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Abraham Tokazier

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Abraham Tokazier (geb. 29. September 1909 in Helsinki; gest. 7. April 1976 in Stockholm)[1] war ein finnischer Sprinter.

Sportliche Laufbahn

Der Vater von Abraham Tokazier, Meier Tokazier, wurde in Orscha in Weißrussland geboren und war Händler von Beruf. Er ging nach Finnland, wo er Sara Leffkovitsch, eine in Finnland gebürtige Jüdin, heiratete. Das Paar bekam mindestens fünf Kinder, darunter Abraham Tokazier und seinen Zwillingsbruder Moses. 1934 nahm Abraham Tokazier gemeinsam mit Moses an einer Hachschara in Lettland oder Litauen teil, einem Vorbereitungskurs für die Besiedlung Palästinas, um anschließend nach Palästina auszuwandern. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten die Brüder nach Finnland zurück, weil sie in Palästina einen Autounfall erlitten hatten.[1]

Tokazier startete für den jüdischen Sportclub Makkabi Helsinki. Er war einer der besten Sprinter Finnlands und wurde mehrfach für Länderkämpfe nominiert.[2] Moses Tokazier sowie der jüngere Bruder Jakob wurden jeweils mehrfache finnische Meister im Gewichtheben.[3]

Am 21. Juni 1938 startete Tokazier bei einem Sportfest anlässlich der Eröffnung des Olympiastadions Helsinki. Die Sportstätte war für die für 1940 geplanten Olympischen Spiele gebaut worden, die dann allerdings wegen des Zweiten Weltkriegs ausfielen und erst 1952 stattfanden. Stadionsprecher Sulo Kolkka verkündete über die Lautsprecher Tokaziers Sieg im 100-Meter-Lauf, den auch die Zuschauer gesehen hatten. Das Wettkampfgericht entschied jedoch, dass er den vierten Platz hinter drei anderen finnischen Läufern, alle zeitgleich mit 11 Sekunden im Ziel, belegt habe. Am nächsten Tag erschien in der auch heute noch größten Tageszeitung Helsingin Sanomat ein Zielfoto dieses Laufs des bekannten finnischen Sportfotografen Akseli Neittamo. Auf dem Foto war klar zu erkennen, dass Tokazier der Sieger war. Die Zeitung untertitelte das Foto: „Eine Fotografie, die beweist, dass die Zielrichter sich geirrt haben.“[2][4]

Wenige Wochen später wurde Tokazier finnischer Vize-Meister über die 100 Meter, im Jahr 1939 stellte er seine persönliche Bestleistung mit 10,7 Sekunden auf. Er fühlte sich jedoch durch die Fehlentscheidung der Schiedsrichter im Juni 1938 so brüskiert, dass er Entschuldigungen von finnischen Sportfunktionären nicht annehmen wollte.[2] Später zog er nach Stockholm.[1]

Hintergründe und Rehabilitierung

Bei dem Sportfest im Jahre 1938 waren hohe Ehrengäste aus NS-Deutschland vor Ort. Es soll sich unter anderem um Mitglieder des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936 in Berlin gehandelt haben. Deren Anwesenheit gab Sporthistorikern Anlass zu der Vermutung, dass den finnischen Zielrichtern kein Irrtum unterlaufen sei, als sie Tokazier den klaren Sieg absprachen, sondern dass es sich um Absicht gehandelt habe: „Daher muss angenommen werden, dass sich das kleine Land […] der rassistischen Fernwirkung einer antijüdischen Sportpolitik im NS-Deutschland nicht entzogen hatte.“ Bis zu diesem Zeitpunkt habe es in Finnland keine Benachteiligung jüdischer Sportler gegeben.[2]

Die Historiker Simo Muir und Malte Gasche mutmaßten in ihrem 2013 erschienenen Buch Finland’s Holocaust, Urho Kekkonen, damaliger Innenminister und Präsident des finnischen Sportverbandes Suomen Urheiluliitto (SUL) sowie späterer Staatspräsident, könnte seinen Einfluss auf die Kampfrichter geltend gemacht haben. Der Verband habe es nicht für opportun gehalten, dass jüdische Sportler sich auf vorderen Plätzen platzieren und damit eine Chance zur Aufnahme in Finnlands Olympiamannschaft von 1940 haben könnten.[5] Das Helsingborgs Dagblad, das 2014 fälschlicherweise davon ausging, bei dem Sportfest habe es sich um finnische Meisterschaften gehandelt, vertrat die (daher ebenso falsche) Ansicht, man habe wegen der hochrangigen Delegation aus Deutschland einen Landesmeister jüdischer Herkunft vermeiden wollen.[6]

Jahre später bezeichnete der ehemalige Stadionsprecher Kolkaa die Entscheidung des Wettkampfgerichts als „die größte Ungerechtigkeit im finnischen Sportleben“.[2]

2013 veröffentlichte der schwedisch-finnische Autor Kjell Westö das Buch Hägring 38, in dem er den Vorfall um Tokazier ausführlich schilderte. In der Folge entschuldigte sich die SUL bei der Familie von Tokazier und gestand Abraham Tokazier 75 Jahre nach dem Rennen und 37 Jahre nach seinem Tod den Sieg des Rennens im Jahr 1938 zu, indem der Verband eine korrigierte Siegerliste veröffentlichte. Das offizielle Resultat kann allerdings im Prinzip nach den Regeln der International Association of Athletics Federations nicht nachträglich korrigiert werden.[7]

Leo-Dan Bensky, Ehrenvorsitzender von Makkabi Helsinki, begrüßte diesen „ersten Schritt“, vermisste aber das klare Eingeständnis, dass das Ergebnis aus politischen und rassistischen Gründen manipuliert worden sei.[5]

Familie

Abraham Tokazier war ein Onkel des finnischen Musikers Hillel Tokazier.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Abraham Tokazier 1909–1976. Meliza’s Genealogy, abgerufen am 6. März 2014.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Boris Salomon/Giselher Spitzer: Warum wurde dem finnischen Makkabi-Sprinter Abraham Tokazier 1938 der Sieg aberkannt?. In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports. Meyer & Meyer, Aachen November 1999, S. 24 ff.
  3. Moses „Meishu“ Tokazier 1909–1992. Meliza’s Genealogy, abgerufen am 7. März 2014.
  4. Vuoden 1938 oikeusmurha oikaistiin – Tokazier julistettiin voittajaksi (Artikel mit Zielfoto). Helsingin Sanomat, 4. Oktober 2013, abgerufen am 7. März 2014 (finnisch).
  5. 5,0 5,1 Reinhard Wolff: Ein Verstorbener wird Erster. taz, 10. Oktober 2013, abgerufen am 6. März 2014.
  6. Gunnar Bergdahl: Hägring 2014. Helsingborgs Dagblad, 18. Januar 2014, abgerufen am 7. März 2014 (schwedisch).
  7. SUL pyytää anteeksi 75 vuotta vanhaa tuomarointivirhettä. Yle Urheilu, 18 September 2013, abgerufen am 6. März 2014 (finnisch).


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Abraham Tokazier aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.