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70

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Ereignisse

  • Vor 70 (?): Grundtext von Megillat Taanit / Fastenrolle (Aufzählung wichtiger Daten der jüdischen Geschichte dieser Zeit)
  • 70: Nach grausamen Kämpfen erobern die Römer unter Titus Jerusalem (Trauertag des 17. Tammus/Eroberung Jerusalems durch Babylonier bzw. Römer), zerstören Jerusalem und den Zweiten Tempel (9. Ab im Jahre 70 n.; 9. Aw Trauertag der Tempelzerstörung/1. und 2. Tempel), der niedergebrannt wird. Josephus berichtet, Titus habe angesichts der Zerstörungen geweint. Das mag stimmen, sicher ist aber jedenfalls, dass er befahl, inmitten der Ruinen den heidnischen Göttern ein Opfer darzubringen. Ebenso sicher ist auch, dass die Römer in der Oberstadt drei Wochen später es nicht dabei beliessen, zu plündern und zu vergewaltigen, sondern ein wahres Massaker veranstalteten, obwohl sie auf keinerlei Widerstand mehr stiessen. Titus feierte seinen Sieg drei Tage lang mit Gladiatorenkämpfen, in denen gefangene Juden umgebracht wurden. Die Juden wurden nun vertrieben, leben fortan im („grossen“) Exil / in der Diaspora, als Minderheit in Ländern mit anderen Religionen. Zur Zeit der Zerstörung des Tempels gab es in Italien im Westen bis nach Indien im Osten bereits jüdische Gemeinden. Besonders zahlreich waren sie, wie schon aus den Missionsreisen des Paulus ersichtlich wird, im östlichen Mittelmeerraum. Im Lauf des 2. Jhdts. gelangten Juden an noch fernere Orte und waren bald in fast allen Küstenregionen des westlichen Mittelmeers, so in Spanien und Nordafrika, präsent. - Auch Christen werden vertrieben. Die sadduzäische, tempeldienstorientierte Bewegung findet hier praktisch ein Ende. Entstehung des rabbinischen Judentums, „doppelte Tora“ (schriftliche Tora im Pentateuch der Bibel, mündliche Tora in der rabbinischen Überlieferung): Das rabbinische Judentum entwickelte sich aus den Lehren der Pharisäer. Sie glaubten, dass das jüdische Gesetz nicht allein in den Schriften der Thora enthalten sei (wie die Sadduzäer meinten), sondern auch die mündliche Tradition (eine Sammlung von Verhaltensregeln und Auslegungen der Thora, die von Gelehrten und Weisen seit den Tagen des Propheten Esra überliefert worden waren) verbindlich sei. Das spätere rabbinische Judentum beharrte darauf, die mündliche Tradition sei Moses auf dem Sinai offenbart, dann aber nach dem Willen Gottes „vergessen“ worden. Den Rabbis jeder Generation sei die Aufgabe übertragen, dieses Gesetz wiederzuentdecken und die richtigen Lehren für die eigene Zeit daraus zu ziehen. Erstaunlicherweise lässt sich mit gewissem Recht behaupten, dass gerade die Zerstörung des Tempels eine Entwicklung in Gang gesetzt habe, die das Überleben der jüdischen Religion ermöglichte. Die Juden waren nun nicht mehr zur Pilgerfahrt in die ferne Stadt verpflichtet, und all jene rituellen Vorschriften, die nur in Jerusalem erfüllt werden konnten, wurden praktisch irrelevant. Die Juden waren damit frei, ihre Religion ganz unabhängig von ihrem jeweiligen Wohnort zu praktizieren. Der Gottesdienst in der Synagoge oder das gemeinschaftliche Gebet in einem Privathaus konnte von jedem beliebigen Gläubigen geleitet werden, wenn er nur kompetent genug war. Der Status der Rabbiner in den Diasporagemeinden scheint bis zum 