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Agentur für Internet-Forschung

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Troll-Armee ist (neben Trollfabrik, Kremlbots (кремлеботы), Putinbots und Web-Brigaden) eine der gebräuchlichen Bezeichnungen für eine verdeckte Organisation in Russland, die im Auftrag des Staates Manipulationen im Internet betreibt. Mithilfe von Sockenpuppen wird in Online-Foren und den Kommentarbereichen von Nachrichten-Seiten im Sinne der russischen Regierung die öffentliche Stimmung beeinflusst.

Erstmals beschrieben wurde das Auftauchen staatlicher Trolle in Russland bereits im Jahr 2003. Anscheinend traten Manipulationen auch über russische Agenten in Polen auf.[1] Die breite Öffentlichkeit wurde im Rahmen des Ukraine-Krieges ab 2013 auf sie aufmerksam.[2] Der offizielle Name für die Organisation lautete „Агентство интернет-исследований“ (Agenstwo internet-issledowani, dt. Agentur für Internet-Forschung),[3] danach „Федеральное агентство новостей“ (Federalnoje agenstwo nowostei, FAN, dt. Bundesnachrichtenagentur).[4]

Organisation

Über die Strukturen ist aufgrund des verdeckten Charakters bisher nur wenig bekannt. Wegen ihres Hauptsitzes in Olgino, einem Bezirk von Sankt Petersburg, sprach man im Englischen auch von den Trolls from Olgino.[5] Es gilt als gesichert, dass die Organisation im Frühjahr 2015 nach Umzug in der Uliza Sawuschkina 55 in Sankt Petersburg ansässig ist.[6] Dort arbeiten mehrere Hundert freie Mitarbeiter mit entsprechenden Fremdsprachenkenntnissen. Sie betreiben in den Kommentarbereichen und Diskussionsforen nationaler und internationaler Nachrichtenportale Astroturfing mit Propaganda der russischen Regierung unter Beachtung und Verwendung vorgegebener Schlagwörter. Nach verschiedenen Quellen ist der Restaurant-Unternehmer und Putin-Vertraute Jewgeni Prigoschin für die direkte Finanzierung zuständig.

In einer vom russischen Hacker-Kollektiv Anonymous International veröffentlichten E-Mail werden die Arbeitsvorgaben der Mitarbeiter erläutert. Hiernach muss jeder Autor mindestens 50 Kommentare pro Tag verfassen und fünf Facebook-Profile verwalten, auf denen jeweils drei Einträge pro Tag verfasst werden sollen. Nur ein Bruchteil dieser Kommentare hat politischen Charakter; der Rest dient der Gewinnung von Likes und der Verlinkung aufgrund von Schlagworten. Dazu wird zumindest innerrussisch im Team gearbeitet, wobei verschiedene Bearbeiter verschiedene Rollen einnehmen: These, Antithese und die Synthese in Gestalt der Position des Kremls.[7][8][9]

Der ehemalige Focus-Korrespondent Boris Reitschuster berichtete gegenüber dem Deutschlandfunk, er habe die Räume der Web-Brigaden mit eigenen Augen gesehen.[10] Der New-York-Times-Reporter fand Zugang zum Gebäude, indem er die Federal News Agency besuchte, und wurde danach von ebendieser als CIA-Agent mit Kontakten zu Neonazis diskreditiert. Die Rede war dabei von Kreml-Trollen seit 2008.[4]

Ehemalige Angestellte

Im Sommer 2015 wurden durch die ehemaligen Angestellten Ljudmila Sawtschuk und Marat Burkhard weitere Details zur Arbeit der Trollfabrik bekannt. Um die klandestine Firma ans Licht zu bringen, reichte Sawtschuk eine Lohnklage ein. Durch das Verfahren wurde die Firma aktenkundig.[11][12][13][14][8]

