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Dirar Abu Sisi

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Dirar Abu Sisi (auch: Abu Seesi und Derar Mousa Abu-Sisi[1]; ‏ضرار أبو سيسي‎, DMG Ḍirār Abū Sīsī; * 1969 in Jordanien) ist ein palästinensischer Ingenieur. Er hat 1999 in der Ukraine promoviert und ist stellvertretender Leiter des einzigen Kraftwerks des Gazastreifens.

Leben

Entführung in der Ukraine

In der Nacht vom 18. auf den 19. Februar 2011 wurde Abu Sisi unter bislang ungeklärten Umständen auf einer Reise in der Ukraine aus einem Zug entführt. Er war auf den Weg nach Kiew, um seinen in Amsterdam lebenden Bruder zu treffen und um die ukrainische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Seine Frau Veronika Abu Sisi, die im Besitz der ukrainischen Staatsbürgerschaft ist, gab gegenüber Reportern an, sie vermute, „ihr Mann sei vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gekidnapped und nach Israel verschleppt worden“[2] Das palästinensische Innenministerium hat einen drigenden Appell an die ukrainischen Behörden gerichtet, die Hintergründe für das Verschwinden von Abu Sisi offenzulegen.[3]

Richard Silverstein berichtete am 3. März 2011 in seinem auf den Nahostkonflikt spezialisierte Blog Tikun Olam, dass sich Abu Sisi in israelischer Gefangenschaft („Isolationshaft“) befinde.[4][5] Nachdem eine Menschenrechtsorganisation gegen die Nachrichtensperre, die es der israelischen Presse und in Israel akkreditierten Korrespondenten verbot, über den Fall zu berichten, geklagt hat, gaben die isralischen Behörden am 20. März 2011 zu, den Ingenieur in ihrer Gewalt zu haben. Abu Sisi war im Shikma-Gefängnis in Aschkelon inhaftiert, wo er auch einen Rechtsanwalt bekam. Die ukrainischen Behörden bestreiten, an seiner Entführung beteiligt gewesen zu sein.[6]

Anklage in Israel

Am 24. März 2011 wurde Abu Sisi laut Haaretz zur Haftprüfung am Beziksgericht von Petach Tikwa vorgeführt.[7] Israel warf dem Ingenieur vor, ein ranghohes Mitglied der Hamas zu sein und Informationen über den 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit zu haben.[8] Bei einer Verhandlung am 31. März 2011 über die Verlängerung seiner Untersuchungshaft beteuerte Abu Sisi, nur Ingenieur zu sein und nichts über den Verbleib des israelischen Soldaten zu wissen.[9]

Am 4. April 2011 wurde am Bezirksgericht Be'er Scheva Klage gegen Dirar Abu Sisi erhoben.[10] „Dem Ingenieur wird hundertfacher Mord zur Last gelegt. Außerdem wird ihm vorgeworfen, die Kampfausbildung der Hamas geleitet und Raketen für die Terrororganisation hergestellt zu haben.“[11] In der Anklage wird der Ingenieur beschuldigt, seit 2002 eine führende Rolle in der Entwicklung von Raketen und panzerbrechenden Granaten einzunehmen. Ab 2009 soll er Leiter der „Militärakedemie“ der Hamas gewesen sein. Abu Sisi habe Elektrotechnik an der „Kharkov Military Engineering Academy“ in Charkiw studiert und sein Studium mit Promotion (Ph.D.) abgeschlossen. Sein Mentor an der Universität sei „Prof. Konstantin Petrovich, ein Experte für Leitsysteme von Scud-Raketen“ gewesen. Eine Verbindung zu Shalit wird ihm nicht vorgeworfen. Bei der Anklageerhebung durften die Umstände der Festnahme nicht erörtert werden. Abu Sisi erklärte sich für nicht schuldig. Sein Anwalt sagte, dass sein Mandant unter Druck Anklage-Dokumente unterschreiben musste, die er nicht lesen konnte. Das Gericht verhängte Untersuchungshaft bis zum Abschluss des Prozesses.[12]

Die ukrainische Tageszeitung Segodnja hat am 8. April 2011 nachgewiesen, dass die israelischen Angaben zu Abu Sisis Ausbildung falsch sind. Es gäbe an den Charkiwer Hochschulen keinen „Prof. Konstantin Petrovich“, der Waffenexperte sei.[13] Laut Online-Katalog der Wernadskyj-Nationalbibliothek hat Abu Sisi 1999 an der Staatlichen Akademie für Kommunalwirtschaft Charkiw („Kharkiv State Academic of Municipal Economy“) mit einer Arbeit über die Verbesserung der Stromqualität in städtischen Stromnetzen promoviert.[14] (Eventuell handelt es sich um einen Übersetzungsfehler. Auf der englischsprachigen Promotionsurkunde steht, dass „Derar Mousa Abusisi“ 1999 seinen Ph.D. in „Engineering Sciences, Speciality: Power Stations Networks and Systems“ an der TU Charkiw erworben hat.[15])