3. Jhdt. und darüber hinaus noch keineswegs eindeutig definiert. Aber sie wurden dann schliesslich im Lauf der Zeit zu den geistlichen Oberhäuptern ihrer Gemeinden, zuständig für die Auslegung des Gesetzes und massgebend in allen religiösen und weltlichen Fragen, ebenso wurden sie zu Repräsentanten ihrer Glaubensgenossen gegenüber der nichtjüdischen Welt. Der strenge Monotheismus, die Sabbatgesetze und in besonderem Mass die Speisegebote verhinderten, dass sich die Diasporagemeinden in die christlich oder heidnisch geprägten Gesellschaften ihrer Umgebung voll integrierten. Es entwickelten sich zunehmende Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften, und mancherorts gedieh bereits ein ausgeprägter Antisemitismus. Die Juden ihrerseits waren fremden Religionen gegenüber oft intolerant und fühlten sich in der Zeit unmittelbar nach Zerstörung des Tempels entwurzelt und heimatlos, Bedingungen, die allerlei Unruhen begünstigten. Ein herausragender Gelehrter, der Rabbi (Ehrentitel "Rabban"; weitere Ehrentitel: Leuchte Israels, mächtige Säule, gewaltiger Hammer) Jochanan ben Zakkai (Jochanan b. Sakkai), führender Tannaite im 1. Jahrhundert, Begründer des Lehrhauses in Jawne, wurde zum Initiator der Erneuerung des jüdischen Glaubens, die das Überleben der Religion ermöglichte. Berichten zufolge soll er in den Kriegswirren des Jahres 70 aus Jerusalem entkommen (Jochanan-Sage: Sich tot stellend, lässt er sich in einem Sarg von zwei Schülern aus dem belagerten Jerusalem tragen und erwirkt bei Vespasian bzw. den römischen Feldherren die Erlaubnis zur Aufrechterhaltung der Akademie) und nach Jabne (Javne, Jawne, Jamnia) geflohen sein, einem unweit Jaffa in der Küstenebene gelegenen, mehrheitlich nichtjüdischen Städtchen. Dort sammelte er eine Reihe anderer Gelehrter um sich, und gemeinsam machten sie sich daran, die Praxis des Judentums neu zu definieren. Formen des Gottesdienstes zuhause oder in der Synagoge wurden entwickelt (so beispielsweise der Seder, die häusliche Passahfeier), um den Tempelkult zu ersetzen, und der Kanon des sog. Alten Testaments wurde festgelegt. Jede jüdische Gemeinde, egal ob in Judäa oder anderswo, war letztlich autonom. Es ist zweifelhaft, ob die griechischsprachigen Diasporagemeinden überhaupt in der Lage waren, mit ihren Glaubensgenossen in Judäa, die Aramäisch oder Hebräisch sprachen, zu kommunizieren. Die rabbinische Tradition hat den historischen Kern zu einer Gründungs-Legende ausgestaltet. Es ist nicht einmal gewiss, ob Jochanan der Schule Hillels oder gar den Pharisäern vor 70 angehörte. Schon früh galt er als Mystiker. Seine fünf wichtigsten Schüler waren laut Talmudtraktat Abot (II, 10 f.) Eliezer ben Hyrkanos, Jehoschua ben Chananja, Jose der Priester, Simeon ben Nataniel und Eleazar ben Arakh. Insgesamt waren nur wenige seiner Schüler ihm aus Jerusalem nachgefolgt. Eventuell waren sie gegen seine Flucht aus dem belagerten Jerusalem. Seine Gegnerschaft gegen eine Sonderstellung der Priester und die Tatsache, dass er nicht aus dem davidischen Geschlecht stammte und selbst kein Priester war, scheinen der Grund für die Distanz von Priestern gegenüber seinem Lehrhaus gewesen zu sein. Dennoch entwickelte sich Jawne zum neuen Mittelpunkt des rabbinischen Judentums mit Jochanan ben Zakkai als dem geistigen Führer. Er erhielt aber nicht den Titel Nassi.