150 regierungsfreundliche Kommentare habe Burkhard pro Schicht erstellen müssen, um sein Soll zu erreichen. Dazu gehörten auch teils rassistische Beleidigungen des US-Präsidenten. Sawtschuk berichtet von den verschiedenen Identitäten, unter denen sie im Internet auftrat, um zwischen Berichten über Alltägliches auch politische Kommentare einzustreuen, wie etwa die Sorge um Verwandte in Westeuropa und die angeblich verheerenden Auswirkungen der Sanktionen der Russischen Föderation gegen europäische Lebensmittelimporte auf deutsche Bauern. Außerdem musste sie bestimmte vorgegebene Schlüsselwörter abarbeiten, z.B. musste sie Positives zu „Putin“, „Russlands Armee“, „Krim“ oder „Donbass“ und Negatives zu „Kiewer Junta“, NATO und Obama schreiben.[15] Herabwürdigungen von Oppositionellen wie Alexei Nawalny, der Band Pussy Riot oder des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko gehörten nach den Recherchen zum Tagesgeschäft.[5] Die Angestellten verwendeten Proxy-Server, um ihre IP-Adresse zu verbergen.[4]

Die Arbeitsräume im Gebäude an der Sawuschkinstraße werden laut Sawtschuk ständig videoüberwacht und unter den Mitarbeitern herrsche eine Atmosphäre der Angst. Die Angestellten seien überwiegend jung, viele von ihnen seien Studierende, die den Job nicht aus Überzeugung oder einem Interesse an Politik machen, sondern um Geld zu verdienen. Daneben gebe es ältere Beschäftigte, die die Arbeit als „wirkliche Mission“ verstehen.[16] Burkhards Gehalt lag bei 45.000 Rubel monatlich und damit deutlich über dem Durchschnittsverdienst in Russland. Der Lohn wurde immer in bar ausgezahlt. Fremdsprachige Angestellte, die Webseiten wie BBC oder CNN mit Kommentaren auf Englisch übersäen, erhalten fast das doppelte Gehalt, sie würden umgerechnet mehr als 1000 Euro pro Monat verdienen.[15][17]

Krieg in der Ukraine

Insbesondere im Rahmen des Krieges in der Ukraine waren russlandfreundliche Kommentare im deutschsprachigen Internet in der deutlichen Überzahl, was im Widerspruch zu Umfragewerten und der Position der mit dem Thema befassten Journalisten sowie Volksvertreter steht.[18] Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom März 2015 halten 55 % der befragten Deutschen Russland für den Hauptschuldigen am Krieg in der Ukraine, 34 % sehen die von Russland unterstützten Separatisten als Hauptschuldige. Im Vergleich dazu teilen 20 % der befragten Deutschen die Sichtweise des Kremls, dass ein „Putsch“ gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowytsch Ursache des Konflikts war, wobei diese Lesart besonders unter Anhängern der Linkspartei und der AfD verbreitet ist.[19] Gemäß dem Meinungsbild ARD-Deutschlandtrend von Februar 2015 finden 65 % der Befragten Sanktionen gegen Russland grundsätzlich richtig.[20] Die prorussischen Kommentare in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten deutschsprachiger Nachrichtenportale spiegeln somit nicht die mehrheitliche Meinung der deutschen Bevölkerung wider.[19]

Von einer ähnlichen Flut kremlfreundlicher Kommentare berichteten auch internationale Medien wie Forbes Magazine oder The Guardian. So wurde in den Kommentaren oftmals die allgemeine Berichterstattung in Frage gestellt und die Schuld für die Auseinandersetzung „ukrainischen Faschisten“, der CIA oder NATO zugewiesen. Eine russische Beteiligung an dem Konflikt wurde entweder ganz in Frage gestellt oder aber durch Vorwürfe an die Ukraine und den Westen gerechtfertigt. Unabhängigen Journalisten wird üblicherweise vorgeworfen, korrupt zu sein bzw. mit einem verdeckten Auftrag zu handeln.[21]

Zahlreiche Journalisten bekannten, dass hierdurch ihre Berichterstattung beeinflusst wurde, da sie sich vor hasserfüllten Reaktionen auf ihre Berichte fürchteten. Gleichzeitig führte dies zu einer Überprüfung der journalistischen Arbeitsweisen.[22][23]

