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Ereignisse

  • um 760/770: Anan ben David in Babylonien, Stifter der Sekte der Karäer, die zuerst Ananiten hiessen. Die Karäer (Karaiten; hebräisch Bene Mikra = Söhne [Anhänger] der Schrift) waren Anhänger einer antirabbinischen Bewegung im Judentum, die bei Ablehnung der rabbinischen Tradition und mündlichen Tora sich allein auf die Bibel („miqra“) als autoritativer Offenbarung stützte, sie sind in gewisser Weise als Fortsetzer der Sadduzäer anzusehen. Die Bewegung entstand als Zusammenschluss verschiedener oppositioneller Gruppierungen und Tendenzen im Zuge eines Machtkampfes um die Erbfolge um das Amt des Exilarchen im 8. Jhdt. in Babylonien (Anan ben David). In den Jahrhunderten danach erhielt die Bewegung starken Zulauf, griff zeitweise nach Ägypten und Spanien über, sie gründete eigene Synagogen, fand politische Anerkennung und erreichte im Orient zeitweilig fast die Mehrheit. Abgesehen von der Opposition zu den Rabbinen bzw. den "Rabbaniten", d. h. rabbinischen Juden, war der gemeinsame Nenner der antitalmudischen Karäer aber schmal. Zu den Karäern gehörten von früh an ausgesprochen endzeitlich orientierte, asketische Gruppen von eher konservativem Zuschnitt, auf der anderen Seite Intellektuelle, die für ihre Kritik am rabbinischen Judentum früh die Mittel der arabischen Philosophie und Wissenschaft in Anspruch nahmen und entsprechende Bemühungen auf der Gegenseite auslösten, also die jüdische Geistesgeschichte im Mittelalter in vieler Hinsicht beflügelten. Der ausschliessliche Offenbarungsanspruch für die Bibel bewirkte eine besonders intensive Bibeltextpflege in karäischen Kreisen, weshalb führende Vertreter der Masora Karäer waren. In kurzer Zeit entwickelten die Karäer auch eine eigene Liturgie und gesetzliche Überlieferung, wobei sowohl persönliche Kontakte wie Konfrontationen zwischen Karäern und Rabbinen die Regel waren. Durch das Wirken überragender, dem neuen intellektuellen Umweltniveau entsprechend gebildeter Persönlichkeiten wie Saadja b. Josef Gaon und Mose b. Maimon gelang es der rabbinischen Seite, Einfluss und Verbreitung der Bewegung wieder einzudämmen. Die Karäer verloren im Spätmittelalter und in der Neuzeit rasch an Boden, wurden im Orient weitgehend verdrängt und hielten sich v. a. in Kleinasien, um Konstantinopel, schliesslich in Litauen und zuletzt noch auf der Krim (Hauptwohnsitz Eupatoria, tatarisch "Göslöw"). Unter russischer Herrschaft erreichten sie die Anerkennung als eigenständige religiöse Gemeinschaft (zaristische Privilegien). Die Herausforderung dieser Bewegung hat auf rabbinischer Seite auch besondere Bemühungen um den Nachweis der Kontinuität der mündlichen Tora bzw. Tradition nach sich gezogen, ein wesentlicher Teil der rabbinischen Geschichtsschreibung besteht in solchen Darlegungen der Traditionsgeschichte. Den 2. Weltkrieg überstanden die etwa 10 000 Karäer in Osteuropa relativ gut, da sie als Nichtjuden anerkannt wurden, was ihnen freilich seither auch angekreidet wird. In Israel existieren einige karäische Gemeinden, ihre Mitgliederzahl beträgt etwa 25 000 Personen, sie werden als nichtreligiöse Juden eingestuft. - Die Karäer hatten ein vom Talmud unabhängiges Religionsgesetz entwickelt, das zum Teil strenger als das jüdische war (Ausdehnung des Inzest-Verbotes auf rabbinisch erlaubte Verwandtschaftsgrade; Verbot des Weiterbrennens von Feuer und Licht am Sabbat in buchstäblicher Erfüllung von Exodus 35,3), im Grunde aber dem rabbinischen nicht entgegengesetzt ist, sondern nur von ihm abweicht. Die Literatur der Karäer ist wie die klassische rabbinische zum Teil auch in arabischer Sprache geschrieben und weist Beiträge zu allen Zweigen des jüdischen Schrifttums (mit Ausnahme der Mystik) auf. Ein besonderes Schrifttum bildet wie angedeutet die Polemik zwischen Karäern und Rabbaniten, deren hauptsächlicher Vertreter auf rabbinischer Seite Saadia ist. Begründer der Karäer im engeren Sinn ist, nachdem der Grund durch Anan und in der Folge die Ananiten gelegt wurde, Benjamin Nahawendi (Persien, 9. Jhdt.). Das Schrifttum der Karäer beginnt mit Karkassani (Babylonien, 10. Jhdt.), durch dessen Werk Lehre und Schrift seiner Vorgänger zum Teil erhalten blieben; Gesetz und Religionsphilosophie wurden ausgebaut von Josef al-Bassir und Jeschua b. Juda (Palästina, 11. Jhdt.). Die klassischen karäischen Autoren in hebräischer Sprache sind Juda Hadassi / Jehuda Hadassi (Byzanz, 12. Jhdt.; "Eschkol ha-Kofer" = "Traube Zyperns", Kompendium des karäischen Glaubens; dort auch Argumentation gegen die 13 Middot Jischmaels), Aaron b. Josef (Byzanz um 1250-1320; "Sefer ha-Mibchar" = "Buch der Auserlesenheit", Pentateuch-Kommentar), Aaron b. Elia aus Nikomedien (auch "Aaron der Zweite" genannt, um 1300-1369; "Ez Chajim" = "Baum des Lebens", Religionsphilosophie; "Gan Eden" = "Garten Eden" / Paradies, Buch der Gebote und Verbote; "Keter Tora" = "Krone der Tora", Pentateuch-Kommentar), Elia Baschjazi (15. Jhdt.; "Aderet Elijahu" = "Mantel Elias", Kodex des karäischen Gesetzes, fortgeführt von Kaleb Afendopulo, 15./16. Jhdt.). Der bedeutendste Autor der litauischen Karäer war Isaak Troki (1533-1594, "Chisuk Emuna" = "Stärkung des Glaubens", polemische Schrift gegen das Christentum). Der wissenschaftlichen Erforschung der Karäer, insbesondere der altjüdischen Denkmäler in der Krim, widmete sich Abraham Firkowitsch (1785-1875), der im Interesse der zu erringenden Gleichberechtigung der Karäer einige Fälschungen vornahm. – Jüdische Karäer-Forscher: S. Pinsker, A. Neubauer, A. Harkavy, S. Poznanski, I. Markon

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