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Alice Salomon

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Alice Salomon (vor 1946)

Alice Salomon (geb. 19. April 1872 in Berlin; gest. 30. August 1948 in New York) war eine liberale Sozialreformerin in der deutschen Frauenbewegung und eine Wegbereiterin der Sozialen Arbeit als Wissenschaft. In diesem Zusammenhang wurde von ihr der Begriff Soziale Diagnostik eingeführt. Unter anderem sind ein ICE, eine Briefmarke der Deutschen Bundespost, eine Hochschule, eine Grünanlage, ein Platz in Berlin und eine Straße in Freiburg ihr gewidmet bzw. nach ihr benannt.

Alice Salomon auf einer deutschen Briefmarke der Dauerserie Frauen der deutschen Geschichte

Leben

Herkunft

Sie war die zweite Tochter und das dritte von acht Kindern des Albert Salomon (1834–1886) und dessen Ehefrau Anna, geb. Potocky-Nelken (1838–1914)[1]. In ihrer Autobiografie schrieb Alice Salomon, dass ihre Mutter für sie „den Namen eines der Kinder der Queen Viktoria…, der Großherzogin von Hessen“ Alice (die neben der Gründung von Hilfsvereinen zur Unterstützung von Kranken, Armen, geistig Behinderten sich insbesondere den Frauenfragen, aber auch den Aufgaben der Mädchenbildung zuwandte), ausgewählt habe, weil die Herzogin eine ergebene und liebende Tochter war, ein leuchtendes Vorbild.[2] Alice wuchs in einem großbürgerlichen Haus in der Nähe des Anhalter Bahnhofs auf. Nach der damals üblichen Schulbildung für Mädchen ihres Standes führte sie das – für sie unbefriedigende – Dasein einer Haustochter. Wie vielen Mädchen aus begüterten Familien war es ihr nicht erlaubt, eine Ausbildung zu absolvieren, obwohl sie gerne Lehrerin geworden wäre. Diese „Leidenszeit“ fand erst 1893 ein Ende: Alice Salomon selbst sagte, dass ihr Leben erst anfing, als sie 21 Jahre alt war.[3] Sie wurde Mitglied der „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“, die von Jeanette Schwerin ins Leben gerufen worden waren. Bald wuchs Alice Salomon zur rechten Hand von Frau Schwerin heran,[4] nach deren Tod im Jahre 1899 sie die Verantwortung für die Gruppen übernahm.

Frauenbildung

Im Jahr 1900 trat sie dem „Bund Deutscher Frauenvereine“ bei, wurde später zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt und blieb dies bis 1920 (Vorsitzende war Gertrud Bäumer). In Zusammenarbeit mit dem Frauenbund setzte sie sich für die materielle und psychische Unterstützung von verarmten, „eheverlassenen“, alleinerziehenden sowie überforderten Müttern ein, um so der Verwahrlosung ihrer Kinder vorzubeugen bzw. diese zu verhindern.

Von 1902 bis 1906 studierte Alice Salomon Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, obwohl sie kein Abitur hatte. Ihre Publikationen wurden als Voraussetzung für den Besuch der Universität anerkannt. Sie promovierte 1906 zum Doktor der Philosophie. Ihre Dissertation wurde unter dem Titel „Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit“ veröffentlicht. Am 15. Oktober 1908 gründete sie die reichsweit erste interkonfessionelle Soziale Frauenschule in Berlin-Schöneberg[5] (seit 1932 „Alice-Salomon-Schule“, heute „Alice Salomon Hochschule Berlin“ – ASH Berlin), die Ende Oktober 2008 ihren 100. Geburtstag feierte.[6])

In zahlreichen Artikeln warb die Schulgründerin für ihre Bildungseinrichtung, dabei stets das Ziel der Ausbildung ausdrücklich auf die Frauenbewegung bezogen. Für sie war ihre Schule ein Ort „moderner Bildung“, an dem die weibliche Jugend für die Nutzbarmachung der Pflichten und Rechte erzogen wird, die die Frauenbewegung für sie erkämpft hat.[7] Der Erfolg der privaten Bildungsinstitution war überwältigend, ihr Curriculum für zahlreiche ähnliche Neugründungen richtungsweisend. Die steigenden Schülerzahlen machten bald einen eigenen Schulbau nötig, der unmittelbar vor Kriegsbeginn fertiggestellt wurde.