Im Weiteren werden anscheinend ukrainische „Informationsportale“ betrieben, deren Inhalte in St. Petersburg erstellt werden.[24]

Merkels Instagram-Seite

Anfang Juni 2015 veröffentlichte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Profil auf dem Foto-Portal Instagram. Laut einer Regierungssprecherin gab es zum Start des Kanals „innerhalb weniger Stunden einige hundert Kommentare in kyrillischer Schrift“.[25] Die meisten russischsprachigen Kommentatoren schimpften über „ukrainische Faschisten“ und schrieben, dass die Menschen in der Ostukraine vor „Faschismus“ gerettet werden müssten. Ein Bild, auf dem die Kanzlerin mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu sehen ist, wurde besonders häufig auf Russisch kommentiert. Der ukrainische Präsident wurde wiederholt als „Faschist“ bezeichnet und Merkel eine Freundschaft zu den „Faschisten“ unterstellt. Im Gegensatz zu den negativen Kommentaren über die Ukraine und Deutschland wurden Russland und Wladimir Putin überschwänglich gelobt. Ein Bild, auf dem die Kanzlerin mit Putin und Hollande abgebildet ist, ist das beliebteste Bild auf Merkels Instagram-Seite. Nach Angaben der FAS handelt es sich um eine organisierte Aktion russischer Internet-Trolle.[25] Laut Moscow Times sei hingegen unklar, ob die Kommentare etwas mit Putins Troll-Fabriken zu tun haben.[26]

Gegenbewegungen

Nach bisheriger Kenntnis entwickeln sich gegen die staatlichen Desinformationskampagnen einige zivilgesellschaftlich organisierte Gegenbewegungen. Ziel ist es, die als Propaganda angesehenen oder durchschauten Behauptungen auf deren Stichhaltigkeit zu prüfen und den Medienkonsumenten, mittels Überprüfung der Behauptungen, die Mittel und Möglichkeiten von staatlichen Insistierungen offenzulegen. Eine Factchecking-Plattform, die Desinformationen aufklärt, ist das über Crowdfunding und den Stiftungen Open Society Foundations und der US-amerikanischen National Endowment for Democracy finanzierte[27] Portal Stopfake.org.[28] Die Organisation wurde von Studenten wie Absolventen der Journalismusschule der Universität-Kiew-Mohyla-Akademie im März 2014 gegründet. Sie nutzt zur Überprüfung vorgegebener oder angeblicher Ereignisse beider Seiten vorwiegend öffentlich zugängliche Medien und das Internet. Jedoch zählen auch investigative Befragungen von Leuten aus Regionen dazu, in denen die Ereignisse stattgefunden haben sollen. Über den Einfluss solcher investigativen Bewegungen liegen bisher keine Erkenntnisse vor.[29]

Falschmeldungen zu entlarven, hat sich außerdem das russische Projekt Noodleremover.news zur Aufgabe gemacht.[30] Der Europäische Auswärtige Dienst hat Ende 2015 als Antwort auf anhaltende Desinformation aus Russland die Arbeitsgruppe East StratCom Task Force gegründet.[31][32] Die Arbeitsgruppe stellt in dem wöchtlichen Newsletter Disinformation Review Beispiele für Desinformation in russischen Medien zusammen[33] und beleuchtet die Sichtweise von Kreml-nahen Medien in dem Newsletter Disinformation Digest.[34]