Veronika Abu Sisi ergänzte im Gespräch mit der Zeitung, dass ihr Mann einen Vorbereitungskurs in Jerewan absolviert und anschließend in Saporischschja am „Machine-Building Institute“ (gemeint ist das Institut für Maschinenbau an der TU Saporischschja) studiert habe.[13] Die Frau des Ingenieurs nennt die Beschuldigungen gegen ihren Mann „von Israel zusammengereimt, um seine Entführung und illegale Festnahme zu rechtfertigen“. Sie hat angekündigt am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage gegen Israel und die Ukraine einzureichen.[16]

Die Angaben von Veronika Abu Sisi wurden mittlerweile durch Dokumente bestätigt, die die Prawda veröffentlicht hat. Die russische Tageszeitung berichtet außerdem, dass sich der Verdacht erhärte, dass die SBU, der Sicherheitsdienst der Ukraine, an der Entführung von Dirar Abu Sisi beteiligt gewesen sei.[17]

Am 23. Juni 2011 hat ein israelisches Gericht bestätigt, dass Dirar Abu Sisi bis zum Ende des Prozesses in Haft bleibt. Am gleichen Tag hat seine Frau bekanntgegeben, dass sie die Ukraine wegen Untätigkeit in dem Entführungsfall verklagen will.[18]

Weblinks

Internationale Berichterstattung

Einzelnachweise

  1. Lateinisierte Schreibweise seines Namens auf Dokumenten der ukrainischen Behörden.
  2. „Agententhriller in Nahost“, in: Spiegel online, 29. März 2011.
  3. Palestinian Ministry of Interior addresses urgent appeal for Ukrainian Interior Ministry and demands to disclose the reasons for disappearance of Abu Sisi. Palestine Ministry of Interior. 27. Februar 2011. Abgerufen am 29. März 2011.
  4. „Mossad Kidnaps Gazan Engineer in Ukraine, Now Held Incommunicado in Israeli Prison“, in: Tikun Olam, 3. März 2011. Abgerufen am 5. April 2011.
  5. Richard Silverstein vs. censorship, in: Ynetnews, 6. Juli 2011. Abgerufen am 25. Juni 2011.
  6. „Ukraine asks Israel for info on Abu Sisi abduction“, in: Jerusalem Post, 23. März 2011. Abgerufen am 29. März 2011.
  7. „Court extends remand of Gazan engineer held in Israeli prison“, in: haaretz.com, 24. März 2011. Abgerufen am 3. April 2011.
  8. „Israel to indict Palestinian engineer with alleged info on Shalit“, in: haaretz.com, 31. März 2011. Abgerufen am 3. April 2011.
  9. „Detained Palestinian engineer: I know nothing about Gilad Shalit“, in: haaretz.com, 31. März 2011. Abgerufen am 3. April 2011.
  10. „Newsletter der israelischen Botschaft Berlin“ (Außenministerium des Staates Israel, 4. April 2011)
  11. „Israel klagt Abu Sisi wegen Mordes an“, in: Spiegel online, 4. April 2011.
  12. „‚Hamas weapons capability increased four-fold over last five years‘“, in: haaretz.com, 5. April 2011. Abgerufen am 5. April 2011.
  13. 13,0 13,1 „Террорист Абу-Сиси учился в Украине на электрика“ (Terrorist Abu-Sisi studierte in der Ukraine Elektrotechnik), in: Segodnja, 8. April 2011. Abgerufen am 9. April 2011.
  14. Der Originaltitel der Dissertation von Dirar Abu Sisi lautet: „Применение вольтодобавочных трансформаторов с электронным управлением для улучшения качества электроэнергии в городских электрических сетях“.
  15. http://www.richardsilverstein.com/tikun_olam/2011/04/09/right-wing-pro-israel-blogs-carry-water-for-shin-bet-make-false-claims-about-abusisis-academic-record/
  16. „Kidnapped Palestinian's wife to sue Israel, Ukraine“, in: Kyiv Post, 5. April 2011. Abgerufen am 6. April 2011.
  17. „Похищенного палестинца Моссаду передавали СБУ. Показания очевидца“, in: Prawda, 11. April 2011. Abgerufen am 6. April 2011. (Auszugsweise Übersetzung auf Englisch.)
  18. Israel: Engineer to be held for duration of trial, AP, 16. Juni 2011. Abgerufen am 25. Juni 2011.


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