1909 wurde Alice Salomon Schriftführerin im Internationalen Frauenbund. 1914 trat sie vom Judentum zur evangelischen Kirche über. 1917 wurde Alice Salomon die Vorsitzende der von ihr gegründeten „Konferenz sozialer Frauenschulen Deutschlands“, der 1919 bereits sechzehn Schulen angehörten. 1920 kam es zum Rücktritt aus dem Vorstand „Bund Deutscher Frauenvereine“, nachdem sie aus Angst vor antisemitischer Propaganda bei der Wahl zum Vorsitz des BDF übergangen wurde und an ihrer Stelle Marianne Weber zur Vorsitzenden gewählt wurde. Diesbezüglich schrieb Alice Salomon in ihrer Autobiografie: „Gertrud Bäumer, die Präsidentin des deutschen Frauenbundes, hatte mir in den ersten Kriegsjahren gesagt, dass ich ihre Nachfolgerin sein soll… Zu jener Zeit wäre ein ziemlich einmütiges Votum sicher gewesen. Wir verschoben jedoch die Wahl bis nach Kriegsende; nun aber informierten mich meine Kolleginnen darüber, dass die Mitglieder zögerten, jemanden mit jüdischem Namen und jüdischen Vorfahren zur Vorsitzenden zu machen, da die Haltung der Bevölkerung in dieser Hinsicht nicht mehr zuverlässig sei.“[8] Fünf Jahre nach dieser sicherlich enttäuschenden Erfahrung gründete Alice Salomon in den Räumen des Pestalozzi-Fröbel-Hauses die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit (geleitet von Hilde Lion). Nicht in Konkurrenz zur Universität, sondern als Weiterbildungseinrichtung für Frauen in sozialen Berufen, aber auch für ausgebildete Akademikerinnen mit Berufserfahrung zur Weiterqualifizierung in Sozialer Arbeit. Der Institution wurde im Dezember 1926 eine Forschungsabteilung unter Leitung Alice Salomons angegliedert, die später zu einem „Institut für sozialwissenschaftliche Forschungen“ ausgebaut wurde. In der Akademie fanden auch in gewissen Abständen Vorträge von bedeutenden Wissenschaftlern der Zeit zu kulturellen, sozialen, ethischen und religiösen Fragestellungen statt. Albert Einstein, Carl Gustav Jung, Eduard Spranger, Ernst Cassirer, Eugen Fischer sowie Gertrud Bäumer und Helene Weber, um nur einige zu nennen, gehörten zum Kreis der Vortragenden. Ebenso Romano Guardini, der am 8., 15. und 22. November 1927 in der Aula des Pestalozzi-Fröbel-Hauses eine vielbeachtete Vortragsreihe über ethisch-religiöse Grundfragen der Existenz hielt.[9]

Im Herbst 1928 wurde ein eigenes umfangreiches Forschungsprojekt über „Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“ in Angriff genommen. Diesbezüglich erschienen zwischen 1930 und 1933 – unter Leitung von Alice Salomon und Gertrud Bäumer – dreizehn Monografien. Es ist eine Fülle von authentischem Material zusammengetragen worden: einerseits anrührend, wie Familien angesichts von Inflation, Depression und Arbeitslosigkeit Überleben für sich möglich machen, wie sie arbeiten, wirtschaften, Freude erleben, Feste feiern und sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen, andererseits auch erschütternd, wie Dumpfheit, Monotonie, politische Unaufgeklärtheit unter sozial und wirtschaftlich engen und ungünstigen Bedingungen entstehen kann.[10]

1929 rief sie die „International Association of Schools of Social Work“ (Internationale Vereinigung der Schulen für Sozialarbeit) ins Leben, der die Gründerin viele Jahre als Vorsitzende vorstand. 1932 stand Alice Salomon auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Zu ihrem 60. Geburtstag erhielt sie vom Preußischen Staatsministerium die Silberne Staatsmedaille, die Berliner Universität verlieh ihr die Ehrendoktorwürde.