Literatur

  • Andrei Soldatov und Irina Borogan: The Red Web: The Struggle Between Russia’s Digital Dictators and the New Online Revolutionaries. Public Affairs, New York 2015, ISBN 978-1-61039-573-1.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Internet brigades in Russia - "Web Brigade's" CNN, 21. März 2009
  2. Где живут тролли. И кто их кормит. In: Nowaja Gaseta v. 7. September 2013 [1]; Felix-Emeric Tota: Zwölf Stunden am Tag in Putins Sinn faz.net, 19. März 2015
  3. One Professional Russian Troll Tells All Radio Liberty / Radio Free Europe, 25. März 2015
  4. 4,0 4,1 4,2 Adrian Chen: The Agency. In: The New York Times, 2. Juni 2015 (englisch).
  5. 5,0 5,1 Tom Parfitt: My life as a pro-Putin propagandist in Russia’s secret 'troll factory' In: The Telegraph, 24. Juni 2015 (englisch).
  6. Shaun Walker: Salutin’ Putin: inside a Russian troll house. In: The Guardian. 2. April 2015
  7. Max Seddon: Documents Show How Russia’s Troll Army Hit America. In: BuzzFeed. 2. Juni 2014
  8. 8,0 8,1 „Putin ist genial!“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. April 2015.
  9. Golineh Atai: Die Putin-Trolle aus St. Petersburg. In: Tagesthemen, 14. April 2015.
  10. Jens Rosbach: Putins geheime Online-Armee. In: Deutschlandfunk, 22. Mai 2014.
  11. Anna Dolgov: Soldier in Russia's Troll Army Sues Her Ex-Employer. In: The Moscow Times, 29. Mai 2015 (russisch).
  12. Anerkennung der "Trollfabrik", fontanka.ru, 23. Juni 2015
  13. Катерина Яковлева: Савчук отсудила у «фабрики троллей» один рубль. В ходе судебного процесса против так называемой «фабрики троллей» Людмила Савчук добилась не только выплаты зарплаты и подписания документов о приеме и увольнении на работу в ООО «Интернет-исследования», но и взыскания моральной компенсации, правда, в размере всего одного рубля. 17. August 2015, abgerufen am 18. August 2015 (russisch, Übersetzung des Titels: Sawtschuk verklagt "Trollfabrik").
  14. Benjamin Bidder: "Diese Scheusale an die Öffentlichkeit zerren" In: Spiegel Online, 29. Mai 2015 (Interview).
  15. 15,0 15,1 Elke Windisch: Medienkrieger in St. Petersburg: Putins Troll-Armee. In: Der Tagesspiegel, 11. Juni 2015.
  16. Putins Troll-Fabrik. In: Frankfurter Rundschau, 7. April 2015.
  17. Propaganda auf Bestellung: Das ist Putins Troll-Fabrik - und so funktioniert sie. In: Focus, 5. April 2015.
  18. Julian Staib: Wo die Meinung gemacht wird. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Juni 2014.
  19. 19,0 19,1 Mehrheit gibt Putin Schuld am Ukraine-Konflikt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. März 2015.
  20. ARD-DeutschlandTREND: Februar 2015. infratest dimap, aufgerufen am 4. Oktober 2015.
  21. Julian Hans: Putins Trolle. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Juni 2014
  22. Zwischenbilanz: Der Ukraine-Konflikt in der Tagesschau Tagesschau-Blog, 29. September 2014
  23. Bernhard Pörksen: Volle Ladung Hass. In: Die Zeit, 8. November 2014.
  24. Stadtgattung: Blogger-Promoter. Sobaka.ru, 3. Februar 2015.
  25. 25,0 25,1 Markus Wehner: Russische Trolle gegen Angela Merkel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2015.
  26. Andrew Griffin: Angela Merkel's Instagram bombarded with abuse from Russian troll army. In: The Telegraph, 7. Juni 2015 (englisch).
  27. Inga Pylypchuk: Hier werden Putins Propagandalügen entlarvt. In: Die Welt. Abgerufen am 20. Dezember 2015.
  28. Stopfake.org. Struggle against fake information about events in Ukraine (englisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  29. Teresa Eder: Stopfake.org: "Russische Propaganda setzt auf emotionale Storys". In: Der Standard. 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juli 2015.
  30. Noodleremover.news (russisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  31. Questions and Answers about the East StratCom Task Force. Europäischer Auswärtiger Dienst, abgerufen am 4. März 2016.
  32. Claudia von Salzen: Die EU und russische Desinformation: Eine Task Force gegen Propaganda. In: Tagesspiegel, 21. Dezember 2015.
  33. „‚Disinformation Review‘ - new EU information product (04/11/2015)“ (englisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  34. EU vs Disinformation. Europäischer Auswärtiger Dienst, abgerufen am 4. März 2016.
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