu Wikipedia, von denen ich nur einige wenige aufzähle:

  • Jewiki hat eine Redaktion, einen Chefredakteur und einen Chef vom Dienst – während Wikipedia vom Grundsatz her komplett chaotisch und teilweise anarchisch ist (und dennoch oder gerade deshalb extrem erfolgreich)
  • Jewiki duldet keinen Antisemitismus und keine antisemitisch oder sonstwie motivierte Verfolgung seiner Autoren/innen
  • Jewiki hat keinerlei "Relevanzkriterien"

Ist das erlaubt? Ein "Juden-Lexikon"?

Ein wenig Bauchschmerzen zu Anfang hatte ich ja schon, wie ein solches Projekt "draussen" angenommen würde, vor allem in Bezug auf einen einzigen Punkt: Ist eine Konzentration auf Jüdisches, auf jüdische Personen, überhaupt durchführbar - ohne in den Geruch des Antisemitismus zu kommen? Die Gründe liegen angesichts der jüngsten Vergangenheit und des von Deutschland verursachten beispiellosen Leides im Umgang mit dem jüdischen Volk unmittelbar auf der Hand.

Könnte man doch eine Ansammlung von Juden (über Personenartikel und andere Artikel) und eine Zusammenfassung in "Listen" (welch eine Vergangenheit und welch einen Klang hat dieses Wort in diesem Zusammenhang!) für eine Stigmatisierung, den Versuch der Begründung der ersten, noch zarten Anfänge einer neuen Ausgrenzung halten. Und tatsächlich wurden ja Ergebnisse jüdischer Familienforschung in der Vergangenheit mehrfach zur Vereinfachung der Durchführung von Verfolgungsmassnahmen zweckentfremdet und missbraucht (vgl. zum Beispiel Arthur Czellitzer).

Meine Grundannahmen und Überlegungen waren ganz andere:

  • Es gibt ein jüdisches Volk, eine jüdische Identität, ein jüdisches Kontinuum, was immer man darunter versteht.
  • Darüber darf man berichten, in aller Ausführlichkeit - ebenso wie man über Franzosen, Deutsche, Polen, Argentinier oder sonst ein Volk berichten darf.
  • Es ist erlaubt, sich darauf zu beschränken - ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, alles andere, alle anderen, herabsetzen zu wollen (nicht einmal alle Juden kapieren das, zugegeben).
  • Jude ist kein Schimpfwort.
  • Jüdische Menschen, das Judentum insgesamt, haben Unglaubliches geleistet, der Menschheit Unschätzbares geschenkt. Gestern, heute und morgen und übermorgen auch noch.
  • Wer Jewiki kritisiert als eine bombastische, angeberische Leistungs-Show (die Nazis taten das in vergleichbaren Fällen übrigens auch, man nehme nur als ein Beispiel Siegmund Kaznelson und sein Sammelwerk "Juden im deutschen Kulturbereich"), dem halte ich entgegen (aus langjähriger, beinahe täglicher Erfahrung): Das Vorhaben, die Leistungen von Juden und Jüdinnen in allen Bereichen von Kultur, Politik, Wissenschaft, Technik oder sonst etwas zu allen Zeiten auch nur einigermassen vollständig darzustellen, einfach nur die Namen aufzuzählen, kommt dem hoffnungslosen Versuch gleich, das Meer auszutrinken.

Gab es Kritik in dieser Richtung?

Merkwürdigerweise bisher fast gar nicht. Wenn man einmal davon ausgeht, dass es Kritik gibt, diese aber nicht durchdringt und diejenige Kritik, die einem zu Ohren kommt, oder die per Brief, Mail, Telefon etc. mitgeteilt wird, nur die Spitze des Eisberges darstellt, kann ich nach heutigem Erkenntnisstand sagen: Ja, es gibt Kritik in dieser Richtung, aber sie ist derart schwach und vereinzelt, dass man sie - insgesamt - beinahe ignorieren kann.

D. h. meine Rechnung geht auf, meine Annahmen treffen im Grossen und Ganzen zu. Die Intentionen werden nicht missverstanden.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass es beispielsweise nicht auch Listen von jüdischen Pornostars oder von jüdischen Betrügern, Verbrechern etc. geben darf und soll.

Neutralität heisst: berichten, was ist. Ganz einfach. Erkenntnisleitendes Motiv ist Betrachtung der Wirklichkeit - nicht eine Prämisse, die anhand einer zurechtgestutzten Wirklichkeit zu erweisen gesucht wird. Die vereinzelte Kritik, die es gab, kommt etwa zu gleichen Teilen aus nichtjüdischen wie aus jüdischen Kreisen. Aus nichtjüdischen: aus Uninformiertheit oder Übervorsichtigkeit. Aus jüdischen Kreisen: wegen Sicherheitsbedenken. Man will sich nicht gelistet sehen und sich dadurch - in einem Umfeld, in dem zweifelsfrei Antisemitismus, Hass und Dummheit existieren - zusätzlich exponieren. Wenn diesen letzteren Bedenken auch Rechnung zu tragen ist, bleibt doch festzuhalten, dass sie das Resultat einer verfluchten und eigentlich endlich weltweit zu überwindenden Ghetto-Mentalität sind, die schleunigst zu Grabe getragen gehört.

Hat Jewiki eine Zukunft?

Es wäre sehr wünschenswert, dass Jewiki wächst und auf Dauer einen umfassenden, tiefgehenden, aktuell gehaltenen Artikelbestand hat. Noch ist Jewiki ja in der Aufbauphase, aber es wurde schon viel erreicht. Um auf Dauer bestehen zu können und auch eine Existenzberechtigung zu haben, müssen mehrere, im mindesten folgende Voraussetzungen gegeben sein: Es braucht mehr kontinuierlich tätige Mitarbeiter, die Artikel schreiben, den Artikelbestand ausbauen, pflegen und aktuell halten, aber auch solche Mitarbeiter, die Kontrollfunktionen und Funktionen der Qualitätssicherung wahrnehmen. Und es braucht eine solide Finanzierung des Projekts, die über ein jeweils zu definierendes ausgewogenes und angemessenes Mischungsverhältnis aus Spenden, Gönnerbeiträgen und Werbeeinnahmen zustande kommt. Der Anfang ist gemacht. Schauen Sie vorbei und packen Sie an ...


Dieser Artikel / Artikelstub / diese Liste wurde in Jewiki verfasst und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. Hauptautor des Artikels (siehe Autorenliste) war Michael Kühntopf. Weitere Artikel, an denen dieser Autor / diese Autorin maßgeblich beteiligt war: 2.066 Artikel (davon 923 in Jewiki angelegt und 1.143 aus Wikipedia übernommen). Bitte beachten Sie die Hinweise auf der Seite Jewiki:Statistik.