Emigration

1933 hatten die Nationalsozialisten die international bekannte Wegbereiterin Sozialer Arbeit aus allen öffentlichen Ämtern gedrängt. Sechs Jahre später wurde die inzwischen 65-Jährige, kurz nachdem sie von einer Vortragsreise aus den USA zurückgekehrt war, nach Verhören durch die Gestapo zur Emigration gezwungen. Hierfür lassen sich u. a. folgende Motive finden:

  • ihre jüdische Herkunft,
  • ihre christlich-humanistische Ideen,
  • ihr Eintreten für eine pluralistische Berufsarbeit,
  • ihr offener Pazifismus,
  • ihr internationales Auftreten.

Vor der Vernehmung stand für die Nazis fest, dass man Alice Salomon vor die Entscheidung „Ausweisung oder Verhaftung“ stellen werde. Sie verließ am 18. Juni 1938 Deutschland. Von ihren Freunden verabschiedete sie sich in einem Rundbrief mit folgenden Worten: „Ihr wißt, daß ich immer unerschütterlich an den Sieg des Guten in der menschlichen Natur geglaubt und dafür gelebt habe. Ich werde das alles auch so weiter halten nach dem Gesetz, nach dem ich angetreten.“[11] Bis zu ihrer Vertreibung hatte Alice Salomon in einem Hilfskomitee für jüdische Emigranten gearbeitet. Sie emigrierte über England in die USA und lebte von dort an in New York. 1939 wurden ihr die deutsche Staatsangehörigkeit und die beiden Doktortitel aberkannt. 1944 erwarb sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ein Jahr darauf wurde sie Ehrenpräsidentin des Internationalen Frauenbundes und der Internationalen Vereinigung der Schulen für Sozialarbeit.

Gedenktafel am Haus Barbarossastraße 65, in Berlin-Schöneberg

In der neuen „Heimat“ konnte Alice Salomon ihre berufliche Karriere nicht fortsetzen. Als bezeichnend für ihre Situation kann ihr Versuch gelten, ihre Autobiografie zu veröffentlichen. Begleitet von Vertröstungen, Zusagen und Absagen blieb ihr dieses wichtige Anliegen verwehrt. Die Memoiren erschienen in Deutschland erst im Jahr 1983 (Neuauflage 2008), in den USA 2004.

Am 30. August 1948 starb Alice Salomon in New York. Zur Beerdigung auf dem Friedhof Evergreens in Brooklyn kam nur eine Handvoll Menschen.

Nachlass

Der wichtigste Nachlass befindet sich im Alice-Salomon-Archiv an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Ein Teilnachlass (vor allem die Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten aus der Sozialen Arbeit, Politik, Kultur und Wissenschaft) wird aufbewahrt im Ida-Seele-Archiv in Dillingen an der Donau.

