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Abraham Schalit

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Abraham Chaim Schalit (אברהם חיים שליט, geboren 13. Juni 1898 in Złoczów, damals Österreich-Ungarn; gestorben 1979 in Jerusalem) war ein israelischer Philologe und Historiker. Er war ein Experte für das Werk des antiken jüdischen Historikers Flavius Josephus sowie für die Regierungszeit des antiken jüdischen Königs Herodes. Schalit wurde 1960 mit dem Israel-Preis in der Sektion Judaistik ausgezeichnet.

Leben und Lehre

Abraham Schalit stammte aus Galizien. Er studierte Geschichte an der Universität Wien; seine akademischen Lehrer waren Wilhelm Kubitschek und Adolf Wilhelm. Die unveröffentlichte Dissertation Schalits (1925) verglich Flavius Josephus mit dessen zeitgenössischem Gegner, Justus von Tiberias. Diese Arbeit galt zwischenzeitlich als verschollen und wurde daher wissenschaftlich nicht rezipiert; 1995 wurde sie in der Universitätsbibliothek Wien (falsch katalogisiert) wiedergefunden. In diesem Frühwerk würdigte Schalit Josephus als Patrioten und sah in Justus nicht mehr als einen „gewöhnlichen Durchschnittscharakter“, der nur aus persönlichen Motiven handle.[1] 1927 schloss er sein Studium in Wien ab und unterrichtete die folgenden zwei Jahre am Jüdischen Gymnasium in Brünn. Oskar Kurt Rabinowitz, ein Vertreter des Revisionistischen Zionismus, gehörte zu den Mitbegründern dieses Gymnasiums, an dem er selbst Geschichte unterrichtete. Es scheint, dass Schalit durch ihn mit zionistischem Denken vertraut gemacht wurde. Schalits Emigration nach Palästina 1929 war das Ergebnis dieser inneren Entwicklung.[2]

Im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina begann Schalit mit der Übersetzung des Josephus aus dem Altgriechischen ins moderne Hebräisch. Seine historischen Studien aus den 1930er Jahren stellen Vergleiche zwischen dem Judäa der Antike und Palästina in der britischen Mandatszeit her.[3] Schalit würdigte den heroischen Kampf für einen unabhängigen jüdischen Staat hier wie dort, was eine negative Beurteilung des Herodes wie auch des Josephus zur Folge hatte. Seit 1950 war Schalit Dozent, seit 1957 Professor für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Unter dem Eindruck des Holocaust änderte Schalit seine wissenschaftlichen Positionen, so Daniel R. Schwartz. Der Holocaust hatte gezeigt: Macht geht vor Recht. Das hieß für Herodes, Josephus und ihre Zeitgenossen: Die römische Oberherrschaft war anzuerkennen. Herodes habe unter diesem Vorzeichen für seine jüdischen Untertanen viel erreichen können. „Jene Juden, die … höher hinauswollten, verloren mehr und brachten auf dem Wege dahin zahllose Menschen um. Herodes’ Königtum war für Schalit, mit anderen Worten, ein ‚Judenrat‘ in einem Imperium, dem nur an Herrschaft, nicht an Vernichtung gelegen war.“[4] (Daniel R. Schwartz)

Nach der starken (wenn auch nicht unerwarteten) Kritik an seiner Herodes-Biografie publizierte Schalit kaum noch auf hebräisch, stattdessen auf englisch und deutsch. Er kooperierte mit dem Institutum Judaicum Delitzschianum in Münster, einem Zentrum für Josephus-Forschung. Sein Namenswörterbuch zu Flavius Josephus (1968) ist, ebenso wie die 2001 in 2. Auflage deutsch erschienene Herodes-Biografie, ein Standardwerk. Schalit war auch Mitherausgeber der Encyclopaedia Judaica.

Rezeption

Solomon Zeitlin gehörte zu den besonders scharfen Kritikern von Schalits Herodes-Biografie. In seiner ausführlichen Entgegnung erklärte er 1963, Herodes sei ein bösartiger Geisteskranker und kein Realpolitiker.[5]

Horst R. Moehring kritisierte 1984 Schalits Studie Die Erhebung Vespasians nach Flavius Josephus, Talmud und Midrasch, indem er ihm vorwarf, Josephus’ Werk zu aktualisieren, so dass es zeitgeschichtlich relevant werde. Während Josephus als Lehre aus der Katastrophe des Jüdischen Krieges die Kooperation mit Rom fordere, werte Schalit die historisch wenig greifbare Gestalt des Jochanan ben Zakkai auf, der für eine Art Isolationismus stehe, laut Moehring eine typisch israelische Geschichtsdeutung.[6]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Herodes. Der Mann und sein Werk. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 2001.
  • Zur Josephus-Forschung (= Wege der Forschung. Band 84). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974.
  • Die Erhebung Vespasians nach Flavius Josephus, Talmud und Midrasch. Zur Geschichte einer messianischen Prophetie. In: ANRW II/2 Politische Geschichte (Kaisergeschichte), 1975, S. 208–327
  • Untersuchungen zur Assumptio Mosis (= Arbeiten zur Literatur und Geschichte des hellenistischen Judentums. Band 17). Brill, Leiden 1989. (aus dem Nachlass herausgegeben)

Literatur

  • Art. Schalit, Abraham Chaim in: Österreichische Nationalbibliothek (Hrsg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. (Nr. 9074).
  • Daniel R. Schwartz: Vorwort zu: Abraham Schalit: Herodes. Der Mann und sein Werk. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 2001, S. V–XXIV.
  • Daniel R. Schwartz: On Abraham Schalit, Herod, Josephus, the Holocaust, Horst R. Moehring, and the Study of Ancient Jewish History. In: Jewish History 2/2 (1987), S. 9–28.

Einzelnachweise

  1. Daniel R. Schwartz: More on Schalit's Changing Josephus: The Lost First Stage, in: Jewish History 9/2 (1995), S. 9–20, hier S. 13.
  2. Daniel R. Schwartz: More on Schalit's Changing Josephus: The Lost First Stage, in: Jewish History 9/2 (1995), S. 9–20, hier S. 15f.
  3. Daniel R. Schwartz: On Abraham Schalit, Herod, Josephus, the Holocaust, Horst R. Moehring, and the Study of Ancient Jewish History, 1987, S. 11.
  4. Daniel R. Schwartz: Vorwort zu: Abraham Schalit: Herodes. Der Mann und sein Werk, Berlin 2001, S. xiv.
  5. Solomon Zeitlin: Herod: A Malevolent Maniac. In: The Jewish Quarterly Review 54/1 (Juli 1963), S. 1–27.
  6. Daniel R. Schwartz: On Abraham Schalit, Herod, Josephus, the Holocaust, Horst R. Moehring, and the Study of Ancient Jewish History, 1987, S. 13f.


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Abraham Schalit aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.