  • Seit 70: Westmauer. Seit dem Beginn der Diaspora nach der Zerstörung des Tempels durch Titus bildet die Westmauer (Klagemauer, Kotel Maarawi) gleichsam ein Bindeglied zwischen den in aller Welt verstreuten Juden und Israel; jahrhundertelang glaubte man, dass die Mauer das einzige sei, was vom einstigen Prachtbau des Herodianischen Tempels erhalten geblieben ist; weil die neuen Herren Jerusalems den Juden das Betreten des heiligen Berges, des Berges Moria, lange Zeit untersagten, wurde die Klagemauer für die Besiegten zum Symbol ihres Tempels und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen heiligen Stätte; Generationen von Juden haben die Westmauer besucht und hier ihr Schicksal beklagt (daher der Name "Klagemauer"); schon die Steine der Mauer erzählen viel über die Geschichte Jerusalems; die Geldmittel für die obersten sieben Mauerschichten, die aus osmanischer Zeit stammen, hat der anglo-jüdische Philanthrop Sir Moses Montefiore gestiftet, einer der grössten Wohltäter Jerusalems; unter diesen Schichten befindet sich eine aus früherer Zeit stammende Lage sehr viel grösserer, unbehauener Steine, unter diesen liegen nochmals einige Schichten glattgemeisselter rechteckiger Kalksteinblöcke aus herodianischer Zeit, die ohne Mörtel ineinandergefügt sind; schliesslich befinden sich unter dem Erdboden weitere achtzehn oder neunzehn Steinreihen, erst dann stösst man auf das Fundament; im Gegensatz zu früheren Annahmen war die Westmauer wohl niemals Teil des Herodianischen Tempels selbst, sondern eine der vier Stützmauern, die König Herodes bauen liess, um die Tempelplattform zu erweitern, möglicherweise gehörte sie sogar zur Mauer des äusseren Tempelvorhofs
  • Nach 70: Beginn jüdischer Gottesdienste: Wahrscheinlich wurde die Gebetsversammlung, in deren Mittelpunkt die Lesung und Auslegung von Thoratexten stand, erst nach der Zerstörung des Zweiten Tempels allmählich eine Institution im Leben der Juden Palästinas.
  • Nach 70: Übergang vom späten Althebräisch in das stärker aramäisch beeinflusste Mischnahebräisch („Mittelhebräisch“, fälschlich: „Neuhebräisch“)
  • Nach 70: Fiscus Judaicus, jüdische Kopfsteuer, nach der Zerstörung des zweiten Tempels (an Stelle der freiwilligen jüdischen Tempelabgabe) von den Römern erhoben
  • Nach 70 (?): Das Buch der biblischen Altertümer / Liber Antiquitatum Biblicarum (abgekürzt: LAB) / auch: Pseudo-Philo - weil früher fälschlich Philo von Alexandrien zugeschrieben, eine nur in lateinischer Sprache erhaltene jüdische Schrift vom Typ der Bibelnacherzählung; sie bringt eine auslegende Nacherzählung der Bibel von Adam bis zum Tode Sauls; der Schwerpunkt der Erzählungen liegt dabei auf der Zeit der Richter, die Gesetzescorpora im Pentateuch werden nahezu übergangen; mit dem Ende Sauls bricht das Werk unvermittelt ab; ob dieser Schluss auf unvollständige Überlieferung zurückgeht, das Werk unvollendet blieb oder tatsächlich ein solches Ende beabsichtigt war (Verweis auf den Messias), ist umstritten; daneben gibt es aber auch Bezüge auf andere biblische Bücher wie Jesaja, Jeremia oder die Psalmen; viele Erzählungen und Legenden gehen über das aus den biblischen Schriften Bekannte hinaus und erscheinen hier erstmals in der jüdischen Literatur - die Gefährdung Abrahams im Feuerofen, der sonst unbekannte biblische Richter Kenez etc. -, wenngleich es Berührungen mit anderen jüdischen Schriften gibt; obwohl das Werk nur lateinisch überliefert wurde, scheint es eine griechische oder - aufgrund zahlreicher Semitismen - hebräische Vorlage gehabt zu haben; die biblische Vorlage ist nicht die Septuaginta, sondern ein hebräischer Text, der offenbar aber von der massoretischen Tradition abweicht; LAB wurde lange Zeit unter die Werke Philos gerechnet, der aber u. a. aufgrund seiner andersartigen Methodik der Bibelauslegung als Verfasser nicht in Frage kommt
  • Nach 70: Der ca. zwischen 70 und 130 vermutlich in Ägypten entstandene Barnabasbrief zeigt, wie die Christen die Bibel für sich vereinnahmten, um Jesu Messianität zu beweisen. Die „Testimonia“ (Zeugnisse) von auf Christus gedeuteten Bibelstellen verbanden damit, dass das Judentum nur noch falsche Lehre vertrat. Damit begann die christliche Adversos-Judaeos-Literatur (Literatur „gegen die Juden“).
