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Aktion Gitter

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Dieser Artikel behandelt die Verhaftungswelle 1944 in der Zeit des Nationalsozialismus; zu einer ähnlichen Aktion im Protektorat Böhmen und Mähren 1939 siehe Aktion Gitter (Protektorat Böhmen und Mähren).

Die Aktion Gitter (teilweise auch Aktion Gewitter genannt) war eine umfassende Verhaftungsaktion nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. Gemeint ist nicht die Verfolgung der unmittelbar oder mittelbar daran Beteiligten, sondern die darüber hinausgehende Inhaftierung von Angehörigen der demokratischen Parteien der Weimarer Republik sowie der KPD durch die Gestapo. Eine ähnliche Aktion fand jedoch bereits etwa fünf Jahre früher statt: In der Nacht nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen wurden im März 1939 mindestens 6000 Personen, vorwiegend tschechische Kommunisten und deutsche Emigranten, in der gleichnamigen Aktion Gitter durch die Gestapo verhaftet.

Planungen

Die Massenverhaftungen waren keine spontane Reaktion des Regimes auf die Ereignisse vom 20. Juli, sondern bereits lange zuvor geplant worden. Adolf Hitler selbst hatte im April 1942 angekündigt, „wenn heute irgendwo im Reich eine Meuterei ausbreche“[1], so werde man mit „Sofortmaßnahmen“ antworten. Unmittelbar nach Beginn von Unruhen oder ähnlichen Ereignissen werde man alle „leitenden Männer gegnerischer Strömungen, und zwar auch die des politischen Katholizismus, aus ihren Wohnungen heraus verhaften und exekutieren lassen.“[1] Außerdem seien alle Insassen der Konzentrationslager ebenso zu erschießen wie alle Kriminellen, egal ob inhaftiert oder in Freiheit befindlich. Zu diesem Zweck gab es vorbereitete Listen. Dieses Ausmaß hat die Aktion zwar nicht angenommen, aber vor dem Hintergrund dieser Planungen erhielt Heinrich Himmler den Auftrag zur „Verhaftung [der] S.P.D. u. K.P.D. Bonzen.“[1]

Verlauf

Die Verhaftungen setzten am 22. August ein und erfassten zahlreiche ehemalige Mitglieder und Sympathisanten der verschiedenen Parteien, insbesondere aus den Reihen der SPD und der Zentrumspartei. Während einige von diesen bereits unmittelbar nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft verhaftet worden waren, wurden nunmehr auch zahlreiche Personen erstmals inhaftiert und meist in ein Konzentrationslager gebracht. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese sich weiterhin dem Regime gegenüber kritisch zeigten oder sich gänzlich zurückgezogen hatten. Betroffen waren auch zahlreiche Kranke und Alte. Allein in das KZ Neuengamme wurden 650 Opfer eingeliefert. Andere wurden in das Hauptgefängnis in der Prinz-Albrecht Straße in Berlin und weitere ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Schätzungen gehen von insgesamt etwa 5000 Verhaftungen aus, darunter zum Beispiel auch Konrad Adenauer und Kurt Schumacher. In der Bevölkerung stießen diese Massenverhaftungen auf Unmut und waren für die Stabilisierung der NS-Herrschaft kontraproduktiv, wie etwa Gestapo-Chef Heinrich Müller einräumen musste.

Opfer

Die meisten der Verhafteten kamen wohl auch aus diesem Grund relativ bald wieder frei. Vor allem auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen, aus Hunger und aus der unmenschlichen Behandlung durch die Aufseher starben im Winter 1944/45 zahlreiche der Betroffenen. Zu ihnen gehörten etwa Johanna Tesch und Joseph Roth oder die ehemaligen Reichstagsabgeordneten Otto Gerig, Karl Mache oder Heinrich Jasper. Kurz vor Kriegsende wurde eine Reihe dieser politischen Gefangenen ermordet. Andere wurden beim Herannahen der alliierten Truppen in andere Konzentrationslager verlegt. Dabei wurden eine Reihe von denjenigen, die diesen Todesmärschen nicht gewachsen waren, erschossen. Einige kamen auch bei der Versenkung des auch mit Häftlingen besetzten Schiffes Cap Arcona ums Leben.

Hanna Gerig, die Witwe eines der Opfer der Aktion, schrieb 1973 dazu:

„Einen reinen Willkürakt stellt die Aktion GEWITTER dar, die, schlagartig, minutiös jedoch von der Gestapo auf Bundesgebiet - damals Reichsgebiet einsetzenden Verfolgungsjagd dar.[2] Nur wenige Historiker begriffen, dass diese Aktion keineswegs automatisch mit der AKTION 20. JULI zu identifizieren ist...“

Johanna Gerig 1973: [3]

Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 1,2 Johannes Tuchel: Die Rache des Regimes. In: ZEIT ONLINE. 8. Januar 2009, abgerufen am 13. Mai 2011.
  2. Steinbach/Tuchel (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn 1994, S.392-383, ISBN 3-89331-195-5
  3. ACPD (Konrad-Adenauer-Stiftung), Nachlass Gerig, 01-088-001/3

Literatur

  • Christl Wickert: Widerstand und Verfolgung deutscher Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im 20. Jahrhundert. In: Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Hrsg.): Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert. Mit einem Vorwort von Gerhard Schröder. Schüren, Marburg, 2000. S. 363-402, ISBN 3-89472-173-1.

Weblinks


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