Schriften

  • Handbuch der Frauenbewegung (2 Bde.), 1901
  • Soziale Frauenpflichten, 1902
  • Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit, Leipzig 1906 (Diss. Phil. Fak., Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, 14. Juli 1906)
  • Soziale Frauenbildung, Berlin 1908
  • Mutterschutz und Mutterschaftsversicherung, 1908
  • Einführung in die Wirtschaftslehre, 1909 (6. Aufl. 1923)
  • Was wir uns und anderen schuldig sind. Ansprachen und Aufsätze für junge Mädchen, Leipzig/Berlin 1912
  • Zwanzig Jahre soziale Hilfsarbeit, Karlsruhe 1913
  • Geschichte der sozialen Frauenarbeit, 1913
  • Darstellung der Arbeiterinnenbewegung in Deutschland, 1913
  • Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 1919
  • Leitfaden der Wohlfahrtspflege, Leipzig 1921
  • Die deutsche Volksgemeinschaft, 1922
  • Ausbildung zum sozialen Beruf, 1924
  • Kultur im Werden. Amerikanische Reiseeindrücke, 1924
  • Soziale Diagnose, Berlin 1926
  • Soziale Therapie, 1926 (gemeinsam mit Siddy Wronsky)
  • Die Ausbildung zum sozialen Beruf, Berlin 1927
  • Jugend- und Arbeitserinnerungen, in: Kern, E. (Hrsg.): Führende Frauen Europas, München 1928, S. 3-34
  • Forschungen über Bestand und Erschütterung des Familienlebens in der Gegenwart, 1930-1932 (elf Bände)
  • Soziale Führer. Ihr Leben, ihre Lehren, ihre Werke, Leipzig 1932
  • Heroische Frauen, Zürich 1936
  • Education for social work, 1937
  • Charakter ist Schicksal, Lebenserinnerungen, herausgegeben von Rüdiger Baron und Rolf Landwehr, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1983 ISBN 3-407-85036-0 (Auszug in: Lixl-Purcell (Hg): Erinnerungen deutsch-jüdischer Frauen 1900 - 1990 Reclam, Lpz. 1992 u.ö. ISBN 3-379-01423-0 S. 120 - 125)

Literatur

  • Elga Kern: Führende Frauen Europas, Sammelbuch, München 1927.
  • Alice Salomon, die Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland. Ihr Leben und ihr Werk. C. Heymann, Köln, Berlin, 1958.
  • Margarete Hecker: Sozialpädagogische Forschung: Der Beitrag der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Forschung. In: Soziale Arbeit. 1984/Nr. 2, S. 106–121
  • Joachim Wieler: Er-Innerung eines zerstörten Lebensabends – Alice Salomon während der NS-Zeit (1933–1937) und im Exil (1937–1948). Lingbach, Darmstadt 1987, ISBN 3-923982-01-1
  • Manfred Berger: Alice Salomon. Pionierin der sozialen Arbeit und der Frauenbewegung. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1998. ISBN 3-86099-276-7 (3. Auflage 2011)
  • Gudrun Deuter: Darstellung und Analyse der Vortragszyklen an der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit in den Jahren 1925-1932. Bonn 2001 (unveröffentl. Diplomarbeit)
  • Norbert Rühle: Jeanette Schwerin. Ihr Leben, ihr Werk und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit heute, Freising 2001 (unveröffentlichte Diplomarbeit)
  • Anja Schüler: Frauenbewegung und soziale Reform. Jane Addams und Alice Salomon im transatlantischen Dialog, 1889-1933. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08411-8
  • Carola Kuhlmann: Alice Salomon und der Beginn sozialer Berufsausbildung, Ibidem, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-89821-791-0
  • Manfred Berger: Frauen in sozialer Verantwortung: Alice Salomon. In: Unsere Jugend. 2008/Nr. 10, S. 430-433
  • Adriane Feustel: Das Konzept des Sozialen im Werk Alice Salomons. Metropol Verlag, Berlin, 2011, ISBN 978-3-86331-029-5.

Einrichtungen, die nach Alice Salomon benannt sind

Preise der Alice Salomon-Hochschule

  • Alice Salomon Poetik Preis, verbunden mit der Alice Salomon Poetik Dozentur, vergeben seit 2006 von der Alice Salomon Fachhochschule Berlin (ASFH)[13]
    • Preisträger 2006: Michael Roes
    • Preisträger 2007: Gerhard Rühm
    • Preisträgerin 2008: Rebecca Horn
    • Preisträger 2010: Valeri Scherstjanoi
    • Preisträger 2011: Eugen Gomringer
  • Alice-Salomon-Award[14]
    • Preisträgerin 2008: Barbara Lochbihler
    • Preisträgerin 2010: Rugiatu Neneh Turay

Weblinks

 Commons: Alice Salomon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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