  • Seit 70: römische so genannte "Judaea-capta-Münzen" unter den flavischen Kaisern geprägt mit symbolischer Darstellung des besiegten Judäa
  • Ca. 70-135: Rabbi Jischmael (Jischmael ben Elischa / Ismael b. Elisa / Ismael b. Elischa / Ischmael b. Elischa usw.), Tannait und Freund von Rabbi Akiba; der grosse Lehrer der Generation vor Bar Kochba; ihm werden die 13 Middot (Auslegungsregeln) zugeschrieben (traditionelle Zahl, bei ungezwungener Zählung wären es eher 16 Regeln; die Geschichtlichkeit der Zuschreibung ist unsicher und nicht bewiesen); Rabbi Jischmael war zunächst ein Schüler von Rabbi Jehoschua ben Chananja, der ihn aus Gefangenschaft freikaufte; später lernte er bei R. Nechunja (Nechonja) ben haQana und Rabbi Elieser ben Hyrkanos; dort knüpfte er feste Freundschaftsbande mit Rabbi Akiba, seinem grossen Kontrahenten in Fragen der Halacha; ursprünglich stammte er aus Kfar Asis in Südjudäa, an der Grenze nach Edom; von dort ging er nach Javne; als der Sanhedrin nach Uscha zog, folgte er gleichfalls; das Studium beruht nach der Methode von R. Jischmael auf dem einfachen Textsinn und der Logik, nicht auf scharfsinnigen Ausdeutungen von (scheinbar) überflüssigen oder fehlenden Buchstaben; letzteres entspricht dem System der Auslegungen von Rabbi Akiba, während Rabbi Jischmael betonte, dass "die Bibel nach Menschenart redet"; inhaltlich ragt aus seiner Lehre sein Eintreten zugunsten von Kriegswitwen hervor, ebenso die Ermöglichung des Verbleibens von Juden im Land Israel; im Falle von Lebensgefahr soll er sogar Götzendienst erlaubt haben (bSanhedrin 74a); Rabbi Jischmael widmete sich aber auch verstärkt dem Midrasch; seiner Schule werden Mechilta und Sifre zugeschrieben; im Talmud findet sich häufig die Formel "Lehre des Hauses von Rabbi Jischmael", um eine Baraita eines Gelehrten aus der Schule Rabbi Jischmaels einzuleiten; Jischmaels Auslegungsregeln, die im wesentlichen nur eine erweiterte Fassung der sieben Middot Hillels sind (nur die "13." Regel ist neu: Ein dritter Schriftvers entscheidet einen Widerspruch zweier vorhergehender, sich widersprechender Schriftverse), stehen im Judentum in sehr hohem Ansehen und bilden sogar einen Bestandteil des täglichen Morgengebets; zahlreiche jüdische Gelehrte erklären sie als vom Sinai her überliefert; Jischmael, der übrigens priesterlicher Herkunft war, soll auch mystische Schriften ("Maase Bereschit", "Maase Merkawa") verfasst haben, sein Name taucht auch auf in der älteren kabbalistischen Literatur ("Hechalot"-Literatur"); - Literatur: G. G. Porton, The Traditions of Rabbi Ishmael, 3 Bde., Leiden 1976-1979
  • Ca. 70-240: Tannaiten / Tannaim (aramäisch: Tanna = Lehrer; - aram. tanna von hebr. schana, "wiederholen, lehren, lernen": die Meister der später als autoritativ betrachteten, mündlich durch ständige Wiederholung weitergegebenen Lehre), Gesetzeslehrer, deren Lehren den Inhalt der Mischna bilden; über 250 an der Zahl, fast durchweg in Palästina, beginnend mit den Schulen Hillels und Schammais, endend mit Juda ha-Nassi/Rabbi (Schrifttum: Mischna, Tossefta, Baraita - tannaitische Fragmente im Talmud -, halachische Midraschim, wegen ihrer Entstehung in tannaitischer Zeit auch tannaitische Midraschim genannt; es existieren verschiedene Datierungsansätze); auf die Tannaiten folgte die Periode der diese Lehren kommentierenden Amoräer (bis um 500), die den babylonischen Talmud bearbeitenden Saboräer (bis zum 7. Jahrhundert) und schliesslich die Periode der Geonim (bis zum 11. Jahrhundert); den Tannaiten voraus ging die Periode der so genanten Soferim (beginnend mit Esra); die Bedeutung der Tannaiten liegt in der Sammlung und der Ordnung der mündlichen Tradition in halachische Kodizes (Mischna, Tossefta) und halachische Tora-Exegese (halachische Midraschim) zu einer Zeit, in der die Traditionskette durch die Verfolgung und den Tod der Lehrer und die Zerstörung der Gelehrtenschulen abzubrechen drohte (Jüdischer Krieg, Bar-Kochba-Aufstand)